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Erzbistum Paderborn
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© Besim Mazhiqi

Kirchengemeinde zeichnet Dr. Birgitta Ringbeck mit Corvey-Verdienstmedaille aus

Festakt zum zehnten Jahrestag der Welterbe-Anerkennung bringt ehemalige Benediktinerabtei bei Höxter zum Leuchten

Der Aufstieg Corveys in den Olymp der UNESCO-Welterbestätten ist Dr. Birgitta Ringbeck, Ministerialrätin a.D., maßgeblich mitzuverdanken. Beim Festakt zum zehnten Jahrestag der Anerkennung verlieh die Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus ihr jetzt im Beisein zahlreicher Gäste aus Kirche, Politik, Verwaltung, Kultur und öffentlichem Leben die von dem international bekannten Schriftkünstler Brody Neuenschwander aus Brügge entworfene Corvey-Verdienstmedaille.

„Perfectum est“ – es ist geschafft: Im Corveyer Land verbreitete Glockengeläut am Nachmittag des 21. Juni 2014 diese frohe Kunde. Wenige Augenblicke zuvor hatten die Delegierten des UNESCO-Welterbekomitees in Doha, der Hauptstadt des Wüstenstaats Katar, einstimmig für die Aufnahme des karolingischen Westwerks und des als Bodendenkmal erhaltenen mittelalterlichen Klosterbezirks, der Civitas, in die Welterbeliste votiert.

Der damalige Pfarrdechant Ludger Eilebrecht und der Hausherr des Schlosses, Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey, werden die Sitzung und den magischen Moment, als der Hammer fiel, ebenso unvergesslich in Erinnerung behalten wie Dr. Birgitta Ringbeck. Denn auch sie war dabei – konnte als Angehörige der Deutschen Delegation im Welterbekomitee mit durchs Ziel bringen, was sie in den Jahren zuvor so beherzt und fachkundig vorbereitet hatte.

In ihrem Festvortrag anlässlich des zehnten Jahrestages erinnerte sie auch an einen weiteren Wegbegleiter in Katar, den im Juni verstorbenen ehemaligen Bundesminister und Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms, Professor Dr. Klaus Töpfer. Corvey lag ihm seit jeher am Herzen. Daher unterstützte Höxters Ehrenbürger Klaus Töpfer die Bewerbung, brachte den Titel aus dem Golfstaat voller Freude mit nach Hause und engagierte sich auch nach diesem großen Tag 2014 mit großer Überzeugungskraft für die Entwicklung des bis heute einzigen Welterbes in Westfalen.

Kopf und Motor

Das Nominierungsverfahren war ein langer Weg. Welterbe wird man nicht im Handumdrehen. Seit 1998 hatte Corvey auf der Vorschlagsliste des Bundes für die Aufnahme in die Liste gestanden. An den Weichenstellungen für die Anerkennung 2014 hatte Dr. Ringbeck als Beauftragte der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland für das Welterbe (2002 bis 2022) sowie als Leiterin der Koordinierungsstelle Welterbe im Auswärtigen Amt in Berlin (2012 bis 2022) maßgeblichen Anteil. „Sie saß am Puls, war bestens vernetzt und kannte sich wie keine zweite in den Hürden, Schwierigkeiten und Untiefen der Nominierungsverfahren aus“, berichtete Professor Dr. Christoph Stiegemann, ehemaliger Direktor des Diözesanmuseums Paderborn, Leiter des wissenschaftlichen Kompetenzteams der Kirchengemeinde zur didaktischen Erschließung des karolingischen Westwerks und Weggefährte Ringbecks aus gemeinsamer Studienzeit in Münster. Sie sei „Motor und Kopf der erfolgreichen Welterbe-Bewerbung“ gewesen, würdigte Stiegemann.

Westfalen, das bis zur Anerkennung Corveys 2014 kein Welterbe besaß, habe Birgitta Ringbeck am Herzen gelegen, blickte er zurück. Mit ihrer großen Erfahrung habe sie die richtigen Akzente gesetzt und mit nie ermüdender Einsatzfreude zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Team zusammengeführt, „um auf der Grundlage ihrer Beiträge den umfangreichen Welterbeantrag unter Berücksichtigung der bahnbrechenden Ergebnisse der Corvey-Forschung speziell von Hilde Claussen und Uwe Lobbedey zu verfassen“.

Dr. Ringbeck selbst verwies ebenfalls auf Hilde Claussen (1919 – 2009) und Uwe Lobbedey (1937 – 2021): „Ohne ihre langjährigen Forschungen hätte die weltweite Bedeutung Corveys nicht belegt werden können“, betonte sie. „Dadurch wissen wir, wie Corvey ursprünglich aussah, welche architektonischen Neuerungen die Baumeister und Bauherren einführten und worauf sie bei der künstlerischen Ausgestaltung zurückgriffen.“

„Best practise“-Beispiele

Diese Einordnung hatte Birgitta Ringbeck bereits im November 2019 bei einer ICOMOS-Tagung in Paderborn und Corvey getroffen. Sie selbst war Ideengeberin dieses Symposions zum Einsatz neuer Technologien in der Vermittlung von Welterbe gewesen und verortete Corvey mit seinen innovativen didaktischen Konzepten vor den hochrangigen Teilnehmenden der Tagung in der Champions League der „Best practise“-Beispiele.

Damals noch in der Planungsphase, sind die Best-Practise-Angebote am Weserbogen inzwischen glanzvolle Realität: Die karolingische Ausgestaltung des Johanneschores erlebt seit 2023 bei Führungen mit Hilfe einer Mixed-Reality-App auf dem Bildschirm eines Tablets eine virtuelle Renaissance. Nach acht Jahren Vorbereitung ist jetzt auch die immersive Filmprojektion zur monastischen Geschichte der Weserabtei auf einer 40 Quadratmeter großen intelligenten Glaswand zwischen Westwerk und Abteikirche an den Start gegangen.

Die Gäste des Festakts zum Zehnjährigen erlebten auf Einladung des Ideengebers Professor Stiegemann eine fulminante Premiere dieser atemberaubenden Zeitreise: Dort, wo die Blicke sonst von der prachtvollen Barockausstattung der Kirche geradezu magisch angezogen werden, ist diese Sichtbeziehung plötzlich per Knopfdruck gekappt. Die Glaswand wird zu 95 Prozent blickdicht, und die Zuschauenden tauchen mit allen Sinnen ein in das große Jahrtausend der Mönche.

Substanz und Seele Corveys

Diese 1000 Jahre benediktinischen Lebens sind die „Substanz und Seele Corveys und der innere Zusammenhang aller seit der Welterbeanerkennung an den Start gebrachten Projekte der Kirchengemeinde“, betonte Kirchenvorstand Josef Kowalski auch unter Einbeziehung der neu konzipierten Dauerausstellung im Schloss (Kurator ist Professor Stiegemann) und der Arbeiten zur barrierefreien Erschließung des Johanneschores. Bei diesem bedeutenden Bauvorhaben führt die Kulturkreis Höxter-Corvey gGmbH Regie.

Josef Kowalski dankte in der Erfolgsbilanz seit 2014 auch im Namen des herzoglichen Hauses den Fördergebern – Bund und Land, dem Erzbistum Paderborn, der NRW-Stiftung, dem Förderverein „Karolingisches Westwerk“, dem Kreis Höxter und der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung (GfW), der Stadt Höxter und auch den Spendern und Sponsoren. Ohne sie alle sei die Realisierung der innovativen neuen Angebote nicht möglich gewesen. Der Kirchenvorstand erinnerte auch an engagierte Persönlichkeiten, die zum Erfolg der Bewerbung beigetragen haben und jetzt beim Jahrestag nicht dabei sein konnten: den ehemaligen Landrat des Kreises Höxter, Hubertus Backhaus († 2012), und den Bau- und Finanzplaner des Erzbistums Paderborn, Franz-Josef Beine († 2021).

Für das Erzbistum gratulierte Justiziar Marcus Baumann-Gretza zum Zehnjährigen: „Seien Sie gewiss, dass wir uns der Bedeutung der kirchlichen Stätten Corveys für die gesamte Ortskirche von Paderborn sehr bewusst sind“, signalisierte er im Namen der Bistumsleitung. Ein solches „Erbe“ sei jedoch Ehre und Verpflichtung, Würde und Bürde gleichermaßen. Zehn Jahre nach Zuerkennung des Welterbestatus lasse sich konstatieren, dass nicht nur vieles in Bewegung geraten, sondern auch sehr viel erreicht worden sei, erklärt Baumann-Gretza und nennt dabei viele religionskulturelle Meilensteine.

Christliche Kirchen seien über den kulturellen Aspekt hinaus stets auch Orte des gelebten Glaubens und der Verkündigung, erklärt der Justiziar weiter.  „Wir verehren als Christinnen und Christen keine ‚toten‘ Monumente. Denn – um ein Wort des Apostels Paulus zu bemühen – ‚als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende‘. Von daher verstehen wir unser kirchliches Engagement nicht zuletzt auch als Angebot und Beitrag zur Vermittlung von Werten und Perspektiven, für die das Westwerk seit mehr als 1200 Jahren sichtbar steht und Zeugnis gibt.“ Auch die dunklen Seiten kirchlichen Wirkens durch die Jahrhunderte seien uns allen – gerade in heutiger Zeit – sehr bewusst. „Dennoch bin ich überzeugt, dass gerade in einer Welt, in der Gegensätze und Interessen immer massiver aufeinandertreffen, in der Klima und Ton insgesamt rauer werden, in der Individualisierung und Vereinsamung zunehmen, ein sichtbares Zeugnis für Nächstenliebe – sprich: Mitmenschlichkeit, Verständnis und Hilfsbereitschaft – notwendiger ist denn je“, mahnt Marcus Baumann-Gretza.

 

Ort des gelebten Glaubens

Als Ort des Glaubens möchte auch Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek das Weltdenkmal am Weserstrand den Menschen erschließen. Die innovativen Angebote sind für ihn ein Weg, um „die Botschaft des Westwerks vom himmlischen Jerusalem durch moderne Technik in die Gegenwart übersetzen und dadurch für die Verkündigung des christlichen Glaubens heute stark machen“.

Mit diesen Worten zitierte ein Ehrengast des Festtages den Pfarrdechanten: Abt Dr. Cosmas Hoffmann von der Benediktinerabtei Königsmünster in Meschede. Er leitete den Gottesdienst zu Beginn der Feierlichkeiten in der ehemaligen Abteikirche und machte die Gäste in seiner Ansprache mit dem Bild der Himmelsstadt aus der Offenbarung des Johannes vertraut. „Dieses Motiv zeigt seit alters her einen prägenden theologischen Deutungshorizont von Kirchen- und Klosterbauten auf, die in ihrem Bau, ihrer Architektur und Gestaltung eine Ahnung von und die Sehnsucht nach der Himmelsstadt wecken sollen“, sagte Abt Cosmas. Diese Sehnsucht beflügelt auch Corvey: Denn das karolingische Westwerk legt in seiner Architektur die Vision des himmlischen Jerusalems, den Ausblick auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, eindrücklich aus.

Glaube hat Menschen gestärkt

Die Gewissheit, dass nur Gott allein wahren Frieden und Sicherheit schenken könne, zeige sich auch in der Inschriftentafel des Westwerks, betonte der hohe Gast aus Meschende. Diese fällt an der markanten Bruchstein-Front des Westwerks sofort ins Auge und bringt einen Segenswunsch der ersten Mönche für die Civitas, den Klosterbezirk, ins Wort: „Umhege, o Herr, diese Stadt und lass deine Engel die Wächter ihrer Mauern sein.“

„Der Glaube, dass Gott seinem Volk mit seinen Engeln beisteht und sie behütet, hat die Mönche und Menschen, die in und mit dieser Abtei gelebt haben, gestärkt und ermutigt“, betonte der Ehrengast aus der mit Corvey freundschaftlich verbundenen Benediktinerabtei Königsmünster. „Und auch für uns, die wir heute erfahren müssen, wie zerbrechlich und bedroht der Friede und ein einträchtiges Miteinander sind, kann diese Gewissheit eine Hilfe sein, ein weites Herz und langen Atem schenken.“

Diese Zuversicht strahlen die Türme des Westwerks, die in den Himmel ragen, auch für Marcus Baumann-Gretza aus: Er verstehe das Westwerk nicht als Zeichen weltlich-kirchlicher Macht, „sondern als Symbol für den Schutz und die Geborgenheit, die wir im irdischen Leben nur anstreben, bei Gott am Ende aber gewinnen können“.

Gleichwohl könne sich kirchliches Engagement nicht in der bloßen Bewahrung kulturhistorischer Denkmäler erschöpfen. „Erst recht nicht in Zeiten eruptiver Mitgliedereinbrüche und – damit verbunden – deutlich zu erwartender Rückgänge der finanziellen Ressourcen und Spielräume.”

Für diese Spiritualität schufen die Benediktinermönche aus Corbie vor mehr als 1200 Jahren mit dem Kloster an der Weser ein wirkmächtiges Zentrum. Die kirchenmusikalische Ausgestaltung des Gottesdienstes zum Jahrestag der Welterbe-Anerkennung unterstrich die noch heute lebendige, geistliche Strahlkraft Corveys. Das Ensemble Col Voc und die Gregorianik-Schola Marienmünster und Corvey unter der Leitung von Hans-Hermann Jansen gestalteten den Gottesdienst ebenso mit wie Domorganist Dominik. Video-Einspielungen unterstrichen die besondere Festlichkeit des Tages.

LWL wichtiger Kooperationspartner

Der Blick richtete sich aber auch auf die Herausforderungen des Erhalts der kostbaren Bausubstanz, die Corvey zum Welterbe adeln. Hier ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) ein wichtiger Kooperationspartner. Dr. Simone Meyer vom LWL bilanzierte beim Festakt, dass der Welterbe-Status Corveys für die Denkmalpflege eine große Chance sei. Unter der Regie des LWL nehmen zurzeit Fachleute unterschiedlicher Disziplinen die einzigartigen, mehr als 1100 Jahre alten Wandmalereifragmente im karolingischen Westwerk akribisch unter die Lupe. Was zu tun ist, um sie zu sichern und zu erhalten, wollen sie ganzheitlich und nachhaltig ausloten. Vor Ort in Corvey koordiniert die Standortleitung für das karolingische Westwerk und die barocke Abteikirche, Annika Pröbe, die restauratorischen und auch die museumsdidaktischen Aufgaben.

Die Bilanz des Justiziars des Erzbistums, Marcus Baumann-Gretza: Auch dank der Zusammenarbeit zwischen der Kirchengemeinde und dem herzoglichen Haus sei Corvey insgesamt auf einem sehr guten Weg. Diesen Eindruck vermittelte der Festakt, den Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek und Viktor Herzog von Ratibor und Corvey herzlich eröffnet hatten.

Sabine Robrecht

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