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13
Juli
2020
13.Juli.2020

Nicht auf die Fassade kommt es an

Vivien Gnida und Rosemarie Kahlert berichten über vierjährige Weiterbildung zur EFL-Beraterin

Noch ein paar Meter die graue Wand in der Heierstraße entlang über den Gehsteig bis zu meiner Verabredung. Auf der linken Straßenseite ist geschäftiges Leben, die Imbisse sind an diesem frühen Abend schon begehrt. Fast hätte ich beim Sinnen über Corona und die Krise in der Gastronomie den Eingang verpasst. Er passt zur Fassade – unauffällig und wenig einladend. Was mich wohl dahinter erwartet? Eine Fassade, die mich eher an Rathaus-Aufnahmen in Filmen der 70-er Jahre erinnert, als an Leben, Geborgenheit oder einen Ort des Mutmachens. Ein Vorurteil, das zugleich neugierig auf den Blick hinter die Fassade macht. Die Stimmung eines im Sonnenlicht verklingenden warmen Frühsommerabends im Blick, dabei die Klingel betätigend, schaue ich gespannt durch die Glastür in ein eher kühles Treppenhaus.

Die Tür öffnet sich und mit ihr eine erste Herzlichkeit. Meine „Verabredung“ vermittelt im sterilen Treppenhaus mit Desinfektions-Pumpe zur nötigen Hand-Hygiene ein echtes „Willkommen“. Schon der erste Eindruck verrät, „hier arbeiten wir gern, diese Aufgabe macht uns viel Freude“. Rosemarie Kahlert und Vivien Gnida sprühen geradezu vor Begeisterung. Stolz dürfen sie außerdem noch sein, da sie beide gerade ihre Weiterbildung zur Eheberatung erfolgreich abgeschlossen haben.

Wegbegleiter für Menschen mit persönlichen oder familiären Krisen

Ich habe also meine Bestätigung: Fassade und Innenleben müssen nicht immer identisch sein. Vielleicht ein Spiegelbild auch im Alltag der Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) im Erzbistum Paderborn, die Wegbegleitung für Menschen mit persönlichen, familiären oder partnerschaftlichen Krisen und Konflikten sein möchte. Wir betreten einen typischen Beratungsraum, der sich den Corona-Vorsichtsmaßnahmen angepasst hat, aber dennoch Wohnlichkeit vermittelt. Beraterinnen und Ratsuchende sitzen sich im gebührenden Abstand gegenüber. Eine Plexiglasscheibe bietet zusätzliche Sicherheit, auch frei und ohne Maske sprechen zu können. Eine dennoch angenehme Atmosphäre, die keine lange Anlaufzeit benötigt, um ins Gespräch zu kommen. Heute jedoch im Rollentausch: ich darf die wertvolle Rolle des Zuhörers und Nachfragenden übernehmen.

Vivien Gnida und Rosemarie Kahlert haben sich mit gleichen Zielen, jedoch aus unterschiedlichen Beweggründen in der vierjährigen Ausbildung gefunden. „Ich habe das Gefühl: hier bin ich angekommen“, resümiert die gebürtige Hamburgerin Vivien Gnida, die in Münster katholische Theologie (Diplom) und Englisch und Geschichte auf Lehramt studiert hat und einige Jahre im Schuldienst tätig war. Die vierfache Mutter war damit aber nicht zufrieden. Über ihre Fortbildung zur Gestaltberaterin im Bildungshaus Elkeringhausen kam sie in Kontakt mit der Ausbildung  der EFL, die im Durchgang 2016-2020 erstmals als duale Weiterbildung angeboten wurde: neben dem Abschluss vor der Berufskammer der Ehe-, Familien- und Lebensberater streben die Teilnehmer auch einen Masterabschluss an der KatHO NRW an (Master of Counseling).

Berufliche Neuausrichtung gelungen

„Für mich war es damals auch noch nicht alles“, blickt Rosemarie Kahlert zurück, die eine Ausbildung zur Krankenschwester im Brüderkrankenhaus gemacht hat. Zwar habe sie Freude an der Arbeit gehabt, doch der Zeitdruck habe sie beschäftigt: „Ich wollte einfach mehr Zeit für Menschen haben und etwas für sie tun.“ Sie – auch Mutter zweier Kinder – entschied sich für ein Psychologie-Studium an der Uni Bielefeld und arbeitete im Anschluss als Psychologin an einer Reha-Klinik. Eine abwechslungsreiche Tätigkeit sei es gewesen: Allerdings habe ihr gefehlt, Menschen länger als nur in einer 3-Wochen-Reha psychologisch begleiten zu dürfen. 2016 startete sie dann mit der neuen Ausbildung und arbeitete parallel im Ev. Beratungszentrum in Detmold. Sie weiß: „Das ist es jetzt auch, was ich gesucht habe!“

Vivien Gnida vom Lehramt zur EFL-Beraterin. (Foto: Ronald Pfaff)

Vielseitig und zeitaufwendig mit guten Eindrücken

Aufwand, Zeit und Anstrengungen hätten sich gelohnt, sind sich Gnida und Kahlert einig. Denn diese Ausbildung, die dann mit einem großartigen Arbeitsplatz belohnt werde, mache man nicht einfach mal nebenher. Nicht alle Kursteilnehmenden hätten diese hohe Belastung ausgehalten, so dass am Ende nur 19 von 25 durchhielten -bei aller Motivation und Sorgfalt, die schon zu Beginn der Ausbildung eine Rolle spiele, wenn man sich einem Auswahlgremium stellen müsse und die Eignung angeschaut würde.

Die Ausbildung war intensiv und vielseitig, so dass die scheinbar große Spanne von vier Jahren nicht nur kurzweilig war, sondern eben eng geschnürt war und genauer Zeitplanung bedurfte. Rosemarie Kahlert und Vivien Gnida lassen die Zeit im Schnelldurchlauf vorbei fliegen. Immer wieder ergänzen sie ihre vielen Eindrücke mit „War richtig gut“, „Das hat uns geholfen“ oder „Da waren hochqualifizierte Referenten, echte Koryphäen“: Von der Theorie über Beratung als Wissenschaft, zum systemischen Ansatz der Beratung bis hin zu Vorlesungen unterschiedlichster Fachbereiche wie auch Theologie und Familienrecht sowie Vorträge einer Polizistin zum Thema häusliche Gewalt. Alle 38 Wochenenden der Präsenzseminare hatten andere Schwerpunkte. „Die Selbst-Reflexion, in der die eigene Biografie durchgeleuchtet und das eigene Geworden-Sein betrachtet wurde, war eine wichtige Basis und sehr effektiv“, betont Vivien Gnida.

Der Praxisanteil sei sehr hoch und eine gute Vorbereitung gewesen, um später ein guter Wegbegleiter für den Menschen sein zu können, hob Rosemarie Kahlert hervor: Hospitation in der Paderborner EFL, 180 Beratungsstunden, Peer-Gruppen, Gegenlesen von Arbeiten, Supervisions-Runden, Besprechung von Fällen aus dem Alltag in der Gruppe, Beratungen mit den Praxisanleitern. „Wir wurden gut geführt, damit wir Studierenden die bestmögliche Unterstützung bekamen“, so beide im Einklang, dabei hätten auch eigene Themen Platz finden dürfen. Bereits im zweiten Ausbildungsjahr durften sie dann selbst Beratungsgespräche führen, zunächst mit Einzelklienten, ab dem dritten Ausbildungsjahr dann auch mit Paaren. Nach guter Vorbereitung mit den Praxisanleitern habe man das Vertrauen gespürt, selbstständig in die Gespräche gehen zu können. „Aber für den Fall der Fälle wäre immer jemand mit Erfahrung in der Nähe für uns greifbar gewesen – wohlgesonnen.“

Zeit schenken und zuhören

Der Abschluss der Weiterbildung habe dann unter der Corona-Pandemie gelitten. Die Masterthesen seien deshalb noch in Arbeit. Zum Lernen habe aber der Zugriff auf die Bibliotheken gefehlt, die auch „dicht“ machen mussten. Dagegen sei die Umstellung auf die Beratung recht schnell gelungen. Unter Einbehalt von Verschwiegenheit und Datenschutz wurden telefonische Möglichkeiten und Video-Konferenzen eröffnet. Die Glasscheiben machen nun auch persönliche Besuche in der EFL wieder möglich – und waren für das Interview auch kein Hindernis für Ungezwungenheit und Offenheit.

Wie ein „roter Faden“ zog sich der Blick auf den Menschen – dem Klienten, der mit seinen Problemen zur Beratungsstelle kommt – durch die Antworten der eingespielten Team-Mitglieder Rosemarie Kahlert und Vivien Gnida: „Wir möchten den Frauen und Männern Zeit und Raum gönnen, ihnen zuhören und zugewandt sein. Aber wir bieten keine Langzeitlebensbegleitung, sondern Hilfe zur Selbsthilfe!“ Und dies in dem kostenfreien Angebot der EFL in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn. „Das ist ein starker Träger hinter uns, der oft auch Vertrauensbonus schafft.“

Wie läuft nun eine Beratung ab? „Der Klient oder die Klientin bringt das Thema mit“, sagt Vivien Gnida. Dann findet in den ersten Stunden die Auftragsklärung statt. Der Auftrag an die Beratung ist manchmal “nur”, ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte des Gegenüber zu haben, kann aber auch in der Begleitung in einem (Veränderungs-) Prozess oder in der Moderation von konflikt- und krisenhaften Paar- oder Familienkonstellationen bestehen. Wobei natürlich nicht der juristische Prozess gemeint ist, sondern ein Fortschritt hin zur Lösung des Problems. 45 Minuten stehen Einzelpersonen pro Beratung zur Verfügung, Paaren 80 bis 90 Minuten. 20 bis 25 Sitzungen können es insgesamt werden. „Wenn mehr Sitzungen erforderlich wären, dann wird der betreffende Fall in die Supervision des Gesamtteams der Beratungsstelle eingebracht“, erklärt Rosemarie Kahlert.

Offenheit für Gespräche ist größer geworden

Die katholischen EFL-Beratungsstellen erleben einen großen Zulauf und dies nicht nur in der Corona-Krise. Die Offenheit für Gespräche sei größer geworden und damit die Offenheit, eine Beratung zu suchen. „Manchmal geben auch Ärzte die Empfehlung oder wir sind eine Art Brückenplatz für Menschen, die auf eine Therapie warten“, so Gnida und Kahlert ergänzt, dass heute auch Männer das Angebot stärker annehmen als noch vor einigen Jahren und die Beratung auch Nicht-Katholiken offen steht.

Während ich meinen Block und Kamera einpacke, darüber nachsinne, dass hier ein Audio-Podcast noch viel mehr Atmosphäre rübergebracht hätte, frage ich mich, was die beiden Beraterinnen wohl jeden Abend – gedanklich – mit nach Hause nehmen. Selbstfürsorge, ist das Stichwort. „Hier kann kein Eisblock sitzen, aber auch niemand, der sich einsaugen lässt. Man muss die Themen der Klientinnen und Klienten auch hier lassen können, um so die nötige professionelle Distanz zu schaffen“, sind Gnida und Kahlert wieder im Einklang, die Ruhe, Zuhören und selbst aushalten können, als Grundvoraussetzung benennen.

Vom Treppenhaus finde ich den Weg allein zur Tür, die vor gut einer Stunde noch viele Fragen aufwarf, die nun mit viel Herzlichkeit beantwortet sind. Und da steh ich wieder vor der grauen Wand, die gar nicht mehr so grau erscheint. Fassade ist nur eine Äußerlichkeit, dahinter verbirgt sich ganz viel Sympathie und Interesse am Menschen, verpackt in Offenheit und  Empathie.

Rosemarie Kahlert - von der Krankenschwester zur EFL-Beraterin. (Foto: Ronald Pfaff)

Masterstudiengang

Die Weiterbildung zur Eheberatung umfasst den Masterstudiengang „Master of Counseling, Ehe-, Familien- und Lebensberatung“ und die Weiterbildung nach der Weiterbildungsordnung der Kath. Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG). Zum Abschluss der Weiterbildung gab es Zertifikate der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft für Ehe-, Familien und Lebensberatung, Telefonseelsorge und Offene Tür e.V. Die Masterurkunden werden in einer gesonderten Feier im nächsten Jahr durch die KatHO, Abt. Paderborn verliehen. Während die Präsenzveranstaltungen abgeschlossen wurden, sind die Masterthesen noch in Arbeit.

Ein Beitrag von:

Ronald Pfaff
Redakteur
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