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9
September
2020
9.September.2020

Das Leben im eigenen Dorf weiterentwickeln

Themenspecial „Kirche & Land(wirtschaft)“: Interview zum Thema Dorfentwicklung

Ländliche Strukturen sind im Erzbistum Paderborn weit verbreitet – viele Menschen leben in kleinen Orten und Dörfern. Doch was bewegt sie? Und wie kann die Lebensqualität in den Dörfern erhöht werden? Genau damit beschäftigt sich Bernhard Eder, Dozent an der Landvolkshochschule Hardehausen. Der Diplomtheologe und Soziologe spricht im Interview über das Projekt „Zukunftswerkstätten im ländlichen Raum“ und erklärt, wie Menschen und die Kirche sich bei der Dorfentwicklung einbringen können.

Redaktion

Herr Eder, mit welchen Fragen beschäftigt sich Dorfentwicklung?

Bernhard Eder

Wenn es um gute Dorfentwicklung geht, muss man zuerst fragen: Nach welchen Kriterien bemisst man eine solche Entwicklung? Das ist individuell von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich. Das kann zum Beispiel das Vorhandensein oder die Erreichbarkeit von Daseinsvorsorge, also Infrastruktur, sein. Ein zweites Kriterium ist, dass die Mobilitätswünsche der Bevölkerung gut erfüllt werden. Für einige ist das der öffentliche Personennahverkehr, für andere eine dörfliche Mitfahrzentrale, Car-Sharing oder Ähnliches.

Redaktion

Wie würden Sie Dorfentwicklung dann zusammenfassen?

Bernhard Eder

Ein Punkt, um alles zu umschreiben, bedeutet Lebensqualität zu schaffen, aber auch das ist noch sehr allgemein. Dazu könnte der Zusammenhalt im Dorf zählen. Dieser bemisst sich eventuell an der Anzahl der Feste, die im Dorf gefeiert werden, an der Anzahl der Vereine, an anderen Angeboten wie offenen Treffs oder wie hoch das ehrenamtliche Engagement im Dorf ist. Für mich gilt allgemein der Maßstab: Inwieweit sind die Angebote für die Altersgruppen Kinder, Jugendliche, Erwachsene und ältere Menschen – in Sachen Sport, Kultur, Freizeit – ausreichend im Ort? Denn solche Angebote kann wirklich jedes Dorf organisieren.

Foto: Landvolkshochschule Hardehausen
Foto: Landvolkshochschule Hardehausen

„Für mich gilt allgemein der Maßstab: Inwieweit sind die Angebote für die Altersgruppen Kinder, Jugendliche, Erwachsene und ältere Menschen – in Sachen Sport, Kultur, Freizeit – ausreichend im Ort? Denn solche Angebote kann wirklich jedes Dorf organisieren.“

Bernhard Eder

Redaktion

Was ist sonst noch ein Kriterium für eine gute Lebensqualität im Dorf?

Bernhard Eder

Die Wohnsituation der Menschen: Wie zufrieden sind sie mit ihrer Wohnsituation? Außerdem: die Zufriedenheit mit der ökologischen Situation oder inwieweit es gelungen ist, Neuzugezogene in die Dorfgemeinschaft zu integrieren: sowohl Menschen, die aus anderen Bundesländern zugezogen sind als auch Flüchtlinge oder Leute mit Migrationshintergrund. Alle Kriterien haben aber einen subjektiven Faktor. Das Vorhandensein von Lebensmittelläden, Ärzten oder Schulen kann man zwar abbilden, aber für manche Leute sind Entfernungen von 30 Minuten in Ordnung, für andere ist das hingegen viel zu weit weg.

Redaktion

Ist Landflucht denn heutzutage ein Thema? Oder wird das Land sogar wieder attraktiver als Wohnort?

Bernhard Eder

Aus Erfahrungen, die ich im Zuge meine Zusammenarbeit mit 19 Dörfern aus dem Kreis Höxter gesammelt habe, zeigt sich: Es ist völlig klar, dass gerade junge Menschen zum Beispiel fürs Studium erstmal wegziehen. Es gibt andererseits auch einen gewissen Zuzug. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass Landflucht das wichtigste Thema für die Dörfer ist.

„Trauer, dass einiges im Dorf wegbricht“

Redaktion

Was bewegt die Menschen in den Dörfern denn konkret?

Bernhard Eder

Neben der Frage nach einer guten Infrastruktur gibt es bei vielen Menschen vor allem eine gewisse Trauer darüber, dass einiges im Dorf wegbricht. Es gibt teilweise keine Dorfkneipe mehr, keinen Tante-Emma-Laden, auch die Zahl der Gottesdienste nimmt ab. Außerdem erleben die Menschen, dass das Dorf pluraler wird. Damit ist gemeint: Früher war Vereinsleben gleich Dorfleben und umgekehrt: Wer sich integrieren wollte, musste in einen der Vereine eintreten. Wer das nicht machte, war erstmal außen vor. Diese Erwartung besteht zum Teil zwar noch so. Es gibt aber immer mehr Menschen, die sagen: Ich bin gerne hier im Dorf, aber in den Vereinen fühle ich mich nicht wohl.

Redaktion

Wie kann man als Dorf oder Verein damit umgehen?

Bernhard Eder

Indem man beispielsweise offene Treffs anbietet, denn da ist der Bedarf vorhanden: Wo man sich trifft, auch wenn man zu keinem Verein dazugehört. Die Leute wollen am Dorfleben teilnehmen, aber nicht mehr unbedingt einem Verein angehören – ob Sport, Musik- oder kirchlicher Verein. Interessant ist aber: Dort, wo es solche Treffs gibt, werden sie von Personen organisiert, die einem Verein angehören, aber auch sagen: Für uns selbst und für andere ist es einfach spannend, auch mal einen offenen Treff zu veranstalten, das kann zum Beispiel auch ein Kneipenquiz sein.

Zukunftswerkstatt soll zur Dorfentwicklung beitragen

Redaktion

Sie hatten eben schon die 19 Dörfer aus dem Kreis Höxter angesprochen, mit denen Sie im Zuge des Projektes „Zukunftswerkstätten im ländlichen Raum“ der Landvolkshochschule Hardehausen zusammenarbeiten. Worum geht es da genau?

Bernhard Eder

Es geht darum, die Lebensqualität in den Dörfern zu verbessern, wir fokussieren uns da bislang auf die Städte Marienmünster und Warburg. Im Wesentlichen ist nach Vorgesprächen mit den politischen Schlüsselpersonen der erste Schritt eine öffentliche Infoveranstaltung. Dann folgt eine Befragung zu Schwächen und Stärken des eigenen Dorfes. Bei einer zweiten Veranstaltung, einer Zukunftswerkstatt, werden die Ergebnisse präsentiert. Dabei zeige ich die Ressourcen und Defizite des Dorfes auf, die sich aus den Antworten der Bevölkerung ergeben. Die Menschen werden dann gebeten, Ideen selbst zu entwickeln, um die Stärken des Dorfes auszubauen und die Schwächen abzubauen. Die Ideen brauchen Menschen, sie verwirklichen sich nicht von selbst. Ich als Referent begleite die Ideen, bis sie laufen können. Insgesamt sind bisher 74 Ideen entstanden.

Redaktion

Was für Ideen entstehen dabei, um eine Vorstellung zu bekommen?

Es ist eine große Bandbreite an Themen vorhanden. Gerne kommt: einen offenen Treff zu organisieren, die Verkehrssituation zu verbessern oder das Dorf ökologisch voranzubringen und den öffentlichen Raum zu entrümpeln, zum Beispiel in Form von Müllsammelaktionen. Denn auch ein sauberes Dorf kann die Lebensqualität natürlich erhöhen. Es ist aber auch schon ein Dorfkino von Bürgern für Bürger entstanden. Das Konzept ist: Wir zeigen alte, schöne Filme und bieten zeitgleich eine Gelegenheit, um sich bei selbst zubereiteten Getränken und Snacks zu begegnen und das Miteinander zu genießen.

Offener Treff in Nörde. Foto: Bernhard Eder
Ein Dorfkino in Vörden bei Warburg. Foto: Bernhard Eder
Infoabend in Scherfede. Foto: Bernhard Eder
Redaktion

Sie hatten eben schon die Vereine angesprochen. Wie sieht es mit den kirchlichen Vereinen da aus?

Bernhard Eder

Es ist bemerkbar, dass die Kirche für die Menschen im Dorf noch ein wichtiger Punkt vor Ort ist. In den Zukunftswerkstätten sind die Menschen mit christlichem Hintergrund deutlich präsent, die in Kirchenvorstand, Katholischer Frauengemeinschaft Deutschlands, Kolping oder Pfarrgemeinderat engagiert sind und ihr Dorf positiv verändern und weiterentwickeln wollen.

„Kirche kann eine Anlaufstelle bieten“

Redaktion

Wie kann die Kirche denn genau Mitgestalter im Dorf sein bzw. bleiben?

Bernhard Eder

Die Kirche hat zum Beispiel Räume vor Ort wie die Pfarrheime. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Denn offene Treffs, die für Dörfer eben immer wichtiger werden, brauchen Räume, die nicht kommerziell genutzt werden. Die Kirche kann da eine Anlaufstelle bieten für alle Leute, die sich ins Dorfleben einbringen wollen und solche offenen Treffs auch vermehrt organisieren, um die Gemeinschaft im Dorf zu stärken und sich selbst einzubringen.

Redaktion

Was gibt es noch fernab von räumlichen Ressourcen?

Bernhard Eder

Für mich ist ein Gradmesser auch der Blick der Kirche auf die Armen bzw. Außenstehenden. Zu Schauen: Wo gibt es im Dorf Menschen, die nicht integriert sind? Ältere Menschen, die isoliert leben, aber jemanden brauchen, der nach ihnen schaut oder sie zum Einkaufen oder zum Arzt fährt. Oder Migranten, die neu im Dorf sind. Kirche kann in Sachen Dorfentwicklung bewusst den Fokus auf die Nächstenliebe setzen und sozialer Spaltung entgegenwirken. Gerade das ist doch das Besondere an der Kirche.

Redaktion

Wie würden Sie den Auftrag für mich als Christ oder Christin auf dem Dorf allgemein zusammenfassen?

Bernhard Eder

Räume für Ideen schaffen und einfach mitmachen. Alle Ideen, die es gibt und die auch bei einem Projekt wie den Zukunftswerkstätten entstehen, können immer mehr Menschen gebrauchen. Als christlicher Mensch kann ich da sehr gut mit der Motivation herangehen: Da mitzumachen und das Dorf besser zu machen, egal in welcher Hinsicht, ist ein Stück weit auch ein Vollzug meines Glaubens. Das Katholische ist da die Begründung mit der Nächstenliebe: Ich bin dabei, weil ich mich für das Dorf und für andere Menschen einsetzen will. Das Kirchliche ist in dem Fall vielleicht nicht ‚was‘, sondern ‚wie‘ ich es mache, die eigene Haltung.

Redaktion

Herr Eder, vielen Dank für das Gespräch.

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Ein Beitrag von:

Till Kupitz
freier Journalist
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