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21
Oktober
2019
21.Oktober.2019

Eine Perspektive der Hoffnung

5 Jahre Zukunftsbild

Prälat Thomas Dornseifer, Leiter der Hauptabteilung Pastorale Dienste und stellvertretender Generalvikar, war an der Entwicklung und Umsetzung des Zukunftsbildes beteiligt. Wie weit sind wir schon auf dem Weg? Welche Widerstände gibt es? Was macht Mut? Eine Zwischenbilanz.

Redaktion

Wann haben Sie zuletzt gedacht: Hier trägt das Zukunftsbild reiche Frucht?

Prälat Thomas Dornseifer

Da würde ich mehrere Gelegenheiten nennen. Zum einen sind da die Pastoralvereinbarungen. Da stellt man fest, dass bei der Schwerpunktsetzung der einzelnen Pastoralen Räume Handlungsoptionen des Zukunftsbildes aufgegriffen werden. Man verständigt sich also in den Pastoralen Räumen darauf, in den nächsten Jahren Dinge im Geist des Zukunftsbildes anzugehen.

Der andere Punkt ist unser Fonds für „Neue Projekte zur Umsetzung des Zukunftsbildes“. Auch da stelle ich erfreut fest, dass sehr kreativ versucht wird, Anregungen und Ermutigungen des Zukunftsbildes in einem konkreten Projekt einfach auszuprobieren. Eine Erfolgsgarantie gibt es dabei natürlich nicht, aber das Zukunftsbild ermutigt ja auch dazu, Dinge einfach zu versuchen.

Redaktion

Auch wenn sie dann scheitern?

Prälat Thomas Dornseifer

Scheitern gehört dazu, wenn ich ein Experiment wage. Das sage ich auch bei der Übergabe jeder Pastoralvereinbarung: „Sie haben sich auf einen Weg verständigt. Und Sie werden Erfahrungen machen, ob dieser Weg gelingt.“ Und ich ermutige die Leute, nicht den Mut sinken zu lassen, wenn etwas nicht gelingt, sondern dann etwas Neues zu probieren.

Redaktion

Wie weit ist denn das Zukunftsbild schon in den Köpfen der Mitarbeiter und Gläubigen angekommen?

Prälat Thomas Dornseifer

Da habe ich ein differenziertes Bild. Mir begegnen Gemeinden, in denen man Zweifel haben kann, ob das Zukunftsbild wirklich zu einem Fundament für anstehende Entscheidungen wird. Ich erlebe sehr häufig, dass das Zukunftsbild als ein so genanntes „Add on“ wahrgenommen wird. Mit anderen Worten: als zusätzliche Belastung zum Alltagsgeschäft, und allein das gibt vielen ja schon das Gefühl, dass es kaum zu bewältigen ist. Als „Add-on“ zum Alltag ist das Zukunftsbild aber nicht gemeint. Sondern es lädt uns ein, unser Alltagsgeschäft in neuem Licht zu sehen und neu damit umzugehen.

Prälat Thomas Dornseifer
Prälat Thomas Dornseifer
Redaktion

Wo stößt das Zukunftsbild sonst noch auf Vorbehalte?

Prälat Thomas Dornseifer

Unser Erzbistum ist sehr ungleichzeitig. Fragen und Sorgen auf dem Land sind völlig andere als in Ballungsräumen. Hier merke ich zunehmend auch das Ringen der Menschen miteinander, auch mit ihren Kirchenbildern. Viele trauern dem hinterher, was sie aus ihren Kindertagen kennen und was jetzt teilweise ersatzlos wegbricht. Ein neues Bild, das überzeugt, gibt es noch nicht. Aber es gibt an vielen Stellen gute Ansätze. Diese müssten in Begegnung miteinander gebracht werden, damit nicht überall das Rad neu erfunden werden muss und der eine vom anderen auch profitieren kann. Der Übergang ist natürlich schwer. Aber das ist auch eine Generationensache. Jungen Menschen heute geht es vor allem um Authentizität. Sie besitzen eine große Mobilität und suchen für Kirche und Glauben einen passenden Platz, sonst würden sie nicht quer durchs Erzbistum zu einem YOUNG-MISSION-Wochenende nach Hardehausen fahren. An diesem Beispiel sieht man, dass wir uns selber den Druck nehmen können, in jeder Gemeinde, in jedem Pastoralen Raum dasselbe bieten zu müssen. Wir müssen nicht alle das gleiche machen. Wenn wir Angebote an einem Ort anbieten und zwar qualitativ gut und einladend, dann sind Leute auch bereit, dahin zu fahren.

Redaktion

Wie lässt sich das Zukunftsbild praktisch anwenden?

Prälat Thomas Dornseifer

Das Zukunftsbild ist kein Rezeptbuch. Es formuliert keine konkreten Ideen. Sondern das Zukunftsbild lädt ein, sich auf einen Weg zu machen. Den Raum, in dem man lebt, näher anzugucken. Zu überlegen: „Was tun wir jetzt in diesem Umfeld, in dieser Situation? Was hat sich verändert? Wo wollen wir in Zukunft hin?“ Manche äußern die Kritik, das Zukunftsbild sei zu wenig konkret. Andere sagen: „Wenn es zu konkret wäre, hätte ich keine Luft mehr für eigene Ideen“. In diesem Spannungsbogen werden wir uns immer bewegen. Wir haben uns damals bewusst entschieden, das Zukunftsbild nicht zu einem Nachschlagewerk zu machen. Sondern das Zukunftsbild traut den Menschen in den Pastoralen Räumen selber zu, neu über die Zukunft pastoraler Aktivitäten nachzudenken.

Redaktion

Was ist mit fünf Jahren Abstand für Sie die wichtigste Botschaft?

Prälat Thomas Dornseifer

Bei allem Zögern und aller Unsicherheit, die es natürlich auch gibt: Die wichtigste Botschaft bleibt für mich, dass Menschen sich auf den Weg machen. Und das gilt besonders für die bewegten Zeiten, in denen Kirche gerade lebt, gerade auch mit all den Krisen, die aufgeschlagen sind, nachdem das Zukunftsbild in Kraft gesetzt wurde. Wir müssen miteinander reden, nicht übereinander reden. Wir müssen miteinander nach vorne gehen. Wir müssen akzeptieren, dass Kirche ein buntes Bild abgibt, in dem nicht alle die gleiche Meinung haben. Ich finde es immer schwierig, Vokabeln wie „liberal“ oder „konservativ“ zu benutzen. In einem Weinberg wachsen unterschiedliche Früchte: große und kleine, saure und süße. Und das ist von Jesus Christus so gewollt. Da gibt es nicht d i e Pressure Group oder d i e innovative Idee.

Ich tue mich auch zunehmend schwer damit, das Wort „Innovation“ zu benutzen, weil es Menschen ein Stück unter Druck setzt und die Gefahr in sich trägt, gegen das Alltagsgeschäft ausgespielt zu werden. Kirche hat als Dienstleister jene Dienste zu liefern, die von ihr erwartet werden: Wir begleiten Menschen, wir taufen Kinder, wir assistieren bei Trauungen, wir beerdigen Menschen. Das ist Kerngeschäft der Kirche und muss es auch bleiben. Dieses Kerngeschäft darf gegenüber so genannten Innovationen nicht als „weniger wert“ angesehen werden. Innovationen allein werden den Weg der Kirche in die Zukunft nicht leichter machen. Und werden die Kirche auch nicht retten.

Redaktion

Welche Verhaltensweisen begegnen Ihnen, die überhaupt nicht mit dem Zukunftsbild vereinbar sind?

Prälat Thomas Dornseifer

Da gibt es die Einstellung: „Wir wollen uns nicht verändern. Wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist.“ Wenn ich ausschließe, nach vorne zu schauen, dann halte ich das nicht für kompatibel mit dem Zukunftsbild. Oft ist es einfach die Unsicherheit, dass niemand sagen kann, wozu die Veränderung letztlich führt.

Grundsätzlich muss es ein Umdenken geben. Es darf nicht nur gefragt werden: „Was kann Kirche für mich tun?“. Die Menschen in den Gemeinden müssen sich fragen: „Was sind wir bereit zu tun? Denn: Kirche, das sind wir.“ Gemeinde sind nicht nur der Pfarrer und die Hauptamtlichen. Gemeinde sind die Menschen, die dort leben. Was sind die Menschen, die dort leben, bereit, für ihre Gemeinde zu tun? Ich kann mich nicht als Gemeinde hinsetzen und sagen: „Macht mal!“ Das ist nicht Kirche

Redaktion

Wo würde das Erzbistum heute ohne das Zukunftsbild stehen?

Prälat Thomas Dornseifer

Die Frage ist nicht ganz leicht. Aber ich würde sagen, dass es ohne das Zukunftsbild viele Aufbrüche nicht gegeben hätte. Und damit meine ich nicht nur das Zukunftsbild als Ergebnis, sondern auch den zehnjährigen Weg der „Perspektive 2014“, den wir auf das Zukunftsbild hin gegangen sind – und das unter hoher Beteiligung. Ich glaube, dass es manches, was neu entstanden ist, so ohne das Zukunftsbild nicht geben würde. Das gilt für die Pastoralen Räume, das gilt für die Kategorialseelsorge, das gilt für so manches besondere Projekt, das angestoßen wurde. Ich würde behaupten, dass das Zukunftsbild uns auch davor bewahrt hat, nur in Trauer zurückzuschauen auf all das, was wegbricht. Das Zukunftsbild hat uns eine Perspektive der Hoffnung geschenkt – auch, wenn noch nicht alles umgesetzt ist.

Redaktion

Was sind die nächsten Schritte?

Prälat Thomas Dornseifer

Als nächstes müssen wir uns auf Schwerpunkte konzentrieren. Wir haben uns auf dem Weg zum Zukunftsbild, im Zukunftsbild selber und auch beim letzten Diözesanen Forum noch mit einer Fülle von Fragen beschäftigt. Das kann irgendwann auch dazu verleiten, sich zu verlieren. Wir müssen den Mut haben, nicht alles zu machen, weil wir das auch gar nicht leisten können. Wir müssen Prioritäten wirklich einmal formulieren, diese dann auch angehen und uns bewusst von Dingen verabschieden. Denn damit nehmen wir uns auch den Druck auf die gesamte Bandbreite an Ressourcen. Es geht ja nicht nur um Geld, sondern auch um personelle Ressourcen. Wenn ich immer alles machen will, dann überfordere ich jeden Ehrenamtlichen. Man muss in einen konstruktiven Dialog der Erwartungen treten. Man muss sich diesem Dialog aussetzen und am Ende eine Entscheidung treffen, was man tut und was man lässt. Die Alternative ist, mit wehenden Fahnen unterzugehen. Und das kann ja nicht gewollt sein.

Das Problem ist natürlich: Viele Angebote, viele Aktivitäten haben mit Identität zu tun. Mit dem individuellen Gesicht einer Gemeinde. Dieses Gesicht verändert sich natürlich, wenn man etwas aufgibt. Nur: Es macht auch nicht fröhlicher, wenn sich dieses individuelle Gesicht immer mehr verfinstert. Weil es immer weniger Menschen gibt, die dafür sorgen, dass dieses Gesicht lächelt.

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