logocontainer-upper
logocontainer-lower
© Mazur/cbcew.org.uk
© Mazur/cbcew.org.uk

Erzbischof Bentz: „Der Krieg als solcher ist vorbei, aber der Konflikt noch lange nicht.“

Unter dem Titel „Ein Land der Verheißung: Begegnung und Dialog mit Menschen der Hoffnung“ reisten 13 Bischöfe aus Europa und Nordamerika das Heilige Land – darunter auch Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz. Es war einer der schwierigsten Besuche für die Gruppe.

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert trifft sich die Holy Land Coordination (HLC), eine Gruppe internationaler katholischer Bischöfe aus Europa, den USA und Kanada, jährlich im Januar im Heiligen Land. Die 13 Erzbischöfe, Bischöfe und Weihbischöfe aus Europa, Kanada und den USA trafen auf Gesprächspartner aus Gemeinden, Kirchen und der Zivilgesellschaft, die Zeugnis ablegten von einer der schwierigsten Zeiten, die die Region und ihre Menschen je erlebt haben.

Im Heiligen Land sind nach Worten von Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz sowohl Erleichterung über den Waffenstillstand als auch Erschöpfung und Verzweiflung zu spüren. Kritisch bewertet er im Interview die Lage im besetzten Westjordanland, wo „im Schatten des Gaza-Kriegs“ Fakten geschaffen werden. Der Erzbischof von Paderborn ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Deutschen Bischofskonferenz.

© Mazur/cbcew.org.uk
© Mazur/cbcew.org.uk
Redaktion

Was war für Sie der prägendste Moment beim 25. Internationalen Bischofstreffen im Heiligen Land – und warum?

Erzbischof Bentz

Am Sonntagmorgen haben wir mit den Gläubigen der Pfarrei Taybeh im Westjordanland einen sehr schönen Gottesdienst gefeiert und uns anschließend zu einer Begegnung getroffen: Familien mit ihren Kindern, alte Menschen, deren Familien weggegangen sind, engagierte Christen. Die Menschen haben uns erzählt von ihrem Lebensalltag: Immer neue überraschende Straßensperren und Check Points, die es schwer machen, zum Beispiel verlässlich zum Arbeitsplatz zu kommen. Viele haben ihre Arbeitserlaubnis verloren und haben seit Monaten kein Einkommen. Die zunehmende Siedlerattacken machen Angst und verunsichern. So viele denken darüber nach, das Land zu verlassen. Ein Aderlass, der denjenigen, die bleiben, das Leben noch schwerer machen. Diese konkreten, bedrückenden Alltagserfahrungen haben mich schon betroffen gemacht. Da geschieht politisches Unrecht an den Menschen, die hier ein Recht haben auf ihr Eigentum und auf ein Leben in Frieden in ihrem Land. Hier erhoffe ich mir ein noch entschiedeneres Handeln unserer Regierung. Diese schleichende Annexion des Westjordanlandes muss ein Ende haben. Die Staatsräson gegenüber Israel  – zu der ich ganz und gar stehe – darf aber nicht dazu führen, dass wir die Augen verschließen vor solchem  Unrecht. Aus Unrecht wird nie ein gerechter Friede.

Feier der Heiligen Messe beim 25. Internationalen Bischofstreffen in der Kirche Christus Erlöser in Taybeh am 18. Januar 2026. © Mazur/cbcew.org.uk
Feier der Heiligen Messe beim 25. Internationalen Bischofstreffen in der Kirche Christus Erlöser in Taybeh am 18. Januar 2026.
Redaktion

Drei Monate nach Beginn des Waffenstillstands: Wie haben Sie die Stimmung der Menschen in Israel und Palästina erlebt?

Erzbischof Bentz

Der Krieg in Gaza scheint vorbei, obwohl es auch weiterhin zu Zerstörungen und Tötungen kommt. Der Waffenstillstand ist fragil. Der Konflikt aber noch lange nicht gelöst. Die Menschen – sowohl Israelis wie Palästinenser – sind müde und erschöpft und sehr skeptisch im Blick auf ihre Zukunft, weil es keine spürbaren Veränderungen gibt. Initiativen wie das „Crossing Center“, die sich für Versöhnung und Dialog engagieren, beschreiben sehr eindrücklich die Traumata, die der 7. Oktober ausgelöst hat – Verwundungen, die tief sitzen und es schwer machen.

Die größte Herausforderung ist es, den Blick auf das Leid des anderen zuzulassen, damit Ansätze zur Versöhnung in der Gesellschaft eröffnet werden können. Manchmal erscheint das Engagement solcher Initiativen wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber es sind konkrete Hoffnungszeichen. Jede Tat der Versöhnung hat eine Wirkung und ist nie umsonst.

 

„Mich beeindruckt es, mit welcher Überzeugung Menschen an der Hoffnung festhalten, dass Versöhnung der Weg zum Frieden ist“, so Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz.

Redaktion

Wo haben Sie trotz aller Verletzungen konkrete Zeichen von Hoffnung oder Versöhnung gesehen?

Erzbischof Bentz

Die Jugendarbeit des St.-James-Vikariates hat mich schon bei meinem ersten Besuch im vergangenen Jahr sehr beeindruckt: Jugendfestivals und Jugendcamps gemeinsam mit palästinensischen und israelischen Christen. Wir können uns kaum vorstellen, wie sensibel eine solche Pastoral sein muss: Da treffen junge israelische Christen, die vielleicht beim Militär waren, auf junge palästinensische Christen.

Pater Piotr und sein Pastoralteam sind der Überzeugung, dass der gemeinsame Glaube die Kraft hat, gerade auch in solchen Konstellationen Brücken zu bauen. Sie eröffnen Räume der geschützten und behutsamen Begegnung: Man musiziert miteinander, kocht gemeinsam, betet, spielt und treibt Sport. Dabei kommt man ins Gespräch, lernt wahrzunehmen, was die Situation des jeweils anderen ist. Man feiert gemeinsam Gottesdienst und erlebt auf einer anderen Ebene, was es heißt, durch die Taufe miteinander verbunden zu sein.

Ich bin froh, dass wir als Erzbistum diese Arbeit im vergangenen Jahr auch finanziell unterstützen konnten. Die versöhnende Kraft des Evangeliums wird hier ganz konkret erfahrbar. Man erlebt, welche Kraft das Wort Jesu hat: „Der Friede sei mit euch! Wenn ihr in ein Haus kommt, so wünscht ihm Frieden.“

 

Begegnung mit dem emeritierten Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Erzbischof Michel Sabbah, beim 25. Internationalen Bischofstreffen in Taybeh am 18. Januar 2026. © Mazur/cbcew.org.uk
Begegnung mit dem emeritierten Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Erzbischof Michel Sabbah, beim 25. Internationalen Bischofstreffen in Taybeh am 18. Januar 2026.
Redaktion

Die internationale Bischofsgruppe kommt nach ihrem Selbstverständnis zuallererst ins Heilige Land, um zuzuhören. Ist das angesichts der aktuellen Lage noch zeitgemäß?

Erzbischof Bentz

Die Tatsache, dass wir hier sind und Präsenz zeigen, ist für unsere Gesprächspartner etwas sehr Wertvolles. Es bedeutet für sie, wahrgenommen zu werden und Rückendeckung zu erhalten. Ich nehme aus jedem Treffen etwas Konkretes mit – was sich unter anderem in der Unterstützung von Projekten äußert.

Natürlich ist es wichtig, nicht nur zuzuhören, sondern auch zuhause in den Herkunftsländern als Sprachrohr für die Christen im Heiligen Land zu wirken. Durch unsere Treffen wachsen Beziehungen und Verbundenheit. Es entsteht ein tieferes Verständnis für die komplexen Zusammenhänge. Ich glaube an die Macht der Sprache. Worte verändern Wirklichkeit – die gesprochenen wie die gehörten.

Ich bin sehr dankbar für die direkten Kontakte vor Ort, darunter auch per Videoschalte nach Gaza zum dortigen Pfarrer. Wo bekommen wir sonst unabhängige Informationen aus Gaza? Es ist kaum hinzunehmen, dass weiterhin keine ausländischen Journalisten unabhängig aus Gaza berichten können, während gleichzeitig die Arbeit palästinensischer Journalisten unter schwersten Bedingungen immer wieder in Frage gestellt wird.

 

Begegnung mit dem Apostolischen Nuntius in Israel und Apostolischen Delegaten für Jerusalem und Palästina, Erzbischof Adolfo Tito Yllana, beim 25. Internationalen Bischofstreffen im Lateinischen Patriarchat in Jerusalem am 20. Januar 2026. © Mazur/cbcew.org.uk
Begegnung mit dem Apostolischen Nuntius in Israel und Apostolischen Delegaten für Jerusalem und Palästina
Redaktion

Die Stimmen, die Sie hier gehört haben, rufen verzweifelt nach Hilfe. Wie kann man diesem Schrei gerecht werden?

Erzbischof Bentz

Nehmen wir das Beispiel der katholischen Kirche: Dass sie im Heiligen Land so präsent ist – mit sozialen Einrichtungen, Schulen und vielem mehr – kommt nicht von ungefähr. Es ist möglich, weil diese kleine Ortskirche von der Weltkirche getragen wird, gerade auch von der Kirche in Deutschland. Es gibt viele hochengagierte Akteure, die sich für das Heilige Land einsetzen.

2026: Feier der Heiligen Messe beim 25. Internationalen Bischofstreffen in der Konkathedrale in Jerusalem © Mazur/cbcew.org.uk
Feier der Heiligen Messe beim 25. Internationalen Bischofstreffen in der Konkathedrale des Lateinischen Patriarchats in Jerusalem am 20. Januar 2026.
Redaktion

Der päpstliche Botschafter hat vor einer Gleichsetzung von Antisemitismus und berechtigter Kritik an Israel gewarnt. Müsste man aus den Begegnungen nicht eine deutlichere Sprache nach Deutschland bringen?

Erzbischof Bentz

Es ist gut, dass wir in Deutschland sehr sensibel und differenziert sind und dennoch schwierige Dinge klar benennen. Die Internationalität unseres Treffens zeigt jedes Jahr, wie unterschiedlich Wahrnehmungen sind – auch bedingt durch die nationale Geschichte.

Dennoch können wir mutiger sein. Für mich gilt: Es ist klar zu unterscheiden zwischen dem Judentum und dem Staat Israel, zwischen israelischer Politik und einer israelischen Regierung, die derzeit in Teilen rechtsextrem ist. Das muss man benennen.

Gleichzeitig stehe ich uneingeschränkt an der Seite Israels und seinem Existenzrecht sowie an der Seite der palästinensischen Bevölkerung mit ihrem Existenzrecht. Beides in Balance zu halten, ist entscheidend für einen Friedensweg.

 

Begegnung mit Rabbis for Human Rights beim 25. Internationalen Bischofstreffen in Jerusalem am 19. Januar 2026. © Mazur/cbcew.org.uk
Begegnung mit Rabbis for Human Rights beim 25. Internationalen Bischofstreffen in Jerusalem am 19. Januar 2026
Redaktion

Wie hat sich das Land im Vergleich zu früheren Besuchen verändert?

Erzbischof Bentz

Beim Bischofstreffen vor einem Jahr waren die israelischen Geiseln noch nicht frei. Das macht heute einen entscheidenden Unterschied. Gleichzeitig spüre ich große Müdigkeit und Erschöpfung. Der Waffenstillstand hält, auch wenn es weiter zu Zerstörungen und Tötungen kommt. Der Krieg als solcher ist vorbei, aber der Konflikt noch lange nicht.

Wir dürfen den Blick nicht nur auf Gaza richten, sondern müssen auch das Westjordanland im Blick behalten. Dort werden im Schatten des Gaza-Krieges Fakten geschaffen, die den Konflikt verlängern. Auch die Abrissmaßnahmen am UNRWA-Gebäude während meines Aufenthalts in Jerusalem tragen dazu bei. Hinzu kommen politische Spannungen im beginnenden israelischen Wahlkampf und die internationale Lage.

2026: Besuch der griechisch-orthodoxen Kirche St. Georg © Mazur/cbcew.org.uk
„Der Krieg als solcher ist vorbei, aber der Konflikt noch lange nicht“, sagt Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz.
Redaktion

Kann man angesichts der Lage überhaupt von Hoffnung sprechen?

Erzbischof Bentz

Hoffnung ist keine Traumtänzerei und keine billige Utopie. Das hebräische Wort tikvah bezeichnet sowohl den letzten Faden, an den man sich klammert, als auch eine Kraft, die zum Handeln bewegt. Hoffnung entsteht aus der Spannung zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte. Sie bewegt, gestaltet und lässt uns nicht verzweifeln.

Redaktion

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

(Mit Material der Katholischen Nachrichten Agentur KNA)

Weitere Einträge

© Svea Wenderoth

Unser Glaube Warum die Sießener Franziskanerinnen ihre Komfortzone verlassen

Die gewohnte Umgebung hinter sich lassen und aufbrechen in ein Abenteuer mit Gott: Drei Sießener Franziskannrinnen sind in einen kleinen Konvent in Dortmund gezogen.
© Ralf Litera / Erzbistum Paderborn

Unser Glaube Mut finden, Hoffnung leben, Veränderung wagen

Unterwegs mit Vikar Jakob Ohm in einer Stadt und einer Kirche im Wandel
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

Unser Glaube Potzblitz und Donnerwetter

Die imposanten Chor- und Kiliansfenster im Kiliansdom in Iserlohn-Letmathe stammen aus der Erbauungszeit
Kontakt
| |
generalvikariat@erzbistum-paderborn.de
+49 (0)5251 125-0