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6
September
2019

Neustart oder Sackgasse

Serie “Mutige Menschen”: Teilnehmer des Sprachkurses an der KatHo

Wie viel von einer Prüfung abhängen kann: ein Studienplatz, der Berufseinstieg, das Bleiberecht, eine Perspektive. Wenn im September und Oktober an den Universitäten, Schulen und in der Landwirtschaft alle Zeichen auf Neuanfang stehen, gilt das auch für die Katholische Hochschule Paderborn (KatHo). Doch bevor der Universitätsbetrieb im Oktober richtig startet, stand für fünf angehende Studierende und Arbeitnehmer der C1-Sprachkurs zwischen Neubeginn und Sackgasse.

Zwei Monate lang kamen sie drei Mal die Woche für vier Stunden Unterricht in der KatHo zusammen, um mutig die eigene Zukunft anzugehen. Anhand der Geschichte von Al Husseini Barry wird am deutlichsten,  welche Bedeutung mit dem Kurs verbunden ist. Seine Stationen: Mit 30 Jahren aus Guinea in Westafrika geflüchtet. Gelandet in Borchen. Einstiegsqualifizierung an der IHK Akademik, Ausbildung zum Bürokaufmann – die er abbrach. Er wolle mit Menschen, nicht mit Computern arbeiten, begründet er. Es folgt das Studium der Sozialen Arbeit an der KatHo. Im dritten Semester wird sein Asylantrag abgelehnt. Die evangelische Kirchengemeinde in Borchen nimmt ihn ins Kirchenasyl auf. Nun berät die Härtefallkommission in NRW seinen Fall neu, Barry lebt in einer Unterkunft in Borchen. Er würde gern weiter Soziale Arbeit studieren, doch er weiß, dass im Asylverfahren ein Ausbildungsplatz mehr als ein Studium hilft.

Al Husseini Barry erzählt stets mit einem Lächeln im Gesicht.

Wir besuchen ihn und zwei weitere Kursteilnehmer einen Tag vor der Sprachprüfung. Barry sagt, er habe schon zwei Ausbildungsplätze zum Erzieher sicher – unter anderem am Theresia-Gerhardinger-Berufskolleg in Warburg-Rimbeck. Noch weiß er nicht, wie er künftig ohne Führerschein von Borchen nach Rimbeck kommen solle. Doch er sagt: „Es ist das wichtigste, dass ich weiter mit Menschen arbeiten kann und ich bin sehr motiviert, diese Ausbildung zu absolvieren“. Wäre da nicht der Sprachkurs. Fliegt er durch, dürfte er die Ausbildung nicht antreten – es wäre ein herber Schlag in seinem Asylverfahren.

Obwohl er vor der Prüfung voller Ungewissheit in die Zukunft blickt, erzählt Barry seine Geschichte warmherzig, stets mit einem Lächeln auf den Lippen und mit weit geöffneten Augen. Als er gefragt wird, warum er nach Deutschland gekommen sei, sagt er, dass er in Guinea schon ein Studium abgeschlossen und als Lehrer unterrichtet habe. Doch er habe sich nicht sicher gefühlt. Er vermeidet es, die genaue Situation in seinem Heimatland, aus der er geflohen ist, zu schildern. Stattdessen sagt er: „Niemand verlässt sein Heimatland ohne Grund.“

Das gilt auch für die Finnin Essi Hannula, die Tischnachbarin von Barry. Doch ihr Grund ist wesentlich erfreulicher – sie ist der Liebe wegen nach Paderborn gezogen. Sie hat schon während eines Auslandssemesters in Paderborn studiert und damals ihren Freund kennengelernt. Nun wohnen sie zusammen. Die 24-Jährige spricht ruhig, mit einem Hauch metallischem Klang in der Stimme. Beim Sprechen auf Deutsch scheint sie in Sekundenschnelle jedes Wort einzeln auszuwählen.

Essi Hannula arbeitet als Erzieherin in einer Paderborner Kindertagesstätte, 29 Stunden pro Woche, und hat den Sprachkurs neben dem Job besucht. Mit dem C1-Zertifikat möchte sie später einen Master-Studiengang an der KatHo anfangen und bei der Berufssuche bessere Sprachkenntnisse nachweisen. In dem Kurs hat sie gelernt, Konjunktiv I und II richtig anzuwenden, bei der Aussprache die Stimme zu heben und zu senken und auf Deutsch einen Vortrag zu halten.

Unterrichtet, ja auch begleitet, hat sie dabei Deutschlehrer Ferdinand Müller. Kurz vor dem Ende des Sprachkurses sagt er: „Es war spannend, mit den unterschiedlichen Teilnehmern zusammenzuarbeiten. Jeder Mensch ist ein Unikat.“ In seinem Kurs kamen unterschiedliche Herkünfte, Religionen, und Lebensperspektiven zusammen. Und doch vereint die Teilnehmer, dass der C1-Sprachkurs von immenser Bedeutung für ihre Zukunft in Deutschland ist – und für ihre Arbeit in einem sozialen Beruf. Sie alle möchten mit Menschen arbeiten, anderen helfen. Auch aus dem Glauben heraus. „Gott spielt eine große Rolle in meinem Leben“, sagt Al Husseini Barry. Im Kirchenasyl habe er erlebt, wie Gott ihm helfen kann.

Wenn sein Tischnachbar auf der anderen Seite diese Sätze hört, haben sie sicher einen Beigeschmack. Für Sari Noe, 28, aus dem Irak, war der Glaube der Grund für seine Flucht. In seiner Heimat hat er als Krankenpfleger gearbeitet. Bis seine Nachbarn, die zum sogenannten Islamischen Staat konvertiert sind, ihn und seine Familie vertrieben haben. Er ist Jeside – und in den Augen der radikalen Islamisten ein Ungläubiger. Zusammen mit seinem damals 13-jährigen Bruder ist er aufgebrochen. Auf der Flucht hat er Schüler in einem Zwischensiedlungslager medizinisch versorgt, in Deutschland übersetzt er ehrenamtlich für die Caritas ins Kurdische und Arabische. „Es macht mir Freude, den Menschen zu helfen“, sagt Noe.

Im Gegensatz zu Al Husseini Barry wurde ihm und seinem Bruder Asyl in Deutschland gewährt. Vorerst bis 2020. Schafft er die C1-Sprachprüfung, dann gelte das Aufenthaltsrecht unbefristet, sagt er. Seit April dieses Jahres ist er in Deutschland mit seiner Frau vereint. Noes berufliches Ziel: „Ich möchte in Zukunft für eine Hilfsorganisation arbeiten.“

Um dieses Ziel zu verwirklichen, möchte er Soziale Arbeit an der KatHo studieren. Einen Studienplatz hat er schon – doch darf er ihn nur antreten, wenn er die Prüfung zum Sprachniveau C1 besteht. Hörverstehen, Leseverstehen, Sprachbausteine zusammensetzen und eine mündliche Prüfung stehen dabei an. Zwei Wochen später meldet sich Lehrer Ferdinand Müller mit einer sehr erfreulichen Nachricht: „Gerne teile ich Ihnen mit, dass die drei von Ihnen interviewten Teilnehmer besonders erfolgreich waren und somit den Sprachkurs C1 bestanden haben.“

So stellen sich auch für Al Husseini Barry, Essi Hannula und Sari Noe nun alle Zeichen auf Neuanfang. Ihre Pläne können verfolgt werden. Barry sagt: „Ich habe in Deutschland viele gute Menschen getroffen und viele gute Erfahrungen gemacht. Das Land hat mir viel geben und ich möchte unbedingt etwas zurückgeben.“

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