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22
Juli
2021
22.Juli.2021

„So etwas haben wir auch noch nicht erlebt“

170 Malteser aus dem Erzbistum helfen in Hagen, Erftstadt und Rheinland-Pfalz / Interview mit Thorsten Heß, stellvertretender Leiter der Notfallvorsorge

Thorsten Heß vom Malteser Hilfsdienst im Erzbistum Paderborn ist sich sicher: Eine solche Katastrophe hat es in Deutschland bisher noch nicht gegeben. Als die Flut über NRW und Rheinland-Pfalz hereinbrach, war der Gütersloher mittendrin: als aktiver Katastrophenschützer in Hagen, als stellvertretender Leiter der Notfallvorsorge im Diözesanverband an der Schnittstelle zwischen Einsatzzentrale und den aktiven Einheiten. Insgesamt waren und sind 170 Malteser aus dem Erzbistum bei der Flutkatastrophe im Einsatz. Im Interview erzählt Thorsten Heß, was er erlebt hat.

Redaktion

Wie haben Sie das Hereinbrechen der Katastrophe erlebt?

Thorsten Heß

Am Mittwochmorgen bin ich normal zur Arbeit nach Dortmund gefahren. Auf der Autobahn regnete es stark, aber noch nicht so, dass man eine Katastrophe vermutete. Als ich dann am Schreibtisch saß, bekam ich mit, dass in Dortmund die Feuerwehr immer mal wieder los musste. Da dachte ich mir, dass sich die Lage zuspitzt. Im Verlauf des Vormittags wurden dann erste Malteser-Einheiten alarmiert, am späten Mittag auch meine Einheit aus Gütersloh. Und wenn man in Gütersloh alarmiert wird, um ins Ruhrgebiet zu fahren, ist klar: Die Lage ist schlimm!

Redaktion

Wie sind die Abläufe bei den Maltesern in einem solchen Katastrophenfall?

Thorsten Heß

In erster Linie ist der Katastrophenschutz Ländersache. In NRW gibt es klare Zuständigkeiten, alles ist landesweit einheitlich geregelt. Da ist NRW auch Vorreiter, das gibt es so in keinem anderen Bundesland. Es ist so, dass betroffene Gebietskörperschaften Hilfe bei den Bezirksregierungen anfordern. Die Bezirksregierung alarmiert dann zur Verfügung stehende Einheiten, meistens nicht die, die dem Katastrophengebiet am nächsten liegen, weil diese Gebiete ja vielleicht auch noch in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Der Alarm geht an unsere Leitstellen. Dort kommen wir dann zusammen, fahren in das betroffene Gebiet und unterstellen uns der Einsatzleitung.

Redaktion

Wie läuft die Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisatoren vor Ort?

Thorsten Heß

Die Zusammenarbeit läuft hervorragend, auch jetzt bei der Flutkatastrophe. Alle kämpfen gemeinsam für eine Sache, egal ob Malteser, Feuerwehr, Deutsches Rotes Kreuz oder andere Organisationen. Ich finde übrigens, dass der Einsatz der Bundeswehr in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu kurz kommt. Ohne den Einsatz der vielen Soldatinnen und Soldaten wäre die Lage vielerorts noch viel bitterer.

Redaktion

Was haben Sie vor Ort in Hagen erlebt?

Thorsten Heß

Wir hatten zwei Einsätze. Ich war als Führungskraft eines Patiententransportzuges in Hagen. Wir sind gerufen worden, um eine Beatmungs-WG zu evakuieren. Der Weg dahin war schon abenteuerlich: Die Straßen waren teilweise überflutet und wir haben viele Menschen gesehen, die verzweifelt versucht haben, ihr Hab und Gut zu retten. Unser Einsatz war dringend, weil im Gebäude der Beatmungs-WG das Wasser bereits in die Stromversorgung eingedrungen war. Der Strom war ausgefallen, die Beatmungsgeräte liefen über Akku, und der hält nicht für unbegrenzte Zeit. Die Pflegekräfte haben jedenfalls schon händeringend auf uns gewartet. Wir haben die Patienten dann ins Krankenhaus gebracht. Das war durch Stromausfälle auch stark beeinträchtigt. Das Licht funktionierte nicht, und das Personal bewegte sich mit Taschenlampen durchs Haus – so etwas haben wir auch noch nicht erlebt.

Thorsten Heß. Foto: Malteser Hilfsdienst im Erzbistum Paderborn
Thorsten Heß. Foto: Malteser Hilfsdienst im Erzbistum Paderborn
Redaktion

Und der zweite Einsatz?

Thorsten Heß

Der zweite Einsatz war die Evakuierung eines Altenheimes. Das war insofern dramatisch, weil wir aufgrund der Überflutung den Eingang nicht mehr nutzen konnten. Wir mussten die Senioren über Drehleitern evakuieren, und das mitten in der Nacht… das war für viele traumatisch.

Redaktion

Waren Sie nur im eigenen Erzbistum im Einsatz?

Thorsten Heß

Nein, wir wurden auch zu einem Einsatz nach Erftstadt gerufen und sind mit Einheiten aus Höxter, Paderborn und Dortmund hingefahren. Die Einheiten aus Höxter haben eine Feuerwehreinheit versorgt, die schwer im Einsatz war. Die anderen haben eine Turnhalle betreut, in der Bewohner eines Seniorenheims mit palliativer Betreuung untergebracht waren. Zwei Personen sind in der Nacht verstorben. Das war einerseits absehbar, aber andererseits… die Menschen haben sich ja in die palliative Betreuung begeben, um ihre letzten Tagen friedlich zu verbringen. Und dann wurden sie kurz vor ihrem Tod noch einmal evakuiert…

Redaktion

Und wie ist die Lage jetzt?

Thorsten Heß

Gerade läuft ein weiterer Einsatz. Einheiten von uns sind in Rheinland-Pfalz am Nürburgring. Dort versorgen wir 250 Menschen über die Dauer von 5 Tagen. Genaueres erfahren wir erst vor Ort.

Redaktion

Bei welchen anderen Katastrophen waren Sie im Einsatz?

Thorsten Heß

Das war vor allem die Loveparade-Tragödie in Duisburg. Wir waren da zwar nicht vor Ort, aber nach der Tragödie wurde überall im Land Katastrophenalarm gegeben, und wir standen für einen möglichen Einsatz bereit. Das gesamte OWL-Kontingent wartete mit ungefähr 400 Personen auf dem Bertelsmann-Parkplatz in Gütersloh auf einen möglichen Einsatz. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Love-Parade reisten in dieser Zeit zurück. Das Land war in einer kritischen Stimmung, und man wusste nicht, welche Dynamik daraus entstehen würde…

Redaktion

Haben Sie etwas Vergleichbares wie die jetzige Flutkatastrophe schon einmal erlebt?

Thorsten Heß

In modernen Zeiten hat es eine solche Katastrophe in Deutschland noch nicht gegeben.

Ein Beitrag von:

Dr. Claudia Nieser
Redaktion