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21
Oktober
2020
21.Oktober.2020

“Die Vielfalt aller Menschen muss anerkannt und gewürdigt werden”

Themenspecial “Einheit”: Interview mit Caritas-Referent Heribert Krane

Mit dem „Tag der Deutschen Einheit“ begann das Themenspecial „Einheit“ auf der Homepage des Erzbistums Paderborn. Einheit beider deutschen Staaten, Einheit in Europa – doch wie sieht es mit der gesellschaftlichen Einheit aus. Im Interview gibt Heribert Krane, Referent im Referat Migration, Asyl und Partizipation des Caritasverbandes für das Erzbistum Paderborn, Einblicke aus seiner Arbeit.

Redaktion:

Welche Gedanken bewegen Sie, wenn Sie an den „Tag der Deutschen Einheit“ denken?

Heribert Krane:

Um wen geht es an diesem Gedenktag und von wessen Einheit reden wir? Was hält die Einheit zusammen?? Laut Duden steht der Begriff “Einheit” für eine “in sich geschlossene Ganzheit, Verbundenheit; als Ganzes wirkende Geschlossenheit, innere Zusammengehörigkeit“.

Die Herstellung der Einheit Deutschlands, die vertraglich zwischen der DDR und Bundesrepublik geregelt wurde, verstanden viele Migranten und Migrantinnen und viele Menschen aus Einwandererfamilien als Einheit des deutschen Volkes. Und mit diesem “Volk” war kein an grundlegenden demokratischen Prinzipien ausgerichtetes Volk als Inhaber der Staatsgewalt gemeint, sondern ein ethnischer Club.

Redaktion:

Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter „ethnischem Club“?

Heribert Krane:

Die Vereinigung hatte für viele Ausländer und viele Menschen aus Einwandererfamilien einen völkischen Beigeschmack. Denn nach der Begeisterung entpuppten sich die Wende und Vereinigung für Ausländer und People of Color als Zeit der Abwertung. Viele bekamen im Alltag zu spüren, dass sie nicht mehr erwünscht waren. Die Stimmung kippte stark ins Völkische. Nach der Vereinigung gab es Jahre mit rassistischen Ausschreitungen in Ostdeutschland und im Westen Deutschlands. Am Tag der Einheit müssen wir uns daran erinnern, dass es immer dann katastrophal in Deutschland wurde, wenn Menschen aus rassistischen, antisemitischen und weiteren menschenverachtenden Gründen ausgegrenzt und verfolgt wurden.

Migration und Flucht bzw. der Umgang mit Migration und Flucht sind nicht die gesellschaftspolitischen Kernkonflikte unserer Gesellschaft. Die Allgegenwart von Diskussionen, Auseinandersetzungen und Konflikten im Zusammenhang mit „Migration und Flucht“ verdeckt und überlagert die eigentlichen gesellschaftspolitischen Kernkonflikte. In diesen geht es um Anerkennung von Gleichheit, Chancengerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit und Teilhabe in einer pluralen demokratischen Gesellschaft geht.

Heribert Krane, Referent der Caritas für Migration, Asyl und Partizipation. (Foto: Caritas)
Heribert Krane, Referent der Caritas für Migration, Asyl und Partizipation. (Foto: Caritas)

Die Allgegenwart von Diskussionen, Auseinandersetzungen und Konflikten im Zusammenhang mit „Migration und Flucht“ verdeckt und überlagert die eigentlichen gesellschaftspolitischen Kernkonflikte.

Heribert Krane, Caritas-Referent

Redaktion:

Wie würden sie einen „Gedenktag“ definieren?

Heribert Krane:

Wir brauchen eine Einheit ohne Einheitlichkeit, dafür eine Gemeinsamkeit in Vielfalt. Wir brauchen keinen nationalen Einheits-Tag, sondern einen demokratischen Vielheits-Tag, an dem wir selbstbewusst die Verschiedenheit und die vielfältige Gesellschaft feiern, die Deutschland heute ausmachen. Als Leitsatz für diesen Tag wäre „Einheit in Vielfalt“ gut geeignet.

Die Vielfalt aller Menschen, die in Deutschland leben, muss anerkannt und gewürdigt werden. Es geht um die Vielfalt von Lebensentwürfen, individuellen Lebenswelten und Lebensgeschichten auf allen soziokulturellen Hintergründen, innerhalb und zwischen Gruppen und Gesellschaften. Es geht um den respektvollen, solidarischen und friedlichen Umgang mit allen Unterschieden z.B. bei Herkunft, Migrationserfahrung, Nationalität, soziökonomische Lage, soziale Klasse/gesellschaftliche Stellung, Milieuzugehörigkeit, Erziehung / Sozialisation, Bildung, Kultur, dörflicher oder städtischer Lebensraum, Geschlecht, Alter, Religion, Weltanschauung, körperliche Fähigkeiten, Behinderung und sexuelle Orientierungen.

Redaktion:

Wie kann das funktionieren?

Heribert Krane:

Voraussetzung für eine gelingende und gelebte Einheit in Vielfalt ist die gleichberechtigte rechtebasierte Teilhabe aller Menschen an politischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Bereichen der Gesellschaft. Denn “wir” sind längst eine pluralistische Republik. Auch wenn sich aktuell zeigt, dass etwa die gleiche, absolute Würde aller Menschen keineswegs für alle, die in Deutschland leben, selbstverständlich ist. Ausgrenzungen und Abwertungen gefährden die Einheit in Vielfalt.

Es geht letztlich um die Gestaltung der Gesamtgesellschaft in Einheit, in der es ein übergreifendes, alle Menschen verbindendes Verständnis eines Zusammen- und Miteinanderlebens gibt. Diese „Klammer“ sind neben der Sprache vor allem: das Grundgesetz, sein Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten, gemeinsame Werte wie Freiheit, Frieden und Solidarität in einer aus unterschiedlichen Lebensentwürfen, individuellen Lebenswelten und Lebensgeschichten zusammengesetzten Gesellschaft.

Redaktion:

Eine Gesamtgesellschaft in Einheit könnte wie erreicht werden?

Heribert Krane:

Wichtig ist die Entwicklung und Förderung der Fähigkeit und Bereitschaft eines jeden / einer jeden Einzelnen in Situationen, die von Unterschieden geprägt sind, angemessen zu handeln. Dies schließt eine annehmende und respektierende Haltung meines Gegenübers, kritische Selbstreflexivität, Empathie und zivilgesellschaftliches Engagement ein. Verstanden als Basiskompetenz sozialer und pädagogischer Arbeit und als allgemeine Lebens- und Entwicklungsaufgabe.

Zu den weiteren Beiträgen des Themenspecials "Einheit"

Ein Beitrag von:

Ronald Pfaff
Redakteur
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