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19
Juni
2021
19.Juni.2021

“Damit der Glaube wirklich meiner ist, muss ich auch zweifeln können”

Wie geht eigentlich ein katholischer Theologe und Professor mit Zweifeln um? Was bedeuten Zweifel für das Glaubensleben? Das haben wir Prof. Dr. Klaus von Stosch gefragt. Er ist seit 2008 Professor für systematische Theologie an der Uni in Paderborn. Prof. von Stosch gilt als einer der wichtigsten Vertreter der komparativen Theologie in Deutschland und arbeitet seit Jahren intensiv mit islamischen Theologen zusammen. Gemeinsam mit ihnen forscht er am „Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften“, wie Gläubige andere Glaubensüberzeugungen wertschätzen können, ohne die jeweils eigenen aufzugeben.

Redaktion

Zweifeln Sie manchmal an Ihrem Glauben?

Prof. Dr. Klaus von Stosch

Ja, natürlich. Viele, mit denen ich befreundet oder bekannt bin, sind atheistisch, und ihr Leben wirkt auf mich stimmig und überzeugend. Aufklärung und Religionskritik haben die traditionellen Argumente für die Existenz Gottes erschüttert. In einer solchen Situation gehört der Zweifel zum Glauben dazu.

Redaktion

Wie gehen Sie persönlich dann mit diesen Zweifeln um?

Prof. Dr. Klaus von Stosch

Ich gebe ihnen Raum im Nachdenken über den Glauben und versuche ihren Sinn zu verstehen. Es ist ja so, dass erst der Zweifel den Glauben zu einer Freiheitsentscheidung macht. Würde ich nie zweifeln und einfach nur den Glauben meiner Eltern übernehmen, könnte ich mich nicht zum Glauben verhalten. Er wäre nicht meine Wahl, sondern anerzogen und vorgegeben. Damit der Glaube wirklich meiner ist, muss ich auch zweifeln können.

Redaktion

Warum ist es Ihnen so wichtig, dass Glaube als Wahl Ihrer Freiheit verstanden wird?

Prof. Dr. Klaus von Stosch

Freiheit ist die Voraussetzung der Liebe. Mit einer vorgehaltenen Pistole kann ich alles von Ihnen verlangen – auch dass Sie mitten in der Fußgängerzone zu krähen beginnen. Aber ich kann Sie nicht dazu bringen, mich zu lieben. Liebe braucht Freiheit und setzt frei. Und damit öffnet sie – anders als das bloße Verliebt-sein – auch die Tür zum Zweifel.

Redaktion

Warum sind Zweifel so wichtig für das Glaubensleben?

Prof. Dr. Klaus von Stosch

Sie machen mich verwundbar und offen, sie bringen mich in den Dialog mit Gott, sie öffnen mich für Gottes Liebe. Wichtig ist nur, dass ich die Zweifel nicht einfach nur in mich hineinfresse, sondern sie in den Dialog mit Gott einbringe.

Redaktion

Wie geht das? Kennen Sie bzw. gibt es ein Gebet, in das Sie Ihre Zweifel mitnehmen?

Prof. Dr. Klaus von Stosch

Ich bete täglich die Laudes und damit die unterschiedlichsten Psalmen. Viele dieser Psalmen geben auch den Zweifeln Raum. Selbst Jesus zeigt ja am Kreuz seine Zweifel, in dem er mit dem Psalm 22 ruft: „Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Das ermutigt mich, ehrlich zu sein und auch meine Schwächen, Zweifel und Unsicherheiten anzusehen und ins Gebet zu nehmen.

Redaktion

Wie sähe Glaube eigentlich ohne Zweifel aus?

Prof. Dr. Klaus von Stosch

Glaube ohne Zweifel wäre wenig menschlich und lebensfern. Und tatsächlich bringt der Zweifel mich zum Nachdenken und öffnet mich für Menschen, die nicht glauben oder auch anders glauben als ich.

Redaktion

Was würden Sie Ihren Bekannten empfehlen, wenn sie mit Glaubenszweifeln hadern?

Prof. Dr. Klaus von Stosch

Ich würde sie einerseits rational bearbeiten, indem ich schaue, mit welchen theologischen Argumenten ich auf sie reagieren kann. Es gibt sehr einfach geschriebene theologische Bücher und Vorträge, die helfen, manche Zweifel zu überwinden oder zumindest durch sie geleitet tiefer in den Glauben zu kommen. Andererseits ermutige ich dazu, den Zweifeln Raum im Gebet zu geben und sie Gott vorzutragen.

Redaktion

Manche Menschen zweifeln stark an ihrem Glauben, an ihrer Gottes-Beziehung. Sie zweifeln am Wirken Jesu in dieser Welt. Wie müsste die Kirche darauf reagieren?

Prof. Dr. Klaus von Stosch

Wie gesagt zweifelt Jesus am Kreuz selbst an Gott und seiner Sendung. Am Vorabend seiner Hinrichtung will er weglaufen. Wir dürfen deshalb vertrauen, dass Gott in der Gestalt Jesu bei uns ist, wenn wir zweifeln. Er ist auch dann da, wenn wir an seinem Wirken zweifeln. Der Glaube hängt nicht von uns ab – sonst wären wir verloren. Von daher ist es wichtig, Menschen auch als Zweifelnde und Verzweifelnde in der Kirche willkommen zu heißen und sie auch dann zu stützen, wenn sie der Kirche den Rücken drehen.

Redaktion

Manchmal führen diese Zweifel zum Kirchenaustritt, wenn da keine Beziehung mehr ist. Ist das konsequent?

Prof. Dr. Klaus von Stosch

Der Gott Jesu Christi wendet sich mir in seiner Menschenfreundlichkeit auch dann  zu, wenn ich selbst nicht sicher bin, ob das stimmt. Gott ist nicht weg, nur weil ich ihn nicht mehr wahrnehme. Mein Glaube gründet nicht auf meiner Kraft, sondern auf Gottes Kraft. Wer wenigstens in einem kleinen Winkel seines Herzens noch die verwegene Hoffnung hat, dass da eine Kraft ist, die den von mir geliebten Menschen im Tod zu retten vermag, sollte auf keinen Fall aus der Kirche austreten. Die Kultivierung von Ritualen oder der Kontakt zu Glaubenden stärkt, wenn ich selbst nicht mehr zu glauben vermag und gibt der Hoffnung auf Leben Nahrung.

Redaktion

Wie nehmen Sie die vielen Kirchenaustritte wahr? Als eine Krise des Glaubens oder als eine Krise der Kirche?

Prof. Dr. Klaus von Stosch

Die Kirchenaustritte sind deshalb so stark gestiegen, weil die Kirche nicht mehr als glaubwürdig wahrgenommen wird. Sie sind erst einmal Ausdruck einer Krise der Kirche. Eine Glaubenskrise haben wir schon lange und doch waren viele Menschen bereit, weiter mit der Kirche verbunden zu sein. Diese Bereitschaft wird erst wiederkehren, wenn die Kirche sich grundlegend erneuert hat. Ich hoffe sehr, dass der Synodale Weg eine solche Erneuerung unserer Kirche möglich macht.

Redaktion

Vielen Dank für das Gespräch!

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Ein Beitrag von:

Dirk Lankowski
Redaktionsleiter