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8
Oktober
2020
8.Oktober.2020

Herzensangelegenheit und Herausforderung

Themenspecial “Einheit”: Christian Vornewald – Pfarrer der Katholischen Pfarrgemeinde St. Josef Blankenburg

Pfarrer Christian Vornewald, geboren 1959 in Paderborn, ist Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinde St. Josef Blankenburg/Harz. Nach dem Theologiestudium erhielt er 1985 in Paderborn die Priesterweihe. Sieben Jahre später wechselte Christian Vornewald in das heutige Bistum Magdeburg. Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der deutschen Einheit stand er der Redaktion des Erzbistums Paderborn zum Interview zur Verfügung. Da komplette Interview können Sie in der angehängten pdf-Datei nachlesen.

Redaktion

Sehr geehrter Pfarrer Vornewald 1992 haben Sie den Schritt gewagt in den Osten zu gehen. Was waren Ihre Beweggründe?

Christian Vornewald

Der Auslöser, in den Osten zu gehen, war eine bestimmte Begebenheit: Im Sommer 1991 gab es im Rahmen einer Dekanatspartnerschaft zwischen den Dekanaten Oschersleben und Dortmund Nord-Ost eine gemeinsame Fahrradfreizeit mit 15 Jugendlichen aus Oschersleben und 15 aus Dortmund.

Es war für alle Beteiligten eine ganz außergewöhnliche Erfahrung. Im Herbst gab es in Oschersleben ein Nachtreffen. Der Vikar in Oschersleben hatte für die Gruppe ein Gespräch mit Bischof Leo Nowak organisiert. Ich wunderte mich, dass ein Bischof für sowas Zeit findet, der Bischof hatte Zeit. Das Gespräch war etwas zäh, die Jugendlichen sagten nicht viel. Wohl um sie aus der Reserve zu locken, sagte der Bischof: Wenn aber nun jemand meint, er müsse von Oschersleben nach Dortmund gehen, dann sei seine Freundschaft vorbei. Auf Rückfrage erklärte er, dass die Jugendlichen in ihrer Heimat eine Aufgabe hätten und da gebraucht würden.

Natürlich kam die Gegenfrage, was denn wäre, wenn jemand von Dortmund nach Oschersleben käme. Und als das Gespräch wieder stockte, kam von mir die Frage, was denn wäre, wenn ein Priester vom Westen in den Osten wechseln wolle – weil ich einen Freund hatte, der Priester werden wollte und erwog, sich in Schwerin zu melden. „So jemand schauen wir uns ganz genau an“, antwortete der Bischof. „Drei Dinge sind wichtig: 1. Er muss als Lernender kommen, 2. Er muss mit dem, was wir ihm bieten können, zufrieden sein, und 3. Er muss mit Leuten, die keine Berührung mit Gott und mit der Kirche oder der Bibel hatten, über seinen Glauben sprechen können!“

Diese Antwort hat mich ganz unvorbereitet getroffen und sehr beeindruckt. Als Lernender kommen, also es nicht besser wissen, sondern sich auf die Situation einlassen und den Umgang damit lernen. Mit dem zufrieden sein, was sie bieten können, also das Pfarrhaus oder die Wohnung nicht auf West-Standard und ein erheblich geringeres Gehalt.

Vor allem das Dritte hatte mich getroffen: mit Leuten, die keinerlei Erfahrungen mit Gott und mit kirchlichem Leben und seinen Gepflogenheiten hatten, über den eigenen Glauben zusprechen. Das hat mich bewegt. Mir wurde klar, dass dies ein echter Wunsch von mir war.

Reaktion

Mit welchen Erwartungen haben Sie die Entscheidung getroffen?

Christian Vornewald

Nicht, dass ich unglücklich war in meiner Arbeit und Berufung, es machte mich froh und ich wurde wirklich gut angenommen. Aber ich empfand die Widersprüche, die sich offenbarten und fühlte mich als Teil davon, als jemand, der durch seine Stellung die Konventionen aufrechterhält. Das hat mich belastet. In einer Umgebung zu leben, die keinerlei kirchliche Prägung hatte, wie wäre das? Man müsse dafür bei guter Gesundheit sein, hatte Madeleine Delbrel geschrieben.

Ich wusste nicht, ob ich darin bestehen würde. Bei den Begegnungen mit unseren Partnern im Dekanat Oschersleben erlebte ich einige sehr beeindruckende Persönlichkeiten, die in der Auseinandersetzung mit ihrer atheistischen Umgebung eine innere Freiheit gefunden hatten – so eine Art Rückgrat im Glauben. Ich hatte den Eindruck, die wissen, was sie tun!

Als Dekanatsjugendseelsorger hatte ich vor allem mit einigen Jugendlichen Kontakt, mit denen der Austausch große Freude machte, die einen erstaunlich reflektierten Glauben bezeugten in unseren Begegnungen. Es kam noch dazu, dass mich die Erfahrung der Wende tief bewegt hatte, auch wenn ich nur indirekt damit zu tun hatte und zunächst keine persönlichen Beziehungen zu Menschen aus der DDR hatte.

Redaktion

Erst zwei Jahre vor Ihrem Amtsantritt im Bistum Magdeburg feierte Deutschland die Wiedervereinigung. Wie haben Sie die Menschen aus der „ehemaligen DDR“ erlebt? Welche Infrastruktur haben Sie angetroffen?

Christian Vornewald

Was mir bald auffiel, war die ganz anders gelernte Kommunikation. Während ich gewohnt war, die Dinge ausführlich zu diskutieren und manche bei Versammlungen wohl auch deshalb redeten, damit sie auch was gesagt hatten, war es bei der ersten Gemeinderatssitzung in der Studentengemeinde völlig anders. Nach zwei drei Sätzen war man mit einem Thema durch, man hörte wesentliche Dinge zwischen den Zeilen, langes Diskutieren war nicht nötig und verpönt. Vor allem bei Begegnungen zwischen Menschen aus Ost und West fiel mir immer wieder auf, dass die Menschen aus dem Westen viel mehr redeten. Sie hatten gelernt, sich darzustellen, die Menschen im Osten, sich zu schützen, sich besser nicht zu öffnen und mit wenigem alles zu sagen, nur so viel, wie nötig ist. Was mich sehr fasziniert hat, war die Gemeinschaft untereinander.

Pfarrer Christian Vornewald (Blankenburg/Harz).
Pfarrer Christian Vornewald (Blankenburg/Harz).
Redaktion

Wie war die katholische Kirche aufgestellt? Welche Strukturen haben Sie vorgefunden?

Christian Vornewald

Die katholischen Kirchengemeinden hatten eine ganz eigene Geschichte in der DDR-Zeit gehabt. Als ich kam, hatte ich natürlich den Wunsch, das umzusetzen, was der Bischof gesagt hatte. Ich wollte mit Menschen in Kontakt kommen, die mit Kirche und Glauben keinen Kontakt hatten und hielt Ausschau nach Leuten in der Gemeinde, die dieses Anliegen mit mir teilten. Aber es war schwierig, da jemand zu finden. Bald wurde mir klar, dass die überwiegende Zahl der Gemeindemitglieder eine Vertriebenen- oder Flüchtlingsgeschichte hatte, dass sie nach dem Krieg aus den katholischen Gebieten des Ostens, aus Schlesien, Pommern und dem Sudetenland hier hergekommen waren.

In der Kirchengemeinde lebten sie ein Stück ihrer alten katholisch geprägten Identität weiter. Das war eine große Sozialleistung, die wohl vor allem die Pfarrer geleistet haben. Die katholische Kirche war ein Stück gebliebene Heimat. Und darin machten die Menschen eine ganz eigene Erfahrung von Verbundenheit und Gemeinschaft, ja auch eine eigene Gotteserfahrung. Bischof Wanke hat dies positiv auf den Punkt gebracht: „In einer Zeit äußerer Bedrängnis lernten wir Gott kennen als den, der uns innere Freiheit und geistige Weite schenkte.“ Die dabei gemachte Kirchenerfahrung war eine grundlegend positive. Die Kirche war die Chance, anders zu leben. Und durch den Bezug zu einer viel größeren Gemeinschaft, weit über die Mauer hinaus, sah man die Kirche nicht als eine Institution, die die einengt und die Botschaft des Evangeliums verfremdet, sondern als einen Ort der Freiheit, in dem man viele positive Erfahrungen miteinander machte.

Redaktion

Kirche „Ost-West“, Gläubige „Ost-West“ – zum damaligen Zeitpunkt. Wie würden Sie die Unterschiede skizzieren?

Christian Vornewald

Im Westen hatte ich erlebt, wie sich viele Menschen aus ihrer kirchlichen Erziehung emanzipierten, wie sie sich aus schlechtem Gewissen und moralischer Gängelung befreiten. Nun war ich in einer Welt gelandet, in der sich nicht nur das kirchliche Leben abgeschafft hatte, sondern Gott selber als irgendwie gedachte oder mögliche Wirklichkeit abhandengekommen war. Jahrelang bin ich regelmäßig in der Bahnhofsmission zu Andachten gewesen. Einmal bin ich dort einem Obdachlosen begegnet, der aus Hamburg stammte. Er sagte zu mir: „Im Osten glauben die Leute an keinen Gott, im Westen an keine Kirche.“ Damit hat er meine Beobachtungen auf den Punkt gebracht.

Redaktion

Wie haben sich die katholische Kirche und das Gemeindeleben in den letzten Jahren dort entwickelt?

Christian Vornewald

Aus den schon skizzierten Entwicklungen zeichnet sich eine starke Überalterung ab. Es fehlen Gläubige und es fehlen Priester. Beide Zahlen sind geschrumpft. Auch die meisten Ordensgemeinschaften, die nach der Wende zu uns kamen, haben sich mangels Nachwuchs wieder zurückgezogen. Schon vor über zehn Jahren wurde mit dem „Pastoralen Zukunftsgespräch“ eine Neuorientierung auf den Weg gebracht, Dabei wurden auch die Pfarreistrukturen verändert. Es gibt nun nur noch 44 Pfarreien im Bistum. Seit einigen Jahren ist es nicht mehr möglich, diese 44 Pfarreien mit Pfarrern zu besetzen. So wurde versucht, aus der Not etwas Neues zu versuchen. Es wurden Leitungsteams gebildet, die Pfarreien leiten.

Das ist ein spannender, aber auch schwieriger Prozess. Die Entwicklung geht dahin, dass nicht für jede dieser Pfarreien dieselbe Struktur möglich ist, sondern die Pfarreien einen eigenen für sie gangbaren Weg suchen müssen. Der Wunsch unseres Bistums geht dahin, dass es in allen Pfarreien ein Leitungsteam geben soll, während die verbleibenden Mitarbeiter in der Pastoral auch regional arbeiten sollen. Wenn ich mit Freunden oder bei Begegnungen mit Christen aus anderen Bistümern spreche, dann habe ich den Eindruck, dass wir in diesem Prozess, der ja in allen Diözesen mit verschiedenen Ansätzen gegangen wird, schon weiter sind als viele andere.

Redaktion

Können wir Katholiken in den westlichen Bundesländern heute von der Kirche aus den neuen Bundesländern lernen?

Christian Vornewald

Zunächst mal möchte ich sagen, dass mich die Frage erfreut. Denn ich erlebe kein großes Interesse an uns im Osten, manchmal habe ich den Eindruck, wir würden als ein unbedeutendes Anhängsel gesehen. Bevor ich irgendwelche klugen Sätze formuliere, möchte h deshalb zu eigenen Erfahrungen einladen. Uns besuchen, bei uns mit Leben und darin vielleicht Anstöße bekommen. Ich bin überzeugt, dass es da einiges zu entdecken und zu lernen gibt. Freunde von mir, die zu Besuch waren, Ferien- oder Kurgäste, die bei uns die Gemeinde kommen, haben das immer wieder ausgedrückt. „So habe ich Kirche noch nie erlebt“, hat eine Verwandte zu mir gesagt. Die kleine, unkomplizierte und daher flexible Art des Zusammenlebens wurden da benannt und als Wohltat empfunden. Ja, in manchem sind wir vermutlich in der Entwicklung weiter.

Zu den weiteren Beiträgen des Themenspecials "Einheit"

Ein Beitrag von:

Ronald Pfaff
Redakteur
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