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Die Ostergeschichte - aus der Sicht von Maria von Magdala

Zeugin von Tod und Auferstehung

Die Evangelien erzählen nur wenig darüber, wie Maria von Magdala Leiden, Tod und Auferstehung Jesu erlebt hat. Wir haben versucht, das Bild zu vervollständigen, waren dabei aber auf unsere Vorstellungskraft angewiesen: Was hat Maria gedacht und empfunden, als sie Zeugin der Hinrichtung Jesu wurde und später dem Auferstandenen begegnet ist? Eine Annäherung.

Die erste Begegnung mit Jesus

Maria von Magdala denkt wehmütig an die Zeit zurück, die sie mit Jesus verbracht hat, eine Zeit, die jetzt vorbei zu sein scheint. In Jerusalem, dem Ziel ihres Weges, hat man ihn verhaftet und zum Tode am Kreuz verurteilt, so hat man es ihr erzählt. Maria will es nicht glauben. Trotzdem hat sie sich auf den Hügel Golgotha begeben, wo Jesus gekreuzigt werden und sterben soll. Sie kann irgendwie nicht anders. Nicht nach dem, was sie erlebt hat, seit sie Jesus zum ersten Mal getroffen hat.

Sie erinnert sich noch gut an ihre erste Begegnung, in der Nähe ihrer Heimat am See Genezareth. Damals ging es ihr nicht gut. Woran das lag, wusste sie nicht. Fremdgesteuert hat sie sich gefühlt, irgendwie besessen. Jesus hat sofort verstanden, was mit ihr los war, und nach ihrer Begegnung hat sie sich besser gefühlt. Mehr als das: Sie hat sich befreit gefühlt und erlöst. Später hat man ihr erzählt, dass Jesus ihr sieben Dämonen ausgetrieben hat. (Lk 8,2) Darüber will sie bis heute gar nicht so genau nachdenken…

Wieso ist Jesus zu solchen Wundern fähig?

Maria blieb bei Jesus und begleitete ihn auf seinem Weg. In der Zeit, in der sie mit ihm unterwegs war, hat sie eine neue Welt entdeckt. Sie hat erlebt, wie Jesus weitere Menschen geheilt hat, einmal hat er sogar ein kleines Mädchen zum Leben erweckt, das gerade gestorben war. Das hat natürlich für Spekulationen gesorgt: Wieso ist Jesus zu solchen Wundern fähig? Manche hielten ihn für einen Propheten, Simon Petrus, einer seiner Jünger, hat ihn sogar „Messias, Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16) genannt.

Dass Jesus eine besondere Nähe zu Gott haben musste, stand für Maria außer Frage. Sie hat das vor allem gespürt, wenn sie ihm zuhörte: wenn er von seinem Gott erzählte, den er „Vater“ nannte oder vom Reich Gottes, das er mit Gleichnissen so wunderbar beschreiben konnte. Sie hat sich Gott näher gefühlt, wenn sie ihm zuhörte, fast so, als ob sie ihn berühren könnte. Ob das daran lag, dass Jesus so mitreißend von Gott erzählen konnte? Oder war da mehr?

In Jerusalem wendet sich das Blatt

Zusammen mit Jesus ist sie bis nach Jerusalem gewandert. Dort haben sich die Dinge dann zum Schlechten gewendet. Es hat vielen nicht gepasst, was Jesus gelehrt und getan hat, das war Maria schon klar. Er hat Menschen am Sabbat geheilt, er hat sich mit Personen umgeben, die andere als Sünder bezeichneten, an den religiösen Wortführern hat er harte Kritik geübt, er hat die Händler aus dem Tempel getrieben. Aber muss man ihn deshalb zum Tode verurteilen?

Obwohl… Hat er es nicht selbst gesagt, dass es so kommen würde? Sie hat seine Worte gehört, hat sie aber schnell immer wieder bei Seite geschoben, weil sie es nicht wahrhaben wollte. „Ich werde den Menschen ausgeliefert werden… man wird mich verspotten und töten“, so oder so ähnlich waren seine Worte. Er hat auch etwas von „Auferstehung“ gesagt, aber Maria ist es ein Rätsel, was er damit gemeint haben könnte.

Jesus wird sterben

Sie bemerkt, wie die Menschenmenge, die sich inzwischen auf Golgotha versammelt hat, unruhig wird. Wenig später sieht sie eine Gruppe von Menschen näherkommen, drei davon tragen ein Kreuz auf ihren Schultern. Maria erkennt, dass einer davon Jesus ist, und bei seinem Anblick krampft sich alles in ihr zusammen. Man hat ihn schwer misshandelt, er trägt eine Dornenkrone auf dem Kopf, das Blut läuft ihm über das Gesicht. Was bisher nur eine Nachricht für sie war, wird nun grausame Wirklichkeit. Jesus wird sterben.

Sie will weggehen, nicht ansehen müssen, was jetzt passiert, doch sie bleibt. Sie kann ihn nicht allein lassen, es käme ihr vor wie ein Verrat. Aus der Entfernung kann sie nicht sehen, wie sie ihn ans Kreuz schlagen, sie hört nur die Hammerschläge, was schlimm genug ist. Schließlich richten sie das Kreuz auf, so dass sie seinen geschundenen Leib sehen kann. Lange steht sie einfach nur da und sieht Jesus beim Sterben zu. Einmal hört sie, wie er laut schreit, doch sie kann nicht verstehen, was er ruft. Wenig später bewegt er sich nicht mehr. Sie begreift, dass er tot ist und weint bitterlich.

Bestattung in einem Felsengrab

Plötzlich kommt erneut Unruhe auf. Maria braucht eine Weile, bis sie begreift, dass es mitten am Tag dunkel geworden ist. Dabei bleibt es nicht. Auf einmal bebt die Erde unter ihren Füßen. Sie hört ein krachendes Geräusch und sieht, wie in den Felsen in ihrer Nähe Risse und Spalten auftauchen. Die Menschen, die mit ihr auf Golgotha stehen, schauen sich erschrocken an, und Maria kann die Frage in ihren Gesichtern lesen, die auch sie beschäftigt: Wer ist da gerade am Kreuz gestorben?

Als sie sieht, dass man Jesu Leichnam vom Kreuz abnimmt und in ein Leichentuch wickelt, nähert sie sich dem jetzt leeren Kreuz. Sie erfährt, dass ein gewisser Josef von Arimathäa die Erlaubnis erhalten hat, Jesus in einem Felsengrab zu bestatten. Daraufhin beschließt sie, Jesus auch auf seinem letzten Weg zu begleiten. Sie sieht zu, wie man ihn in dem Felsengrab bestattet und wie ein schwerer Stein vor die Öffnung gewälzt wird.

Der Stein ist weggewälzt

Der Stein vor dem Grab wirkt schrecklich endgültig. Während des gesamten Sabbats, der auf Jesu Todestag folgt, fragt Maria sich verzweifelt, ob das wirklich alles gewesen sein konnte. Als der Sabbat vorbei ist und eine neue Woche anbricht, hält sie es nicht mehr aus. Ganz früh, in der Dunkelheit, eilt sie zum Grab.

Als sie ankommt, kann sie nicht glauben, was sie sieht. Der Stein ist nicht mehr vor dem Grab. Jemand hat ihn weggerollt.

Ein heftiger Schreck durchfährt sie. Jemand muss Jesu Leichnam gestohlen haben, anders kann sie sich das nicht erklären. Sie rennt davon, dorthin, wo sich Simon Petrus mit einem weiteren Jünger aufhält. Sie erzählt ihnen, was sie gesehen hat. Die Jünger laufen sofort los, zum Grab. Auch Maria beschließt, wieder hinzugehen, folgt den beiden jedoch nur langsam. Hat man ihr tatsächlich noch die letzte Möglichkeit genommen, um Jesus nahe zu sein? Sie weint auf dem Weg zum Grab, weint auch dann noch, als sie beim Grab ankommt. Von den beiden Jüngern ist nichts mehr zu sehen. Vermutlich sagen sie schon den anderen Bescheid, was passiert ist.

„Rabbuni!“

Nun wagt sie, einen Blick ins Grab zu werfen. Erstaunt sieht sie, dass zwei Männer in weißen Gewändern dort sitzen. Vom Leichnam Jesu dagegen ist nichts zu sehen. Die beiden Männer fragen sie, warum sie weint. Sie erklärt es ihnen, dreht sich um und sieht sich vor dem Grab einem weiteren Mann gegenüber, der ihr fremd ist. Auch er fragt sie, warum sie weint. Maria überlegt, ob es vielleicht der Gärtner sein könnte – dann könnte er vielleicht wissen, was mit Jesu Leichnam geschehen ist. Hoffnungsvoll fragt sie ihn.

Doch der Mann antwortet nicht auf ihre Frage. Stattdessen sagt er nur: „Maria!“. Und da erkennt sie ihn. Es ist Jesus, dem sie da gegenübersteht. Er ist nicht deshalb aus dem Grab verschwunden, weil man seinen Leichnam gestohlen hat, sondern weil er gar nicht tot ist. Weil er lebt. „Rabbuni!“, sagt sie zu ihm und streckt die Hand nach ihm aus.

Die froheste aller Botschaften

Doch da weicht er vor ihr zurück. „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen“ (Joh 20, 17a), sagt er zu ihr. Und trägt ihr auf: „Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ (Joh 20, 17b)

Maria von Magdala tut, was er ihr sagt. Während sie zu den Jüngern geht, um ihnen die froheste aller Botschaften zu überbringen, kehrt das Lächeln in ihr Gesicht zurück. Erneut ist ihre Welt wie verwandelt, wie damals, als Jesus sie von den Dämonen befreit hat. Sie spürt die Nähe wieder, die sie immer empfunden hat, wenn Jesus ihr von Gott erzählte. Und tief in ihrem Innern weiß sie, dass diese Nähe sie niemals wieder verlassen wird.

Das befreite und erlöste Leben, in das Jesus sie geführt hat: Es ist nicht vorbei, es beginnt gerade erst.

Jesus lebt.