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27
September
2019
27.September.2019

Gegen die Gleichgültigkeit und den Bürokratismus

Spätestens seit dem Jahr 2015, als sich eine Million Menschen vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland flüchteten, ist die Flüchtlingshilfe ein großes Thema für die Pastoralen Räume im Erzbistum Paderborn. Es sind vor allem ehrenamtliche Frauen und Männer, die dabei helfen, dass Flüchtlinge in Deutschland ein neues Zuhause finden, in dem für sie fremden Land zurecht kommen und Unterstützung bei Behördengängen oder ärztlicher Versorgung erhalten. Das erfordert auch Mut.

Eine dieser mutigen Menschen ist Birgit Esken aus Arnsberg. In einem sehr persönlichen Interview schildert sie, was ihr die Hilfe für Flüchtlinge bedeutet und mit welchen Themen und Fragen sie seit Beginn ihres Engagements im Jahr 2015 zu tun hat.

Redaktion: Seit wann engagieren Sie sich in der Flüchtlingshilfe, und wie kam Ihr Engagement zustande?

Birgit Esken aus Arnsberg

Birgit Esken: Bei der Flüchtlingswelle im Sommer 2015 und dem Umgang unserer Mitbürger und unserer Politiker damit vermissten mein Mann und ich Aspekte der Nachhaltigkeit. Wir waren beide in unseren jungen Jahren als Entwicklungshelfer der Bundesrepublik Deutschland in Asien bzw. Lateinamerika tätig und verfügten somit über Erfahrungen zur  Alltagsbewältigung als „Ausländer in einem fremden Land“.

Uns war klar, dass man sich als Privatperson nur innerhalb von bereits vorhandenen Hilfs-Strukturen sinnvoll einbringen kann. So lernten wir im September 2015 bei der Einweihungsfeier einer vom Erzbistum Paderborn finanzierten Außenanlage einer Asylbewerber-Unterkunft in Arnsberg die Vorsitzende der Caritas-Konferenz Hl. Kreuz, Martina Gerdes, kennen. Mit ihrem umwerfenden Enthusiasmus beeindruckte sie uns so sehr, dass wir an ihrem „Runden Tisch für Flüchtlingshilfe“ gerne Platz nahmen.

Und was auch ganz wichtig war: gute Fortbildungen und gute Begleitung. Ganz konkret habe ich in bester Erinnerung eine Veranstaltung mit der Überschrift „Die Angst lässt uns nicht los“ im November 2015. Da ging es um die Themen Flucht, Trauma, Asylverfahren und Aufenthaltsrecht… diese Veranstaltung hat mich überhaupt erst in die Lage versetzt, fundiert Flüchtlingshilfe zu leisten. Für alle Helferinnen und Helfer ist das wichtig!

Redaktion: Ganz generell: Wie ist die Situation für Flüchtlinge in Arnsberg?

Birgit Esken: Die Stadt Arnsberg hat insgesamt etwa 75.000 Einwohner. 2015 wurden Arnsberg 966 asylbegehrende Ausländer bzw. Ausländerinnen zugewiesen. 2016 waren es 190, 2017 dann 226 und 2018 nur noch 76. Von den 76 Asylbewerbern kamen 15 aus den Hauptanerkennungsstaaten Syrien, Irak, Iran, Eritrea, Somalia. Das bedeutet, 61 Asylbewerber, also 80 %, müssen eher mit einer Ablehnung ihres Asylantrages rechnen. Im letzten Jahr lebten noch 232 Personen in den städtischen Übergangswohnheimen, aber 237 in eigenen Wohnungen.

Redaktion: Wie startete Ihr Engagement?

Birgit Esken: Die ersten beiden Jahre hielten meine Freundin Rita Finke und ich regelmäßig Beratungen zu festen Sprechstundenzeiten ab. Diese fanden in unserem „Schulungsraum“ statt, den wir in der Asylbewerberunterkunft gemeinsam mit den Bewohnern hergerichtet haben. Für meinen Mann und mich war aber ernüchternd, dass der Schwerpunkt der Flüchtlingshilfe in Deutschland bei der Integration der Flüchtlinge lag, obwohl wir alle wissen, dass mehr als zwei Drittel der Asylbewerber kein Bleiberecht haben. Wir schwammen gegen den Strom und nahmen die Möglichkeiten einer „qualifizierten Reintegration“ in den Fokus. Wir übernahmen für zwei ausreisepflichtige Familien aus dem Balkan die Patenschaft, sammelten in unserem Freundeskreis Geld für ein Pilotprojekt, mit dem die Familienväter einen Schweißer-Intensivkurs absolvierten und einen „Internationalen Schweißerpass“ erwarben. Leider hat die öffentliche Hand diesen Reintegrationsweg nicht in ihr Rückkehrprogramm integriert – stattdessen werden die Menschen lediglich mit einer gewissen Summe Geld nach Hause geschickt. Besser wäre es doch, dafür zu sorgen, dass sie in ihren Herkunftsländern durch den Erwerb von spezifischen Fähigkeiten eine Zukunftsperspektive erhalten…

Flüchtlingshilfe im Erzbistum Paderborn

Wer sich in seiner Kirchengemeinde für Flüchtlinge engagieren möchte, findet auf dem Portal „Flüchtlingshilfe im Erzbistum Paderborn“ viel Wissenswertes und Hilfreiches. Unter dem Leitwort „miteinander füreinander – Engagiert für Flüchtlinge im Erzbistum Paderborn“ versteht sich das Portal als Unterstützungsplattform für die Kirchengemeinden.

Es liefert Hintergründe zum Flüchtlingsfonds des Erzbistums, hilft bei der Vermittlung von Kooperationspartnern oder Referenten für die Qualifizierung von Freiwilligen oder stellt erfolgreiche Praxisbeispiele vor und die Verbindung zum Flüchtlingsbeauftragten Dr. Thomas Witt und zum Flüchtlingskoordinator Hezni Barjosef her.

Zur Internetseite der Flüchtlingshilfe

Redaktion: Wie hat sich Ihr Engagement im Verlauf der Zeit verändert?

Birgit Esken: Statt auf Patenschaften und Rückkehrhilfen konzentrierten wir uns darauf, eine Lücke im System zu schließen. In der Beratung machte ich die frustrierende Erfahrung, dass ich für die Bewohner der Asylbewerber-unterkunft in Serie amtsgerichtliche Post über verhängte Bußgelder wegen Schwarzfahrens übersetzen musste. Schwarzfahren war zu dieser Zeit noch ein Straftatbestand. Ich fand, dass rechtliche Aufklärung dringend erforderlich war. Naheliegend war deshalb, Rechtskunde in den durch das Kolping Bildungszentrum Arnsberg angebotenen 6-monatigen Deutschunterricht mit Werkstattarbeit in den Bereichen Metall und Holz zu integrieren. Zielgruppe waren Asylbewerber mit dem Status einer Duldung oder Aufenthalts-gestattung, die von Integrationskursen ausgeschlossen waren und sozusagen die „Sorgenkinder“ der Flüchtlingsarbeit waren. Meine Recherchen ergaben, dass es in Bayern tatsächlich bereits derartige Aufklärungsarbeit gab. Ich stellte also beim Präsident des Landgerichts Arnsberg einen entsprechenden Antrag – und siehe da, ich erfuhr, dass die Landesregierung zur Integration der Flüchtlinge in NRW entsprechende Maßnahmen unterstützt. Leider  ohne  finanzielle Mittel für die unerlässlichen Dolmetscher. Aber immerhin mit Manpower. Man vermittelte uns also eine interessierte Staatsanwältin als Dozentin. Nachdem wir Gelder für die Dolmetscher beim Hochsauerlandkreis beschafft und das Kolping-Bildungszentrum zur Mitarbeit gewonnen hatten, startete das Pilotprojekt „Basiskurs Rechtskunde für junge Flüchtlinge an NRW-Schulen“ mit großem Erfolg. Leider konnten wir anschließend die öffentliche Hand wieder nicht für die Übernahme des fertigen Konzeptes für andere Schulen im Stadtgebiet gewinnen.

Seit rund 2 Jahren arbeite ich punktuell im Selbstverständnis eines Lotsen und werde von meinem Mann bei Bedarf flankiert. Das hat die festen Sprechstunden in der Asylbewerberunterkunft abgelöst, die wir nach einem nächtlichen Einbruch in den Schulungsraum mit Diebstahl und Verwüstung, aufgegeben haben. Beratungen übernehme ich nur noch auf telefonische oder Whats-App-Anforderung. Inzwischen konnte ich um mich herum ein kleines zuverlässiges Netz von Paten und Lotsen sowie wohlwollenden Unterstützern mit jeweils sehr unterschiedlichen Kompetenzen aufbauen. Bei Bedarf können wir jederzeit ohne große Erklärungen wechselseitig von dem speziellen Wissen der Beteiligten profitieren oder personelle Unterstützung erhalten.

Redaktion: Wie gestaltet sich der persönliche Kontakt zu den Menschen?

Birgit Esken: Die Sprachbarriere ist eines der größten Probleme für mich. Es gibt die unglaublichsten Missverständnisse deswegen. Ich falle immer wieder  auf die Versicherung herein, dass mein Gegenüber alles verstanden habe und mit meinen Vorschlägen einverstanden sei. Erst nach einer Serie von Pannen habe ich erfahren, dass es im Herkunftsland eines meiner Schützlinge z.B. unfein ist, betagten Menschen zu widersprechen – als Rentnerin gehöre ich zu diesem Personenkreis. In unserem Netzwerk hat jeder Helfer seine eigenen kreativen Lösungen zum Thema. Die offenbar sicherste Methode scheint zu sein, sich vom Gegenüber die Vereinbarung wiederholen zu lassen. Aber das ist etwas, was ich nicht gut fertig bringe. Es hilft schon sehr, wenn ich daran denke, nicht zu schnell zu sprechen und mein Gegenüber nicht mit zu vielen Informationen gleichzeitig zu bombardieren.

Redaktion: Erzählen die Menschen über das, was sie in Ihrem Heimatland oder auf der Flucht erlebt haben? Gibt es dabei Geschichten, die Sie besonders berührt haben?

Birgit Esken: Mein Schwerpunkt als Lotse liegt in vielen Fällen in der Beratung der Asylbewerber zur Prozessvorbereitung gegen den Ablehnungsbescheid des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Denn leider führen meist die ungenügenden und missverständlichen Angaben der Asylbewerber bei den BAMF-Interviews zu einem Ablehnungsbescheid ihrer Asylanträge. Daraufhin gehen sie zu einem Anwalt, der Klage dagegen erhebt. Und leider wird auch meist in der Klagebegründung vor dem Verwaltungsgericht eine ausführliche plausible Darlegung der Fluchtgründe versäumt, so dass die Anwälte sich wiederrum nur auf die beim Interview vorgebrachten Angaben beziehen können. Wenn ich um Hilfe gebeten werde, dann erstelle ich mit dem Asylbewerber zusammen durch intensives Nachfragen ein sehr ausführliches Protokoll seiner Vorgeschichte und der Fluchtursachen zur Verwendung des jeweiligen Anwaltes. Da meines Erachtens die meisten Flüchtlinge mehr oder weniger traumatisiert sind, ist für sie die Erinnerung ein schmerzhafter Prozess und ich selbst muss mich sehr zusammennehmen, damit mich die vor meinem inneren Auge auftauchenden Bilder nicht überfluten. Ich kann sehr gut verstehen, dass traumatisierte Flüchtlinge – besonders kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland – unter der Notwendigkeit von Verdrängung oftmals sehr ungenügende Auskunft bei den BAMF-Interviews geben. Jede dieser Geschichten geht mir ans Herz. Aber anschließend – wenn sie auf Papier gebannt wurden – fühle ich mich erleichtert und ich denke, so geht es ein Stück weit auch meinen Schützlingen.

Redaktion: Haben Sie bei Ihrem Engagement Situationen erlebt, in denen Sie Mut aufbringen mussten? Was waren das für Situationen?

Birgit Esken: Es gehört ständig mehr oder weniger Mut dazu, gegen die mich häufig umgebende Gleichgültigkeit und den Bürokratismus anzutreten. Definitiv meinen gesamten Mut zusammen nehmen musste ich, als ich vor anderthalb Jahren die Rücküberstellung eines meiner Schützlinge entsprechend der Dublin III-Verordnung nach Italien verhindern wollte. Da hatte ich das anfängliche Gefühl, evtl. etwas Unrechtes zu tun. Dieser junge Mann war wegen Obdachlosigkeit aus Italien weiter nach Deutschland geflohen. Es ging um drei Wochen, dann wäre die Überstellungsfrist sowieso überschritten gewesen. Ich hatte wenig Zeit, aber ich hatte das große Glück eine Kirchengemeinde zu finden, die mit mir erfolgreich das Wagnis nach allen Regeln des Gesetzes eingegangen ist.

Redaktion: Gab es besonders glückliche Erfahrungen?

Birgit Esken: Besonders glücklich waren wir, als wir einem jungen Mann seinen Ellenbogen rekonstruieren lassen konnten, der von einem Gewehrkolben zertrümmert worden war. Nach mehrmaliger Ablehnung durch Krankenhausärzte erhielten wir endlich die Zusage eines Spezialisten…  Der Arm war nach zehn Jahren ohne ärztliche Versorgung in einem schlechten Zustand, so dass die Implantation eines neuen Ellenbogengelenks mit einem größeren Risiko behaftet war. Die Operation ist geglückt und mein Mann und ich, der Chirurg und das gesamt Krankenhaus waren in einem Glückszustand.

Redaktion: Haben Sie schon erlebt, dass Menschen, um die sie sich gekümmert haben, abgeschoben wurden?

Birgit Esken: Nein, eine Abschiebung habe ich noch nicht erlebt. Das liegt wohl auch daran, dass unsere örtliche Ausländerbehörde es vorzieht, die durch Abschiebe-anordnung bedrohten Menschen eher mit allen Mitteln der Kunst zu einer freiwilligen Rückreise zu bewegen. Andere Enttäuschungen, z.B. wegen mangelnder Kooperation eines Schützlings, hingen oft mit meinen zu hohen Erwartungen zusammen. Ich lerne daraus und beende notfalls auch einmal eine Zusammenarbeit, indem ich an öffentliche Beratungsstellen übergebe.

Redaktion: Wurden Sie schon einmal mit Kritik und Vorbehalten mit Blick auf Ihre Arbeit konfrontiert?

Birgit Esken: Nein, offene Kritik gab es noch nicht. Wohl spürt man intuitiv bei manchen Begegnungen, dass es Vorbehalte gibt.

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