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16
Juni
2020
16.Juni.2020

Flämischer Barock in den Startlöchern

Ab dem 24. Juli zeigt das Diözesanmuseum Werke von Peter Paul Rubens und seinen Weggefährten. Die hochkarätigen Leihgaben erfordern besondere Sicherheitsmaßnahmen.

Leere Vitrinen soweit das Auge reicht. Dazwischen Leitern, Holzstreben und halbfertige Aufbauten. An den Wänden kleben bunte Zettel mit individuellen Aufschriften. Hörbare Untermalung erfährt die Ansicht durch eine rotierende Kreissäge. Alles ist in Bewegung. Demzufolge gleicht das Paderborner Diözesanmuseum in diesen Tagen einer Baustelle – einer Kunstbaustelle, auf der eifrig gewerkelt wird. Die Dinge befinden sich im Werden, im Entstehen, im Schwebezustand. Enden wird der Status des Unfertigen am 24. Juli, dem Eröffnungstag der neuen Sonderausstellung.

Dann rückt der flämische Barock ins Zentrum der Aufmerksamkeit, und mit ihm einer seiner berühmtesten Vertreter. Die Rede ist von Peter Paul Rubens (1577-1640), dem Exponenten einer Kunstrichtung, die sich mit Beginn des 17. Jahrhunderts sukzessive ausbreitete. Folglich trägt die aufgrund der Corona-Pandemie um zwei Monate nach hinten verschobene Ausstellung den Titel „Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“.

Museumstechniker an Kreissäge
Museumstechniker Manfred Schniedermeier schneidet per Kreissäge eine Stellfläche zu. Foto: Dietmar Gröbing
Museumstechniker Manfred Schniedermeier schneidet per Kreissäge eine Stellfläche zu. Foto: Dietmar Gröbing

Licht, Farbigkeit und sinnliche Erscheinung

Das barocke Element definiert sich durch Licht und Farbigkeit sowie die Freude an der sinnlichen Erscheinung. Wo einstmals Andeutung, Distanz und entrückte Frömmigkeit vorherrschten, rückt nun das Explizite, Direkte und Bildfüllende in den Fokus. Von satter Gestalt sind die abgebildeten Szenarien, ihre Protagonisten mit einer nie dagewesenen Präsenz gesegnet: „Rubensfiguren“, wie man sie kennt und schätzt.

Wer jetzt an beleibte Rubensfrauen denkt, liegt allerdings falsch. Die gibt es in Paderborn nicht zu sehen, denn die barocke Stilrichtung hat weit mehr zu bieten als füllige Damen oder in Prunk schwelgende Sonnenkönige. Ohnehin seien diese Darstellungen „ein Klischee“, wie Prof. Dr. Christoph Stiegemann zu Protokoll gibt. Der Leiter des Diözesanmuseums weiß, dass der Barock vielmehr eine „Affinität zum Vergänglichen aufweist“ und daher einem stetigen „Tanz auf dem Vulkan“ gleicht. Nicht zuletzt deshalb möchte das rund 15 Damen und Herren umfassende Organisationsteam „Rubens aus einem anderen Blickwinkel zeigen“.

Rubens-Hype schon im 17. Jahrhundert

Dabei stehen weniger Landschaften denn menschliche Wesen im Fokus. Deren Persönlichkeit drängt scheinbar auf natürliche Weise in den Mittelpunkt der bildlichen Darlegung. Einer Theaterbühne gleich, exponieren sich die Figuren in einem Spiel aus Gewinn und Verlust, Freude und Tragik, Liebe und Drama. Die Emotionen sehen sich nicht länger hinter einer Fassade aus Scham und (Standes-)Dünkel verborgen, sondern auf opulente Weise ausgelebt. Demzufolge sprechen die Gesichter der barocken Charaktere Bände, sind sie doch mit „dickem Pinselstrich“ für alle Welt sichtbar ausgestaltet.

Ein Meister dieser Ausgestaltung war Peter Paul Rubens, der bereits zu Lebzeiten ein Star seiner Branche war. Nicht zuletzt deshalb gab es bereits im 17. Jahrhundert einen regelrechten Rubens-Hype. Talent, zeitgenössische Fügung und ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein ließen den in Siegen geborenen Gestalter zu einem wahren Meister seines Fachs heranreifen. Für Christoph Stiegemann ist Rubens gar „ein Genie und Malerfürst, der wusste, dass er ein grandioser Künstler ist“.

Auch artverwandte Künstler zu sehen

Neben Peter Paul Rubens widmet sich die Ausstellung artverwandten Künstlern und bahnbrechenden Wegbereitern des niederländischen Barock. Etwa Antonius und Ludovicus Willemssens, deren Hochaltargemälde bis zu seiner Zerstörung im Paderborner Dom hing. „Damals war Paderborn ‚on top‘, seiner Zeit voraus und international vernetzt“, weiß Christoph Stiegemann um die Tatsache, dass sich der flämische Barock quasi von der Paderstadt aus über ganz Nordwestdeutschland verbreitete.

Durch die Bomben alliierter Mächte im Januar 1945 beinah gänzlich zerstört, ist es mithilfe modernster Computertechnik gelungen, das übergroße Altargemälde aufs Neue zusammenzufügen. Eine Rekonstruktion ist innerhalb der Werkschau zu sehen. Die Nachbildung gilt neben Rubens´ „großem Engel“ als visuelles Aushängeschild, oder wie Stiegemann es nennt, als „key visual“, der Ausstellung.

Herausragende Exponate

Ein Teil des rekonstruierten Hochaltargemäldes
Museumsleiter Christoph Stiegemann (r.) und Museumstechniker Bernd Fieseler mit einem Teil des rekonstruierten Hochaltargemäldes der Gebrüder Willemssens, das bis zu seiner Zerstörung im Paderborner Dom beheimatet war. Foto: Dietmar Gröbing
Miniaturformat eines Rubens-Gemäldes
Museumsleiter Christoph Stiegemann zeigt ein Miniaturformat des Rubens-Gemäldes „Verkündigung an Maria“. Das Original wird ab dem 24. Juli im Diözesanmuseum zu sehen sein. Foto: Dietmar Gröbing

Hochkarätige Leihgaben aus Europa und Amerika

Die zum Teil aus dem Fundus des Diözesanmuseums stammenden Exponate werden ergänzt durch hochkarätige Leihgaben aus dem europäischen wie außereuropäischen Ausland. So finden sich innerhalb der Werkschau seltene Stücke aus Amsterdam, Antwerpen, Kopenhagen, Wien und San Francisco. „Die gelebte Solidarität unter den nationalen wie internationalen Ausstellungshäusern freut uns in diesen Zeiten ungemein“, ist Prof. Dr. Stiegemann begeistert angesichts einer der Corona-Krise trotzenden Kooperationsbereitschaft.

Für Stiegemann schließt sich mit dem Kunsthighlight ein Kreis, denn das Sujet stand schon immer weit oben auf seiner Interessenliste. „Das Thema hat mich bereits als junger wissenschaftlicher Mitarbeiter fasziniert“, blickt Christoph Stiegemann zurück auf seinen beruflichen Werdegang. Selbiger weist den Paderborner seit mehreren Jahrzehnten als Museumsleiter aus. Die anspruchsvolle Tätigkeit findet mit dem Rubens-Thema ihr Ende. Und weil Stiegemann einen inhaltlichen Bogen schlagen möchte, will er aufhören, wie er angefangen hat: „Mit einer großen Ausstellung.“

Bedeutung für zeitgenössische Architektur und Kirchenausstattung

Darüber hinaus finden sich im Diözesanmuseum Zeichnungen, Skizzen, Gemälde, Briefe, Animationen, Illustrationen und Bozzetti (Entwürfe für Plastiken). Reproduktionsgrafiken und plastische Arbeiten von Künstlern aus dem Umfeld von Peter Paul Rubens veranschaulichen die besonderen Merkmale der barocken Stilrichtung. Auch Skulpturen sind zu sehen, denn Rubens‘ Einfluss auf zahlreiche Bildhauer und ihre Werke ist ebenso maßgeblich zu nennen wie seine Bedeutung für die zeitgenössische Architektur und Kirchenausstattung.

In einer eigens errichteten Abteilung spürt die Ausstellung den aktuellen Bezügen des Barock nach. Hier wird deutlich, dass Kunstschaffende wie der Deutsche Gerhard Richter, der Brite Tony Cragg und der Belgier Hans Op de Beeck regelmäßig Elemente, Konzepte und Wahrnehmungsstrukturen der barocken Stilrichtung aufgreifen und variieren.

Ausstellung ist ein hochbrisantes Unterfangen

Die kommende Schau sei jedoch etwas Besonderes, denn „Rubens ist eine eigene Liga“, wie der 65-Jährige bestätigt. Aufgrund der enormen Wertigkeit der Exponate überschreiten die Sicherheitsvorkehrungen bisher bekannte Standards. So werden einzelne Werke rund um die Uhr per Kamera überwacht. Zudem müssen Temperatur und Luftfeuchtigkeit in den Vitrinen konstant gehalten werden. Passiert dies nicht, wird ein Signal an den Leihgeber übermittelt, der umgehend einen Kurier nach Paderborn entsendet.

Das laut Stiegemann „hochbrisante Unterfangen“ verlangt daher nach einer perfekten Planung. Sprich, der Standort der Leihgaben wird vorher minutiös festgelegt, sodass es bei Anlieferung nur darum geht, das jeweilige Werk am dafür vorgesehenen Ort zu platzieren. Wie die finale Anordnung aussieht, kann man bereits jetzt sehen, denn Christoph Stiegemann und seine Kolleginnen und Kollegen können per digitaler Computergrafik eine punktgenauen Vorausblick erstellen. Das ist auch nötig, denn die verleihenden Museen geben erst nach erfolgter Ansicht ihr Okay.

Abschied von Professor Stiegemann im Oktober

Die Ausstellung wird am Freitag, 24. Juli, mit einem Festakt im Dom eröffnet. Die Feierlichkeit ist nur für geladene Gäste zugänglich. Im Anschluss kann die Kunstschau bis zum 25. Oktober täglich (außer montags) von 10 bis 18 Uhr in Augenschein genommen werden. Aufgrund der aktuellen Situation gelten die üblichen Abstands- und Hygieneregeln. Zudem ist das Aufsichtspersonal angehalten, pro Stunde maximal 80 Personen Zugang zu dem mehrstöckigen Gebäude am Domplatz zu gewähren.

„Die offene Struktur des Hauses ist vorteilhaft, da es nicht zu Besucherstaus kommt“, sagt Christoph Stiegemann, der „flexibel auf gewisse Szenarien wie größere Besuchergruppen“ reagieren möchte. Ebenso flexibel ist Stiegemann im Hinblick auf seinen Ausstand. Eigentlich für den 30. Juni avisiert, verzögert sich Stiegemanns Demission aufgrund der Ausstellungsverschiebung auf Ende Oktober. Ob er seinem Abschied mit Wehmut entgegen sieht? „Ein bisschen schon“, gesteht Christoph Stiegemann, denn er habe im Diözesanmuseum „40 wunderbare Jahre“ verlebt. Aus der Welt sei er freilich nicht, gelte es doch anderswo „andere Projekte zu verwirklichen“. In diesem Fall rund 50 Kilometer weiter östlich: in Corvey.

Ein Beitrag von:

Dietmar Gröbing
Freier Journalist
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