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10
Juni
2020
10.Juni.2020

„Christus will uns immer wieder neu sammeln und senden“

Ein Glaubensgespräch zu Fronleichnam mit Pastor Stefan Tausch vom Katholischen Forum in Dortmund

Das Wort „Fronleichnam“ stammt aus dem Mittelhochdeutschen und setzt sich aus „vron“ (Herr) und „licham“ (lebendiger Leib) zusammen. Mit der “Leiche Jesu” hat das Fest, das am zweiten Donnerstag nach Pfingsten gefeiert wird, also nichts zu tun. Die Kirche erinnert sich an diesem Tag an die Einsetzung der Eucharistie, die leibliche Gegenwart Jesu in Form von Brot und Wein. Seit dem 13. Jahrhundert gibt es in Deutschland Fronleichnamsprozessionen.

Mit Pastor Stefan Tausch vom Team des Katholischen Forums in Dortmund sprachen wir über das Fest Fronleichnam, Traditionen und die Frage nach Gott in der Großstadt.

Redaktion

Ein Gedanke des Fronleichnamsfestes ist es, den „Leib des Herrn“ in Form der gewandelten Hostie nicht nur in der Kirche zu würdigen, sondern nach draußen zu tragen. Was aber kann uns ein Fest heute sagen, dessen Namen viele nicht mehr richtig verstehen?

Stefan Tausch

Ein wichtiges Stichwort ist für mich hier „nach draußen tragen“. Fronleichnam ist nicht eine ins Freie verlegte fromme Andacht, sondern der Anspruch unseres Glaubens auf Öffentlichkeit und Gestaltung der Welt. Das Christentum ist eine Weg-Religion. Es ist das Volk Gottes unterwegs. Und Christus selbst spricht: „Ich bin der Weg.“

Redaktion

Die Bezeichnung und die Bedeutung des Festes erschließen sich aber nicht sofort.

Stefan Tausch

Die kirchliche Sprache ist ja ohnehin ein Dauerbrenner und führt immer wieder neu zu Diskussionen. Ich erinnere an das aktuelle Buch „Phrase unser – die blutleere Sprache der Kirche“ von Jan Feddersen und Philipp Gessler. Sehr viele andere Feste sind auch für viele Christinnen und Christen längst unverständlich. Aber Unverständnis und Ringen gehören zum Glauben von Anfang an dazu. Und gleichzeitig gibt es eine Sprache, die über Worte hinausreicht. Im Zusammenhang mit Fronleichnam denke ich da an den alten Hymnus „Gottheit tief verborgen” – von Thomas von Aquin 1263/64 geschrieben. Bereits hier kommt der Spagat zwischen „Sprache und Erkennen“ zum Ausdruck: „Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir. … Kann ich nicht wie Thomas schaun die Wunden rot, bet ich dennoch gläubig. …“

Redaktion

Das Erzbistum Paderborn empfiehlt aufgrund der aktuellen Situation den Verzicht auf Prozessionen am Fronleichnamsfest. Welche Bedeutung hat das, wenn die Prozessionen in diesem Jahr ausfallen?

Stefan Tausch

Das kann ich nicht so genau beurteilen. Ich stamme aus dem Sauerlanddorf Züschen und kenne von daher Fronleichnam von Kindesbeinen an: traditionelle Kirchenlieder, viele Messdiener mit Kerzen, Weihrauch und Fahnen, Blasmusik, Birkenbüsche und Fähnchen am Straßenrand, Freiluftaltäre mit üppigem Blumenschmuck und natürlich den ‚Himmel auf Erden‘. Aber die frühere Eucharistiefrömmigkeit aus der volkskirchlichen Zeit gibt es ja so klassisch nicht einmal mehr auf dem Land. Zumindest empfinde ich es so. Schon damals wurden wir bisweilen von schaulustigen Touristen am Straßenrand für irgendwie exotisch gehalten und fotografiert. Übrigens eine gute Parallele zu Kirchenbank und Rikscha!

Pastor Stefan Tausch mit Kelch und dem Meditationsbild des hl. Nikolaus von Flüe im Kreuzgang der Propsteikirche Dortmund. Foto: Michael Bodin / Erzbistum Paderborn

Pastor Stefan Tausch mit Kelch und dem Meditationsbild des hl. Nikolaus von Flüe im Kreuzgang der Propsteikirche Dortmund. Foto: Michael Bodin / Erzbistum Paderborn

Pastor Stefan Tausch mit Kelch und dem Meditationsbild des hl. Nikolaus von Flüe im Kreuzgang der Propsteikirche Dortmund. Foto: Michael Bodin / Erzbistum Paderborn

Redaktion

… mit denen das Katholische Forum in Dortmund Menschen in der Fußgängerzone zur Begegnung einlädt – nicht an Fronleichnam, aber an Werktagen.

Stefan Tausch

Ich möchte nur sagen, dass es auch alternative Optionen gibt, wenn ich die Gebote der Gottes- und Nächstenliebe für zwei Seiten ein- und derselben Medaille halte. Sehr gut erinnere ich mich an eine vor Jahrzehnten durchgeführte Aktion der Katholischen jungen Gemeinde (KJG) in einer sauerländischen Kirchengemeinde. Die Jugendlichen konnten damals mit der Fronleichnamsprozession nur sehr wenig bzw. gar nichts anfangen und entschieden sich für eine Alternative. Ehrenamtlich engagierten sie sich am Fronleichnamstag im gemeindeeigenen Krankenhaus auf den Stationen und besuchten dort Patientinnen und Patienten. Ohne liturgischen Rahmen und ohne öffentliche Bühne praktizierten die KJG-ler außerhalb der Kirchenmauern draußen in der Welt das Gebot der Nächstenliebe.

Redaktion

Dazu passt der aktuelle Leitsatz des Katholischen Forums in Dortmund: „Steht auf und geht in die Stadt; dort wird euch gesagt werden, was ihr tun sollt!” (vgl. Apg 9,6). – Auf die Straße gehen und den Glauben anbieten. Hat das schon etwas mit Fronleichnam zu tun?

Stefan Tausch

Ja, auf jeden Fall! Heinz Josef Algermissen, emeritierter Bischof von Fulda, sagte einmal: „Was können wir von Bonifatius, dem kraftvollen Glaubensboten, lernen? Gott braucht – und die Menschen in unserem Land brauchen: Zeugen, Zellen, Zeichen. Auf solche Zeugen, ob Pfarrer, Religionslehrer, Eltern, überzeugte und überzeugende Christen, baut unsere Tradition auf. Das Zeugnis jedes Einzelnen führt dazu, dass in unserer gottvergessenen Zeit Menschen nach Christus fragen. Sie können dann wie der heilige Bonifatius Antwort geben, Antwort sein und überlieferte Werte mit Leben füllen. Es braucht Zellen als Orte intensiven Glaubenslebens, welche die Gottesbegegnung, die Frage nach Gott und dem Sinn des Lebens immer wieder in die Mitte ihres Alltags hineinholen.“

Redaktion

Was heißt das konkret?

Stefan Tausch

Für unsere Arbeit im Katholischen Forum heißt das: „Gott einen Ort sichern“. In Anlehnung an das Wort der französischen Mystikerin Madeleine Delbrêl möchte das Katholische Forum „den Glauben anbieten“. Wie einst Paulus mitten in Athen (siehe Apg 17,16-34), so wollen auch wir heute versuchen, inmitten der säkularisierten Stadt Menschen „en passant“ mit ihren heutigen Sehnsüchten und Bedürfnissen auf die Spur zu kommen. Mit oder auch ohne Worte wollen wir, anknüpfend an das biblische Bild vom Sauerteig, unseren Glauben bezeugen und so in Dortmund Glaubenswachstum ermöglichen.

Redaktion

Gibt es dann eine Brücke von Fronleichnam zu Straßenexerzitien?

Stefan Tausch

Das Katholische Forum lädt ein zu Musikexerzitien, die Straßenexerzitien ähnlich und zugleich doch ein wenig anders akzentuiert sind. Im Wechsel von gemeinsamen Impuls- und Musikzeiten können die Teilnehmenden die Gegenwart Gottes geistlich-musikalisch inspiriert auf je eigene Weise entdecken und erfahren. Dabei setzt das Katholische Forum auf die musikalische Begleitung durch Thomas Quast aus Köln von der Band Ruhama. Die Musikexerzitien waren ursprünglich für Ende April 2020 geplant, sind aber coronabedingt leider verschoben auf einen noch nicht festgelegten Zeitpunkt.

„Gott ist an diesem Ort und ich wusste es nicht.“ (vgl. Gen 28,16b) In Anlehnung an dieses alttestamentliche Schriftwort laden die Musikexerzitien ein, in gemeinsamen Gottesdiensten und auch allein unterwegs in der Stadt Dortmund „Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden“, wie es Ignatius von Loyola ausdrückt.

Redaktion

Wenn aber viele Menschen in Fronleichnam vor allem einen „Brückentag“ für ein langes Wochenende sehen – welche Herausforderungen ergeben sich daraus?

Stefan Tausch

Tatsächlich sehe ich mit Blick auf Fronleichnam mittel- bis langfristig konkrete Herausforderungen auf die Kirche zukommen. Wenn wir Katholikinnen und Katholiken diesen Feiertag mehr und mehr als langes Wochenende sehen und den eigentlichen Inhalt über Bord werfen, wird sich natürlich früher oder später die Frage stellen, ob er als staatlicher Feiertag zu halten ist – zumal er bereits heute nur in „mehrheitlich katholischen Gegenden“ als Feiertag gilt. Natürlich werden dann nicht wenige protestieren. Vielleicht ist das mit ein wenig Phantasie zu vergleichen mit Kirchenschließungen. Wenn die Gläubigen ihre Kirchen nutzen und mit Leben füllen würden, stünden sie wohl nicht wirklich zur Disposition.

Redaktion

Sollten alte Traditionen also vermehrt wiederbelebt werden?

Stefan Tausch

Das riecht für mich persönlich offen gestanden mehr nach Museum als nach lebendigem Glauben mit Strahlkraft. „Vorwärts zu den Wurzeln!“ Das halte ich für zeitgemäß und angesagt: Diesen Titel eines Buches der Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL) in Verbindung mit einem Pauluswort aus dem Römerbrief finde ich stark: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!“ (vgl. Röm 11,18) Dieses Gehalten- und Getragensein hat für mich, ehrlich gesagt, eine größere Tragweite als das angestrengte und anstrengende Aufrechterhalten von überholten oder aussterbenden Traditionen.

Redaktion

Sie haben das mittelalterliche Meditationsbild, das zweimal auch Motiv des Hungertuchs von MISEREOR war, einen Kelch und eine Hostienschale mitgebracht. Warum?

Stefan Tausch

Mein Primizkelch erinnert mich immer wieder neu an das genannte Römerbriefzitat: „Die Wurzel trägt dich!“ Im Meditationsbild des hl. Nikolaus von Flüe kommt sehr gut zum Ausdruck, Christus selbst ist die Mitte, der Dreh- und Angelpunkt schlechthin. Die sechs goldgelben Strahlen sind als Bild auch auf der Unterseite dieses Kelches. Christus selbst will uns immer wieder neu sammeln und senden. Drei Strahlen zeigen nach innen und drei nach außen, jeweils von Christus aus- bzw. auf ihn zugehend. Sechs Medaillons zeigen konkrete Lebenssituationen: hungrig sein, durstig, krank, obdachlos, gefangen, nackt (vgl. Mt 25). Auf Christus sollen wir hören, seine Worte verkünden und bezeugen und mit seinen Augen die Welt betrachten und gestalten – allerdings nicht selbstherrlich und um uns selbst kreisend. Deshalb weisen drei Strahlen nach außen. Darum immer wieder neu: Sammlung und Sendung, Aktion und Kontemplation, Gottes- und Nächstenliebe.

Redaktion

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Ein Beitrag von:

Michael Bodin
Autor
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