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12
Oktober
2020
12.Oktober.2020

Mehr als nur Eurovision

Themenspecial “Einheit”: Prälat Dr. Peter Klasvogt zur Frage “Was ist mit dir los, Europa?”

„Was ist mit dir los, Europa“ [1], so wundert sich seit einigen Jahren nicht nur Papst Franziskus. Seine Worte anlässlich der Rede zur Karlspreisverleihung an die Führer der europäischen Nationen, sind mittlerweile legendär, und man mag sich wehmütig daran erinnern, welche Kraft der Friedenswille europäischer Staatenlenker in der 50er Jahren hatte, die nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs den Grundstein gelegt haben für die Europäische Integration: ein großes und erfolgreiches Friedensprojekt, das mit dem Friedensnobelpreis bedacht und geehrt wurde.

Prälat Dr. Peter Klasvogt
Prälat Dr. Peter Klasvogt

Die Vision der Zusammengehörigkeit

Man erinnere sich noch an die Stunde der deutschen Wiedervereinigung, als 1989 die Berliner Mauer fiel: „Deutschland einig Vaterland“, so der vieltausendstimmige Chor, zunächst im Osten und dann auch im Westen. Für einen Moment wurde wahr, was dann unter den Klängen von Beethovens Neunter zur Europahymne mutierte: „Alle Menschen werden Brüder“. Eine Sternstunde deutsch-deutscher Begegnungs- und Willkommenskultur, als die Vision eines „einigen Vaterlandes“ die Herzen der Menschen wärmen konnte, auch in der Hoffnungsperspektive eines geeinten Europas. Denn die Aufhebung der innerdeutschen Teilung war ja zugleich die Überwindung der Spaltung Europas: dass auch auf dem europäischen Kontinent zusammenwachen sollte, was zusammengehört, um die Deutungsmetapher Willi Brandts zu bemühen. Auch auf europäischer Ebene wirkte diese Aufbruchsstimmung wie ein völkerverbindendes Narrativ: die Aussicht, dass Europa nunmehr „auf beiden Lungenflügeln atme“ (Johannes Paul II.) und die Völker Europas einträchtig im „gemeinsamen Haus“ (Gorbatschow) in gutnachbarschaftlicher Beziehung miteinander würden auskommen können.

Für einen kurzen Glücksfall der Geschichte gab es – Jahre später – wieder eine große Welle der Solidarität und Mitmenschlichkeit, als  im September 2015 eine Massenbewegung von Flüchtlingen an die Grenzen unseres Wirtschaftswunderlandes rührte und sich an vielen Orten jenes Wunder der Willkommenskultur ereignete, das von nicht wenigen Beobachtern mit Bewunderung und Verwunderung registriert wurde: da überbietet sich plötzlich eine Gesellschaft, berauscht von der eigenen Generosität und Weltoffenheit, die sich von der Not der ankommenden Migranten rühren lässt und spontan vieltausendfach konkrete tätige Hilfe leistetet: das Selbstbild einer solidarischen Gesellschaft, und viele haben auch weiterhin nachhaltig an der Integration der Heimatlosen gewirkt – bis heute.

Die Macht der Gewöhnung

Doch die Frage bleibt, ob jene gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, von der großen Mehrheit getragen, auf die Dauer selbsttragend sind; ob die Begeisterung über den emotional aufgeladenen Moment hinaus nachhaltig identitätsbildend ist oder nicht doch mit der Gewöhnung Erosionsprozesse einsetzen, Abnutzungseffekte sichtbar werden und nicht selten die Aufbruchsbewegungen zum Stillstand bringen oder gar wieder zurückfahren. Denn wie kanalisiert man (allzu große) Hoffnungen und Visionen, wie organisiert man die Umsetzung spontaner Gefühle und zeitgebundener Einsichten in die Bereitschaft, in langfristige Projekte zu investieren und große Anstrengungen und Opfer auf sich zu nehmen, um über eine lange zeitliche Strecke den Traum in die Wirklichkeit zu überführen? Denn Hoffnung, die sich nicht erfüllt, oder deren Realisierung (zu lange) auf sich warten lässt, überzogene Erwartungen oder erst recht utopische Versprechen und Verheißungen führen am Ende zu Desillusionierung und Enttäuschung; euphorische Stimmungen kippen dann allzu leicht um in Resignation, Wut und Verzweiflung. Die jüngere Geschichte bis in die Gegenwart liefert dafür ein Anschauungsmaterial.

Narrative unerfüllter Sehnsucht

„Nie wieder Krieg“: So erfolgreich das Gründungsnarrativ zum Aufbau supranationaler politischer Strukturen in Europa beigetragen hat, auf der Basis gemeinsamer Grundrechte und Grundwerte: In Zeiten politischen Stabilität und wirtschaftlichen Prosperität  verblasst der Wert der Friedensdividende und die Bereitschaft zur „Verwirklichung einer immer engeren Union der Völker Europas […], in der die Entscheidungen möglichst offen und möglichst bürgernah getroffen werden“ (Lissaboner Vertrag, Art 1). An die Stelle gemeinsamen solidarischen Handelns treten schleichend Kosten-Nutzen-Überlegungen einzelner Mitgliedstaaten („I want my money back“) – bis hin zum ökonomistisch und nationalistisch motivierten Austritt. Die bittere Erkenntnis: In Friedenszeiten wächst Eigennutz.

„Wir sind das Volk“: Was auf den Straßen Ostdeutschlands selbstbewusst-trotzig eingefordert wurde: wie Wiederherstellung der nationalen Einheit, lässt im Nachhinein Zweifel aufkommen, ob die Sehnsucht nach dem großen WIR im Letzten wirklich gewollt ist oder nicht doch mit einem Verlust an Identität bezahlt wird. Denn die Bereitschaft, über Jahrzehnte finanzielle Opfer für die Gleichstellung der Lebensverhältnisse in Ost und West zu erbringen, nimmt mit der Zeit ab, und den desillusionierten und enttäuschten Freiheitskämpfern von einst und den „Zurückgebliebenen“ in den Transformationsgebieten bleibt das schale Gefühl der Zu-kurz-Gekommenen, der lästigen armen Verwandtschaft, die sich am Katzentisch des prosperierenden Westens mit den Brotkrumen sozialer Wohltaten (sprich Transferleistungen) zufrieden geben muss. Die Abstimmung mit den Füßen, sprich der Wegzug der Jungen und Gebildeten, die Ausbildung und Arbeit, aber auch bessere Lebensverhältnisse im Westen suchen und finden, die Entvölkerung ganzer  Städte und die Verödung vermeintlich blühender Landschaften, auch die demütigende Alimentierung des Ostens durch den Westen, führt am Ende zu Nostalgie und Resignation, zu Protest und Demokratieverlust. Die bittere Erkenntnis: Mit der Zielerreichung wachsen die Ansprüche.

Willkommenskultur war gestern

„Willkommenskultur“ war gestern. Gefühle erkalten, Begeisterung schwindet, Stimmungen können kippen. Da genügt ein singuläres Ereignis von hoher Symbolkraft, wie es die Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof in der Silversternacht 2016 waren, und ein ganzes Land geht urplötzlich auf Abstand. So hat sich die euphorische Stimmung des Willkommens, medial inszeniert und politisch instrumentalisiert, alsbald verflüchtigt und ist einer Stimmung fortgesetzter Mäkeleien gewichen, die sich in Pegida-Märschen und populistisch-nationalistischen Hetzparolen Bahn bricht.  „Solange die Etablierten  [die „Biodeutschen“, die alten Bundesländer, Westeuropa …, Anm. d. Verf.] die Außenseiter nur pädagogisch behandeln können, indem sie Unterstützung fürs Nachlernen und Aufholen anbieten, fügt sich nichts –, und solange die Außenseiter die Etablierten damit reizen, dass sie immer mehr fordern und zugleich immer weniger erwarten, fügt sich erst recht nichts. Es breitet sich nur die Stimmung einer wechselseitigen Stornierung von Energien und des wechselseitigen Verpassens von Begegnungen aus.“[2] Auch hier die bittere Erkenntnis: Mit der Ankunft der Fremden wachsen Abgrenzung und Abneigung.

Denkweisen aus Ost und West

„Alle Menschen werden Brüder“: Was so einleuchtend und selbsterklärend klingt, kommt alsbald an sein Ende, wenn „Brüder“ miteinander auskommen müssen. Das gilt auch innerhalb der Europäischen Union, die nur mühsam die fortbestehende Spaltung des Kontinents überdeckt. Während die Transformationsländer im Bemühen um Selbstvergewisserung und Selbstbestätigung die Respektierung der eigenen nationalen, religiösen, kulturellen Identität von den etablierten Ländern der Union erwarten und entsprechende Solidarität und Integrationsleistungen beanspruchen, vergiftet das Migrationsthema zusätzlich das Klima.[3] Da verwundert es nicht, dass in Zeiten von Globalisierung und weltweiten Wanderungsbewegungen Ängste geschürt und fremdenfeindliche Stimmungen entfacht werden. Diese sind im pluralitätserfahrenen Westeuropa allerdings anders konnotiert und motiviert als in den postkommunistischen Ländern. Ivan Krastev, Leiter des Centre for Liberal Strategies in Sofia: „Die Frage, die man sich im Westen stellt, ist, wie man mit einer multikulturellen Gesellschaft am besten umgeht. Im Osten will man verhindern, dass eine multikulturelle Gesellschaft entsteht.“[4] Seine Analyse der unterschiedlichen Bedrohungsszenarien lässt die je verschiedene Motivlage nationalistischer und populistischer Propaganda in Ost und West besser verstehen. „Im Westen geht es nun darum, dass die politischen und ethnischen Mehrheiten befürchten, dass sie nicht genug politische Macht haben werden, um ihre kulturelle Hegemonie bewahren zu können. Deshalb rückt die Frage der kulturellen Identität im politischen Diskurs in den Vordergrund. In Osteuropa ist das Problem ein völlig anderes. Ganze Landstriche sind durch Emigration in den Westen entvölkert.“[5] Da ist es mit der „Ode an die Freude“ schnell vorbei.

Europa – Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit [6]

All das beschreibt, dass etwas zu Ende geht. Aber was soll kommen – oder ist schon im Werden? Angesichts der weltweit zu beobachtenden „regressiven“ Tendenzen[7], nicht nur in Europa, braucht es in einer pluralistischen, widersprüchlichen, konfliktreichen (Welt)Gesellschaft Menschen, Organisationen und Institutionen, die sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen: die nicht aus- und abgrenzen, sondern einbinden, vernetzen, versöhnen.

Papst Franziskus spricht in diesem Zusammenhang von einem „Epochenwandel“ und fordert dazu heraus, „sich nicht nur für die Begegnung zwischen Menschen, Kulturen und Völkern und für einen Bund zwischen den Zivilisationen einzusetzen, sondern dafür, alle gemeinsam die epochale Herausforderung zu überwinden, eine gemeinsame Kultur der Begegnung und eine globale Zivilisation des Bundes aufzubauen.“[8] Das Vision einer „globalen Zivilisation“ verlangt allerdings den Einsatz aller positiven Kräfte für das Weltgemeinwohl. Ein Appell nicht zuletzt an unser Europa – „Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit“.


Quellenangabe

[1] Ansprache des Papstes bei der Verleihung des Karlspreises, am 6. Mai 2016, im Vatikan.

[2] Heinz Bude, Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen, München 2016, 99.

[3] „Die Etablierten blicken […] oft in einer Stimmung aus hochmütiger Angespanntheit, missgünstiger Aufmerksamkeit und unnachgiebiger Verbissenheit auf die Außenseiter. Da gibt es keine Heiterkeit, keine Gelassenheit, keine Großzügigkeit.“, Heinz Bude: Das Gefühl der Welt, 95.

[4] Ivan Krastev: „Eine Geschichte zweier Europas“, Interview, Wiener Zeitung, 27.07.2018

[5] Ebd.

[6] Ansprache des Papstes bei der Verleihung des Karlspreises, am 6. Mai 2016, im Vatikan.

[7] Vgl. Arjun Appadurai, Zygmunt Bauman, Donatella della Porta (Hg): Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit, Suhrkamp Berlin 2017.

[8] Papst Franziskus, Begegnung mit der Gemeinschaft der Fokolarbewegung, Loppiano (Florenz), 10. Mai 2018.

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