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25
Januar
2021
25.Januar.2021

„Wehret den Anfängen!“

Interview mit Regens Dr. Michael Menke-Peitzmeyer anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, das wie kein anderes für die schrecklichen Verbrechen steht, die in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus an Millionen Menschen verübt wurden. Seit 1996 ist in Deutschland dieses Datum ein Gedenktag – der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Die Paderborner Kirchen gedenken der Opfer mit einem Ökumenischen Gottesdienst, der auf www.erzbistum-paderborn.de per Live-Stream übertragen wird (27. Januar, 18 Uhr). Die Leitung des Gottesdienstes übernimmt Regens Dr. Michael Menke-Peitzmeyer, der auch Ansprechpartner für den jüdisch-christlichen Dialog im Geistlichen Rat des Erzbischofs von Paderborn ist. Mit ihm haben wir über die bleibende Notwendigkeit des Gedenkens und die Verantwortung der christlichen Kirchen gesprochen.

Header- und Teaserbild: Shutterstock / qwret

Redaktion

In welcher Form begehen die beiden großen Paderborner Kirchen den Gedenktag?

Regens Dr. Michael Menke-Peitzmeyer

Wie bereits in den vergangenen Jahren, so soll auch unter Corona-Bedingungen am 27. Januar um 18.00 Uhr ein Ökumenischer Gottesdienst stattfinden, in diesem Jahr bei uns im Dom. Die Predigt übernimmt der Paderborner Superintendent Volker Neuhoff, die liturgische Leitung liegt bei mir. Musiker der Abdinghofkirche und des Domes werden den Gottesdienst mitgestalten. Vor dem Hintergrund der Corona-Beschränkungen wird der Präsenzgottesdienst auch per Livestream übertragen. Damit wollen wir die Bedeutung des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus für die Öffentlichkeit unterstreichen.

Redaktion

Warum ist es den Kirchen – in diesem Fall den Paderborner Kirchen – ein Anliegen, den Gedenktag zu begehen?

Regens Dr. Michael Menke-Peitzmeyer

Den christlichen Kirchen kommt eine bleibende Verantwortung zu, das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Erinnerung zu halten, also gewissermaßen die „Pforten der Erinnerung offen zu halten“. So hat es der jüdische Denker Elie Wiesel, selbst ein Überlebender des Holocaust, einmal formuliert. Ich bin überzeugt, dass uns die schmerzhafte Erinnerung an das nach wie vor Unfassbare des Holocaust dafür sensibilisieren kann, aufmerksamer mit den Gefahren umzugehen, die auch heute im Umgang mit anders Denkenden und Glaubenden wie überhaupt mit allem, was uns fremd anmutet, lauern.

Redaktion

Angesichts der schrecklichen Verbrechen, die 1933 bis 1945 begangen worden sind: Welche Verantwortung haben Christinnen und Christen aus der Perspektive des christlichen Glaubens heraus?

Regens Dr. Michael Menke-Peitzmeyer

Ich halte zum einen eine „Ethik der Erinnerung“ für wichtig. Konkret: Wenn wir unvoreingenommen auf das schauen, was in der Vergangenheit allein gegenüber den Juden an Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt geschehen ist, können wir nur zutiefst bedauern, was auch Christen während der Zeit des Nationalsozialismus den Juden und anderen marginalisierten Menschen angetan haben. Und das oft nicht einmal aus fester Überzeugung, sondern als Mitläufer aus Opportunismus und Schwäche. Wir Christen müssen dazu beitragen, dass so etwas wie ein Holocaust sich nicht einmal im Ansatz wiederholen darf. Schon jedes erste gedankliche oder verbale Anzeichen von Fremdenfeindlichkeit sollten wir von daher aufmerksam verfolgen und unterbinden. Also gilt auch heute: Wehret den Anfängen!

Daneben sollte es aber auch eine christliche „Spiritualität der Erinnerung“ geben, die nicht an Konfessionsgrenzen gebunden ist. Und die sollte sich auch im gemeinsamen Gebet artikulieren. Das fängt an bei der Klage, verbunden mit der ja auch in der Bibel aufkommenden Frage: „Gott, wie konntest du das zulassen?“ Und es setzt sich fort mit der leidenschaftliche Bitte an Gott, uns Menschen so zu stärken, dass wir der Versuchung zu Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt – gegenüber wem auch immer – dauerhaft widerstehen.

Gerade junge Menschen sollten sowohl die Möglichkeit haben, eine christliche „Ethik der Erinnerung“ als auch eine „Spiritualität der Erinnerung“ kennen zu lernen. Dazu verpflichtet uns schon allein das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe, das uns übrigens auch mit unseren jüdischen Schwestern und Brüder verbindet.

Redaktion

Man hört  aus der Gesellschaft und auch aus der Politik heraus hin und wieder Sätze wie: „Es muss auch mal Schluss sein mit dem Gedenken.“ Was sagen Sie dazu?

Regens Dr. Michael Menke-Peitzmeyer

Ich kann verstehen, dass manche unter uns gewisser Formen der „Erinnerungskultur“ überdrüssig sind, vor allem dann, wenn sie moralinsauer daherkommen und nicht zwischen der Verantwortung der damals Handelnden und der Rolle der Nachgeborenen unterscheiden. Allerdings dispensiert das gerade uns Deutsche nicht von der bleibenden Erinnerung an die unsäglichen Schrecken des Nationalsozialismus und der damit verbundenen Gewalt, die im Blick auf den Holocaust seinesgleichen sucht. Denn damals wurden Menschen ja jeder Würde beraubt und wie Ungeziefer behandelt. Nur die Erinnerung, auch wenn sie schwer auszuhalten ist, lässt uns erkennen, welche Konsequenzen mangelnde Sensibilität gegenüber den Keimen neuer Unterdrückung und Gewalt nach sich ziehen. Daher sollten vor allem junge Menschen möglichst früh und umfassend mit dem konfrontiert werden, was sich in unserem Land zugetragen hat – vor noch nicht einmal 100 Jahren!

Redaktion

Hat die Welt aus den Verbrechen, die 1933 bis 1945 passiert sind, gelernt?

Regens Dr. Michael Menke-Peitzmeyer

Die weltpolitische Lage ist nach meiner Wahrnehmung derzeit äußerst labil. Es gibt viele, um nicht zu sagen zu viele Personen in politischer Verantwortung, die bewusst oder unbewusst neue Radikalisierungen schüren und der Gewalt Tür und Tor öffnen. Wer hätte es beispielsweise noch bis vor kurzem für möglich gehalten, dass ein amtierender US-Präsident seine Anhänger mehr oder weniger unverhohlen zur Gewalt gegenüber demokratischen Organen aufruft! Solche und andere Entwicklungen in verschiedenen Teilen der Welt lassen mich ernsthaft daran zweifeln, ob die Schrecken des Nationalsozialismus und anderer Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts politisch Verantwortliche und deren Anhängerschaft heute davon abhalten, den Weg der Gewalt zu beschreiten. Das sollte gerade uns Christen zu denken geben; wir sollten daher unsere Stimme gegen jede noch so subtile Form von Gewalt erheben – auch im Gebet vor Gott.

Ein Beitrag von:

Dr. Claudia Nieser
Redaktion