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1
September
2019

„Gehet hin in Frieden.“

Guten Morgen!

Es ist auf den Tag genau 80 Jahre her, da begann der Zweite Weltkrieg. Die Zahl der Zeitzeugen nimmt immer mehr ab. Und für mich als Nachgeborene liegt der Krieg unvorstellbar weit weg. Ich kenne Deutschland nur im Frieden. Aber der Schein trügt eigentlich, wenn ich Krieg nicht nur als bewaffneten Konflikt zwischen Staaten verstehe. Kriege gibt es auch im Kleinen. Und unscheinbare kleine Konflikte können leicht eskalieren. Mir geht es heute an diesem Gedenktag nicht um das Große des Weltkriegs. Ich schaue mehr auf die kleinen Konflikte und davon kenne ich zur Genüge und frage mich: Wie gehe ich damit um?

Kleine Konflikte eskalieren leicht. Welches Verhalten ist da wohl richtig: Ignorieren und beschwichtigen oder doch klare Kante zeigen? Da reagiert meine Kollegin auf meine harmlose Sachfrage völlig genervt und lässt ordentlich Dampf ab:

„Ich frage mich, warum du das nicht schon gleich selbst erledigt hast? Ich kann mich doch beim besten Willen nicht auch noch um deine Angelegenheiten kümmern und ich weiß ehrlich gesagt auch gar nicht, wie du auf die Idee kommst, dass ich das tun soll. Für wen hältst du dich eigentlich?“

Mein Freund rät mir: „Dass darfst du dir von ihr nicht gefallen lassen; die beleidigt dich ja regelrecht; da musst du jetzt auch ´mal Kante zeigen.“

Also: Soll ich der Kollegin tatsächlich eine Kampfansage machen – nach dem Motto „Wie du mir, so ich dir?“ Oder soll ich die Sache doch lieber geflissentlich übergehen und im Frieden auf sich beruhen lassen? Welches Verhalten ist hier das Richtige?

Ich kenne viele solcher Alltagssituationen, in denen eigentlich eine Bagatelle die Ursache für einen Konflikt wird und ich mich entscheiden muss, wie reagiere ich darauf?

  • Da schneidet die Nachbarin den Ast von meinem Apfelbaum ab, weil er in ihren Garten hinüberhängt und stört …
  • Die immer freundlich grüßenden Studierenden der WG machen nachts auf einmal lautstark Party im Treppenhaus …
  • Und wie war das doch gleich vor ein paar Wochen: Im Düsseldorfer Rheinbad eskalierte ein Konflikt, der vielleicht auch harmlos begann, aber schließlich damit endete, dass das ganze Bad geschlossen werden musste – unter Polizeieinsatz.
  • In Duisburg sorgte ein Gewaltausbruch im Amateur-Fußball für Aufsehen: Der Schiedsrichter hatte wegen einer Tätlichkeit die rote Karte gegen einen Spieler verhängt. Daraufhin attackierte der Spieler den Schiedsrichter und die Situation eskalierte. Unter Polizeieinsatz musste die Lage beruhigt werden. Das Spiel wurde anschließend abgebrochen.

Frieden machen – aber wie? Kann man Frieden lernen?

In der Zeitung lese ich von einem spannenden Friedens-Projekt mit Grundschulkindern[1]. 14 Kinder – im Alter von neun und zehn Jahren – nehmen an diesem Projekt teil, das als ein Integrationsworkshop angelegt ist. Kinder mit und ohne Fluchterfahrung kommen hier zusammen; sie stammen aus Syrien und Katar, aus Deutschland, Weißrussland und Bulgarien. Durch Geschichten und Gruppenübungen lernen die Kinder Verständnis für ihre Mitschülerinnen und Mitschüler aufzubringen. Denn oft sind es kulturelle Unterschiede, andere Denk- und Lebensweisen, fehlender Mut, sich in einer fremden Sprache auszudrücken. Die Folge: Die Kinder kapseln sich ab, es bilden sich Grüppchen. „Jetzt ist an Grüppchen erst mal nichts verwerflich“, kommentiert die erfahrene Schulsozialarbeiterin in dem Zeitungsartikel dieses Phänomen, „problematisch wird es erst, wenn die Gruppe niemanden mehr hereinlässt und es auf dem Schulhof heißt: ‚Wir gegen die.‘ – Syrer gegen Afghanen, Deutsche gegen Nicht-Deutsche.“[2]

Wenn es den Grundschulkindern aus den unterschiedlichen Kulturen jedoch gelingt, Verständnis füreinander aufzubauen, wenn sie sich untereinander austauschen und so die Denk- und Lebensweisen der anderen kennenlernen, dann verhindert es bereits Konflikte. Wenn die Kinder sich sozial angenommen fühlen in ihrer Klasse und stolz sind auf ihren Mut, sich in einer neuen Sprache auszudrücken, dann können sie Selbstbewusstsein aufbauen und ihre Schulleistungen verbessern. Konflikte friedlich zu lösen oder gar nicht erst entstehen zu lassen, kann erlernt werden, heißt es zusammenfassend in dem Zeitungsartikel. Und das stimmt. Allerdings: Frieden zu lernen, Verständnis füreinander aufzubringen, Perspektiven zu wechseln und neue Sichtweisen einzunehmen, das ist eine lebenslange, verantwortungsvolle Aufgabe und fordert Einsatz und Kraft. Doch woher nehme ich hierzu die Kraft?

[1] Vgl. hierzu: Thomas Jordan, „Ich hasse Streit“. Ein Projekt hilft Grundschülern mit und ohne Fluchterfahrung, Konflikte friedlich zu lösen – und dabei fürs Leben zu lernen, in: Süddeutsche Zeitung, 15.Juli 2019, Nr.161, 20.

[2] Ebd.

Es ist sicherlich ein hoher Anspruch, den Mahatma Gandhi hier formuliert. Vor allem sucht Gandhi das Bewusstsein jedes Einzelnen zu schärfen, zunächst den Frieden mit sich selbst zu suchen, indem man sich über eigene Ziele und eigene Verletzungen klar wird. So erfordert das Leben in einer friedlichen und gerechten Welt von jedem Menschen diese verantwortungsvolle Anstrengung – so meine ich. Und damit taucht nochmals die Frage auf, woher nehme ich letztlich die Kraft zum Frieden?

Christinnen und Christen vertrauen darauf, dass der Friede letztlich von Gott kommt. Sie glauben an einen universalen Frieden, der alle Menschen miteinander und auch mit Gott versöhnt. Dieser Friede ist nicht allein von Menschen herstellbar, sondern ein Geschenk Gottes an die Menschheit.

Christinnen und Christen glauben daher auch, dass der Friede eine bleibende Aufgabe der Menschen ist.

Ein bekannter französischer Gebetstext, der 1912 – kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges – verfasst wurde, bringt diese Friedensaufgabe eindrucksvoll zum Ausdruck.

Mich berührt dieser alte Gebetstext: Er fordert mich – gerade auch als Christin – heraus. Denn um ein Werkzeug für den Frieden in der Welt sein zu können, muss ich auch einmal bereit sein, von meinem Standpunkt abzuweichen. Ich muss den Mut aufbringen, mich auch ´mal anders zu verhalten: Etwas weniger an mich und etwas mehr an andere zu denken.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich meine damit nicht, dass Christinnen und Christen sich als naive Weltverbesserer belächeln und ausnutzen lassen sollten. Oder dass sie mit einem schlechten Gewissen herumlaufen müssen, weil vieles doch nicht so optimal läuft.

Hinter der Lebenshaltung von Christinnen und Christen steckt mehr. Und dieses „Mehr“ wird am Ende eines katholischen Gottesdienstes den Gottesdienstbesuchern zugerufen. Da heißt es: „Gehet hin in Frieden.“ Dieser Schlussgruß meint nicht nur einen äußeren, sondern vielmehr inneren Frieden. In diesem Gruß steckt nämlich die Zusage Gottes an die Menschen. Du darfst gehen mit einer tiefen Gewissheit: Du bist getragen – so wie du bist – auch mit dem, was du falsch gemacht hast und was nicht gelungen ist. Du darfst gehen unvollkommen wie du bist – in Frieden. Und weil du getragen bist, kannst du auch dazu beitragen Frieden zu schaffen.

Aus Paderborn grüßt Sie herzlich Bergit Peters.

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