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21
Juni
2020
21.Juni.2020

,,Fürchtet euch nicht!”

Portrait
Diözesanjugendpfarrer Stephan Schröder
Diözesanjugendpfarrer Stephan Schröder

Die jüdische Schriftstellerin Rose Ausländer, die dem Nazigräuel ausgesetzt war, hat Angst und Schrecken erlebt. Sie beginnt eines ihrer Gedicht mit den Worten: „Wirf deine Angst in die Luft!“Ich verstehe das so: Sie trotzt der Angst vor der Schreckensherrschaft der Nazis mit einer fast schon spielerischen Leichtigkeit. – Angst soll ihre Schwere verlieren, soll sich verflüchtigen, verfliegen.„Wirf deine Angst in die Luft!“ – diese Worte und diese Haltung würde ich mir auch manchmal gerne zu Eigen machen. „Wirf deine Angst in die Luft!“ – befreie dich von der Angst, von der Furcht, vor dem Übermächtigen, vor dem Versagen und dem Scheitern. Für mich ist Rose Ausländer eine herausragende Frau, die mit ihrer Aufforderung Haltung zeigt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das imponiert mir und macht mir Mut.

Einen anderen interessanten Gedanken habe ich bei Sören Kierkegaard entdeckt, dem Philosophen und Theologen, der aufgrund eigener Depressionen um existentielle Ängste wusste. Kierkegaard orientiert sich an Jesus, der nie davon geredet hat, dass er Bewunderer haben wollte. Es ging Jesus vielmehr darum, Nachfolgende zu gewinnen. Auf die Frage, was denn der Unterschied zwischen einem Bewunderer und einem Nachfolgenden sei, antwortet Kierkegaard:

„Ein Nachfolger ist oder strebt, das zu sein, was er bewundert; ein Bewunderer hält sich für seine Person aus dem Spiel; bewusst oder unbewusst: er entdeckt nicht, dass das Bewunderte eine Forderung an ihn enthält, die, das Bewunderte zu sein oder doch danach zu streben, es zu sein.“

Mit anderen Worten: Bewundere nicht den Mut des anderen, sondern werde selbst mutig. Für mich ist dafür ein herausragendes Beispiel die Figur des Simon Petrus, den Jesus beruft. Petrus wird von einem Bewunderer Jesu zu seinem Nachfolger, von einem Zuschauer zu einem Akteur. Für mich wird das deutlich in der Szene, in der Jesus in der Nacht über den See Genezareth geht (Mt 24, 25–33) und seine Jünger – als sie ihn sehen – vor Angst erschrecken. Jesus ruft ihnen in diesem Moment zu: „Habt Vertrauen; ich bin es, habt keine Angst!“ Und Petrus überwindet seine Angst und sagt: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.“ Darauf antwortet Jesus: „Komm!“ Petrus verlässt das Boot, gibt alle Sicherheiten auf, um Jesus auf dem Wasser entgegenzugehen. Als aber seine Glaubenskraft nachlässt und Zweifel sein Vertrauen erschüttern, beginnt er zu sinken. Sein Glaube war in diesem Moment noch nicht stark genug. Bemerkenswert allerdings, dass Jesus ausgerechnet zu diesem zweifelnden Petrus zuvor gesagt hat: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“[5] Offenbar rechnet Jesus mit Ängsten, Zweifeln und Erschütterungen der Menschen – und hält dennoch an ihnen fest.

„Fürchtet Euch nicht!“ Auch heute noch im 21. Jahrhundert braucht es diese Aufforderung. Krisen und Skandale lassen uns das Wasser bis zum Hals stehen. Da ist immer noch die Corona-Krise mit all ihren unüberschaubaren Konsequenzen für das Zusammenleben, für die Gesundheit, für die Wirtschaft. Und auch die Kirche wird seit Jahren von Krisen geschüttelt – zum Teil selbstverschuldet. Menschen verlassen die Kirche scharenweise. Das macht mir ehrlich gesagt schon große Sorgen. Wie soll es weitergehen? Braucht es nicht vielmehr Christinnen und Christen, die bereit sind, sich wie in der Geschichte vom Hochseilartisten in einer Schubkarre über den Abgrund balancieren zu lassen? Braucht es nicht vielmehr mutige Leute wie Petrus, die bereit sind das Unmögliche zu wagen, raus aus der Sicherheit, der Komfortzone und den ersten Schritt zu wagen auf scheinbar untragbarem Grund? Ich meine ja. Es braucht Menschen, die mehr Optimismus ausstrahlen, die sich nicht vor den gewaltigen Problemen dieser Welt, den Skandalen der Kirche und den kirchenkritischen Anfragen fürchten, sondern die Dinge beim Namen nennen, mutig vorangehen und das Kunststück beherrschen, Jesus Christus wieder erlebbar zu machen, der sagt: „Fürchtet euch nicht!“.

Für mich ist so ein Mensch der Heilige Bernhard von Clairvaux. Er verhalf dem neu gegründeten Zisterzienserorden zu einer außerordentlichen Blüte. Als er im Jahr 1153 starb, waren allein von seinem Kloster Clairvaux aus 67 neue Klöster gegründet worden. Ich fühle mich ihm sehr verbunden, da ich in einem ehemaligen Zisterzienserkloster arbeite, dem heutigen das Jugendhaus Hardehausen. In seiner unzähligen Briefen und Predigten ermutigt er immer wieder seine Mitbrüder: „Fürchtet euch nicht!“ Wagt den Schritt aus der Komfortzone und der Sicherheit, neuen Ufern entgegen. So heißt es in einer der Predigten:

Herr sende uns.

Wenn Du es willst, lassen wir das Haus hinter uns, das uns lieb geworden ist, das uns Ort war des Glaubens, des Zweifels, der Anbetung, das uns Stein war, an den wir gestoßen sind, das uns Raum war, der uns kannte, Ort, der uns geborgen hat.

Wenn Du es willst, verlassen wir die Brüder und Schwestern, die wir kennen, die wir geliebt, geärgert, gesegnet haben, die Heiligen und die Sünder und die Mittelmäßigen, mit denen wir Jahrzehnte unter einem Dach geglaubt und gebetet, gearbeitet und geschwitzt, gegessen und getrunken haben.

Wenn du es willst, werden wir Abschied nehmen von den Händen und Gebeten, die uns trugen, von den Augen, die uns riefen, von dem Haus, an dem wir mitgebaut, das ein Teil von uns geworden ist.

Wenn Du es willst, werden wir Abschied nehmen.

Du rufst uns. Du sendest uns.

Und wo immer wir uns niedergelassen: Du bist schon dort.

Der Du uns getragen, geprägt, geführt, befreit hast: Du bist schon dort.

Der Du uns in Ungeahntes, Neues führst: Du bist schon dort.

Wir gehen mit Dir, erfahren Dich, wie wir es nie geglaubt: Du bist schon dort.

Wir brechen auf, und wir sind nicht verlassen: Denn Du ziehst mit.[6]

 

„Fürchtet euch nicht“, denn Gott ist immer schon da, wo ihr seid.

Aus Paderborn verabschiedet sich Diözesanjugendpfarrer Stephan Schröder.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

[1] Mt 10,26;28;31

[2] Mt 10,7

[3] Mt 10,16

[4] Mt 10,21-22

[5] Mt 16,18

[6] Youcat, Jugendgebetbuch. Hrsg. Georg von Lengerke und Dörte Schrömges, Pattloch 2011, S. 99, nach Predigt von Bernhard von Clairvaux

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