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Erzbistum Paderborn
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Heilig werden heißt nachhaltig handeln

Moraltheologe Prof. Schallenberg über die Kirche als Vorreiter für Nachhaltigkeit und das Erfahren der Liebe Gottes
ADragan / Shutterstock.com
Unser Glaube
25. November 2021

Heilig werden heißt nachhaltig handeln

Moraltheologe Prof. Schallenberg über die Kirche als Vorreiter für Nachhaltigkeit und das Erfahren der Liebe Gottes

Keine Armut und kein Hunger, aber auch nachhaltiger Konsum oder Maßnahmen zum Klimaschutz. Das sind einige der 17 globalen Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, die die Vereinten Nationen 2015 gefasst haben. Nachhaltigkeit – auch für die Katholische Kirche ein großes Thema, sowohl sozial, als auch ökologisch und ökonomisch. Im Interview mit Prof. Dr. Peter Schallenberg, Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Paderborn, sprechen wir über die Parallelen und die Liebe Gottes als Antrieb für nachhaltige Taten.

Redaktion

Prof. Schallenberg, wer auf die 17 Ziele der Nachhaltigkeit der Vereinten Nationen schaut, findet viele Überschneidungen zur Katholischen Kirche und dem christlichen Menschenbild. Wieso ist das so?

Prof. Dr. Peter Schallenberg

Die Überschneidungen rühren daher, dass christliches Handeln immer auch nachhaltiges und menschliches Handeln ist. Nachhaltigkeit ist im Grunde nur der säkulare Ausdruck für das, was wir Ewigkeit nennen. Sprich: eine möglichst lange Perspektive im Leben zu haben. Dem Christentum nach ist jeder Mensch eine Person, jeder Mensch ist weit mehr als nach außen sichtbar wird. Wir alle besitzen eine unauslotbare und unerschöpfliche Innenwelt, die sich nur bruchstückhaft ins Außen äußert. Diese Innenwelt soll sich nach außen abbilden und verwirklichen: durch Arbeit, ein gutes, ein heiliges Leben, durch Gestaltung der Welt. Und das möglichst in einer zeitlich nicht begrenzten Perspektive, sondern in der Perspektive der Ewigkeit Gottes.

Redaktion

Denken und Glauben kommen sich in Bezug auf das nachhaltige Handeln somit sehr nah?

Schallenberg

Ja, genau! Weil wir die gefassten Handlungsfelder und Ziele auch als Naturrecht bezeichnen können: also das, was jeder Mensch von Natur aus als gut und richtig erachtet. Es hat nichts mit einer religiösen Sonderoffenbarung zu tun. Jeder Mensch erkennt im Gewissen, dass es gut ist, nicht zu töten, nicht zu stehlen, nicht Ehe zu brechen. Diese Grundgebote finden sich in nahezu allen Hochkulturen der Menschheit wieder. Deswegen ist auch die Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus in enger Zusammenarbeit mit Theologen anderer Religionen erarbeitet worden.

Redaktion

Hinter Nachhaltigkeit steckt die Vision einer Welt, frei von Hunger, Armut, Krankheit und Not.

Schallenberg

Das ist das Bild vom gemeinsamen Haus, über das Papst Franziskus spricht. Wir Christinnen und Christen versuchen möglichst, das Leben auf dieser Erde zu erhalten und die Erde wohnbar zu machen– besonders auch für die Schwächeren und diejenigen mit weniger Möglichkeiten als wir.

Redaktion

Die Katholische Kirche setzt sich für die Bewahrung der Schöpfung ein, besteht da Anschlussfähigkeit an die Gesellschaft?

Schallenberg

Auf jeden Fall. Das gemeinsame Haus, das Papst Franziskus anspricht, ist ja auch nicht das Haus einer bestimmten Religion. Papst Franziskus versucht auch den Nicht-Katholiken deutlich zu machen, dass die Katholische Kirche in erster Linie nicht katholische Sonderinhalte vertritt, sondern Werte und Ziele, die jeder Mensch als gut und richtig erachten würde. Das ist ein Kennzeichen des Christentums: Dass wir nicht davon ausgehen, wir seien eine Sekte und jeder müsse sich erst bekehren, bevor er richtig handeln kann. Jeder Mensch sieht im Gewissen, was gut und richtig ist. Das Christentum vollendet das Ganze.

Redaktion

Gerade die Katholische Kirche engagiert sich da doch vielfältig. Was sind die Grundlagen für das christliche Engagement in der Schöpfungsbewahrung?

Schallenberg

Der Markenkern des Christentums ist nicht, etwas für sich oder die Kirche zu erreichen, sondern ein Instrument für die Liebe Gottes zu sein. Es ist dann nutzlos, wenn man diese Liebe nicht gut herüberbringt. Also müssen wir nicht nur reden, sondern auch handeln. Daraus besteht Nachhaltigkeit: eine nachhaltige Erklärung der Liebe ist eine dauerhafte und wirksame Erklärung der Liebe. Alles muss ein Instrument sein, um die Liebe Gottes spürbar zu machen. Vor allem im Matthäus-Evangelium (Kapitel 25) bündelt sich das sehr schön. Da steht, was für Taten der Liebe notwendig sind: Kranke besuchen, Obdachlose aufnehmen, zum Beispiel. Diese Werke der Barmherzigkeit, bis hin zum Engagement in Entwicklungsländern, einem Brunnenbau auf Madagaskar oder Ähnlichem, sind Ausdruck der Liebe Gottes. Dazu ist die Kirche da, zu nichts anderem.

 

Moraltheologe Prof. Schallenberg ist sich sicher, dass mit nachhaltigem Handeln jeder Christ und jede Christin heilig werden können.

 

„Heilig werden heißt nichts anderes, als mitarbeiten an der Mühe Gottes, jedem Menschen ausreichend Liebe zu schenken. Gott liebt jeden Menschen und er möchte, dass wir uns daran beteiligen. Das bedeutet heilig werden: mitarbeiten an einer nachhaltigen und menschenfreundlichen Welt. Je mehr ein Mensch über sich und den eigenen Tellerrand hinausschaut, desto glücklicher und erfüllter wird sein Leben. Das ist die Grundthese des Christentums.“

 

Redaktion

In Ihrem Buch „Gut, besser, Gott“ geht es um diese Liebe Gottes.

Schallenberg

Genau. Jeder Mensch strebt nach Liebe, nicht nur nach Gerechtigkeit und anderen Grundrechten. Danach, dass ein anderer Mensch zu mir sagt: „Ich liebe dich, ich möchte auf dich nicht verzichten.“ Das ist die Botschaft des Christentums. Glücklich wird nur der, der Liebe erfährt.

Redaktion

Das Beste ist somit die Liebe Gottes, richtig?

Schallenberg

Darauf zielt mein Buchtitel ab. Es gibt immer Steigerungen des Guten: die der Gerechtigkeit ist Liebe, die Steigerung der Liebe ist absolute Liebe. “Gut, besser, Gott“ meint, dass Gott die nachhaltigste und andauerndste Form der Liebe ist. Und dass es unsere Aufgabe ist, an dieser vollkommenen Form der Liebe mitzuarbeiten.

Redaktion

Ist gerade diese Liebe Gottes, nach der wir streben, dann auch der Antrieb schlechthin, um zu sagen: „Ich setze mich für andere Menschen und Nachhaltigkeit ein“?

Schallenberg

Das ist unser Auftrag. Heilig werden heißt nichts anderes, als mitarbeiten an der Mühe Gottes, jedem Menschen ausreichend Liebe zu schenken. Gott liebt jeden Menschen und er möchte, dass wir uns daran beteiligen. Das bedeutet heilig werden: mitarbeiten an einer nachhaltigen und menschenfreundlichen Welt. Je mehr ein Mensch über sich und den eigenen Tellerrand hinausschaut, desto glücklicher und erfüllter wird sein Leben. Das ist die Grundthese des Christentums. Deshalb ist uns Nachhaltigkeit so wichtig und deshalb tun wir so viel dafür.

Redaktion

Nach der Weltklimakonferenz in Glasgow ist die Stimmung nun eher ernüchtert. Muss Kirche jetzt vorangehen?

Schallenberg

Ganz klar. Je mehr wir an die Liebe Gottes glauben und dass jeder Mensch von Gott geliebt ist, desto energischer müssen wir versuchen, ein menschenwürdiges Leben für jeden Menschen auf dieser Welt zu ermöglichen. Da haben wir als Christenheit eine besondere Aufgabe.

17 Ziele für Nachhaltigkeit im Erzbistum Paderborn

Im Erzbischöflichen Generalvikariat befasst sich insbesondere das Team „Weltmission-Entwicklung-Frieden“ mit den Fragen globaler Gerechtigkeit, unter anderem auch mit den von den Vereinten Nationalen gefassten 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung. Als fünf große Kernbotschaften der Ziele, die als handlungsleitende Prinzipien vorangestellt sind, benennen die Vereinten Nationen Mensch, Planet, Wohlstand, Frieden und Partnerschaft. Punkte, an denen es große Überschneidungen zum Engagement der Katholischen Kirche gibt, findet Susanne Föller, Leiterin des Teams im Generalvikariat: „Man sieht deutlich, dass die 17 Ziele die großen Themen auf der Welt vernetzt denken. Entwicklung wird zusammengedacht mit Klimaschutz und nachhaltigem Wirtschaften. Es soll eine große Transformation geben hin zu mehr Nachhaltigkeit in allen Bereichen.“

Da das Erzbistum nach außen nach wie vor von vielen als wichtiger gesellschaftlicher Akteur wahrgenommen werde, müsse man eine Vorreiterrolle im Kampf für Nachhaltigkeit einnehmen, sagt Susanne Föller. Besonders positiv hebt sie auch das Engagement der katholischen Hilfswerke mit deren Einsatz im globalen Süden hervor. Doch auch jeder Einzelne könne etwas tun und nachhaltig agieren: „Schöpfung ist nicht nur das, was wir als Natur bezeichnen, sondern auch wir selbst als Menschen sind Geschöpfe Gottes“, so Föller. „Wenn wir uns bemühen, gerechte Strukturen für Menschen zu schaffen, fällt das für mich auch unter Bewahrung der Schöpfung. Von daher ist die Bewahrung der Schöpfung eine gute Überschrift für die 17 Ziele zur Nachhaltigen Entwicklung, mit denen sich das Erzbistum Paderborn mit seinen vielen Projekten gut identifizieren kann. Für die katholische Kirche als globales Netzwerk sehe ich hier einen größeren Auftrag und viele Möglichkeiten, Nachhaltigkeit als Aufgabe nach außen zu tragen.“

Ein Beitrag von:
Redakteur

Till Kupitz

 
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