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Erzbistum Paderborn
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© Rokas Tenys / Shutterstock.com

Europa eine Seele geben

Gemeinsam unterstützen die Kommende Dortmund und das internationale Netzwerk socioMovens den Aufbau jugendsozialer Bewegungen in Osteuropa / Europawahl 2024 im Fokus

Die europäische Idee ist groß und wunderschön: Menschen leben miteinander in Frieden und Freiheit, teilen gemeinsame Werte von Gleichheit, Toleranz und Solidarität, genießen ihren Wohlstand, ihre Rechte und den Reichtum vielfältiger Kulturen. Aber keine Idee ist so groß und so schön, dass sie nicht beschmutzt, kleingeredet, verächtlich gemacht und zerstört werden könnte. Europa ist europamüde geworden. Zumindest behaupten das die Rechtspopulisten, die Europaskeptiker und Nationalisten – und zwar so lange, bis ihre selbsterfüllende Prophezeiung Wirkung zeigt.

Jemand, der sich hauptberuflich für die europäische Idee einsetzt und gegen die Dauerbeschallung von Rechtsaußen stemmt, ist Gregor Christiansmeyer. Der 27-jährige Geschichtswissenschaftler und Politologe arbeitet im Fachbereich „Jugendsoziales Engagement in Europa“ bei der Kommende Dortmund, dem Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn. Aber was macht er in dieser Position den lieben langen Arbeitstag? Und worum geht es überhaupt beim jugendsozialen Engagement? Wozu ist es gut?

Jugendarbeit fördern heißt Verständigung fördern

Gregor Christiansmeyer lacht bei diesen Fragen, anscheinend hat er sie schon öfter gehört und beantwortet. „Die deutsch-französische Verständigung nach dem Zweiten Weltkrieg war fast ein Wunder“, sagt er. „Jahrhundertelang betrachtete man sich gegenseitig als Erbfeind, fast jede Generation schoss aufeinander. Die wichtigste Grundlage für die Überwindung dieser Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg war der politische Wille.“ Aber wenn das Volk nicht mitzieht? „Bleiben Verträge totes Papier“, fährt Gregor Christiansmeyer fort. Eine Schlüsselrolle bei der deutsch-französischen Völkerverständigung nach dem Zweiten Weltkrieg spielte die Jugendarbeit. Ohne sie wäre die nachhaltige Verständigung nicht denkbar gewesen.

Seither gilt die grenzüberschreitende Jugendarbeit auf europäischer Ebene als Erfolgsmodell. Ihre zweite Bewährungsprobe bestand sie in den frühen 1990er-Jahren. Mit dem Zusammenbruch von Sowjetunion und Warschauer Pakt endete 1989 der Kalte Krieg. Viele erwarteten nun eine neue Epoche des Friedens, der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama sprach verknappt gar vom „Ende der Geschichte“. Doch die Jugoslawienkriege beendeten schnell alle Träumereien. Der damalige EU-Kommissionspräsident Jaques Delors erkannte, dass das europäische Integrationsprojekt zu scheitern drohte, und tat etwas Interessantes und Überraschendes: Der Sozialist aus dem laizistischen Frankreich wandte sich 1992 ausgerechnet an die Konferenz Europäischer Kirchen. Die Kernaussage seines eindringlichen Appells: „Wenn es uns in den kommenden zehn Jahren nicht gelingt, Europa eine Seele zu geben, es mit einer Spiritualität und einer tieferen Bedeutung zu versehen, dann wird das Spiel zu Ende sein.“

Zivilgesellschaftliche Strukturen in Osteuropa aufbauen

Der Appell des Europapolitikers Delors fiel bei den Kirchen auf fruchtbaren Boden. Sie begannen damit, vor allem in Osteuropa Jugendarbeit zu fördern und auf diese Weise die Zivilgesellschaft zu stärken. Dieser Aufbau ist bis heute noch nicht abgeschlossen.

„Auch das hat historische Gründe“, weiß Gregor Christiansmeyer. „Die früheren sozialistischen Regierungen der Ostblockstaaten erkannten in zivilgesellschaftlichen Initiativen Betätigungsfelder der Opposition und unterdrückten diese Initiativen daher.“ Die Nachwirkungen der realsozialistischen Diktaturen sind in den Ländern Osteuropas bis in die Gegenwart zu spüren, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. In Polen haben sich mittlerweile vielfältige christlich geprägte Jugendinitiativen gebildet, was nicht zuletzt auch dadurch begünstigt wird, dass die Menschen in seinem Heimatland Papst Johannes Paul II. lange wie einen Popstar feierten. Anders dagegen sieht die Situation in der Slowakei oder in Rumänien aus; dort sind auch heute noch deutlich weniger christlich geprägte sozial-caritative Jugendbewegungen anzutreffen als in Polen.

Europawahl in schwierigen Zeiten

Aber es sind nicht allein die historischen Bezüge, die bis heute wirkmächtig sind. Wie überall auf der Welt zeigen sich auch in Osteuropa all die negativen Begleiterscheinungen moderner Gesellschaften: Vereinzelung und Vereinsamung, Zukunftsängste und Perspektivlosigkeit angesichts der drohenden Klimakatastrophe, Konsumzwang, internalisierter Rassismus oder die scharfe Kluft zwischen arm und reich, jung und alt, Stadt und Land. Und in der Ukraine geht es seit dem Überfall der russischen Armee für die Menschen ums nackte Überleben.

In diese Zeit fällt nun auch die Europawahl. Menschen aus der gesamten Europäischen Union wählen am 9. Juni die Mitglieder des Europäischen Parlaments. Wir alle sind dazu aufgerufen, unsere Stimme abzugeben. Angesichts der Krisen, Herausforderungen und Umbrüchen, die derzeit grassieren, ist ein starkes Europa vielleicht wichtiger denn je. Auch die Kirchen rufen dazu auf, Parteien zu wählen, die den Geist Europas teilen und fördern. Der Aufruf warnt „eindringlich vor politischen Kräften, die im Sinne eines völkischen Nationalismus das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten oder Herkunft ablehnen und unverblümt die Abschaffung der EU anstreben.“

Greifbare Projekte

Die negativen Entwicklungen erklären alle die Notwendigkeit christlich inspirierter Jugendarbeit in Mittel- und Osteuropa. Aufgaben gibt es dort mehr als genug. Aber was ist nun genau der Job von Gregor Christiansmeyer? Wie lässt sich die große Aufgabe, Europa eine Seele zu geben, in ein Anstellungsverhältnis übertragen? „Mein Job in der Kommende Dortmund ist in erster Linie ein Kommunikations- und Koordinationsjob“, sagt Christiansmeyer. „Im Fachbereich für jugendsoziales Engagement stellen wir Wissen, Vernetzungsmöglichkeiten und Mittel zur Verfügung.“ Die jugendsoziale Projektarbeit werde von der ebenfalls kirchlich getragenen und in Dortmund ansässigen Initiative socioMovens unterstützt, teilweise über Ableger auf Landesebene, etwa socioMovens Polska.

Die Projekte selbst entstehen vor Ort, sind greifbar und handfest. Schließlich wissen die Engagierten vor Ort am besten, was besonders dringend benötigt wird und was sie auf ehrenamtlicher Basis zu leisten imstande sind. Und das ist einiges: Jugendliche in Rumänien helfen Roma-Familien bei der Renovierung von Wohnräumen. Kroatische Jugendliche treffen sich zu Projektwochenenden mit Menschen mit Behinderungen und geben ihnen Sichtbarkeit. Jugendgruppen in ganz Osteuropa sammeln Hilfsgüter für die Ukraine. Aus diesen konkreten Projekten und Aktionen bezieht Gregor Christiansmeyer die Motivation für seinen Koordinationsjob: „Auch wenn es dreimal über Bande geht, sehe ich, dass ich anderen nachhaltig dabei helfen kann, anderen zu helfen.“

Aus der Praxis des jugendsozialen Engagements

Agata Piluszczyk, 25 Jahre alt, engagiert sich im Vorstand von socioMovens Polska.

Redaktion

Agata, wie bist du dazu gekommen, dich für sozial-caritative Projekte zu engagieren?

Agata Piluszczyk

Mein Engagement für diese Projekte begann vor zehn Jahren, als socioMovens das erste Projekt in meinem Heimatland Polen organisierte. Ich war damals erst 15. Während dieses einwöchigen Projektcamps haben wir verschiedene Möglichkeiten des sozialen Engagements kennengelernt. Ich glaube, da habe ich zum ersten Mal gespürt: Hier habe ich meinen Platz gefunden. Nach diesem ersten Projekt haben wir uns auch als Gruppe weiterhin in vielen verschiedenen Freiwilligenaktivitäten in meiner Stadt eingesetzt.

Redaktion

Was macht ihr konkret in eurem Projekt? Wie viele seid ihr? Wie groß ist dein Zeitbudget?

Piluszczyk

Wir konzentrieren uns darauf, die vielen sozialen Probleme aufzuzeigen, mit denen sich die Menschen rings um uns herumschlagen müssen. Wenn man etwas über ein Thema lernt, hilft das, es zu verstehen. Eine andere Sache ist der ehrenamtliche Einsatz – wir zeigen, dass jeder Mensch einem anderen Menschen mit echtem Impact helfen kann. Geld ist nicht alles, was wir uns gegenseitig geben können. Viel wertvoller sind Zeit, Verständnis, Hilfe bei Aktivitäten, die für jemanden schwierig sind, und vor allem, sich dem oder der Anderen zu öffnen. Ein wichtiger Pfeiler unserer Arbeit ist auch unser Glaube, aus dessen Geist wir handeln.

Zu Beginn nimmt jeder an einem Projekt teil, das sich auf ein einziges, spezifisches soziales Problem konzentriert, etwa wie Obdachlosigkeit, Sucht, Alter oder Behinderung. Einige können sich nach dieser Erfahrung nicht vorstellen, weiter aktiv zu sein, andere sind sehr motiviert und ergreifen eigene Initiativen. Heute gibt es etwa 100 Aktive in ganz Polen.

Als junge Erwachsene muss ich natürlich arbeiten – für die Arbeit des Vereins setze ich meine Freizeit ein. Aber wenn ich sehe, was unsere Arbeit bewirkt, mache ich das wirklich mit großer Freude. Mein Engagement, anderen Menschen zu helfen, ermöglicht es mir, Sensibilität und Weltoffenheit zu lernen. Und was für mich gilt, gilt im gleichen Maß für viele andere junge Menschen.

Redaktion

Welche Rolle spielt dein Glaube bei deinem zivilgesellschaftlichen Engagement?

Piluszczyk

Ich denke, meine Werte und mein Glaube helfen mir sehr bei meinem Einsatz. Ich glaube, dass jeder Mensch Liebe verdient und dass wir alle die Liebe Gottes in uns tragen. Wir haben von ihm eine außergewöhnliche Kraft erhalten – wir können diese Liebe teilen. Das Erstaunliche an dieser Aktion ist, dass wir paradoxerweise umso mehr Liebe haben, je mehr wir Liebe geben. In der heutigen Welt, in der jeder auf seine eigenen Ziele und Prioritäten fixiert ist, ist es wichtig, manchmal innezuhalten und zu überlegen, was der wahre Wert ist. Ich glaube, dass wir diese Antworten in Gott finden können, und er ist es, der mich zu diesem Engagement inspiriert.

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