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Erzbistum Paderborn
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© Dilok Klaisataporn / Shutterstock.com

Das Lokale zählt Gesellschaftlicher Zusammenhalt in der Transformation

Frühjahrstagung 2023 des Sozialwissenschaftlichen Arbeitskreises der Kommende Dortmund im Haus Immaculata Paderborn

Das kirchliche und gesellschaftliche Handeln in Zeiten umfassender Transformationsprozesse stand im Mittelpunkt der Frühjahrstagung 2023 des Sozialwissenschaftlichen Arbeitskreises der Kommende Dortmund. Corona-Pandemie, Krieg und Inflation sowie die ökologischen Grenzen des Wohlstands führen zu einer allgemeinen Erfahrung, wie verwundbar unsere Wohlstandsgesellschaft ist. Die viel beschworene Zeitenwende erfordere daher ein „Zeitalter der Resilienz“, so der Göttinger Soziologe Prof. Dr. Berthold Vogel. Entscheidend sei es, die Gesellschaft vom Lokalen her zu denken, da sich in den Kommunen die sozialen Fragen stellen und beantwortet werden müssen. Um die Krisen zu bewältigen seien für das zukünftige Handeln in Kirche und Gesellschaft subsidiäre Strukturen und eine dezentrale Organisation notwendig, wie die Teilnehmenden der Tagung betonten.

Aktuelle Krisen auch eine Frage der Zukunft der Demokratie

Die aktuellen Krisen sind auch eine Frage der Zukunft der Demokratie. Vogel verwies auf den bulgarischen Politologen Ivan Krastev: „Die Fähigkeit, mit Verwundbarkeit umzugehen, markiert die Überlebensfähigkeit demokratischer Gesellschaften.“ Wesentliche Faktoren der Resilienz (Widerstandskraft) sind die Leistungsfähigkeit öffentlicher Dienste und Güter, eine vielgestaltige Zivilgesellschaft und die ökonomische Innovationsbereitschaft. Zentrale Herausforderung sei dabei die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts, dessen wesentliche Ressourcen eine gerechte öffentliche Infrastruktur, gemeinwohlförderliche Prozesse von unten und gleichwertige Lebensverhältnisse sind.

„Kirchen könnten im gesellschaftlichen Wandel wichtiger Akteur sein“

Vogel wies eindringlich darauf hin, dass der Erfolg der ökologischen Transformation sich nicht nur im städtischen Raum, sondern vor allem in der Fläche entscheide. Die Kirchen könnten im gesellschaftlichen Wandel ein wichtiger Akteur sein, weil sie in der Breite vor Ort sind.

Der gegenwärtigen Situation der katholischen Kirche widmete sich Prof. DDr. Karl Gabriel vom Excellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster. In seiner religionssoziologischen Analyse kritisierte Gabriel die Säkularisierungsthese, wonach der moderne Fortschritt zwangsläufig die Religion schwäche und zu einer Entkirchlichung führe. Diese Annahme übersehe, dass die katholische Kirche auf einzigartige Weise eng mit der modernen Entwicklung verflochten ist. Unabhängig davon, habe sie zugleich in einem langen historischen Prozess ihre Sozialgestalt zu einer monarchischen, heilsnotwendigen Papstkirche transformiert. Die Kirche ist so eine widersprüchliche Polarisierung geraten: nach außen moderne Freiheitsbewegung, nach innen zentralistisch organisiert. Diese „halbierte Häutung“ und „Selbstfesselung“, so Gabriel, hat die Rolle der katholischen Kirche im globalen Religionssystem geschwächt. Für ihre Zukunft müsse sich die Kirche stärker als Akteur im sozialen und religiösen Feld der Zivilgesellschaft profilieren. Dazu brauche es die Entlastung von der Heilsnotwendigkeit von Institution und Amt und subsidiäre Strukturen statt Zentralismus.

Professionelles Management des Vertrauens eher selten

„Vertrauensmanagement in Krisenzeiten“ war das Thema des Vortrags von Prof. Dr. Ralf Brickau von ISM Dortmund. Der Professor für Marketing und strategisches Management plädierte für ein strukturiertes und effektives Vertrauensmanagement in Unternehmen und Institutionen. Gerade in Krisenzeiten werde viel von Vertrauen und Vertrauensverlusten gesprochen, ein professionelles Management des Vertrauens gebe es aber selten. Die Kommunikation in komplexen und vieldeutigen Zeiten könne man nicht steuern und beherrschen, sondern nur aktiv begleiten. Hierarchie und Kontrolle seien daher veraltete, überkommene Managementansätze. Marketing, so Brickau weiter, ersetze kein Vertrauensmanagement. Die Kirche als 2000 Jahre alte Institution verfüge noch über eine gute Basis zum Vertrauenszuschuss. Allerdings sei es höchste Zeit für ein systematisches Vertrauensmanagement. Wichtige Aspekte wären Transparenz, Identifikation und Integrität.

Verteilungskonflikte in der ökologischen Transformation

Der Wirtschaftsethiker Prof. Dr. Bernhard Emunds, St. Georgen Frankfurt, lenkte den Blick auf die Verteilungskonflikte in der ökologischen Transformation. Die ärmsten zehn Prozent unserer Gesellschaft litten schon besonders unter den steigenden Preisen bei Lebensmitteln und Energie. Sie dürften nicht noch zusätzlich durch die Kosten der ökologischen Transformation belastet werden. Anhand der Zahlen aktuellen Welt-Ungleichheitsberichts von 2021 zeigte Emunds, dass sowohl global als auch in Deutschland die oberen zehn Prozent wesentlich für die Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sind. Um die Klimaschutzziele zu erreichen, müsste die Politik bei der Reduktion von Treibhausgase bei den reichen und reichsten Haushalten ansetzen. Die untere Hälfte der Einkommensgruppen in Deutschland hält rechnerisch schon jetzt die Klimaschutzziele von Paris ein. Emunds verwies für staatliche Eingriffe auf das Gebot der Sozialpflichtigkeit des Eigentums, wie es explizit in der kirchlichen Lehre vertreten werde.

Sozialstaatlichkeit im Wandel

In abschließenden Vortrag sprach JProf. Dr. Jonas Hagedorn, Ruhr-Uni Bochum, zur Sozialstaatlichkeit im Wandel. Er erinnerte an die historische Entwicklung des deutschen Sozialstaats, der wesentlich durch Gewerkschaften, Arbeitsgeberverbände und freie Wohlfahrtsverbände als Akteure geprägt wurde. Gegen die Interessen Bismarcks setzten gerade katholische Kräfte eine „antiobrigkeitliche“ Sozialpolitik, die auf Rechtsansprüchen und nicht auf Almosen basiert, durch. In der Ausgestaltung wurden Solidarität und Subsidiarität wichtige Leitideen des deutschen Wohlfahrtsstaats. Die Einführung des Wettbewerbs in den sozialen Dienstleistungen hat insbesondere die Arbeitsbedingungen verschlechtert. Die Freie Wohlfahrtspflege müsse raus aus der Rolle des Lobbyisten in eigener Sache und sich politisch für andere Bedingungen in den sozialen Diensten engagieren.

Frühjahrstagung begrüßt Erzbischof em. Hans-Josef Becker

Einen Blick auf die Krisenzeiten richtete in seiner Predigt Erzbischof em. Hans-Josef Becker, der als Gast einen gemeinsamen Gottesdienst mit den Teilnehmenden der Frühjahrstagung feierte. Es gäbe genügend Gründe, sich zu fürchten. Trotzdem hieße der häufigste Satz in der Bibel: Fürchtet euch nicht! Habt keine Angst. Habt Vertrauen. So sage es auch das Tagesevangelium (Joh 6,16-21). Am Abend geraten die Jünger in einen Seesturm und sind voller Angst. Jesus kommt ihnen über das Wasser des Sees entgegen. Er spricht sie an: ‚Ich bin es; fürchtet euch nicht.‘  „Das ist der Kern unseres Glaubens. Darum geht es, das ist die Verheißung“, so der emeritierte Erzbischof.  Das Leben sei ein einziger Weg zu Gott – egal, welche Nöte und Bedrängnisse es auch hervorbringe.

© Ronald Pfaff / Erzbistum Paderborn
Der Sozialwissenschaftliche Arbeitskreises der Kommende Dortmund tagte in Paderborn und begrüßte dabei Erzbischof em. Hans-Josef Becker.

Stichwort: Sozialwissenschaftlicher Arbeitskreis

Der interdisziplinäre Sozialwissenschaftliche Arbeitskreis des Sozialinstituts Kommende Dortmund berät die Leitung des Erzbistums Paderborn in aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen. Er wird geleitet von Msgr. Prof. Dr. Peter Schallenberg und kommt zweimal jährlich zusammen.

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© Isabella Maria Struck / Erzbistum Paderborn
Im Jahresgespräch haben die Leiterinnen und Leiter der sechs TelefonSeelsorge-Stellen jetzt aktuelle Schwerpunktthemen vorgestellt. Am Jahresgespräch teilgenommen haben: (v. l. n. r.) Dr. Stefan Schumacher, Diözesanbeauftragter und Stellenleitung TelefonSeelsorge Hagen-Mark, Thomas Klöter, Bereichsleiter Pastorale Dienste, Bernd Wagener, Stellenleitung TelefonSeelsorge Siegen, Monika Krieg, Stellenleitung TelefonSeelsorge Paderborn, Ulrich Geschwinder, Stellenleitung TelefonSeelsorge Bielefeld, Indra Wanke, Abteilungsleiterin Pastoral in verschiedenen Lebensbereichen, Martin Simon, Stellenleitung TelefonSeelsorge Hamm, Miriam von Brachel, Stellenleitung TelefonSeelsorge Bielefeld, und Generalvikar Dr. Michael Bredeck.

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