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5
März
2021
5.März.2021

Wissensspeicher Kirche

Der westfälische Odysseus und die lesende Maria

Die Kirche war und ist bis heute ein wichtiger Wissensspeicher. In ihrem Schutz konnte Wissen aus der Antike die Völkerwanderungszeit und die dunklen Jahrhunderte des Frühmittelalters überdauern. Doch auch heute noch speichert die katholische Kirche Wissen und schafft neues.

Am Westwerk von Corvey findet sich eine heute schwer lesbare Zeichnung aus karolingischer Zeit. Ein Kämpfer sticht mit einer Lanze auf ein mit Pfeil und Bogen bewaffnetes und von Hunden umgebenes weibliches Vogelwesen ein. Das geübte Auge erkennt auf dem Bild ferner Delfine und Schiffstrümmer. Keine Frage: Es handelt sich um Odysseus im Kampf mit dem Seemonster Skylla. Aber wie kommt der griechische Sagenheld nach Westfalen? Und was hat er an einem Chor eines Westwerks aus dem 9. Jahrhundert verloren?

Odysseus wird zum Vorbild für die Christenheit

Odysseus ist die vielschichtigste, interessanteste, unterhaltsamste und damit auch modernste Gestalt der griechischen Sagenwelt. Er ist zweifelsohne ein Held, ein strahlender Heros. Zugleich ist er ein Maulheld, ein Schwätzer vor dem Herrn. Odysseus kämpft mit Waffen und mit List. Geliebt von Athene, gehasst von Poseidon, ist er ein Spielball der Götter, die ihn wie eine Flipperkugel durch den Mittelmeerraum schießen. Gleichzeitig hat er einen starken eigenen Willen. Er ist ein Stehaufmännchen, kehrt sogar lebendig aus dem Hades zurück. Von seiner Penelope erwartet er unbedingte Treue, er selbst nimmt das Sexuelle beim Aufeinandertreffen mit Kalypso und Kirke etwas lockerer. Und er ist der erste Held der Literaturgeschichte mit einer ausgewachsenen Midlife-Crisis: Die Phäakenprinzessin Nausikaa gefällt ihm wohl, aber er spürt, dass er zu alt für sie ist.

Mit dieser Vorgeschichte wird es noch kurioser, was die schillernde Figur an einer mittelalterlichen Kirchenwand zu suchen hat – zumal es genug Heilige gibt, die seinen Platz hätten einnehmen könnten. Zunächst ist die Anwesenheit von Odysseus ein Unikum in der mittelalterlichen Kunst. Dennoch kannten die Menschen des 9. Jahrhunderts seine Geschichte und verbanden etwas mit Odysseus – anderenfalls wäre er wohl kaum abgebildet worden. Aus der Kenntnis der antiken Sage heraus konnte dann ihre Umdeutung im christlichen Sinn stattfinden: Die abenteuerliche Irrfahrt im Mittelmeer wurde zum Symbol für das Umherirren im sündigen Diesseits. Odysseus widerstand allen Anfechtungen und wurde damit zum Vorbild für die Christenheit.

Odysseus kämpft gegen Skylla

Odysseus kämpft gegen Skylla. Der Held steht auf dem Schwanz des Meeresungeheuers, das einen von Odysseus’ Gefährten im Arm hält. Foto: Roland Rossner

Odysseus kämpft gegen Skylla. Der Held steht auf dem Schwanz des Meeresungeheuers, das einen von Odysseus' Gefährten im Arm hält. Foto: Roland Rossner

Traditionslinien von der Antike ins Mittelalter

Die Kirche brachte aber nicht nur in karolingischer Zeit die Odyssee nach Ostwestfalen. Das Kloster Corvey besaß auch eine Abschrift der Annalen des Tacitus mit dem Bericht von der Varus-Schlacht im Teutoburger Wald. Das Manuskript ist bruchstückhaft, bis heute ist nicht einmal bekannt, ob die Annalen ursprünglich aus 16 oder 18 Büchern bestanden. Doch ohne die klösterliche Überlieferung wäre dieses Werk der Weltliteratur gänzlich verschollen. Gleiches gilt für Bücher der Schriftsteller Ovid und Plutarch, für die Schriften des Philosophen Aristoteles oder für Berechnungen und Lehrsätze der Mathematiker Euklid und Pythagoras. All diese Werke der antiken Wissenschaft und viele weitere Bücher konnten die Völkerwanderungszeit und die dunklen Jahrhunderte des Frühmittelalters überleben. Die Kirche bewahrte diese Bücher aber nicht nur auf. Sie wurden gelesen, abgeschrieben und kommentiert. Kurzum: Der Wert des antiken Wissens wurde erkannt und es wurde vervielfältigt.

Kraftstrotzende, aber reichlich tumbe Germanen stürzten Rom ins schriftlose Barbaricum, und was die Germanen nicht schafften, erledigten die Hunnen – diese etwas unterkomplexe, aber früher weit verbreitete Sicht auf die Geschichte ist in der modernen Geschichtswissenschaft einer differenzierteren Betrachtung gewichen. Heute liegt das Augenmerk sowohl auf den Traditionslinien als auch auf den Brüchen. Eine wichtige Traditionslinie ist dabei die katholische Kirche, eine zweite daneben der Islam. Auch dort haben sich durch Übersetzungen und Abschriften Kenntnisse aus der Antike erhalten, unter anderem philosophisches und medizinisches Wissen.

Universität Paderborn ist die älteste in Westfalen

Differenziert wird mittlerweile auch betrachtet, was die Kirche mit ihrem gesammelten Wissen im Lauf der Zeit angestellt hat. Einerseits hatte sie ein natürliches Monopol über die Schrift und wusste dies als Machtfaktor einzusetzen. Andererseits teilte die Kirche ihr Wissen, indem sie überall in der christlichen Hemisphäre und auch hier in der Region Schulen betrieb. Schon für das karolingische Paderborn ist eine Klosterschule nachgewiesen. Zur Zeit der Ottonen entwickelten sich an den Bischofssitzen Domschulen, die anfangs der Klerikerausbildung dienten, aber bald zusätzlich die Funktion von – neudeutsch ausgedrückt – Think Tanks zugewiesen bekamen. Später kamen kirchliche Universitäten hinzu. Die 1614 von Fürstbischof Dietrich IV. von Fürstenberg gegründete Universität Paderborn ist die älteste in Westfalen. Die 1972 im Zuge der sozialliberalen Bildungsreform entstandene Universität Paderborn knüpft an die frühbarocke Universitätsgründung an.

Über 12.000 Exponate im Diözesanmuseum

Auch im 21. Jahrhundert ist die Kirche ein Ort, an dem Wissen gespeichert und neues Wissen geschaffen wird. Die Erklärung der Natur der Dinge hat die katholische Kirche allerdings längst an die Naturwissenschaften abgegeben, es geht mittlerweile weniger um das Physische als um das Metaphysische. Aber auch in ganz diesseitigen Disziplinen, in den Sozialwissenschaften, in den Sprach- und in den Kulturwissenschaften, hat die Kirche heute noch ein Wort mitzureden.

Ein besonderer kirchlicher Wissensort ist das Erzbischöfliche Diözesanmuseum in Paderborn. Die Sammlung umfasst über 12.000 Exponate. Das mittelalterliche Manuskript der Annalen des Tacitus ist leider nicht darunter. Das Pergament wurde 1508 gestohlen und gelangte über abenteuerliche Wege in den Besitz von Papst Leo X. Der Papst aus dem Hause Medici veranlasste die Veröffentlichung, das Papier liegt heute im Bestand der Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz.

Die Mutter Gottes lernt lesen

Auch wenn Paderborn keinen Tacitus besitzt, kann das Diözesanmuseum mit Kunstwerken von Weltrang aufwarten. Eines davon ist die Imad-Madonna, entstanden um 1050 und damit eine der ältesten großfigurigen Darstellungen der thronenden Madonna in der abendländischen Kunst.

Ein weniger bekanntes, aber dafür sehr anrührendes Kunstwerk ist Figurengruppe der Unterweisung Mariens aus dem ersten Viertel des 15. Jahrhunderts. Es zeigt eine jugendliche Maria und ihre Mutter Anna, die einander zugewandt zwischen sich die Heilige Schrift halten. Maria lernt gerade lesen und schreiben. Die Botschaft ist eindeutig: Bildung ist wichtig, für die Mutter Gottes und für alle anderen auch.

Unterweisung Mariens
Die Unterweisung Mariens. Foto: Ansgar Hoffmann
Die Unterweisung Mariens. Foto: Ansgar Hoffmann

Ein Beitrag von:

Hans Pöllmann