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Erzbistum Paderborn
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© Dragana Gordic / Shutterstock.com

Dranbleiben. Dableiben. Aushalten.

Corinna Reiter ist mit Freude Seelsorgerin in den Werkstätten des Caritasverbandes Arnsberg-Sundern

„Frau Reiter, haben Sie kurz Zeit für mich?“
„Kann ich Sie mal eben sprechen, Frau Reiter?“
„Können wir vielleicht eine Runde drehen?“

Dienstagmorgen in der Caritas-Werkstatt Neheim. Kaum hat Corinna Reiter den Flur betreten, ist sie mitten im Geschehen. Man spricht sie an, manche schreiben lieber eine E-Mail. Aber jeder hier kennt sie. Als seelsorgliche Begleitung der Caritas-Werkstätten Arnsberg ist das ihre Aufgabe: ein offenes Ohr haben für die Menschen im Arbeitsalltag, vor allem in Krisenzeiten. Seit 2016 ist Corinna Reiter Ansprechpartnerin für rund 700 Beschäftigte in sieben Einrichtungen: Menschen mit psychischen Erkrankungen, geistigen Behinderungen oder Schwerstmehrfachbehinderungen. Ein Projekt, das das Erzbistum Paderborn bis heute fördert.

Stehen bleiben, wenn’s schwierig wird

Anfangs waren manche skeptisch. Nicht jeder hat mit der Kirche was am Hut. Aber die 47-Jährige ist nicht der Typ Seelsorgerin, die mit Bibel unterm Arm durch die Gruppen zieht. Erst wenn das Gespräch existenziell wird, spricht sie von Gott. Oft thematisieren Beschäftigte ihn auch von selbst. Dabei ist die Arbeit hier alles andere als leicht, nicht immer geht es um die schönen Seiten des Lebens. „Schwere Lebenskrisen, Gewalterfahrungen – manchmal bekomme ich solche Lebensscherben vor die Füße geworfen, dass das schwer auszuhalten ist“, gesteht Corinna Reiter. Warum sie trotzdem bleibt? Jesu Jünger Johannes, der unterm Kreuz stehen geblieben ist, während viele wegliefen, ist ihr ein Vorbild: „Auch wenn’s hart auf hart kommt: dranbleiben, dableiben, aushalten, so verstehe ich meine Aufgabe hier.“

Seit 24 Jahren arbeitet die diplomierte Sozialpädagogin beim Caritasverband Arnsberg-Sundern. Lange war sie im Sozialen Dienst tätig, bevor sie ihrem Herzensanliegen nachging und sich zur seelsorglichen Begleitung qualifizierte. Angeschlossen hat sie eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Denn neben vielen anderen Lebensthemen wie Einsamkeit, Glauben, Zweifeln, Hoffen nimmt Trauer viel Raum in den Gesprächen ein – über den Verlust eines lieben Menschen, aber auch wenn Träume aufgrund der eigenen Einschränkungen nicht realisiert werden können.

Für mich bedeutet Seelsorge, die Schuhe vor dem heiligen Boden meines Nächsten auszuziehen. In Demut innezuhalten, um mich in Ehrfurcht und behutsam dem Göttlichen in ihm zu nähern.

Corinna Reiter

„Hier gehört die christliche Botschaft hin.“

Vor wenigen Tagen ist ein Kollege verstorben, von dem sich die Beschäftigten heute verabschieden möchten. Während Corinna Reiter in einem Gruppenraum, in dem sonst Verpackungs- und Montagearbeiten durchgeführt werden, eine Andachtsstätte mit Kerzen schmückt, grüßen die Vorbeikommenden freundlich. Die meisten kennt Corinna Reiter mit Namen. Ein eigenes Büro hat sie nicht. Ihr Arbeitsplatz liegt mitten in den Gruppenräumen zwischen Verpackungskartonagen und Arbeitsmaterialien – dort, wo das Leben spielt. „Das ist nicht immer so schick, wie man sich Kirche vorstellt, aber das liebe ich an meinem Beruf. Genau hier gehört für mich das Evangelium hin“, zeigt sich die Seelsorgerin begeistert.

Ihr Angebot umfasst Einzelbegleitungen, Andachten und Gruppenaktionen: ein Trauercafé mit Kreativangeboten, Oasentage, Ausflüge wie Wallfahrten oder spirituelle Wanderungen mit Impulsen in der Natur. Das allerwichtigste Angebot aber lautet: Zuhören. Dabei leitet sie die Bibel mit der Aufforderung Gottes an Mose vor dem brennenden Dornbusch: Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land. „Für mich bedeutet Seelsorge, die Schuhe vor dem heiligen Boden meines Nächsten auszuziehen. In Demut innezuhalten, um mich in Ehrfurcht und behutsam dem Göttlichen in ihm zu nähern“, gibt Corinna Reiter Einblick in ihr Selbstverständnis. „Das macht mich selbst zwar verletzlich, aber immer auch achtsam im Gespräch.“

Vom Pilotprojekt zur festen Institution

Dieses sich einlassen auf die Situation bringt mit, dass die Seelsorgerin am Morgen nie weiß, was sie während des Tages erwartet. Gruppenangebote sind fix, alles andere fügt sich. Die verschiedenen Einrichtungen, das Spektrum an Erkrankungen und Behinderungen, die Themenvielfalt, mit der sich die Beschäftigten an sie wenden, fordern Flexibilität. Dem begegnet Corinna Reiter mit Engagement und einer tiefen Ehrfurcht vor der eigenen Aufgabe. Was vor acht Jahren als Versuchsballon gestartet ist, hat sich im Caritasverband Arnsberg-Sundern längst bewährt. Warum Seelsorge in Werkstätten unverzichtbar ist? „Weil man dort mit Menschen spricht, die sonst kaum Zugang zu solchen Angeboten haben“, resümiert Corinna Reiter. Und strahlt dabei so viel Freude aus, dass man schnell ahnt: Genau hier gehört sie hin.

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Ein Beitrag von:
© privat
Freie Autorin

Dr. Carina Middel

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