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2
Dezember
2019

Warum Gott uns ständig überfordert

Moraltheologe Peter Schallenberg dazu, wie die katholische Sexualethik verstanden und gelebt werden kann

Die katholische Sexualethik ist ein seit Jahrzehnten heiß diskutiertes Thema – nicht nur in der kirchlichen Öffentlichkeit. Doch was sind eigentlich die Grundlagen der Sexualethik, der beim jetzt beginnenden Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland ein eigenes Forum gewidmet ist? Wir haben beim Paderborner Moraltheologen Prof. Dr. Peter Schallenberg nachgefragt.

Redaktion

Was ist denn überhaupt Sexualität?

Prof. Dr. Peter Schallenberg

Sexualität ist für mich erstens das, was uns mit den Tieren verbindet: ein Trieb, der unter anderem dazu da ist, sich Lust zu verschaffen, sich fortzupflanzen und mit dem anderen in intensiver Weise zusammen zu sein. Die zweite Bedeutung ist exklusiv menschlich.

Redaktion

Und zwar?

Schallenberg

Menschliche Sexualität bedeutet, etwas vom Inneren im Menschen, nämlich Liebe, zum Ausdruck zu bringen. Das ist nach christlicher Auffassung das Beste am Menschen. Damit ist Sexualität die beste Ausdrucksweise des Menschen für die Liebe und dafür, sein Wesen und seine Idee von Gott her zu verwirklichen.

Redaktion

Warum verlangt die Kirche dann von Ordensmenschen und Priestern, auf Sexualität zu verzichten?

Schallenberg

Das tut sie nicht als Verbot, sondern – wie Paulus im Korintherbrief sagt – als einen noch besseren Weg, der nur von Gott her denkbar ist. Das geschieht ohne Sexualität, weil Gott kein menschliches Wesen ist.

Redaktion

Die katholische Sexualethik wird heutzutage stark angefragt. Unter welchen Bedingungen ist sie entstanden?

Schallenberg

Sie ist allmählich entstanden. In den Evangelien spricht Jesus selbst sehr wenig über Sexualität. Die Evangelisten wollten kein Moralbuch schreiben, sondern verdeutlichen, in welcher Weise Jesus die Liebe des Vaters gezeigt hat.
Auch am Anfang des Christentums hat man sich nicht groß mit Sexualität beschäftigt. Man wusste, dass Jesus die eheliche Treue ernstnimmt, weil die Ehe ein Abbild der Liebe Gottes sein soll. Gott ist treu, deswegen soll auch die Ehe treu sein. Jesus sagt aber nichts zu Themen wie Masturbation was es im Menschen- und Tierreich immer gab , oder zu vorehelichem Sexualverkehr.

Redaktion

Wer hat die katholische Sexuallehre denn dann entwickelt?

Schallenberg

Augustinus ist einer der ersten Kirchenväter, der mehr darüber nachdenkt. Er sagt, dass der Mensch außerhalb des Paradieses im Zustand der Erbsünde unter ständiger Verunsicherung leidet. Diese versucht der Mensch durch Macht, Geld und Sex zu betäuben.
Im Mittelalter, mit Thomas von Aquin, entstand die endgültige Lehre von der Ehe als Sakrament sowie das Privileg des Sexualverkehrs im Rahmen der Ehe. Der Gedanke ist, dass ich einem Menschen leiblich nur das ausdrücken soll, was ich ihm im Geiste versprechen kann. Wenn zwei Menschen miteinander schlafen und sich nicht lieben, ist es eine Lüge.

Redaktion

Wie kann Kirche damit umgehen?

Schallenberg

Im Evangelium nach Matthäus (19,1-5) fragen Phärisaer Jesus, ob sie aus jedem beliebigen Grund die Frau aus der Ehe verlassen dürfen. Jesus antwortet sinngemäß darauf, dass Gott am Anfang Mann und Frau schuf, damit sie eins werden – und Jesus stellt den Anfang wieder her. Die Kirche macht das auch heute noch: In den Sakramenten stellt sie den ursprünglichen Heilszustand wieder her. Durch die Sakramente können wir durchs Leben gehen, ohne andere Menschen lüstern anschauen zu müssen. Die Menschen, die es schaffen, danach zu handeln, führen ein heiligmäßiges Leben.

“Eine christliche Moral ist nie eine Verbotsmoral, sondern sie baut auf einer Verbotsmoral auf. Sie erneuert die Verbote mit dem Hinweis, dass wir das Verbot gar nicht mehr beachten müssen, weil wir viel mehr können: lieben.”

Prof. Peter Schallenberg

Prof. Dr. Peter Schallenberg im Gespräch. Foto: Schulte
Prof. Dr. Peter Schallenberg im Gespräch. Foto: Schulte
Redaktion

Dadurch ändert sich die Denkweise, wenn heutzutage „der Kirche“ vorgeworfen wird, dass sie eine Sexualmoral vorgibt, die ihre Mitarbeiter und Gläubigen selbst nicht einhalten…

Schallenberg

Ganz genau. Niemand schafft es, ganz nach dem Vorbild Jesu zu leben. Weiter heißt es im Matthäusevangelium, dass die Jünger denken, sie sollten gar nicht heiraten, wenn sie es nicht schaffen, die Treue zu halten. Darauf antwortet der Herr im Grunde nichts anderes als: Versucht, zu verstehen, was Gott sich denkt.
Er denkt, dass es dem Menschen möglich ist, heilig zu werden, nichts Schlechtes zu begehren, auf bloße Triebbefriedung zu verzichten. Aber wer kann schon von sich behaupten, dass die Sexualität immer Ausdruck der hingebenden Liebe ist? Das ganze Christentum ist eine permanente heilsame Überforderung des Menschen.

Redaktion

Ist das Christentum bewusst so angelegt, dass es permanent überfordern soll?

Schallenberg

Gott überfordert uns, damit wir sehen, zu welchen Taten wir in der Lage sind. Wir sehen das am Beispiel des Heiligen Maximilian Kolbe. Wer würde das tun?
Das Christentum ist keine Anleitung zum leichten Leben, keine Wohlfühl-Religion. Aber das gute Leben ist möglich. Das sehen wir daran, dass der Herr am Ende des Johannes-Evangeliums Petrus fragt: „Liebst du mich?“ Und nicht: „Erfüllst du meine Gebote?“ Die Gebote müssen überfordern, weil sie das Beste aus uns herauskitzeln wollen.

Redaktion

Ist die katholische Sexuallehre damit eher als Sammlung von Geboten oder Verboten zu verstehen?

Redaktion

Eine christliche Moral ist nie eine Verbotsmoral, sondern sie baut auf einer Verbotsmoral auf. Sie erneuert die Verbote mit dem Hinweis, dass wir das Verbot gar nicht mehr beachten müssen, weil wir viel mehr können: lieben. Kann man das gebieten, einen anderen zu lieben? Wir sagen: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Das ist eigentlich Kappes. Entweder ich liebe jemanden, oder ich liebe ihn nicht. Gibt es irgendeinen Menschen auf der Welt, der das Recht auf Ihre Liebe hätte? Nein, nur in den Augen Gottes. Die Verbote wiederum dienen dazu, uns von der Last zu befreien, ständig neu entscheiden zu müssen.

Redaktion

Und trotzdem wird die katholische Sexualethik oft als Verbotsmoral wahrgenommen. Ein Verbot bringt meistens eine Folge mit sich. Was wäre die Folge, wenn ich mich nicht an die katholische Sexualethik halte?

Schallenberg

Die Folge ist die Verletzung seiner selbst und die Verletzungen des anderen: seelische Verletzung. Es geht immer darum, dem anderen gegenüber Liebe oder Lieblosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Und der Herr sagt nichts anderes, als dass wir mit Liebe aufeinander zugehen sollen und die Liebe fördern.

Redaktion

Also gibt es Folgen nur in meinem Herzen?

Schallenberg

Genau, es gibt in dem Sinne keine Bestrafung von außen. Wenn wir sagen: Wir kommen in die Hölle, wenn wir etwas Bestimmtes tun, dann meinen wir damit, dass wir uns in einen Zustand katapultieren, der die Hölle ist: die Abwesenheit Gottes. So, wie wir uns verhalten, auch sexuell, macht es etwas mit uns, unserer Seele und der Seele des anderen. Und da katapultieren wir uns entweder in Lieblosigkeit, oder wir wachsen auf dem Weg der Liebe zu Gott.

Redaktion

Was sagen Sie jungen Christen, die die katholische Sexuallehre anfragen?

Schallenberg

Lest in den Evangelien und versucht, auf die Idee zu kommen, was Jesus von euch möchte. Fragt nicht nur: “Was lehrt die Kirche?”, sondern fragt immer auch zugleich: “Was will Jesus von mir?“. Die Kirche lehrt auf der Grundlage der Frage, was Jesus von uns will. Als Beispiel dafür kann die kirchliche Ablehnung der Homosexualität dienen: Wenn ich zu der Erkenntnis käme, dass ich diesem Menschen gleichen Geschlechts durch sexuelle Hingabe treu sein muss und, dass ich nur so die Liebe Christi erwidern kann, dann würde ich sagen: Okay, das ist so von der kirchlichen Lehre nicht vorgesehen, aber vollkommen unmöglich scheint es mir nicht zu sein. Aber es ist nicht der grundsätzlich vorgesehene Weg.

Prof. Schallenberg, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Tobias Schulte.

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