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Heutzutage Priester sein…

Heutzutage Priester sein...

Interview mit Monsignore Andreas Kurte zum Priestersein.

„Das ist eine starke Geste der Solidarität in einer nicht immer leichten Zeit“, lobt Monsignore Andreas Kurte, Leiter der Zentralabteilung Pastorales Personal im Erzbischöflichen Generalvikariat, das Schreiben von Papst Franziskus an alle Priester in der katholischen Kirche. In schwierigen Zeiten sei es eine Ermutigung. Kurte ist Personalverantwortlicher für die Priester, Diakone sowie Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten im Erzbistum Paderborn, im Herzen aber auch immer noch selbst Seelsorger. Im Interview stellt er sich Fragen zum Priestersein, persönlichen Gefühlen und Problemfeldern.

Das Image des Priesters in der Öffentlichkeit hat sich gewandelt. Welche Reaktionen erleben Sie, wenn Sie sich als Priester zu erkennen geben bei Begegnungen mit Menschen außerhalb des kirchlichen Umfeldes?

Monsignore Andreas Kurte

Ich glaube, dass es seit der MHG-Studie und auch schon seit 2010 ein anderes Gefühl ist. Das wird mir auch von vielen Mitbrüdern bestätigt – bis dahingehend, dass es, wenn sie als Priester erkannt werden, zu offenen Anfeindungen kommt „Du bist ja auch einer von denen“. Wir unterliegen da alle so einem Pauschalverdacht. Das empfinden viele schon als Belastung und das macht sie auch traurig. Denn – Gott sei Dank – erfüllt die Mehrzahl von Priestern ihren Dienst treu.

Sie sind einer von rund 490 Priestern im Erzbistum Paderborn. Sie haben sich vor über 30 Jahren für das Priesteramt entschieden. Hat sich für Sie persönlich in der Berufung zwischen damals und heute ein Wandel vollzogen oder ist der Kern der Entscheidung gleich geblieben?

Andreas Kurte

“Die Freude an dieser Botschaft, die Freude an den Menschen – beides ist mir wichtig.”

 

Der Kern ist bei mir geblieben, da muss man nicht drüber diskutieren. Die Freude an dieser Botschaft, die Freude an den Menschen – beides ist mir wichtig. Wir müssen den Menschen Gott nicht bringen, Gott ist immer schon da. Es gilt nur, ihn in unserer Zeit zu entdecken. Aber es hat sich in der Arbeitsweise sehr viel verändert.

Wie haben sich die Arbeitsweisen verändert?

Andreas Kurte

Ich hatte meine erste Stelle in der 3.900-Seelen-Gemeinde Lügde. Dort gab es damals einen Pfarrer und einen Vikar. Und so haben wir jungen Priester auch 1990 gedacht: Irgendwann wirst du auch mal Pfarrer, und wenn du gut bist, bekommst du einen Vikar und eine Gemeindereferentin dazu, sonst gehst du irgendwo in einen kleineren Ort. Diese Annahme hat sich heute aber völlig verändert durch die Bildung der Pastoralverbünde und vor allem durch die Pastoralen Räume. Es gibt durchaus Kollegen vieler Generationen, die darunter leiden, dass sie unter ganz anderen Bedingungen angefangen sind. Das Ziel des jungen Priesters war es, Pfarrer zu werden. Heute kann das Ziel nicht mehr Pfarrer sein, sondern: wie kannst du als Priester als Seelsorger leben. In den Pastoralen Räumen des Erzbistums benötigen wir nur noch 87 Pfarrer. Selbst für diese Räume werden wir auf Dauer nicht mehr genügend Leiter haben.

Wie sieht die Herausforderung als Leiter einer der Pastoralen Räume aus?

Andreas Kurte

Das Stichwort ist für mich Komplexität. Wir haben sehr viele Priester, die in dem alten System mit ihren auch unterschiedlich großen Pfarreien sehr gut ihren Dienst gemacht haben und hätten, aber sich in den großen Räumen nun sehr schwer tun.

Welche Anforderungen erfordert Komplexität?

Andreas Kurte

Früher war der Priester in einer Gemeinde tätig. Wenn ich mir jetzt beispielsweise den Pastoralverbund Schmallenberger Land anschaue: Dort gibt es 21 Pfarreien. Nicht nur hier gelten die Fragen: Wie kann man als Pfarrer solch einen großen Pastoralverbund leiten? Wie kann ein großes Pastoralteam gut geleitet werden? Wie findet in dem Pastoralteam so jeder seine Aufgabe? Wie geht in so einem Raum Ehrenamtsförderung? Das sind sehr komplexe Dinge, die schnell und mit Überblick beantwortet werden müssen. Aber ich glaube, dass der Begriff Komplexität nicht nur ein Problem in der Kirche ist, sondern ein Problem unserer Zeit, unserer Gesellschaft. Menschen erwarten auf schwierige Fragen klare Antworten – diese Klarheit ist heute nicht mehr gegeben.

Was hat sich für Sie geändert – einem Priester, der Verwaltungsaufgaben erfüllt und nicht nur klassische Seelsorge macht?

Andreas Kurte

Nebenbei bin ich immer noch in meiner Heimatgemeinde in der Südstadt von Paderborn seelsorgerisch tätig. Dort feiere ich am Wochenende Gottesdienste, übernehme Beerdigungen oder bin sonst im Freundes- und Bekanntenkreis seelsorgerisch aktiv. Das brauche ich auch, weil ich den Kontakt zu den Menschen in der Pfarrei benötige.

Spüren Sie in der Pfarrei dann wieder die wichtigen Momente der Berufung zum Priesteramt?

Andreas Kurte

An meiner jetzigen Stelle gibt es ja nicht nur Verwaltungsaufgaben, sondern ich führe auch viele Personalgespräche, Gespräche mit Gremien oder vor Ort auch Konfliktgespräche, aber ich mache keinen Hehl daraus, dass bestimmte Herzregionen bei mir höher schlagen, wenn ich am Sonntagmorgen den Familiengottesdienst in St. Kilian habe. Dafür bin ich Priester geworden und es macht mir immer noch Freude.  Jetzt erlebe ich eine junge Generation, die ganz anders ist. Und ich komme in manchen Dingen zum Beispiel in der Kommunikation auch nicht mit, aber wir dürfen nicht sagen, dass unsere Zeit schlechter oder besser ist. Sie sie einfach nur anders. Und wie gehen wir als Kirche mit diesem Anderssein um? Wir sind ein Anbieter unter Vielen geworden – das müssen wir als Kirche lernen und um die Menschen werben.

Hier finden Sie Ihre Motivation, um auch Fragen und Zweifel zu überstehen?

Andreas Kurte

Für das Priesteramt ist in Zeiten der Veränderung wichtig, die Frage zu stellen, was einen persönlich in diesem Beruf und im Glauben trägt. Wenn man es an Äußerlichkeiten fest macht, wird man nicht lange Freude daran haben, weil die Äußerlichkeiten sich sehr stark ändern. Christus-Beziehung und Beziehung zu anderen Menschen bekommen hier eine besondere Bedeutung. Priestersein funktioniert auf Dauer nur, wenn es  gelingt, in einem Beziehungsgeflecht zu leben zu anderen Menschen und zu guten Freunden, bei denen man auch mal die Füße auf den Tisch legen kann, die aber gleichzeitig für mich ein Korrektiv sind. Das wird in Zukunft, wo wir Priester immer weniger werden, noch wichtiger. Ich bin da sehr froh, Freunde zu haben, die mich mal ermahnen und sagen, jetzt wirst du komisch.

Welche Äußerlichkeiten meinen Sie?

Andreas Kurte

Der Klerus steht meiner Meinung nach auf einem viel zu hohen Sockel. Aber ich meine nicht nur die gesellschaftliche Stellung, sondern auch die Einstellung, man könne nur in einer barocken oder neugotischen Kirche Priester sein oder wenn man das Priestersein an bestimmten Kleidungsstücken festmacht. Das hat langfristig keine Zukunft. Es muss eine Beziehung aus dem Glauben heraus und eine Beziehung zu anderen Menschen sein.

Was könnte eine Stärke des Priestertums der Zukunft sein?

Andreas Kurte

Wenn ich mir den gesamten Klerus anschaue, haben wir derzeit eine große Bandbreite von theologischen Einstellungen bis hin zu liturgischen Arten. Klerikalismus fängt für mich da an, wo ich mich über andere Menschen erhebe. Das ist keine Form, wie ich mir mein Priestersein vorstelle. Entscheidend ist die Frage, wie es uns in der Ausbildung gelingt, Persönlichkeiten zu gestalten, die auch dieses Amt, was sie übertragen bekommen, ausfüllen mit ihrer Person. Bitte nicht über das Amt definieren, denn Amt und Person gehören zusammen. Wie kann Kirche dem Menschen nah sein? Diese Frage sollte im Vordergrund stehen.

Liegt in der Veränderung auch eine Chance für die Zukunft?

Andreas Kurte

“Ich sehe die Chance darin, wie es im Zukunftsbild des Erzbistums beschrieben ist.”

 

Ich sehe die Chance darin, wie es im Zukunftsbild des Erzbistums beschrieben ist, dass sich Menschen bewusst machen, ‚ich bin getauft, ich bin gefirmt‘ und ich lebe aus meiner Taufberufung in meinem Glauben und bringe mich dadurch mit ein. Aber was ist dann die Rolle des Priesters? Die Rolle des Priesters ist dann nicht mehr zu sagen, was man zu tun oder zu lassen hat, sondern Begabungen fördern und Menschen darin unterstützen. Auch bei allen unterschiedlichen Gedanken – auch in kritischen Phasen – ist und bleibt das Verbindende die Eucharistie.

Mit welchen Themen und Fragen kommen die Priester zu Ihnen, wenn sie das Gespräch mit ihrem Personalchef suchen? Wie reagieren Sie auf Irritationen und Selbstzweifel?

Andreas Kurte

Das große Thema ist „Einsatz und Begleitung“. Mein oberstes Ziel bei der Stellenbesetzung ist, jemanden an eine Stelle zu setzen, wo er richtig ist. Das gelingt nicht immer. Deshalb ist es wichtig, zu prüfen: Was bringt der Priester an Begabung mit, was kann er gut? Aber auch Defizite müssen benannt werden. Passt dazu die Stelle? Passt eine Leitungsfunktion? Ansonsten begegnet mir alles, was einem begegnet, wenn man mit Menschen zu tun hat. Bei gesundheitlichen Problemen – vor allem psychosomatischen – sind wir mittlerweile gut vernetzt und können Hilfen anbieten.  Gibt es Probleme im Pastoralteam, führen wir Konfliktgespräche. Vor einigen Jahren haben wir die Sabbatzeit eingeführt, die nicht für eine gesundheitliche Wiederherstellung ist, sondern mit geistlich-spiritueller Begleitung die Möglichkeit eröffnet, über eine neue Rolle oder eine persönliche Standortbestimmung Antworten zu finden.

Auf der einen Seite der Personalchef, auf der anderen Seite auch ein Mitbruder der Priester mit Problemen. Was macht das mit der Person Andreas Kurte, gerade dann wenn ein Priester sein Amt aufgibt?

Andreas Kurte

Grundsätzlich habe ich die Entscheidung zu akzeptieren. So erlebe ich auch unseren Erzbischof, der aber nachfragt, ob der Priester für eine gereifte Entscheidung noch Bedenkzeit benötigt. Ich bedauere sehr häufig die Entscheidungen, weil wir gute und engagierte Leute verlieren. Aber wir fallen ihnen nicht zu Füßen und bitten, ihr müsst unbedingt bleiben. Jeder der geht, bringt mich natürlich zum Nachdenken. Die Gründe sind unterschiedlich – Struktur der Kirche, Stress, private Gründe. Ich glaube schon, dass es mich bewegt, aber es gehört zur Professionalität dazu, dass ich nicht mit jedem erst heule und weine. Man braucht auch ein Stück gesunde Distanz und dazu den nötigen Ausgleich.

Wie finden Sie Ihren Ausgleich?

Andreas Kurte

Ich arbeite gern im Garten, kann mit Geschichte gut abschalten, freue mich auf Kontakte mit Menschen, brauche aber auch mal meine Ruhe. Das Buch über Corvey war letztlich auch ein Stück Therapie, als mein Vater ein Pflegefall wurde. Da hatte ich immer am Abend etwas, an dem ich gern gearbeitet habe. Aber auch Radfahren und Wandern. Ohne Ausgleich geht es nicht.

Sehr geehrter Monsignore Kurte, vielen Dank für die offenen und sehr persönlichen Statements.
Das Interview führten Tobias Schulte und Ronald Pfaff.

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