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8
Februar
2020
8.Februar.2020

Morgenandachten im WDR von Marie Simone Scholz

Kirche in WDR 3+5
Morgenandachten
3. – 8. Februar 2020
von Marie Simone Scholz, Oerlinghausen

Synodaler Weg

Die Worte, die ich gerade zu Ihnen spreche, habe ich schon Mitte Januar aufgenommen. Wie ich mich also heute vor einer Woche gefühlt haben mag, das ist für mich ein wenig Spekulation. Aber ich wette, ich war ganz schön nervös. Warum?

Vorige Woche startete der sogenannte Synodale Weg der katholischen Kirche in Deutschland. Und heute vor einer Woche waren es 2 Tage vor meiner Abfahrt nach Frankfurt zum Auftakt. Denn ich wurde neben 229 anderen dazu berufen, Teil dieses großen Prozesses zu sein. Wie es gelaufen ist in Frankfurt, davon kann ich Ihnen natürlich jetzt nicht erzählen. Wie gesagt: die Aufnahme liegt schon 2 Wochen zurück. Aber ich kann Ihnen etwas über meine Gedanken zum Synodalen Weg erzählen. Darüber, was ich mir für die Zukunft der Kirche wünsche.

Dass ich als Beraterin dabei sein kann, dazu kam ich ein wenig wie die Jungfrau zum Kind. Nein, im Ernst: Ich hätte nicht erwartet, dass ich als Gemeindereferentin aus Gütersloh in das Gremium berufen würde. Aber als ich im November vergangenen Jahres von den Delegierten des Berufsverbandes der Gemeindereferentinnen gewählt wurde, dachte ich mir: Das ist deine Chance, mit daran zu arbeiten, dass es in der Kirche vorangeht. Denn es steht wohl außer Frage: Die katholische Kirche ist in einer Krise. Die Missbrauchsfälle erschüttern die Kirche in Mark und Bein. Die Studien hierzu haben gezeigt: Es liegt auch an den Strukturen. Und ich bin mir sicher: Wenn sich die Kirche hier nicht ändert, geht sie unter. Ähnlich sagte das auch mein Chef, der Erzbischof von Paderborn. Dass Erzbischof Becker vor Weihnachten gesagt hat, der Synodale Weg sei ohne Alternative für die Zukunft der Kirche, das bestärkt mich darin, mein Bestes zu geben und mitzudenken und mitzureden – ohne Scheu.

Seitdem ich weiß, dass ich dabei bin, frage ich mich: Was kannst du genau einbringen? Was sind die wichtigsten Themen, die die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland betreffen? Und: Was ist deine größte Sorge?

Nun, ich denke, was ich in den Kreis der 230 Beratenden einbringen kann, sind meine Erfahrungen als Frau von der Basis, als Mutter. Als eine, die in Ostwestfalen noch ziemlich klassisch katholisch aufgewachsen ist. Als eine, die aber auch sieht, dass die alten Rezepte nicht mehr wirklich fruchten. Ich bekomme mit, wie es vor Ort brodelt unterm Kirchenvolk. Und ich leide darunter, dass viele einfach gehen. Weil meine Kirche ihnen keine Heimat mehr bietet für ihren Glauben. Die Strukturen werden immer größer, die Zuständigkeiten unübersichtlicher, die Kirchen leerer. Und dann ist da eben noch der Missbrauch, der viel Vertrauen zerstört hat, nicht zuletzt in das Bild der Priester.

Das alles wirft Fragen auf nach Macht, nach der Moral und auch betrifft das die Frauen-Frage. Ja. Auch die wird Thema werden im Synodalen Weg. Und ich bin sicher, dass darum gerungen wird in den kommenden zwei Jahren. Und vielleicht gibt es auch Streit. Aber eine gute Gemeinschaft kann selbst Streit aushalten. Ja, auch das wünsche ich mir ein wenig für meine Kirche: dass sie den guten Streit lernt: nicht alles unter den Teppich kehren, aber auch nicht verletzend sein. Am Ende müssen sich Christen dadurch auszeichnen, dass sie sich beim Friedensgruß in die Augen sehen können – was wäre das sonst für ein Zeugnis für die Welt?

Im Grunde begebe ich mich auf den Synodalen Weg aus einem Grund: dass es sich endlich mal wieder gut anfühlt, katholisch zu sein.

Dass sich heute Ihr Tag gut anfühlt, das wünscht Ihnen Marie-Simone Scholz aus Oerlinghausen – und wenn Sie mögen: Beten Sie gerne für mich und für den Synodalen Weg in der kommenden Zeit.

Mitbestimmen

Heute vor einer Woche war ich dabei in Frankfurt, als der synodale Weg der katholischen Kirche in Deutschland gestartet ist. Ich bin eine von den 230 Entsandten, die ab jetzt in den kommenden zwei Jahren über die Herausforderungen der katholischen Kirche von heute hierzulande beraten werden. Und als ich dazu berufen worden bin, wurde ich gebeten, mich auf ein Spezialthema festzulegen. Meine Wahl fiel auf „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“. Denn das finde ich aus unterschiedlichen Gründen spannend. Nicht zuletzt, weil ich da im vergangenen Jahr eine für mich sehr wichtige Fortbildung mitgemacht hatte. Da ging es um Facilitation – Wandel durch Beteiligung. Das englische Wort Facilitation steht für „Ermöglichung“. Ich ging da hin und dachte, ich bekomme ein paar Tipps für meine Arbeit als Gemeindereferentin. Vor allem für die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen. Denn davon lebt ja die Kirche, dass sich Menschen für ihren Glauben einsetzen. Kurz: Ich dachte, ich bekomme viel Praktisches mit. Umso mehr war ich überrascht, dass es nicht nur um konkrete Arbeitsweisen ging, sondern darum, sich selbst zu wandeln, eine neue, andere Haltung einzunehmen, mit der ich Menschen begegne.

Das erste, was wir dazu in der Fortbildung lernten, waren drei Grundannahmen.

Erstens: Das Wissen steckt in der Welt – das Potenzial, das Wissen, ist schon da. Als Ermöglicherin muss ich das nicht hinbringen, sondern es bei den Beteiligten „zum Leuchten bringen“, so haben das die Leiterinnen der Fortbildung gesagt.

Zweitens: Menschen möchten Verantwortung übernehmen und etwas Sinnvolles tun. Das bedeutet für mich als Ermöglicherin, dass ich die Menschen genau darin ernst nehme und fördere.

Und drittens: Jede/r gibt sein/ihr Bestes – immer. Das heißt: Menschen handeln mit den besten Fähigkeiten und Möglichkeiten, die ihnen im Moment ihres Handelns zur Verfügung stehen. Vielleicht hätten sie in einem anderen Moment anders gehandelt, aber in dem einen Moment war es das Beste, was sie geben konnten.

Allein diese drei Grundannahmen haben in mir schon eine Wandlung bewirkt. Denn ich schaue nun ganz anders auf die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Wenn ich annehme, dass in ihnen Wissen und Potential steckt, wenn ich annehme, dass sie Verantwortung übernehmen und Sinnvolles tun wollen, und wenn ich annehme, dass sie immer ihr Bestes geben, dann muss ich auch anders mit ihnen umgehen, dann muss ich sie einbeziehen in Entscheidungen, in Entwicklungsprozesse, in Planungen, und so weiter.

Und genau das erhoffe ich mir auch für den großen Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland: Dass wir nach 2 Jahren aus dem Synodalen Weg gewandelt hervorgehen und die Gläubigen anders und mehr einbeziehen.

Mehr Partizipation und weniger Machtausübung – das wünscht sich Marie-Simone Scholz aus Oerlinghausen.

Foto: wavebreakmedia / shutterstock
Foto: wavebreakmedia / shutterstock

Eine Hotline zu Jesus?

Mit zu meinen schönsten Aufgaben in der Gemeinde gehört es, Kinder auf ihre erste Kommunion vorzubereiten. Die meist 9-Jährigen sind in so einem Alter, wo sie noch viele Fragen zum Glauben haben – und das manchmal auf eine ziemlich witzige Art.

Vor einiger Zeit kam einmal ein Kommunionkind auf mich zu und fragte mich: „Gibt es bei Jesus auch so etwas wie eine Hotline?“ Ich war ganz überrascht und fragte zurück: „Was meinst du denn damit?“ „Naja,“ sagte das Kind, „im Gottesdienst heißt es doch immer: lasst uns Gott anrufen.“

Tja, was sollte ich da sagen? Klar: Das Kommunionkind hatte den Ausdruck „anrufen“ im Sinne von „telefonieren“ verstanden. Aber eigentlich war ja seine Frage: Wie klappt das genau mit dem Beten?

Puh – diese Frage ist ja eigentlich ziemlich ernst. Und zentral. Da kann ich nicht mit Hotlines kommen. „Wie hältst Du es mit dem Beten?“ Fragen Sie das mal einen Christen, den Sie kennen, oder fragen Sie sich das selbst mal … Gar nicht so leicht, da spontan eine Antwort drauf zu geben.

Bei mir war das mit dem Beten nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Gut – ich stamme aus einem katholischen Elternhaus, wir gingen sonntags in die Messe. Aber daheim wurde nur selten gebetet. Das konnte ich mir von keinem so richtig abgucken. Und ich kann Ihnen noch nicht mal sagen, wann das bei mir angefangen hat mit dem Beten. Gefühlt mache ich das eigentlich schon immer.

Ich bete nicht auf Knopfdruck. Muss mich dafür nicht in meine religiöse Ecke verkriechen. Ich bete immer dann, wenn mir gerade danach ist. Im Auto, an der Supermarktkasse. Wenn es brenzlig wird, oder wenn ich einfach mal „Danke“ sagen will. Und dazu bete ich meist nicht mit vorgefassten Worten, sondern mit meinen eigenen –  wenn ich überhaupt welche brauche.

Für mich heißt Beten einfach: In Kontakt bleiben mit Gott. Weniger im Sinne von Anrufen bei einer Hotline – mit Warteschleife und allem, was da nervt. Beten ist mein Gespräch mit Gott – oftmals jenseits der Worte.

„Bleibt in meiner Liebe“, hat Jesus gesagt im Johannesevangelium, „Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“

Darum geht es: Verbindung zu halten. Das Sprechen, wie im Gebet oder in einer Hotline, ist dafür nur die zweitbeste Wahl. Zu lieben – das ist die erste Wahl, sagt Jesus. So, und jetzt muss ich mir nur noch überlegen, wie ich das meinen Kommunionkindern beibringe. Aber ich hoffe, Sie wissen jetzt so ungefähr, wie ich das meine – mit dem Beten. Aus Oerlinghausen grüßt Sie Marie-Simone Scholz.

Briefmarke mit blauem Pferd von Franz Marc. Foto: Mitrofanov Alexander / Shutterstock.com
Briefmarke mit blauem Pferd von Franz Marc. Foto: Mitrofanov Alexander / Shutterstock.com

Franz Marc und mein Gottesbild

Heute wäre Franz Marc 140 Jahre alt geworden. Aber der Künstler starb schon mit 36 Jahren, im Ersten Weltkrieg bei Verdun.

Warum mir Franz Marc und seine Kunst etwas sagt, das liegt vor allem an einem Referat im Kunstunterricht.

Wir Schüler sollten jeweils einen Künstler vorstellen. Meine Wahl fiel auf Edvard Munch, nicht auf Franz Marc. Das Referat hatte ein anderer Schüler gehalten. Warum ich trotzdem noch etwas von Franz Marc behalten habe, das hängt wohl mit einem ganz bestimmten Gemälde zusammen: „Der Turm der blauen Pferde“. Klar: Die Kunstbeflissenen unter Ihnen werden sofort beim Namen Franz Marc gedacht haben: „Expressionismus“ und: „blaue Pferde“. Aber: „Der Turm der blauen Pferde“ – das Gemälde ist seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen. Und genau diese Information hatte mich damals fasziniert: Dass heute noch über ein Bild gesprochen wird, das so lange keiner mehr in echt gesehen hat. Und dann habe ich letzten Sommer einen Roman geschenkt bekommen, bei dem es genau darum geht: „Der Turm der blauen Pferde“ ist ein spannender Krimi um das verlorene Bild. Und ich fand das witzig, dass ich durch diesen Zufall noch mal an meinen Kunstunterricht erinnert wurde.

Wie das Bild aussieht? Nun, das ist schwer zu beschreiben, hier im Radio. Abstrakt ist das Bild. Expressionistisch eben – allein die blauen Pferde. Franz Marc hatte mit solchen Bildern das damalige Kunstverständnis ziemlich auf den Kopf gestellt. Manche waren vielleicht sogar geschockt.

Darum – und weil eben dieses Bild verschollen ist – hat mich „Der Turm der blauen Pferde“ an etwas ganz Anderes erinnert: an meinen Glauben, oder besser noch: an mein Gottesbild.

Denn es gab eine Zeit in meinem Leben, da war das auch verschollen. Und ob Sie es glauben oder nicht: Das war genau in der Zeit, als ich angefangen hatte, mich intensiver mit meinem Glauben auseinander zu setzen. Das war zu Beginn meines Religionspädagogik-Studiums in Paderborn. In den ersten Vorlesungen war etwas zersprungen von meinem Kinderglauben. Gleich im ersten Semester erfuhr ich in den Bibelwissenschaften, dass z.B. Mose wohl nie durchs rote Meer gezogen ist – wenn er überhaupt je gelebt hat. Für mich war das damals ein Schock. „Was habe ich die ganze Zeit eigentlich geglaubt?“ – das war meine Frage im ersten Studienjahr und die war hart. Irgendwie habe ich mich gefühlt, als sei ich da auf etwas reingefallen.

Was mir geholfen hat? Die Auseinandersetzung mit meinem Mitstudenten: wie die glauben, und wie man das alles zusammenbringen kann: die großen Fragen der Welt und der Zweifel und die Botschaften der Bibel, die Botschaften des Christentums.

Dadurch ist mein Glauben anders geworden. Mein Gottesbild ist viel abstrakter. Aber nicht weniger schön. „Der Turm der blauen Pferde“ – das Bild mag abstrakt sein, aber schön finde ich es trotzdem. Es sagt mir etwas.

Mein Gottesbild, das hat sich gewandelt, nachdem es eine Zeit lang verschollen war. Ein anderer Künstler als Franz Marc hat einmal etwas darüber gesagt: Joseph Beuys war das, der für noch viel abstraktere Kunst berühmt wurde. Beuys war tiefgläubig und sagte zum Christsein in unserer Zeit: „Du musst erst deinen Glauben verlieren, so wie Christus für einen Augenblick seinen Glauben verloren hat, als er am Kreuz war.“

So wie es der Künstler Beuys beschrieben hat, so habe ich das am Anfang des Studiums erlebt. Dass Beuys dabei an Christus selbst erinnert, das zeigt mir einmal mehr, wie viel das christliche Gottesbild aushält. Es hat sogar Platz dafür, dass der eigene Glaube irgendwann im Leben auch einmal verschollen ist – für eine kurze oder für eine lange Weile.

Wie auch immer Ihr ganz eigenes Gottesbild ist, ob abstrakt, ob expressionistisch, ob verschollen, ob farbenfroh oder einfach nur schön – ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Ihre Marie-Simone Scholz aus Oerlinghausen.

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