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20
Februar
2020
20.Februar.2020

When Kino meets Kirche

Start der Berlinale: Kino-Experte Dr. Markus Leniger im Interview

Ob mit Popcorn in der Hand bei der Kino-Premiere oder abends gemütlich auf der Couch: Filme gucken – das gehört für die meisten von uns zum Alltag fest dazu. Anlässlich des Starts der Berlinale (20. Februar bis 1. März), einem der größten Filmfestivals weltweit, haben wir uns mit Dr. Markus Leniger von der Katholischen Akademie Schwerte unterhalten. Er ist Sprecher der Forschungsgruppe „Film und Theologie“ und Vorsitzender der Katholischen Filmkommission für Deutschland. Ein Gespräch, warum Kino und Kirche so gut zusammenpassen und was bei der Berlinale wichtig wird.

Redaktion

Welchen Stellenwert besitzen die Themen Kino und Film für die Menschen heutzutage noch?

Markus Leniger

Insgesamt sind Bewegt-Bilder wahnsinnig wichtig für unsere Zeit. Wir leben in bilderreichen Zeiten. Die Frage ist deshalb nicht, ob filmisches Erzählen wichtig ist, sondern wie sich die Menschen dem nähern. Klar ist, dass das Kino nicht mehr so große Zuschauerzahlen wie früher hat. Dafür hat das serielle Erzählen, u.a. durch Streaming-Dienste, deutlich zugenommen. Das Kino besitzt als Ort des gemeinschaftlichen, konzentrierten Filmsehens jedoch einen Mehrwert, der dafür sorgt, dass es auch in Zeiten von Netflix & Co. nicht verschwinden wird.

Auf jeden Fall bleiben Kino und Filme extrem wichtig als Seismographen für gesellschaftliche Entwicklungen. Wenn man wissen will, was in der Welt los ist, kann man das am besten machen, indem man sich anguckt, was Filmemacher über die Welt zu erzählen haben.

Redaktion

Ist gerade der Aspekt nicht auch für die Kirche interessant?

Markus Leniger

Genau. Kirche und Kino, da gibt es nicht nur Überschneidungen, sondern sogar ein sehr enges Verhältnis. Die katholische Kirche hat den Film schon immer intensiv begleitet. Zunächst jedoch aus einer gewissen Skepsis heraus, um zu sehen, welche Gefahren dadurch auf die Gläubigen lauern. Und in diesem kritischen Blick hat die Kirche eine sehr große Expertise im Umgang mit Film erworben. Die beiden Kirchen sind diejenigen, die meiner Meinung nach die besten Filmmagazine und Filmportale haben. Auf katholischer Seite ist das filmdienst.de. Dort wird jeder Film, der in die deutschen Kinos kommt, ausführlich und kritisch bewertet. Die Kirchen sind der Hort einer qualitativ hochwertigen Filmkritik.

Redaktion

Also ist es für die katholische Kirche mittlerweile sehr wichtig, was im Kino gezeigt wird?

Markus Leniger

Ja, denn die Kirche kann sehr viel vom Kino und filmischen Erzählen lernen. Das passt auch zu einer Grundhaltung in der Kirche, die sich immer mehr durchsetzt: von einer Kirche, die einfach nur sagt, was man zu tun und zu lassen hat, hin zu einer Kirche, die genau hinhört und hinsieht, was Filmemacher über die Welt zu erzählen haben.

Immer mehr Menschen wollen und erwarten schließlich eine Kirche, die einen festen Standpunkt hat, aber auch offen ist und sich einlässt auf die Welt.

Redaktion

Was muss ein Film denn haben, damit er gut ist?

Markus Leniger

Er muss den eigenen Horizont bereichern. Aus einem christlichen Standpunkt gesehen sollen Fragen aufgeworfen werden, die jeden Menschen beschäftigen: über die eigenen Existenzfragen, die Fragen des Lebens wie Liebe, Glaube, Hoffnung, Tod und Verzweiflung. Wenn die im Film angemessen aufgegriffen werden, kann das ein guter Film sein. Dazu gehört aber natürlich auch das filmische Handwerk wie das Drehbuch oder die Kameraarbeit.

Redaktion

Denken Sie da konkret an einen Film, der das geschafft hat?

Markus Leniger

Es gibt natürlich Filme, die mich aus kirchlicher Sicht innerhalb des letzten Jahres angesprochen haben, zum Beispiel „Gelobt sei Gott“, der von der Missbrauchsthematik in der katholische Kirche am Beispiel des Bistums Lyon in Frankreich erzählt. Dieser Film hat konsequent die Opferperspektive eingenommen und war sehr nah dran an den betroffenen Menschen.

In Bezug auf den aktuell präsenten Klimawandel denke ich auch an den Isländischen Film „Gegen den Strom“. Eine Frau kämpft dort als Untergrundaktivistin gegen die zunehmende Umweltzerstörung.

Redaktion

Am 20. Februar startet nun die Berlinale. Dessen früherer Leiter sagt, dass Filmfestivals die Kirchentage der Filmkultur seien.

Markus Leniger

Das ist schon so. Die Berlinale im Besonderen, aber auch andere Festivals, haben etwas von einem Familientreffen. Da treffen sich Leute, von denen man weiß, dass sie für das gleiche Thema brennen. In den Pausen zwischen den Filmen wird ständig über Film und die Themen gesprochen, manchmal auch gestritten. Das ist bei Kirchentagen ja ähnlich. Da kommt eine Gemeinde von Gleichgesinnten zusammen, die nicht immer einer Meinung sein müssen.

Filmszene
Filmszene aus "Gelobt sei Gott": Régine Maire (Martine Erhel) und Alexandre Guérin (Melvil Poupaud)
Filmszene aus "Gelobt sei Gott": Régine Maire (Martine Erhel) und Alexandre Guérin (Melvil Poupaud)
Redaktion

Warum ist die Berlinale denn so besonders?

Markus Leniger

Dort werden gesellschaftliche und soziale Themen sehr stark in den Mittelpunkt gerückt, es hat einen gewissen politischen Anspruch. Und dort kommen ja nicht nur Filmprofis zusammen, sondern auch – anders als z.B. bei den Filmfestspielen in Cannes – ganz normale Filminteressierte, die Tickets kaufen können. Es ist eine Weltreise an Themen für jeden Besucher.

Redaktion

Was steht denn in diesem Jahr bei der Berlinale thematisch im Mittelpunkt?

Markus Leniger

Mein Eindruck ist, dass die Umweltthematik, die schon einmal stärker war, dieses Mal keine so große Rolle spielt. Es geht viel darum, wie sich der Mensch in unserer digitalen Welt behaupten und seine Identität finden kann. Daneben geht es stark um: Was macht mein Mannsein, mein Frausein und mein Transsein aus, also Fragen geschlechtlicher Identität.

Redaktion

Auch das sind Themen, die die Kirche und den Glauben beschäftigen.

Markus Leniger

Es passt genau dazu, dass die Kirche eine hörende Kirche sein soll. Wenn man sich unvoreingenommen diese Filme anguckt, dann bekommt man eine Vorstellung, worum es bei diesen Themen geht. Man soll den Menschen sehen mit dessen Sorgen und Nöten.

Goldener Bär

Foto: shutterstock/Denis Makarenko

Die Preisträger der Berlinale erhalten den Goldenen Bären als Trophäe.

Redaktion

Wie ist die katholische Kirche bei der Berlinale denn konkret aktiv?

Markus Leniger

Zusammen mit der evangelischen Kirche gibt es eine ökumenische Jury mit insgesamt sechs Mitgliedern, die aus der Niederlande, Togo oder Deutschland kommen. Sie vergeben einen Preis für den besten Film des Hauptwettbewerbs und zwei Preise aus Nebenwettbewerben. Interessant ist dabei immer, wie die einzelnen Jurymitglieder die Filme der Berlinale bewerten: Ein südamerikanischer Katholik kann nämlich eine ganz andere Sichtweise haben als beispielsweise ein deutscher Protestant.

Redaktion

Wenn Sie zwei Filme auswählen sollten: Was sind Ihre aktuellen Kino-Tipps?

Markus Leniger

Zuerst Ein verborgenes Leben. Es geht darum, dass Anfang der 1940er-Jahre der tiefgläubige oberösterreichische Bauer Franz Jägerstätter in einen Gewissenskonflikt gerät, als er für die Nationalsozialisten in den Krieg ziehen soll. Trotz aller Anfeindungen in seinem Dorf verweigert er den Eid auf Hitler und wird 1943 wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt.

Und Intrige ist für mich ein gelungener Film. Es ist ein Historienfilm über die sogenannte „Dreyfus-Affäre“, die am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert die französische Gesellschaft polarisierte. Den Skandal um die fälschliche, antisemitisch motivierte Verurteilung eines jüdischen Offiziers der französischen Armee wegen angeblichen Landesverrats. Der Film rollt aus der Perspektive des Offiziers Marie-Georges Picquart auf, wie er auf Beweise für Dreyfus’ Unschuld stößt und sich für die Rehabilitierung des Verurteilten einsetzt. Damit schafft er sich in Armee, Regierung und Öffentlichkeit viele Feinde und muss große persönliche Opfer bringen.

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