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15
Juni
2021
15.Juni.2021

Eine echte Königin unter den Instrumenten

Festtag in der Welterbestätte: Weihbischof Manfred Grothe weit restaurierte Barockorgel der Abteikirche Corvey

Dankbarkeit und einhellige Freude haben am Samstag (12. Juni) die barocke Abteikirche Corvey erfüllt: Weihbischof Manfred Grothe weihte feierlich die nach umfassender Restaurierung und Rekonstruktion zurückgekehrte Springladenorgel des bekannten Höxteraner Orgelbaumeisters Andreas Schneider.

Dass sie nach langem Schweigen wieder erklingt, sei ein Präludium für das 2022 bevorstehende Jubiläum 1200 Jahre Corvey, betonte der hohe Würdenträger. Es sei großartig, so Grothe, mitzuerleben, wie dieser bedeutende Erinnerungsort und lebendige Glaubensort geschätzt und geachtet wird. Corvey sei ein Welterbe von besonderem Rang, „dem sich die Region auf das Engste verbunden weiß“.

Die Weihe der kostbaren Springladen-Orgel durch Weihbischof Manfred Grothe war ein großer Tag für die Welterbestätte Corvey. Foto: Kirchengemeinde Corvey
Die Weihe der kostbaren Springladen-Orgel durch Weihbischof Manfred Grothe war ein großer Tag für die Welterbestätte Corvey. Foto: Kirchengemeinde Corvey

Gäste zeigen Verbundenheit

Diese Verbundenheit strahlten die Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Verwaltung und öffentlichem Leben aus, die Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek zu Beginn des festlichen Wortgottesdienstes begrüßte. Zu den Gästen zählten neben Weihbischof em. Grothe der frühere Bundesumweltminister Professor Klaus Töpfer, der koptische Bischof Anba Damian, der ehemalige Landesminister und Präsident der NRW-Stiftung, Eckhard Uhlenberg, MdB Christian Haase, Landrat Michael Stickeln, Bürgermeister Daniel Hartmann, Viktor Herzog von Ratibor, die früheren Pfarrdechanten Ludger Eilebrecht und Andreas Kurte sowie Vertreter des Erzbistums. Sie alle einte eine freudige Erwartung darauf, die wunderbare Orgel in ihrer orchestralen Klangfülle wieder zu hören – sie alle waren Augen- und Ohrenzeugen eines großen Tages für Corvey.

Ein Blick in den Himmel

Dieser war nachhaltig geprägt von Momenten, die unter die Haut gingen: Als Weihbischof Manfred Grothe mit Pfarrdechant Krismanek, Diakon Erwin Winkler und den Ministranten die Kirche verließ, um in den Johanneschor hinauf zur Schneider-Orgel zu gehen, begleitete Dominik Balduin den Auszug noch an der Tischorgel, die in den Jahren des Schweigens des Barockinstruments zu den Gottesdiensten genutzt worden war. Oben auf der Empore segnete der geistliche Würdenträger Manfred Grothe schließlich die kostbare Orgel.

Im Anschluss an diese bewegende Zeremonie war für einige Augenblicke Stille. In diese Stille hinein erklang sie dann – die Königin der Instrumente auf der von Engeln getragenen Empore. Dekanatskirchenmusiker Jörg Kraemer brachte mit dem Praeambulum in d von Heinrich Scheidemann (1595 – 1663) beim lang ersehnten ersten Spiel genau das zur Entfaltung, was Pfarrdechant Krismanek zuvor in eindrückliche Worte gekleidet hatte: „Beim Klang einer Orgel kann sich ein Blick in den Himmel eröffnen.“ Die Harmonie des Himmels werde spürbar.

Dekanatskirchenmusiker Jörg Kraemer brachte das Klangspektrum der Corveyer Orgel nach der Weihe zur Entfaltung. Foto: Kirchengemeinde Corvey
Dekanatskirchenmusiker Jörg Kraemer brachte das Klangspektrum der Corveyer Orgel nach der Weihe zur Entfaltung. Foto: Kirchengemeinde Corvey

Jede Stimme ist wichtig

An diesen Gedanken erinnerten sich die Zuhörer bei der Predigt des Weihbischofs Manfred Grothe. Der hohe Gast aus Paderborn zitierte Beethoven, der sagte: „In der Musik drücken wir das aus, wozu uns in der Sprache die Worte fehlen.“ Das treffe besonders auf die Orgel zu. Jede Stimme sei wichtig. Aufgabe des Organisten sei es, das Prinzipal sensibel zu den anderen Stimmen zuzuschalten, damit die Klangvielfalt des Instruments hörbar bleibt und keine Stimme die andere übertönt. Auch im Klangkörper einer kirchlichen oder politischen Gemeinde komme es darauf an, dass Menschen mit Leitungsaufgaben – das Prinzipal – die anderen nicht übertönen. Stimmen und Stimmungen aufeinander abzustimmen, müsse Ziel sein. Und bei Stimmungsschwankungen übernehme Gott, der gute Hirte, aus dem Grundton seiner Liebe zu uns Menschen heraus taktvoll die Führung. „So kann und soll die tonmächtige Orgel für uns ein österliches Sinnbild sein.“ Sie stehe gleichsam für ein Miteinander der Harmonie.

Als Weihbischof Grothe die einzelnen Stimmen der Orgel interpretierte, brachte Regionalkantor Jörg Kraemer sie jeweils zu Gehör – so dass das gesprochene Wort und der Wohlklang der Orgel eine impulsgebende Symbiose eingingen. Kraemer war im September 2016 der letzte gewesen, der das Instrument mit seinen 32 Registern und etwa 2000 Pfeifen vor dem Ausbau hatte erklingen lassen. Jetzt – fast fünf Jahre später – gestaltete er auch die Premiere nach umfassender Restaurierung und Rekonstruktion. Bei einem so exponierten Anlass zu spielen, sei angesichts der allseits immens hohen Erwartungen eine Herausforderung, räumte der Dekanatskirchenmusiker ein. Dennoch sei es erhebend, die bedeutende Barockorgel nach so langer Zeit wieder zum Klingen zu bringen. Der erste Anstoß zur Restaurierung sei mehr als zehn Jahre her, blickte Jörg Kraemer zurück.

An der Doppelturmfassade des karolingischen Westwerks – dem Gesicht des Welterbes – kündete Fahnenschmuck von der festlichen Orgelweihe. Foto: Kirchengemeinde Corvey
An der Doppelturmfassade des karolingischen Westwerks – dem Gesicht des Welterbes – kündete Fahnenschmuck von der festlichen Orgelweihe. Foto: Kirchengemeinde Corvey

Langer Weg

Hermann Doninger, Vorsitzender des Fördervereins, erinnerte an den Gründungsvorsitzenden und ehemaligen Landrat Hubertus Backhaus († 2012) und an Schatzmeister Johannes Mellwig († 2020). Sie hätten sich um die Orgel verdient gemacht. Franz-Josef Beine habe ganz wesentlich dazu beigetragen, das Projekt auf die Erfolgsspur zu führen.

Der Förderverein habe sich, so Doninger, mit der Erstellung und dem Verkauf von CDs, dem Verkauf von Orgelpfeifen und Benefizkonzerten engagiert. Der Vorsitzende dankte den vielen Bürgern und Unternehmen für ihre großzügigen Spenden und würdigte die Förderung der NRW-Stiftung. Fazit: „Bis zur Wiedereinweihung war es ein langer Weg. Aber die Anstrengungen haben sich gelohnt. Das Ziel ist erreicht und die Orgel, eine echte Königin unter den Instrumenten, wird alle Freunde der Kirchenmusik nicht nur erfreuen, sondern auch durch ihren neu gewonnenen grandiosen Klang auch nachhaltig begeistern.“

Beim Empfang nach der Orgelweihe auf der Wiese vor dem Schloss waren sich die Gäste darüber einig, dass Dekanatskirchenmusiker Jörg Kraemer ihnen bei der Premiere erbauliche Eindrücke von der großartigen Klangvielfalt der kostbaren Orgel vermittelt habe. Die Aria. Jesu, du bist allzu schöne“ von Georg Böhm (1661 – 1733) 14 Partiten habe die Bandbreite aufgefächert. Zu hören waren auch die Fantasia cromatica von Jan Pieterzoon Sweelinck (1562 – 1621) sowie das Concerto in g und Allegro-Affetuoso-Allegro. Fuga aus dem Husumer Orgelbuch von 1758 (Anonymus).