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1
November
2019

Helden gesucht!

Das Geistliche Wort
Allerheiligen, 1. November 2019
8.40 Uhr – 9.00 Uhr, WDR 5
von Diözesanjugendpfarrer Stephan Schröder

Portrait
Diözesanjugendpfarrer Stephan Schröder
Diözesanjugendpfarrer Stephan Schröder

Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer!

So einen Helden wie James Bond, den wünscht man sich doch manchmal oder? Einer, der alles daran setzt, um die Welt vor dem Bösen zu retten und die Welt in Ordnung zu bringen. Und wenn ich mir unsere Welt so anschaue mit den vielen großen Schlamasseln, denke ich mir oft: Unsere Welt braucht wieder Helden, die etwas wagen, die sich leidenschaftlich für die gute Sache einsetzen, die nicht nach ihrem Vorteil fragen. Ein Song von Thomas Godoj spricht mir aus der Seele. Da heißt es:

Denn es werden wieder Helden gesucht, die unterm Feuer was vertragen.
Unaufhaltsam, nie zu stolz, sich zu verliern’.

Denn es werden wieder Helden gesucht, die erst gar nicht danach fragen.
Fragen wofür, fragen weswegen, fragen für wen …

Helden sind keine Erfindung von Hollywood. Denn wenn ich genau hinschaue, finde ich sie auch im Leben: Mir fallen die „Helden von Bern“ ein, die 1954 die Fußballweltmeisterschaft gewonnen haben. Für viele Menschen war das nach dem zweiten Weltkrieg und dem unendlichen Leid und der Zerstörung wieder ein Hoffnungsschimmer.

Ich denke an die friedliche Revolution im Osten Deutschlands. Tausende von Menschen haben für die Freiheit demonstriert. Am 9. November 1989 ist dann die Mauer gefallen und der Traum der Wiedervereinigung nahm seinen Anfang.

Ich denke an den Terroranschlag vom 11. September 2001. Unter Einsatz ihres Lebens haben die Feuerwehrkräfte unzählig viele Menschen aus den brennenden und in sich zusammenstürzenden Twin Towers gerettet.

Oder jener Pilot Chesley Sullenberger genannt „Sully“, der am 15. Januar 2009 feststellen musste, dass kurz nach dem Start in New York die Triebwerke seines Airbus A 320 ausfielen. Er entschied sich für eine Notwasserung auf dem Hudson-River, ein unfassbar riskantes Manöver. Aus ihm wurde ein Held, weil er alle 155 Passagiere gerettet hat.

Ich denke an die Hilfsorganisationen, die mit ihren Schiffen auf dem Mittelmeer unermüdlich Flüchtlinge vor dem Ertrinken und dem sicheren Tod retten. Ich denke aber auch an die unzähligen Menschen, die in unserem Land Courage zeigen, die sich gegen Ausländerfleindlichkeit und die zunehmende Rechtsradikalität einsetzen. All diese Menschen sind für mich Heldinnen und Helden! Es sind ja oft die Unbekannten, die im Verborgenen helfen und die kaum beachtet werden. Und doch sind sie so wichtig für unsere Gesellschaft. Das besingen jedenfalls schon die Wise Guys. In einem Song heißt es:

Ihr seid die wahren Helden,
auch wenn euch niemand applaudiert
Ihr seid die wahren Helden,
weil ohne euch nichts funktioniert.

Unbekannte Helden gibt es viele. Für mich war so ein Held Zeit meines Lebens mein Opa. Besonders bewusst wurde mir das jedoch erst am Sterbebett. Als er im Alter von 90 Jahren im Sterben lag, da waren seine Kinder und Enkelkinder alle an seinem Sterbebett versammelt. Immer hat ihm abwechselnd jemand die Hand gehalten. Wir haben gemeinsam gebetet und immer wieder kamen wir auch ins Gespräch über sein Leben. So erinnerten wir uns daran, dass er fast verhaftet wurde, weil er den Mund nicht halten konnte und sich öffentlich gegen Hitler und das Naziregime geäußert hat. Und dass er entgegen allen Gepflogenheiten russische Kriegsgefangene aus dem Dorf in sein Haus zum Essen einlud. Er hat sich den Mund einfach nicht verbieten lassen und Haltung gezeigt. Nach einem langen Leben war er nun nicht mehr ansprechbar und schließlich riefen wir den Pfarrer, der in der Nachbarschaft wohnte. Als der Pfarrer schließlich abends spät kam, hat mein Opa zu unser aller Erstaunen mit allerletzter Kraft seine Hände gefaltet und mitgebetet. Diesen Moment werde ich nie vergessen, er hat sich fest in mir eingebrannt. Die Kraft seines Glaubens bis zum letzten Atemzug war für uns alle spürbar. Er hat darauf vertraut, dass er nun zu Gott geht. Für mich gehört mein Opa zu den Helden, die mir persönlich etwas bedeuten. Nicht weil er sich durch herausragende Dinge ausgezeichnet hätte, nein, vielmehr weil er mir gezeigt hat, worauf es im Leben ankommt: ein tiefer und unerschütterlicher Glaube und Menschlichkeit. Deshalb stimme ich den Wise Guys zu, wenn sie singen:

Ihr seid die wahren Helden,
auch wenn euch niemand applaudiert
Ihr seid die wahren Helden,
weil ohne euch nichts funktioniert.

Büste Papst Johannes Paul II. anlässlich des Papstbesuchs. Thomas Duttenhoefer 1996. Hoher Dom zu Paderborn. Foto: Ansgar Hoffmann

Büste Papst Johannes Paul II. anlässlich des Papstbesuchs. Thomas Duttenhoefer 1996. Hoher Dom zu Paderborn.
Foto: Ansgar Hoffmann

Mir fallen aber auch die großen heiligen Helden ein, die mir im Laufe des Lebens persönlich wichtig geworden sind. So hat für mich zum Beispiel Johannes Paul II. eine große Bedeutung. Denn er hat sich mutig und leidenschaftlich für die Öffnung des sogenannten „Eisernen Vorhangs“ eingesetzt. Schon zu Beginn seines Pontifikates forderte er: “Öffnet, reißt die Tore auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten!”  Er wandte sich damit an die Katholiken in Osteuropa und forderte sie quasi zum gewaltlosen Widerstand auf. Der Fall des Kommunismus und die Öffnung der Mauer gehen auch auf seinen leidenschaftlichen Einsatz für die Freiheit der Menschen zurück. Europa, vor allem Deutschland, hat ihm viel zu verdanken. Für mich ein wahrer Held des Himmels!

Ich denke an Oscar Romero. Der Erzbischof von San Salvador in Mittelamerika wurde 1980 von einem staatlich bestellten Killer im Gottesdienst erschossen. Er hat sich mutig gegen die damalige Militärdiktatur gestellt, die viele Menschen unterdrückte. Er forderte soziale Gerechtigkeit und Reformen für sein Land. Dafür hat er mit dem Leben bezahlt. Seine Worte klingen bis heute nach: „Mich kann man töten, nicht aber die Stimme der Gerechtigkeit!“ Ein wahrer Held des Himmels, der von sich gesagt hat: „Ich bin ein Gedanke Gottes!“

Ich könnte noch unzählig viel mehr aufzählen wie Don Bosco, Theresa von Avilla, Franz von Assisi, Pauline von Mallinckrodt, Bernhard von Clairvaux, Benedikt von Nursia, Elisabeth, Edith Stein als spätere Benedikta vom Kreuz, Mutter Theresa, Adolf Kolping und viele viele mehr. Es sind unzählige. Und sie alle werden heute besonders geehrt am Fest Allerheiligen – quasi dem Heldenfest der katholischen Kirche. Was sie vereint, spiegelt sich in einem modernen Kirchenlied wieder, das Gründe der Heiligkeit nennt: „Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt. Selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt […]“

Die katholischen Helden – wie ich die Heiligen gerne nenne – gehen alle zurück auf eine Person, den einfachen Zimmermannssohn aus dem kleinen Nazareth: Jesus. Seine Worte und seine Ausstrahlung verbreiteten sich in ganz Galiläa rasend schnell. Einer Schätzung des Soziologen Rodney Stark zur Folge waren es um das Jahr 100 schon einige Tausend Christeninnen und Christen. Im Jahr 350 waren es wohl schon Millionen Menschen, die diesem Jesus aus Nazareth Glauben schenkten. Mittlerweile gibt es 2,3 Milliarden Christen auf der Welt. Und alles beginnt mit dem Zimmermannssohn aus dem kleinen Nazareth. Seine Botschaft hat die Welt verändert. Und diese Botschaft lässt sich auf wenige Kernsätze reduzieren:

„Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.

Selig die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben.

Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden.

Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden“.

(Mt 5,3-7)

„Selig“ meint hier weniger die Vorstufe der Heiligkeit. Es lässt sich aus dem Griechischen auch mit Glück übersetzen. Dann klingen diese Worte noch intensiver und befreiender: Glücklich, die arm sind vor Gott, glücklich die Trauernden, glücklich, die keine Gewalt anwenden, glücklich, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, glücklich die Barmherzigen.

Denn Jesus verheißt den Menschen Glück, die allen Grund hätten unglücklich zu sein. Warum dieser scheinbare Widerspruch? Das Leben Jesu endete zwar am Kreuz, doch seine Jünger glaubten, dass das nicht das Letzte in seinem Leben war und dass er lebt. Diese Botschaft lebt in den Christen bis heute weiter. Das Unglaubliche ist, dass es auch 2000 Jahre später immer noch Menschen gibt, die an diesen Jesus von Nazareth glauben, die seine Geschichte weitererzählen und die selbst zu Heldinnen und Helden Gottes werden.

James Bond, der Kinoheld, ist im Auftrag ihrer Majestät unterwegs. Das würde doch auch gut zu den Christen passen. Natürlich meine ich mit Majestät nicht die Königin von England, sondern diesen Jesus von Nazareth, der zum Christus wurde, zum König der Menschlichkeit.

Als Christ verstehe ich mich jedenfalls als sein Agent für eine bessere Welt. Denn die Welt braucht Menschen, die sich wie Jesus und unzählig viele Helden und Heilige für Ideale einsetzen, die Haltung zeigen, sich einmischen, quer denken und ihr Haupt erheben.

Allerheiligen ist so gesehen nicht ein Fest, das der verstorbenen Helden gedenkt, sondern einlädt, selbst zum Helden zu werden.

Aus Paderborn verabschiedet sich Diözesanjugendpfarrer Stephan Schröder. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Allerheiligentag.

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