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“Bei jungen Menschen pulsiert die Seele Europas”

"Bei jungen Menschen pulsiert die Seele Europas"

Interview mit dem Direktor der Kommende Dortmund, Prälat Dr. Peter Klasvogt, zur Sozialakademie und "summer school"
Redaktion

Sehr geehrter Prälat Dr. Klasvogt, ein Leitartikel der ZEIT lautete dieser Tage “Europa braucht den nächsten Jacques Delors” und bezeichnet ihn als einen der größten Europäer des letzten Jahrhunderts. “Europa eine Seele geben” ist ein Zitat von Delors und zugleich das Motto der  mehrwöchigen “summer school” für Seminaristen aus Mittel- und Osteuropa, die von der Kommende Dortmund seit nunmehr zwölf Jahren erfolgreich angeboten wird. Wie steht es um die Seele Europas?

Prälat Peter Klasvogt

Europa ringt derzeit um seine Einheit, um seine Identität. An die Stelle gemeinsamen solidarischen Handelns treten schleichend Kosten-Nutzen-Überlegungen einzelner Mitgliedstaaten („I want my money back“) – bis hin zum ökonomistisch und nationalistisch motivierten Austritt. In Friedenszeiten, so scheint es, wächst die Gewöhnung, die gegenseitige Abnutzung, der Eigennutz. Aber ich erlebe überall in Europa junge Menschen, die ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl haben, die sich politisch, aber auch in ihrem persönlichen Lebensstil für den Schutz von Minderheiten, für eine lebenswerte Umwelt und die Durchsetzung universaler Menschenrechte einsetzen. Da pulsiert die Seele Europas, auch wenn man das in der großen Politik manchmal vermisst.

Redaktion

Sie sind bekennender Europäer und setzen sich besonders für Mittel- und Osteuropa ein. 2017 wurde Ihnen für Ihr Engagement sogar der Konstanzer Konzilpreis verliehen. Ist Europa mit einem stabilen Osten sicherer oder anders gefragt: ist die Seele Europas nur mit dem Osten in Takt?

Peter Klasvogt

Prälat Dr. Peter Klasvogt, Direktor der Katholischen Akademie Schwerte und der Kommende Dortmund

Papst Johannes Paul II. sah die Zeit gekommen, dass Europa (endlich wieder) auf beiden Lungenflügeln atmen kann – in Ost und West. Wir haben uns auseinandergelebt, waren in unterschiedlichen Systemen verhaftet, aber wir sind im Westen auch pluralitätserfahren und sollten Diversität nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung begreifen. Das erfordert aber den Mut, nicht defensiv, wie Papst Franziskus immer wieder betont, „eher Räume zu sichern und zu beherrschen, als Inklusions- und Transformationsprozesse hervorzubringen“. Als Christen in Ost und West haben wir, bei aller kulturellen Verschiedenheit, ein gemeinsames Fundament; darauf können wir bauen, im Vertrauen auf eine Zukunft, die Gott uns schenkt.

Redaktion

Zielsetzung der Sozialakademie ist die Schulung und Ausbildung in der christlichen Sozialethik vor dem Hintergrund des europäischen Einigungsprozesses. Zugleich geht es um die gesellschaftliche Verantwortung der Kirche in Osteuropa. Ist diese Aufgabe in den sensiblen Zeiten des politischen und sozialen Umbruchs besonders schwierig? Gerade in einer Zeit, wo der Nationalismus verstärkt in osteuropäischen Ländern an Einfluss gewinnt?

Peter Klasvogt

Wie nach der Zweiten Weltkrieg die Kirchen in Deutschland aufgefordert waren, mit den Werten und Prinzipien der Katholischen Soziallehre zum Aufbau der Bundesrepublik beizutragen – was dann ja seinen maßgeblichen Niederschlag im Grundgesetz und in der Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft gefunden hat -,  so sind heute die Kirchen in den postkommunistischen Transformationsländern herausgefordert, ihren Beitrag für eine Kultur des Respekts und des gesellschaftliche Zusammenhalts zu leisten. Dass wir da auch auf europäischer Ebene vor großen Herausforderungen stehen, ist ein Grund mehr, uns enger zusammenzuschließen, voneinander zu lernen und uns gegenseitig zu unterstützen.

Redaktion

Wie schaffen Sie es, bei den Seminaristen das politisch-soziale und caritative Engagement zu stärken, um in den Ortskirchen an der Modernisierung ihrer Länder sowie den europäischen Einigungsprozess mitgestalten zu können?

Peter Klasvogt

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, wie Martin Buber sagt. Die sozialethische summer school ist gewissermaßen ein temporäres internationales Priesterseminar, gewissermaßen eine Wahrnehmungsschule unterschiedlicher gesellschaftlicher Wirklichkeiten in den Herkunftsländern der Seminaristen, von Lettland und Russland bis Albanien. Die Einblicke in das soziokulturelle und caritative Engagement der Kirchen in Deutschland, in dieser Form wohl einmalig aufgrund des besonderen Staat-Kirche-Verhältnisses, führen zu angeregten Diskussionen und animieren dazu, über die Möglichkeiten und Grenzen kirchlichen Handelns in den je unterschiedlichen Kontexten nachzudenken. Damit eröffnen sich aber zugleich Perspektiven internationaler Zusammenarbeit und Vernetzung.

Redaktion

Wie groß ist die Bereitschaft der Teilnehmer der “summer school” die Verantwortung – trotz schwieriger Verhältnisse – zu übernehmen? Was können die jungen Priester vor Ort bewirken – und wie?

Peter Klasvogt

In den letzten Jahren haben bereits drei internationale Alumni-Kongresse in Rom, Zakopane und Brüssel stattgefunden, die dem Erfahrungsaustausch dienten und zur Gründung einer sozial-caritativen Jugendbewegung „socioMovens. Giving Europe a Soul. e.V.“ in mittlerweile acht Ländern geführt haben -vgl. www.sociomovens.net. Unter Leitung und Begleitung früherer Teilnehmer der Sozialakademien fanden bereits über 35 Projektwochen statt, in denen sich insgesamt rd. 700 Jugendliche mit der konkreten sozialen Not vor Ort auseinandergesetzt haben. Daraus sind lokale Gemeinschaften und regionale Netzwerke entstanden, die bereits ein belebendes Element in den jeweiligen Ortskirchen darstellen.

Redaktion

Inwieweit ist die Gesellschaft im Osten bereit, katholische Priester in dieser Intention und in Glaubensfragen zu akzeptieren?

Peter Klasvogt

„Die Welt hört nicht auf Lehrer, sondern auf Zeugen“. Das Wort Papst Pauls VI. gilt auch heute, im Westen wie im Osten. Eine Kirche, die dient und sich der konkreten Probleme annimmt, wirkt anziehend und erweist sich gleichermaßen als wesenskonform und gesellschaftsrelevant. Das Priesterbild, das wir in unserer Sozialakademie vermitteln möchten, orientiert sich an der Gestalt Jesu, der dient, der liebt, der Gemeinschaft stiftet – servant leadership; das bewahrt letztlich auch vor jeder Form von Klerikalismus. Ich bin davon überzeugt, es braucht Priester in Ost und West, die sich in Einstellung, Haltung und Verhalten von diesen Maßgaben leiten lassen erwarten.

Redaktion

Sie bleiben mit den ehemaligen Seminaristen gut vernetzt. Haben Sie noch Kontakt zu Teilnehmern der ersten Stunde 2007? Was können diese Ihnen heute berichten?

Peter Klasvogt

Mittlerweile haben rd. 250 Seminaristen an der Sozialakademie teilgenommen; mit vielen sind wir noch in Kontakt und arbeiten etwa im Rahmen unseres Education-Programms zusammen. Zwei Teilnehmer des ersten Jahrgangs habe ich kürzlich in Rom getroffen: einer ist aus der Slowakei, mittlerweile Spiritual im Seminar, der gerade seine Promotion abgeschlossen hat; der andere aus Polen bereitet sich auf den diplomatischen Dienst vor. Manche tauchen aber auch erst nach Jahren unverhofft wieder auf. Auf einem RENOVABIS-Kongress sprach mich kürzlich jemand an: „Kennen Sie mich noch?“ Es war der Generalvikar von Split, der sich noch lebhaft an unsere erste gemeinsame Sozialakademie erinnerte.

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