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30
März
2021
30.März.2021

Lernend und lehrend zugleich

Was die Kirche lernen kann und lernen muss

Die Kirche wird von vielen Menschen eher als lehrende und belehrende Institution wahrgenommen denn als lernende Organisation. Aber ist dieser Eindruck gerechtfertigt?

Drei Mitarbeitende der Kirche aus dem Erzbistum, drei unterschiedliche Perspektiven: Die Lippstädter Gemeindereferentin Susanne Wiehen, Alexander Sieler vom jugendspirituellen Netzwerk TABOR und Domvikar Dr. Rainer Hohmann, der für die berufliche Fort- und Weiterbildung des Pastoralen Personals zuständig ist, stellen ihr Bild einer lernenden Kirche dem Bild der lehrenden Kirche gegenüber. Hier kommen die Aufzeichnungen dreier lehrreicher Gespräche. Vorsicht: Nicht jede der Lektionen ist leicht verdaulich – schon am Anfang wartet mit der Dogmatik schwere intellektuelle Kost. Aber: Durchhalten lohnt sich!

1. Die Kirche und das Dogmatische

Susanne Wiehen, Gemeindereferentin

Dogmatik begegnet mir in meinem Alltag in der Pastoral enorm selten – und wenn, dann hat das Dogmatische für die Gläubigen eine andere Bedeutung als in der Theologie. In der Umgangssprache steht dogmatisch für stur, unwandelbar, autoritär. Was vor Ort in der Pastoral zählt? Meine Persönlichkeit, Haltung. Ich bin auch Kirche – und ich bin nicht stur, unwandelbar und autoritär.

Rainer Hohmann, Domvikar

Dogmen sind einige wenige Pfähle, die überwiegend in frühchristlicher Zeit “eingerammt” wurden, um das Terrain der Glaubenswahrheiten abzugrenzen. Dabei ist Dogmatik als Wissenschaft überhaupt nicht dogmatisch.

Gut verstandene Dogmatik, generell gut verstandene Theologie, verpflichtet sich als „-logie“, also als Wissenschaft, darauf, die Glaubensangelegenheiten auf dem Forum der Vernunft diskutierbar zu machen und zu halten, so dass man sie verstehen, nachvollziehen, unterscheiden und beurteilen kann. Hätten wir keine Verpflichtung, den Glauben auf dem Forum der Vernunft zu diskutieren, wäre der Glaube ausschließlich emotional. Es gab und gibt rein emotionale Glaubensrichtungen. Man darf sie getrost Sekten nennen. Unsere Kirche unterscheidet sich von Sekten und ich hoffe, dass das so bleibt. Denn Verpflichtung auf Vernunft heißt immer auch Verpflichtung zur Argumentation, zu nachvollziehbarer Unterscheidung von richtig und falsch. Und das heißt immer auch Freiheit, Freiheit im und durch den Glauben! Niemand kann verpflichtet werden, vor Gott in der Kirche neben dem Hut auch noch den Kopf abzunehmen … Insofern ist Freiheit im Glauben ein Ergebnis von Dogmatik, die uns die Dinge diskutieren und hinterfragen lässt.

Alexander Sieler, Jugendseelsorger

Die Frage nach dem Dogmatischen in der Kirche, sei es auf wissenschaftlicher oder auf umgangssprachlicher Ebene, rührt an die Frage von Glaubensinhalt und Struktur. Die jungen Menschen, mit denen ich arbeite, sprechen eine unverblümte Sprache. Oft kommt die Frage: „Warum gibt es überhaupt all die Strukturen und all die Probleme der Kirche, wenn der Heilige Geist auf unserer Seite steht?“ Ich antworte darauf gern mit einem Bild. Der Heilige Geist als Fluidum braucht ein Gefäß, damit er Gestalt annehmen kann. Ein Gefäß ist der Mensch, ein anderes ist die Kirche als Gemeinschaft.

Rainer Hohmann, Domvikar Foto: Erzbistum
Rainer Hohmann, Domvikar Foto: Erzbistum

2. Das eigene Lernen

Alexander Sieler, Jugendseelsorger

Ich lerne ständig aufs Neue, dass das Bedürfnis nach Spiritualität und ein Leben in Tiefe in vielen jungen Menschen angelegt ist und dass Gott in diesen Menschen bereits angekommen ist. Ja, es ist wahr, längst nicht mehr jeder junge Mensch bekennt sich dazu. Wir Christen werden weniger. Aber damit ist die Zeit der braven und angepassten Christen vorbei. In der Jugendkirche sammeln sich überzeugte Christinnen und Christen. Und ja, Überzeugungstäter sind anstrengend. Gott sei Dank sind sie das! Junge Menschen dürfen Grenzen austesten und dürfen anstrengend sein, weil ihr Weg zum Glauben nicht durch ein soziales Umfeld vorgegeben ist, sondern weil dieser Weg selbstgewählt und anstrengend ist. Dieser neue Glaube ist stark.

Rainer Hohmann, Domvikar

Aktuell lerne ich aus diesem Gespräch durch Zuhören.

3. Lernen aus der Missbrauchskrise

Susanne Wiehen, Gemeindereferentin

Das Thema ist komplex, aber ich versuche das in wenigen Sätzen aus meiner Perspektive als Präventionsfachkraft zu erklären: Sexualisierte Übergriffe und sexualisierte Gewalt in der Kirche waren möglich, weil es ein Klima gab, in dem man so getan hat, als könne es diese Dinge gar nicht geben. Missbrauchstäter brauchen ein Umfeld und haben es auch in der Kirche gefunden. Bereits das Eingeständnis, dass es Missbrauch gegeben hat und dass dies ein großes Unrecht war, hat zu einer Veränderung in der Haltung geführt. Den Tätern fehlt damit ein schützendes Umfeld. Bei der Prävention hat die Kirche durch diese Haltungsveränderung und konkrete Regeln viel erreicht, auch wenn Präventionsarbeit nie zu Ende ist und immer verbessert werden muss. Prävention ist eine Haltung und ein Lernfeld.

Rainer Hohmann, Domvikar

Das kann ich aus meiner Perspektive als Verantwortlicher für die Fortbildung des pastoralen Personals nur unterstreichen. Missbrauch durch Kleriker hat zahlreiches und großes Leid verursacht und dieses Bild von einem abgesonderten Priestertum noch mehr in Frage gestellt, als es vom Neuen Testament her immer schon war. Die einzige Chance liegt in der Aufarbeitung und Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts.

4. Vom Ich zum Wir: Kirche als lernende Institution

Rainer Hohmann, Domvikar

Kirche muss lernfähig sein. Das gilt sowohl für die Institution Kirche, die sich innerkirchlich oft als Behörde versteht und als solche handelt, als auch für Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen. Alle müssen von allen lernen. In der christlichen Religion sind die Hierarchien klar verteilt. Gott ist der Herr, steht auf Platz 1. Dann kommen wir Menschen auf Platz 2 und wir alle sind Brüder und Schwestern. Damit schwindet die Bedeutung innerkirchlicher Hierarchien, und das Behördenhafte der Kirche tritt in den Hintergrund.

 

Alexander Sieler, Jugendseelsorger

TABOR, die Einrichtung, für die ich arbeite, versteht sich als jugendspirituelles Glaubensnetzwerk. Die wichtigste Fähigkeit der Kirche als lernende Organisation ist, ins Gespräch zu gehen und die Fähigkeiten all ihrer Menschen darin zu akzeptieren. Kirche ist bunt, kontrovers, divers. Kirche findet in der Familie statt, in Schulen, in der Caritas, im Ehrenamt. Kirche ist vital.

Susanne Wiehen, Gemeindereferentin

Ich komme bei der lernenden Institution von der systemtheoretischen Ecke. Zum Beispiel: Wenn ich in einer Gruppendiskussion rein gar nichts sage, wird die Gruppe aus meinem Schweigen lernen. Und wenn die Gruppe sensibel ist, wird sie mein Schweigen anhand von nonverbalen Signalen richtig deuten: Im einen Fall bedeutet mein Schweigen Zustimmung, im anderen Fall habe ich einfach zu dem Thema nichts Gescheites beizutragen, im dritten Fall ist mein Schweigen ein Zeichen von Missbilligung und ich schweige, weil ich Streit vermeiden will. Damit will ich nicht die Bedeutung des Dialogs schmälern. Ich möchte damit zum Ausdruck bringen, dass sämtliche menschlichen Gemeinschaften Organisationen sind, die systembedingt von ihren Mitgliedern lernen, selbst wenn dieses Lernen vielleicht nicht gleich sichtbar wird. Das gilt selbstverständlich auch für die Kirche.

Susanne Wiehen, Gemeindereferentin Foto: Erzbistum
Susanne Wiehen, Gemeindereferentin Foto: Erzbistum

„Meine pastorale Praxis sagt mir, dass wir in der Kirche immer neue Wege finden müssen, um die Menschen mit der Frohen Botschaft zu erreichen. (…) Wir müssen also ständig neue Formen der Vermittlung lernen und den Lebenswirklichkeiten der Menschen anpassen.”

 

Susanne Wiehen, Gemeindereferentin

5. Was andere Institutionen von der Kirche lernen können

Susanne Wiehen, Gemeindereferentin

Meine berufliche Aufgabe besteht in Teilen in der Supervision und Praxisberatung von Mitarbeitenden der Kirche beim Berufseinstieg. Die Berufswelt in unserer Gesellschaft ist stark von marktwirtschaftlichen Mechanismen geprägt. Kirche als Arbeitgeber schlägt einen etwas anderen Weg ein als die Wirtschaft mit ihrem Leistungsprinzip. Aus unserem christlichen Menschenbild heraus verstehen wir uns als Dienstgemeinschaft. Deshalb ist für uns die Supervision am Anfang des Berufslebens eine Selbstverständlichkeit. Die Mitarbeitenden können unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit über ihr Aufgabenfeld sprechen, mehr über ihre berufliche Rolle herausfinden und sich beraten lassen. Angebote in dieser Tiefe sind in der Wirtschaft eher selten.

6. Kirche als Dienstleister

Rainer Hohmann, Domvikar

Im Lukasevangelium heißt es: Was willst du, dass ich dir tue? Jesus ist nicht gekommen, um zu herrschen, sondern um zu dienen. Der Dienst ist ein zentrales Element der Kirche. Er hat mehrere Bedeutungsebenen. Zuerst ist da der urbiblische Dienst am Menschen. Zum zweiten hat der Dienst in der Kirche über Begriffe wie Dienstgeber und Pastoraler Dienst etwas Institutionelles, oft ist Dienst in der Kirche eine Umschreibung für eine Machtposition. Und zum Dritten kommt noch von außen, von der Marktwirtschaft, dass Dienstleistung etwas mit Angebot und Nachfrage und Bezahlung zu tun hat. Oben wirft man Geld rein, unten kommt Service heraus. Es ist klar, dass sich die Kirche gegen diese automatenhafte kapitalistische Verwertungslogik sperrt. Spiritualität ist nicht käuflich.

Susanne Wiehen, Gemeindereferentin

Ich habe kein Problem mit dem Begriff Dienstleistung. Gottesdienst ist ein Dienst an Gott und an den Menschen.

Alexander Sieler, Jugendseelsorger

Der größte Dienst der Kirche besteht darin, die Gegenwart Gottes in den Mittelpunkt zu stellen.

7. Neue Rituale und neue Formen der Vermittlung lernen

Alexander Sieler, Jugendseelsorger

Kirche sollte Kirche bleiben und als solche erkennbar sein, auch in ihren Ritualen. Entertainment können andere viel besser als wir. Junge Menschen sind absolut bereit, den Weg der Kirche mitzugehen, um sich von Gott berühren zu lassen. Dazu gehört eine ernsthafte Auseinandersetzung, aber auch ein freudvolles Ausleben der Gotteserfahrung in einer Gemeinschaft.

Susanne Wiehen, Gemeindereferentin

Meine pastorale Praxis sagt mir, dass wir in der Kirche immer neue Wege finden müssen, um die Menschen mit der Frohen Botschaft zu erreichen. Dass Mütter sich in der Vorbereitung auf die Erstkommunion engagieren und Kleingruppen übernehmen, ist wunderschön, aber nicht mehr überall möglich. Heute sind die meisten Elternteile berufstätig. Also gibt es bei uns die Weggottesdienste. Das funktioniert hier in Lippstadt in einem mittelstädtischen Umfeld noch ganz gut, ist aber vielleicht zum Beispiel im Ruhrgebiet nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen also ständig neue Formen der Vermittlung lernen und den Lebenswirklichkeiten der Menschen anpassen.

Alexander Sieler, Jugendseelsorger Foto: Erzbistum
Alexander Sieler, Jugendseelsorger Foto: Erzbistum

8. Die Rolle des Priesters

Alexander Sieler, Jugendseelsorger

Ich konnte in Südamerika kirchliche Erfahrungen sammeln. Dort kommen auf einen Priester zehnmal mehr Gläubige als in Deutschland. Den Zahlen nach herrscht also in Südamerika, auf dem sogenannten katholischen Halbkontinent, ein drastischer Priestermangel! Zugleich finden wir dort eine hochvitale Kirche. Die Aufgaben sind eben anders verteilt. Der Priester nimmt priesterliche Aufgaben wahr und spendet Sakramente.

Rainer Hohmann, Domvikar

In diese Situation, dass der Priester die Cocktailkirsche auf dem Ritual darstellt, haben wir uns selbst hineinmanövriert, auch über eine tradierte Haltung, dass nur der Priester die Dinge richtig machen kann. Das Ergebnis war eine Erwartungshaltung der Menschen, dass zum runden Geburtstag der Gemeindepfarrer auflaufen muss. Gratuliert der Vikar, ist das bereits zweite Wahl, ganz zu schweigen von der Gratulation durch die Gemeindereferentin.

Susanne Wiehen, Gemeindereferentin

Die Haltung kenne ich, aber ich begegne ihr ich zum Glück immer seltener. In meiner Anfangsphase gab es das noch, dass ich als Seelsorgehelferin gesehen wurde, so etwas wie eine gehobene Messdienerin. Heute wird unsere Arbeit von den Menschen anerkannt.

9. Zuhören lernen

Alexander Sieler, Jugendseelsorger

Ein Mitstreiter hat mir einmal gesagt: Wir Menschen haben zwei Augen zu sehen und zwei Ohren zu hören, aber nur einen Mund, um zu reden. Wenn Kirche das beherzigt, bleibt sie lernfähig.

10. Kirche auf dem Weg

Alexander Sieler, Jugendseelsorger

Kirche auf dem Weg ist notwendig und eine großartige Botschaft, wirft aber in meinem Umfeld oft die Frage auf: Sagt mal, wann kommt ihr eigentlich mal an? Solange wir nicht in der Herrlichkeit Gottes angekommen sind, wird Kirche auf dem Weg bleiben.

Susanne Wiehen, Gemeindereferentin

Aber die Menschen wollen Ergebnisse sehen und den Wandel sehen können.

Rainer Hohmann, Domvikar

Die Unvollkommenheit des Menschen spiegelt sich in der Unvollkommenheit der Kirche. Alles, was ins Zeitliche fällt, ist fehlbar und damit wandelbar, auch unsere Kirche. Das ist eine gute Botschaft!

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