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16
Oktober
2020
16.Oktober.2020

“Ich erlebe das gerade als Zerreißprobe für Europa”

Interviews in Zeiten von Corona führt man besser an der frischen Luft. Auch dann, wenn Nieselregen, kalter Wind und tiefhängende Wolken über Meschede hinwegziehen. Hier wohnt Peter Liese, Europa-Abgeordneter für Südwestfalen und das Hochstift. Auf seiner „Hausrunde“ oberhalb von Meschede hat man einen guten Blick über die Stadt und auf das Benediktiner-Abtei Königsmünster sowie das dazugehörige Gymnasium, das Peter Liese als Schüler sehr geprägt hat. Es geht vorbei an Schloss Laer, Heiligenhäuschen, Klausenkapelle und dem Hennesee – und dabei hat CDU-Politiker Peter Liese Europa fest im Blick. Ein Thema, das ihn immer und in diesen Wochen besonders beschäftigt: die europäische Einheit.

Herr Liese, wie geht es Ihnen?

Peter Liese

Ehrlich gesagt – nicht so gut. Ich mache mir große Sorgen. Wir erleben gerade einen dramatischen Anstieg der Corona-Infektionen. Und das sind nicht einfach nur Zahlen. Wenn wir auf unsere Nachbarländer in Europa schauen – nehmen wir mal die Niederlande – dann wissen wir, wie es uns in sechs Wochen gehen wird. Die Notaufnahmen sind schon wieder überfüllt. Und ich spüre, dass uns langsam die gesellschaftliche Solidarität verloren geht. Wir müssen gemeinsam auf uns alle Acht geben.

Eigentlich haben wir ja einen Grund zu feiern: 30 Jahre Deutsche Einheit.

Peter Liese

Definitiv. Das ist ein Grund zu feiern. Es ist ja so, dass wir uns schnell an die positiven Sachen gewöhnen und als gegeben hinnehmen. Manchmal lohnt es sich aber, diese positiven Dinge noch mal stärker herauszustellen. Ich selbst habe die Zeit der Mauer durch Deutschland noch erlebt. Wir waren damals mit dem Benediktiner-Gymnasium unterwegs in der DDR, in Dresden, Leipzig und Ost-Berlin. Ein Klassenkamerad hat sich in eine Ost-Deutsche verliebt. Die Mutter war bei der Stasi. Die Beziehung hatte also keine Chance. Später war ich zum Wehrdienst bei der Bundeswehr und ich fand die Vorstellung grausam, dass wir eventuell auf andere Deutsche hätten im Kriegsfall schießen müssen. Ich habe die Teilung Deutschlands als schmerzlich empfunden.

“Um es mit den Worten von Alt-Bundespräsident Joachim Gauck zu sagen: die demokratische Tradition ist in vielen Ländern noch nicht so verwurzelt. Und auf der anderen Seite sehen wir auch Staaten, die lange Zeit von anderen Regierungen unterdrückt wurden und die sich jetzt von Brüssel bevormundet fühlen. Da wird aus meiner Sicht natürlich maßlos übertrieben, wenn man Brüssel mit der Sowjetunion vergleicht.”

Peter Liese
vor der Klausenkapelle in Meschede

Die Europäische und die Deutsche Einheit sind eng miteinander verknüpft. Wie steht es denn um die Einheit in Europa?

Peter Liese

Deutschland war zum damaligen Zeitpunkt eingebunden in die Europäische Union. Deshalb haben unsere Nachbarländer uns vertraut und die Deutsche Einheit zugelassen, es gab in England und Frankreich große Bedenken. Gleichzeitig sollten wir an den Mut der Ungarn bei der Grenzöffnung und das Wirken von Solidarność in Polen erinnern. Heute blicken wir ja sorgenvoll auf diese beiden Länder, wenn wir über die Einheit in Europa sprechen. Aber auch in Malta oder Tschechien gibt es Entwicklungen, die mich beunruhigen. Unsere bisher allgemein gültigen Werte werden nicht mehr geteilt. Ich erlebe das gerade als Zerreißprobe für Europa.

Wie zeigt sich das konkret?

Peter Liese

Um es mit den Worten von Alt-Bundespräsident Joachim Gauck zu sagen: die demokratische Tradition ist in vielen Ländern noch nicht so verwurzelt. Und auf der anderen Seite sehen wir auch Staaten, die lange Zeit von anderen Regierungen unterdrückt wurden und die sich jetzt von Brüssel bevormundet fühlen. Da wird aus meiner Sicht natürlich maßlos übertrieben, wenn man Brüssel mit der Sowjetunion vergleicht.

Können Sie persönlich einen Beitrag zur Einheit leisten?

Peter Liese

Ich sehe das als meine tägliche Arbeit. Wir sind ja ständig mit Politikerinnen und Politikern aus allen Ländern in Kontakt und wir versuchen uns zu verständigen. Wir brauchen Verständnis füreinander und müssen gemeinsam für ein gutes Europa ringen.

Wissen Sie dabei die Kirchen an Ihrer Seite?

Peter Liese

Die deutschen Kirchen natürlich. Aber auch da gibt es große Unterschiede in Europa. Ich habe es immer als große Stärke gesehen, dass die katholische Kirche international ausgerichtet ist. Diese Stärke der Kirche würde ich mir heute deutlicher wünschen, wenn in manchen Ländern sehr national gedacht wird. Papst Franziskus war sehr früh in Lampedusa und hat sich mit dem Leid der Flüchtlinge beschäftigt. Da haben viele Politiker – auch in Deutschland – das Problem noch als ein italienisches abgetan.

Dabei verbindet der christliche Glaube uns zumindest geschichtlich in Europa. Sind die christlichen Werte ein gemeinsames Fundament?

Peter Liese

Es gibt auch jetzt noch Momente, wo man das spürt. Das ist richtig. Nur werden diese Werte nicht überall gleich gelebt. Nächstenliebe macht für mich nicht an der Grenze oder bei der Frage nach der jeweiligen Religion Halt. Da fühle ich mich eher mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter verbunden. Und an unserem Gymnasium habe ich gelernt, dass man selbst dem anderen zum Nächsten werden muss.

Beten Sie?

Peter Liese

Ja, meist in persönlichen Anliegen. Und da nehme ich oft auch die Politik mit rein, wenn mir etwas Sorgen macht.

Die Katholische Kirche kennt Schutzpatrone für Europa, unter anderem Birgitta von Schweden oder Edith Stein.

Peter Liese

Damit sollte ich mich vielleicht mehr beschäftigen, aber ich habe davon gehört.

Peter Liese in seiner sauerländischen Heimat - hier oberhalb vom Hennesee an der kleinen Kapelle in Berghausen.

Wie schauen Sie auf die nächsten Monate?

Peter Liese

Es gibt viele Themen, die mich bewegen. Schauen wir uns nur den Brexit an. Da gelingt uns die europäische Solidarität mit Irland. Wir arbeiten hart dafür, dass es keinen neuen Konflikt im Norden Irlands gibt, obwohl es ja eigentlich nur ein kleines Land ist. Der Brexit wird natürlich Schmerzen verursachen, aber unser wichtigstes Ziel in Europa ist doch der Frieden.

Ich habe große Sorgen, wenn ich mir die wirtschaftliche Entwicklung ansehe. Die Corona-Krise wird uns hart treffen und da wird es auf die europäische Solidarität ankommen. Ich kann nur inständig darum bitten, dass wir die Pandemie ernst nehmen, dass wir uns alle in den nächsten Wochen und Monaten zurücknehmen, sodass die Menschen zur Arbeit und in die Schule gehen können. Wir werden im Frühjahr aufatmen können. Und wir werden dann hoffentlich einen Impfstoff haben – und davon bin ich fest überzeugt – den wir in ganz Europa gemeinschaftlich verteilen werden.

Vielen Dank für das Gespräch. Bleiben Sie gesund!

Ein Beitrag von:

Dirk Lankowski
Redaktionsleiter
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