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6
November
2019

Das Innere nicht vom Äußeren abhängig machen

Themenspecial Hoffnung

Michaela Fikus lebt und arbeitet täglich mit Frauen zusammen, die von einer Sucht loskommen wollen. Als Leiterin der Fazenda de Esperanca in Sundern-Hellefeld hilft sie ihnen, zu lernen, wie ein geregelter Tagesablauf funktioniert, wie sich ein Leben in Gemeinschaft anfühlt. „Hoffnung“, sagt sie, „ist nicht nur bei denjenigen angesagt, die in der Sucht stecken. Schau mal raus, wo überall die Hoffnung fehlt.“

Wir besuchen die Fazenda de Esperenca, übersetzt „Hof der Hoffnung“, im Sauerland. Es ist eine christliche Wohngemeinschaft, deren Vorbild 1979 vom Paderborner Priester Frei Hans Stapel in Brasilien gegründet wurde. Sieben Fazendas gibt es in Deutschland, fünf nur für Männer und zwei nur für Frauen.

Es ist acht Uhr morgens, Zeit für das Gebet. Auf dem Teppichboden des Gebetsraums sitzen sechs Frauen, die die Beine und Füße in Wolldecken eingeschlagen haben. Die Heizung läuft nur auf Sparflamme, auf dem Dachfenster taut die Sonne langsam eine dünne Eisschicht auf. Hier sitzen neben Michaela Fikus zwei Freiwillige aus Brasilien und Kolumbien, die sich nach Mehr im Leben sehnen. Eine ehemalige Drogenabhängige aus Südafrika und zwei Frauen aus Deutschland, die nach Alkohol- und Drogensucht einen Neustart im Leben anstreben.

Heute, so wie jeden Morgen, beginnt der Tag auf der Fazenda in Hellefeld, indem die Bewohnerinnen den Rosenkranz beten. Dann lesen sie gemeinsam das Tagesevangelium und tauschen sich darüber aus. Heute: Lukas, Kapitel 13 Vers 31-35. Die Quintessenz lautet: Jesus hat sich nicht von der Angst vor dem Tod und König Herodes abbringen lassen, auf Gottes Willen zu schauen und seinen Weg zu gehen. Dann stellt Michaela Fikus Fragen in den Raum: Was habe ich für einen Auftrag? Was kann ich in anderen bewirken? Wie kann ich zum Glauben stehen?

31 Zur selben Stunde kamen einige Pharisäer und sagten zu ihm: Geh weg, zieh fort von hier, denn Herodes will dich töten. 32 Er antwortete ihnen: Geht und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen, heute und morgen, und am dritten Tag werde ich vollendet. 33 Doch heute und morgen und am folgenden Tag muss ich weiterwandern; denn ein Prophet darf nicht außerhalb Jerusalems umkommen.

34 Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt. 35 Siehe, euer Haus wird euch selbst überlassen. Ich sage euch: Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis die Zeit kommt, in der ihr ruft: Gepriesen sei er, der kommt im Namen des Herrn! (Einheitsübersetzung 2016)

Die Bewohnerinnen der Fazenda beim Morgengebet. Foto: Schulte
Die Bewohnerinnen der Fazenda beim Morgengebet. Foto: Schulte

Das Leben aus dem Evangelium heraus ist eine der zwei Wurzeln der Gemeinschaft „Familie der Hoffnung“, die hinter dem Netzwerk der Fazendas steht. Als wir nach dem Gebet mit Michaela Fikus sprechen, sagt sie: „Der Moment am Morgen macht das Besondere in unserem Miteinander aus.“ Hier lernten die Frauen, die Augen für den anderen zu öffnen, statt nur auf sich zu gucken, statt sich selbst ins Zentrum zu stellen. Im Gespräch kommt sie mehrfach darauf zurück, wie wichtig es sei, den Blick für den anderen zu haben und ihm etwas Gutes zu tun. Sie sagt: „Was du verschenkst, das kommt zu dir zurück und füllt dich“. Eine Botschaft, die eingängig und so oft doch schwer umzusetzen ist.

Wer die Fazenda Hellefeld besucht, der spürt, dass dort etwas anders abläuft. Die Zeit scheint langsamer zu vergehen, der Blick fällt auf die großen Fragen des Lebens, Alltagsprobleme werden weniger entscheidend. „Wir erfahren hier, dass man sich die Menschen nicht basteln kann, wie ich sie gern hätte“, sagt Fikus. „Ich investiere darein, wer wirklich die Person ist, wie Gott sie geschaffen hat.“ Die große Entdeckung auf der Fazenda sei, zu erfahren: Ich darf so sein, wie ich bin und ich bin gut.

Michaela Fikus im Gespräch. Foto: Schulte
Michaela Fikus im Gespräch. Foto: Schulte

„Wir leben in einer Welt, in der wir Bestätigung von außen erfahren. Die Sehnsucht nach Liebe in uns führt manchmal dazu, dass ich meinen Wert von der Anerkennung der anderen abhängig mache, nicht von der Liebe Gottes. Weil ich selbst nichts habe, mache ich das abhängig von anderen, dann richte ich mein Leben nach den anderen aus, aber das ist nicht das, was uns füllen kann.“

Michaela Fikus, Leiterin der Fazenda de Esperanca in Hellefeld

In dieser Atmosphäre möchte Gita ihr Leben neu starten. Sie kommt aus einer Zeit der Drogenabhängigkeit und Hoffnungslosigkeit. Wenn sie über ihr Leben erzählt, spricht sie über Träume und Visionen, die sie mit ihrem Partner hatte. Über ein Ökodorf, den Versuch, in der freien Natur zu leben und über extreme Abhängigkeitsverhältnisse. Dann sagt sie: „Für mich ist es in den letzten Jahren so verworren gelaufen, dass ich gar nicht weiß, wo der rote Faden ist.“ Und: „Ich bin dabei, herauszufinden, wie Leben geht. Wie Liebe leben geht.“

Heute gestaltet sie eine Pizza aus Raufasertapete und Krepppapier als Geschenk für einen Helfer der Fazenda. Auf den einzelnen Stücken schreiben die Mitbewohnerinnen eine persönliche Botschaft. Der Helfer lädt die Frauen am Abend zum Pizzaessen ein. Was zunächst gönnerhaft klingt, stellt sich dann als Suche nach Gemeinschaft heraus. Der Mann wohnt allein und richtet das Essen als Feier anlässlich seines Geburts- und Namenstags aus. „Er freut sich, dass er bei uns eine Familie hat“, sagt Fikus. Und: „Wir merken, dass wir mit unserem Charisma viele Menschen erreichen, die sich nach Hoffnung sehnen. Sie sagen, dass wir etwas leben, das sie benötigen – und das ist die Hoffnung. Eine Sehnsucht, ein Durst nach mehr.“

Gitta schneidet das Geschenk in Form einer Pizza zurecht. Foto: Schulte

Gitta schneidet das Geschenk in Form einer Pizza zurecht. Foto: Schulte

Nach dem Gebet am Morgen übernehmen die Bewohnerinnen der Fazenda verschiedene Dienste. Die einen kochen das Mittagessen, die anderen putzen, wieder andere arbeiten. Heute werden Stoffsterne gebastelt. In 15 Minuten faltet Maria Camila aus Kolumbien vier Leinenbänder zu einem Stern zusammen. „Es ist eine Übung für die Geduld“, sagt die 24-jährige Freiwillige. Mitten in ihrem Master-Studium im Bereich Recht in Kolumbien lebt sie nun auf der Fazenda in Sundern-Hellefeld im Erzbistum Paderborn. Sie habe das Gefühl gehabt, diese Pause nun zu benötigen. „Um eine Erfahrung mit Gott, mit den anderen und mit meinem Herzen zu machen“, wie sie erklärt.

Die Sterne, die die Frauen im Arbeitszimmer falten, werden im Hofladen der Fazenda verkauft. Der Erlös von zwei Euro pro Stück kommt der Gemeinschaft zugute. Da die Fazenda ihre Kosten durch die eigene Arbeit allein nicht decken kann, ist die Gemeinschaft auf Unterstützer und Spenden angewiesen. Sie leben von der Vorsehung, von dem, was Gott ihnen bereitstellt. Sie bauen Gemüse im eigenen Garten an, bekommen Lebensmittel von der Tafel und müssen manchmal kalt duschen, weil kein Geld für warmes Wasser da ist.

Die Fazenda in Hellefeld. Foto: Schulte

Die Fazenda in Hellefeld. Foto: Schulte

„Hoffnung bedeutet, dass wir unser Leben hier in der Fülle erfahren, aber wissen, dass es hier nicht endet. Es gibt etwas Größeres.“

Michaela Fikus

Um 12 Uhr essen die Bewohnerinnen gemeinsam Mittag: Linsensuppe, Salat und gekochte Hirse. Nach einer Mittagspause haken sie das Laub auf dem Rasen zusammen und reißen im Garten die Wurzeln der kürzlich geernteten Kartoffeln heraus. Das Leben in Einfachheit nach der Vorsehung ist die zweite Wurzel des Zusammenlebens auf der Fazenda, erklärt Michaela Fikus. Die Gemeinschaft orientiert sich an dem Vorbild des Heiligen Franziskus. Das Motto lautet: Die Schönheit des Lebens im Simplen erkennen. Darin steckt die Erkenntnis, dass die Freude und das Wohlbefinden im Inneren des Menschen nicht vom Besitz abhängen. Michaela Fikus sagt: „Wenn es bei uns zwei Wochen lang keinen Käse auf dem Tisch gibt, beeinflusst das nicht, ob es mir besser oder schlechter geht. Genauso wenig, ob ich Markenklamotten trage oder nicht, weil ich die Schönheit im Leben in etwas anderem entdecke.“

Seit der Eröffnung der Fazenda Hellefeld im Jahr 2012 begleitet Michaela Fikus Frauen, die auf der Fazenda neu nach Hoffnung suchen. Was hat sie dabei übers Leben gelernt? „Eins ganz sicher“, sagt sie, „dass Gott für jeden Menschen seine ganz persönliche Liebe bereithält, wenn man sich darauf einlässt. Egal, was passiert ist, was er kann, was er gemacht hat. Gott steht da und bietet sich an.“

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