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Erzbistum Paderborn
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Auf Gottes Stimme hören

Prof. Kai Gallus Sander meint: Alle Christen können ein bisschen wie Johannes der Täufer sein
Johannes der Täufer© Renata Sedmakova / Shutterstock.com
Unser Glaube
17. Dezember 2020

Auf Gottes Stimme hören

Prof. Kai Gallus Sander meint: Alle Christen können ein bisschen wie Johannes der Täufer sein

Eine Woche noch, dann ist Heiligabend. Doch bevor es in den biblischen Texten um Jesus von Nazareth und seine Geburt geht, tritt eine kontroverse Gestalt auf: Johannes der Täufer. Er lebt in der Wüste, ernährt sich von Heuschrecken und wildem Honig, er tauft im Jordan und kündigt den Messias an. Doch wozu diese Vorgeschichte? Der Frage stellt sich Prof. Dr. Kai Gallus Sander, Dekan des Fachbereichs Theologie an der Katholischen Hochschule in Paderborn.

Redaktion

Johannes der Täufer ist der einzige Prophet, der im Neuen Testament auftritt und auf das Kommen des Erlösers hinweist. Warum braucht es diesen Hinweis überhaupt?

Prof. Dr. Kai Gallus Sander

Für uns Christen gehört es zur Gewohnheit, dass Jesus von Nazareth als der Auferstandene, der Heiland, das Licht der Welt bezeichnet wird. Für die Menschen zu Jesu Zeiten hätte er auch „nur“ jemand sein können, der gepredigt und Kranke geheilt hat – und dann hingerichtet wurde. Jesus hätte vergessen werden können. Dagegen steht Johannes, der darauf hinweist, dass Christus, der Messias, kommen wird.

Redaktion

Ein Gewand aus Kamelhaaren, ein lederner Gürtel um die Hüften – so tritt Johannes der Täufer auf. Dazu isst er Heuschrecken und wilden Honig. Was hat das zu bedeuten?

Sander

Es regt die Fantasie an. Wir würden Johannes heute einen Aussteiger nennen. Er ist jemand, der sich so anders verhält, dass die Menschen spüren, dass er seine innere Motivation von woanders her bezieht. Sein Leben ist durch und durch von Gottes Ruf geprägt. Das kann man wunderbar mit dem Begriff „prophetisches Sein“ zusammenbringen.

Redaktion

Wie denn?

Sander

Ein Prophet besitzt eine Sensibilität dafür, dass er die Stimme Gottes hören und die Gegenwart Gottes spüren kann, um die Botschaft Gottes an Menschen weiterzugeben. Wenn Gott sich den Menschen mitteilen möchte, dann tut er es nicht so laut, dass keiner daran vorbeikommen kann. Gottes Stimme ist eine unter vielen. Wir Menschen können sie leicht überhören. Daher braucht Gott prophetische Frauen und Männer, die genügend Sensibilität besitzen, um seine Stimme wahrnehmen und seine Worte an andere weitergeben zu können. Da können wir alle ein bisschen wie Johannes der Täufer sein und versuchen, auf Gottes Stimme zu hören. Denn sein Weg zu den Menschen läuft immer über einzelne Menschen.

Und noch etwas zu den Propheten: Gott beruft nicht die scheinbar aussichtsreichsten Kandidaten. Das ist keine Castingshow oder ein Assessment-Center. Jeremia, der junge Prophet, ist sogar erschrocken über seine Erwählung und sagt: Ich? Ich kann doch gar nicht gut reden, ich bin zu jung und ich traue mir das nicht zu. Viele Propheten versuchen zunächst, der Sache auszuweichen, aber sie besitzen dieses „hörende Herz“ nun mal. Da ist Gottes Weg, jedem die Freiheit zu lassen, im Herzen zuzustimmen. Dazu braucht es die beharrliche Einladung Gottes, sein Leben neu und anders zu sehen.

Redaktion

Das Leben neu und anders zu sehen – das könnte auch ein Weg für den Advent sein?

Sander

Und darüber hinaus. Der Advent, den wir jedes Jahr feiern, ist kein Kreislauf, sondern ein immer neuer Aufbruch. Das Ziel ist, dass die Verbindung von Gott und Mensch so erfüllt ist, dass es keine Umkehr mehr braucht, weil wir am Ziel angekommen sind.

Redaktion

Apropos Umkehr. Johannes tauft Menschen im Jordan, es ist die Rede von der Taufe der Umkehr. Wie ist diese Umkehr zu verstehen?

Sander

Die Taufe der Umkehr ist vergleichbar mit einem christlichen Bußgottesdienst. Der Einzelne erkennt, dass der Weg nicht so ideal gelaufen ist. Man ist in Ausweglosigkeit geraten, man muss zurück zu den ursprünglichen guten Vorsätzen. Umkehr ist ja ein krasses Wort. Nicht nur so ein bisschen den Kurs korrigieren, zwei Strich Backbord, sondern zurück. Oder zumindest ein Neubeginn mit dem alten Schwung. Mit der Begeisterung, die am Anfang da war.

Himmel und Erde zusammenkommen lassen

 

 

“Der Jesuit Alfred Delp hat gesagt, dass „der Mensch im Advent“ keine Sache von vier Wochen ist, sondern die Formel für das gesamte Christ-Sein. Es geht darum, so zu leben, dass durch unsere Taten und Worte Himmel und Erde immer mehr zusammenkommen. Dass Menschen durch unseren Lebensstil sensibel für die Frage werden, wer dieser Christus ist.”

Prof. Dr. Kai Gallus Sander

 

Redaktion

Jesus von Nazareth und Johannes der Täufer waren verwandt, beide predigten und zogen Jünger an sich. Was unterscheidet die beiden?

Sander

Zunächst haben sie eine große Gemeinsamkeit. Beide haben erkannt, dass der Glaube Israels erneuert werden muss. Als Jesus und Johannes wirkten, war ein Punkt erreicht, an dem die Menschen neu und hoffnungsvoll zu Gott umkehren sollten. Das ist ja ein Eindruck, den viele Menschen heute teilen: Es geht nicht mehr so weiter mit der Kirche, mit dem Glauben, mit dem Konsum, mit der Umwelt, mit der sozialen Ungerechtigkeit.

Darauf antwortete Johannes: Wir müssen etwas ändern. Wir müssen umkehren. Sonst gehen wir unter.

Jesus sagt: Es hat sich schon etwas geändert. Das Reich Gottes ist jetzt mitten unter uns. Gott hat den ersten Schritt getan, um uns zu retten. Umkehr ist für Jesus kein Zwang, nichts, das wir Menschen leisten müssen. Umkehr ist die Antwort darauf, dass Gott von sich aus den ersten Schritt auf uns zugegangen ist.

Redaktion

Johannes ruft dazu auf, dem Herrn den Weg zu bereiten. Wie geht das denn?

Sander

Indem ich mich frage: Wie kann Jesus Christus in meinen Alltag einziehen? In meine Begegnungen, mein Herz, mein geistliches Leben, meine Tätigkeit als Hochschullehrer? Der Herr ist ja schon in unserer Welt, wir können ihn entdecken, ihm Raum geben. Das ist ein Projekt, ein Programm für den Advent und darüber hinaus.

Der Jesuit Alfred Delp hat gesagt, dass „der Mensch im Advent“ keine Sache von vier Wochen ist, sondern die Formel für das gesamte Christ-Sein. Es geht darum, so zu leben, dass durch unsere Taten und Worte Himmel und Erde immer mehr zusammenkommen. Dass Menschen durch unseren Lebensstil sensibel für die Frage werden, wer dieser Christus ist.

Redaktion

Prof. Dr. Sander, vielen Dank für das Gespräch.

 
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