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Erzbistum Paderborn
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Pflegenotstand in Krankenhäusern© Berit Kessler / Shutterstock.com
Unsere Nachrichten
29. November 2023
Paderborn

Offener Brief der Krankenhausseelsorgenden zum Pflegenotstand

Auf dem Kurznachrichtendienst X (vormals Twitter) geben unter den Hashtags #pflegebrennt und #medizinbrennt Mitarbeitende in den Krankenhäusern Tag für Tag erschütternde Einblicke in ihren Arbeitsalltag. In den Zeitungen jedoch kommt der Pflegenotstand nur noch in Randspalten vor, die Schlagzeilen machen andere Themen. Einen neuen Anlauf, die unerträgliche Situation des Pflegepersonals wieder in den allgemeinen Diskurs zu rücken und dadurch zu verbessern, unternimmt nun die Konferenz der Klinikseelsorgenden im Erzbistum Paderborn. In einem Offenen Brief wendet sie sich an die Öffentlichkeit und an die Gesundheitspolitik, weist auf unhaltbare Zustände hin und stellt konkrete Forderungen zum Beispiel in Bezug auf die Reform des Fallpauschalsystems.

„Als Krankenhausseelsorgende betreuen wir nicht nur Patientinnen und Patienten. Wir sind auch für das seelische Wohl der Mitarbeitenden da“, erklärt Matthias Bruders, Krankenhauspfarrer im St. Marien-Hospital in Hamm, die Hintergründe für den Offenen Brief. „Was wir täglich mitbekommen, belastet uns in der Krankenhausseelsorge sehr.“ Es sei kein Wunder, dass mittlerweile viele Mitarbeitende in der Pflege ihrem Beruf den Rücken kehrten und sich dadurch die Überlastung der verbleibenden Pflegekräfte ständig vergrößere.

Als Kernursache des Pflegenotstands machen die Klinikseelsorgenden die fortschreitende Ökonomisierung des gesamten Gesundheitswesens und damit auch der Krankenhäuser aus. „Aus unserem christlichen Menschenbild heraus wollen wir ein Krankenhaus, das sich an den Menschen ausrichtet und die Bedürfnisse der Schwachen und Schutzbedürftigen in den Mittelpunkt stellt“, so Krankenhauspfarrer Matthias Bruders. Mit ihrer Aktion solidarisieren sich die Krankenhausseelsorgenden im Erzbistum Paderborn mit allen vom Pflegenotstand Betroffenen und fordern ein Umdenken in Politik und Gesellschaft.

Im Wortlaut

Wider den Pflegenotstand.

Ein Offener Brief von KlinikseelsorgerInnen im Erzbistum Paderborn

 

Als SeelsorgerInnen in Krankenhäusern und Rehakliniken erleben wir:

  • Der wachsende Leistungsdruck auf MitarbeiterInnen infolge der Personalknappheit in Medizin und Pflege kommt auch bei uns SeelsorgerInnen an: Wütende, enttäuschte oder hilflose PatientInnen, demotivierte MitarbeiterInnen suchen im Gespräch nach Entlastung.
  • Wo eine angemessene Behandlung, Pflege und Begleitung – oft trotz hohen Engagements – nicht mehr möglich ist, leidet die Beziehung zwischen medizinischen MitarbeiterInnen einerseits sowie PatientInnen und Angehörigen andererseits.
  • Wenn PflegerInnen sagen: Ich kann nicht mehr verantworten, was ich tue bzw. was hier geschieht, dann sprechen sie damit pflegerische Fehler und Versäumnisse an, die durch die Personalknappheit bedingt sind.
  • Wo Kontakte durch ÄrztInnen und PflegerInnen auf das medizinisch Notwendige beschränkt bleiben, verdichtet sich bei PatientInnen der Eindruck: Ich bin nur eine Nummer; Hier geht es gar nicht um mich und meine Gesundheit.
  • Bei MitarbeiterInnen und im Management wachsen Sorgen um die Behandlungsqualität, aber auch Ratlosigkeit und Angst um den Fortbestand der Einrichtung – angesichts einer ungesicherten Finanzierung und damit einer ungewissen Zukunft.
  • Immer mehr MitarbeiterInnen – auch Identifikationsfiguren – auf allen Ebenen kündigen oder geben ihren Beruf ganz auf. Engagierte Teams brechen auseinander; Stationen oder Bereiche verlieren ihre Gesichter.
Erschöpfte Krankenpflegerin im Pflegenotstand© Supamotionstock.com / Shuttersock.com

Als SeelsorgerInnen sehen wir erhebliche Risiken in dieser Entwicklung:

  • Wo Wirtschaftlichkeit zum entscheidenden Kriterium für die Gestaltung des Gesundheitssystems bis hin zur Behandlung des Einzelnen wird, bleiben Würde und Gesundheit der Menschen auf der Strecke.
  • Wo PatientInnen und Angehörige zunehmend das Vertrauen in das medizinische Personal und in die behandelnde Klinik verlieren, steht das Vertrauen in das gesamte Gesundheitssystem auf dem Spiel.
  • Wo Motivation und Zufriedenheit der Mitarbeitenden ständig neue Tiefpunkte erreichen, werden sie krank an ihrer Arbeitssituation. Wo das Berufsbild einer heilsamen und hilfreichen Tätigkeit aufgegeben wird, nehmen auch die Seelen von MitarbeiterInnen Schaden.
  • Wo in der Kliniklandschaft trotz guter politischer Absichten keine signifikanten Veränderungen erreicht werden, verstärkt sich unter MitarbeitInnen das lähmende Empfinden: Wir stecken in einer Sackgasse. Dies trägt nicht dazu bei, die Attraktivität medizinischer Berufe zu steigern.

Vor dem Hintergrund des Pflegenotstandes

  • unterstützen wir MitarbeiterInnen und Klinikleitungen in ihrer Forderung nach nachhaltigen Reformen. Das jetzige Fallpauschalensystem kann eine ausreichende Krankenhausfinanzierung nicht gewährleisten.
  • erwarten wir von Politik und Gesellschaft einen Paradigmenwechsel: Das Gesundheitssystem muss sich an den Bedürfnissen der Schwächsten orientieren, also der behandlungs- und pflegebedürftigen Menschen. Dieser Anspruch ist für uns die unaufgebbare Konsequenz aus Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
  • machen wir uns stark für eine spürbare, erfahrbare Wertschätzung medizinischer Berufe, die mehr als nur Jobs sind: Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das die Motivation aller MitarbeiterInnen fördert, ganzheitlich zur Heilung und Hilfe von Menschen beizutragen.

Dieser Offene Brief wurde am 16.11.2023 im Auftrag der Konferenz der KlinikseelsorgerInnen im Erzbistum Paderborn erarbeitet von Johannes Brüseke (johannes.brueseke@klinikum-lippe.de), Matthias Bruders (bruders@katholisch-hamm.de), Franz-Herbert Hense (Franz-Herbert.Hense@erzbistum-paderborn.de), Marc Stücker (marc.stuecker@gmx.de) und Matthias Wasmuth (matthias.wasmuth@klinikumbielefeld.de). Wir laden herzlich ein, ihn mit allen vom Pflegenotstand Betroffenen sowie mit den Entscheidungsträgern unserer Gesellschaft zu teilen.

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