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22
Mai
2021
22.Mai.2021

Experimentieren lohnt sich!

Erkenntnisse aus dem Modellprojekt „Entwicklung der ehrenamtlichen Mitverantwortung“

In (Gesamt-)Pfarrgemeinderäten und Kirchenvorständen bringen Ehrenamtliche viel Herzblut ein. Trotzdem geraten die beiden Gremien inzwischen vielerorts an ihre Grenzen: Die Pastoralen Räume, die sich im Erzbistum Paderborn seit 2010 bilden, haben das kirchliche Leben stark verändert. Zudem verändert sich ehrenamtliches Engagement grundsätzlich, zum Beispiel deshalb, weil sich viele Menschen weniger langfristig an eine Aufgabe binden wollen. Nicht nur das im Jahr 2014 veröffentlichte  Zukunftsbild hat vor diesem Hintergrund die Frage gestellt, ob nicht auch andere Mitwirkungs- und Entscheidungsmöglichkeiten für Ehrenamtliche denkbar oder sogar sinnvoll sind.

Neue Türen öffnen für ehrenamtliches Engagement will das Modellprojekt "Entwicklung ehrenamtlicher Mitverantwortung". Foto: Seksun Guntanid / Shutterstock
Neue Türen öffnen für ehrenamtliches Engagement will das Modellprojekt "Entwicklung ehrenamtlicher Mitverantwortung". Foto: Seksun Guntanid / Shutterstock

Neue Experimentierfelder

Seit 2017 werden im Erzbistum Paderborn neue Beteiligungswege ganz praktisch ausprobiert. Im Jahr 2017 hat das Erzbistum das Modellprojekt „Entwicklung der ehrenamtlichen Mitverantwortung“ initiiert – und damit Experimentierfelder eröffnet. Im Laufe der vergangenen Jahre haben Pfarreien und Pastorale Räumen unter Beteiligung der Verantwortlichen vor Ort unter anderem folgende Modelle ausprobiert:

  • Gemeindeteams
  • Pfarrgemeinderat ohne Hauptamtliche
  • Kirchengemeinderäte
  • Netzwerkkonferenz

Aktuell wertet eine Evaluationsstudie die Erfahrungen mit diesen Modellen aus. Durch die Corona-Zeit hat sich die Datenerhebung etwas verzögert. Trotzdem erfolgt noch in diesem Jahr der Abschluss der Auswertungen zu den ersten drei Modellen sowie die Veröffentlichung der Berichte aus den beteiligten Pastoralen Räumen. Die Auswertung zu dem vierten Modell, der „Netzwerkkonferenz“, folgt später.

Matthias Kolk vom Referat Rätearbeit im Erzbischöflichen Generalvikariat und Professor Dr. Oliver Reis von der Universität Paderborn, dessen Lehrstuhl das Modellprojekt begleitet, haben vorab die nachfolgenden Beobachtungen zusammengestellt.

Gemeindeteams

Das Modell

Beim Gemeindeteam übernimmt ein Team von Ehrenamtlichen die Verantwortung für das kirchliche Leben der lokalen Gemeinde – oft gehören mehrere Gemeinden zum Pastoralen Raum. Eine wichtige Rolle spielt dabei eine Vereinbarung zwischen Pastoralteam, Kirchenvorstand, anderen Gemeindeteams und Gesamtpfarrgemeinderat. Sie klärt, wie Entscheidungen zustande kommen und was einander zur Verfügung gestellt wird.

Die Gemeindeteams sollen nicht in erster Linie darauf achten, dass die bisherigen Angebote und Aktionen weiterlaufen. Sie können auch eigene Akzente setzen, wenn durch die besondere Situation vor Ort Veränderungen nötig sind. Sie bleiben in Verbindung zum Pastoralteam, den anderen Gemeindeteams oder anderen Gremien, sind aber vor allem eine Form der „Vergemeinschaftung“ vor Ort. In der Zeit der Corona-Pandemie wiesen die Gemeindeteams die höchste Form der Selbstorganisation und die meiste Eigenständigkeit gegenüber dem pastoralen Leitungsteam auf.

Foto: lovelyday12 / Shutterstock
Foto: lovelyday12 / Shutterstock

Erkenntnisse

Das Modell „Gemeindeteam“ setzt die Bereitschaft aller Beteiligten voraus, Zusammenarbeit neu auszuhandeln, dabei auch Kritik einzustecken und ein verändertes Selbstverständnis aufzubauen. Es bietet aber gleichzeitig die Möglichkeit, wirklich Mitbestimmung und lokal Entscheidungsspielräume zu erhalten – eine attraktive Erfahrung und große Motivation für Engagement. Für Pastoralteams bringen Gemeindeteams die Herausforderung mit sich, Leitung eventuell anders wahrzunehmen als bisher. Dazu müssen sie bereit sein, auf die Durchsetzung der eigenen Meinung zu verzichten sowie die Fähigkeit haben, zu fördern und zu ermächtigen, aber auch Notlagen zu erkennen. Wenn sich die Gemeindeteams auf die lokale Gemeinde konzentrieren, dann darf dies die Leitung eines Pastoralen Raums nicht als Privatisierung oder Rückzug verstehen. Eigenwilligkeit und Selbstorganisation der Gemeindeteams sind gerade die Wirkung, die die traditionellen Strukturen deutlich verändert – ohne die Zusammenarbeit im Pastoralen Raum deshalb zu vernachlässigen.

Pfarrgemeinderat ohne Hauptamtliche

Das Modell

Der Pfarrgemeinderat ohne Hauptamtliche stärkt ebenfalls die Selbstorganisation der Gemeinden. Er setzt aber sehr viel stärker auf eine Kontinuität zu den bisherigen Gremien.

Foto: mojo cp / Shutterstock
Foto: mojo cp / Shutterstock

Erkenntnisse

Es konnte beobachtet werden, dass sich behutsam neuen Formen der Kooperation zwischen Hauptamtlichen (Priester und Laien) und Ehrenamtlichen entwickeln. Verantwortung wird übergeben, aber auch zurückgegeben, wenn diese zu groß wird, etwa in liturgischen Fragen. Nach wie vor übernehmen Hauptberufliche die inhaltliche Gestaltung und Ehrenamtliche die organisatorische Seite. Diese Arbeitsteilung hat viele Vorteile: Sie fördert die Eigenverantwortung, zugleich gibt sie Sicherheit und verhindert Überforderung. Allerdings lässt sich auch beobachten, dass die geringere Nähe zwischen den Pfarrgemeinderäten und den Hauptberuflichen und deren weiterhin starke Rolle gemeinsame Entscheidungen erschwert, gerade in Zeiten der Pandemie.

Die Kirchengemeinderäte

Das Modell

Im Kirchengemeinderat (KGR) verschmelzen Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand. Sie übernehmen finanzielle Verantwortung und erhalten so eine andere Ausrichtung: Die Engagierten vor Ort übernehmen als Experten für ihren Sozialraum und ihre Gemeinde Verantwortung und haben dafür einen Entscheidungsspielraum, der sie unabhängig macht. Die Hoheit über finanzielle Ressourcen ist wichtiger Bestandteil der Selbstorganisation und es ist deshalb wichtig zu beobachten, wie die KGR diese Möglichkeit nutzen.

Foto: Krisana Antharith / Shutterstock
Foto: Krisana Antharith / Shutterstock

Erkenntnisse

Nach bisherigem Stand ist die Säule des Pfarrgemeinderates in den Kirchengemeinderäten sehr stark. Die Kirchengemeinderäte bleiben so stark eingebunden in die gewohnte Gremienstruktur. Auch die hierarchische Abhängigkeit bleibt bestehen. Hauptamtliche, die in den Sitzungen dabei sind, können diese Abhängigkeit noch verstärken. Gleichzeitig können sie den Kirchengemeinderat auf dem Weg zu eigenständigen Schritten auch unterstützen und dazu ermächtigen. Gegenwärtig sind in diesem Modell noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Es könnte noch mehr Energie freigesetzt werden.

Erstes Fazit

Die Modelle verändern die Pfarreien und Pastoralverbünde unterschiedlich stark, aber lösen alle auf ihre Weise Resonanz aus. Auf diese Weise ist gut abschätzbar, welche Wirkung ein Modell hinterlässt. Wichtiger als die Modellfrage an sich, ist aber die Situation vor Ort: Je nachdem welche Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen vor Ort aktiv sind, können ganz unterschiedliche Modelle angemessen sein.

Für ein Gelingen sind mehrere Komponenten wichtig: Risikofreude aller Beteiligten, gegenseitiges Vertrauen, bei den Hauptamtlichen eine Bereitschaft zu Selbstbegrenzung und einer neuen Rolle und das Ziel, Ehrenamtliche in eine Eigenständigkeit zu begleiten, die nicht zur Überforderung wird. Es hat sich gezeigt, dass die Übertragung von echter Verantwortung zu einer Entlastung führen kann. Darüber hinaus lässt sich eine Dynamik beobachten, die auf der Grundlage der bisherigen Geschichte vor Ort Möglichkeiten eröffnet, Dinge anders zu gestalten, Unzufriedenheiten zu reduzieren und Schritte in die Zukunft zu gehen. Das Experimentieren hat sich gelohnt! Derzeit werden die bisherigen Erfahrungen aufbereitet, so dass sie anderen Pastoralen Räumen zur Verfügung gestellt werden können.

Verantwortliche für das Modellprojekt "Entwicklung der Ehrenamtlichen Mitverantwortung"

Matthias Kolk
Matthias Kolk
Referat Rätearbeit im Erzbischöflichen Generalvikariat


Prof. Dr. Oliver Reis
Lehrstuhl für Religionspädagogik an der Universität Paderborn


Ein Beitrag von:

Dr. Claudia Nieser
Redaktion