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22
Juni
2021
22.Juni.2021

Austrittswillige oft in Sorge um “ihre Kirche”

Beschwerdemanagement und Labor E neben örtlicher Pfarrei erste Anlaufstelle

Rund  250.000 Christen erklärten 2019 ihren Austritt jeweils aus der katholischen oder der evangelischen Kirche. Die Tendenz scheint weiter zuzunehmen. Austrittswillige geben unterschiedliche Gründe an. Zweifel an Gott, dem Glauben oder der Amtskirche können dazu führen, die Zugehörigkeit zur Kirche in Frage zu stellen. Aktuelle Ereignisse wie der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, die Diskussionen um Kardinal Woelki im Erzbistum Köln oder Erlebnisse in der eigenen Kirchengemeinde vor Ort verstärken den Wunsch, der Kirche den Rücken zu kehren.

Nadine Küpke und Andrea Keinath suchen das Gespräch mit Austrittswilligen, um deren Gründe zu erfahren. (Foto: Ronald Pfaff)
Nadine Küpke und Andrea Keinath suchen das Gespräch mit Austrittswilligen, um deren Gründe zu erfahren. (Foto: Ronald Pfaff)

Aktuelle Ereignisse bringen Fass zum Überlauf

„Jetzt reicht es mir, jetzt denke ich darüber nach auszutreten – so beginnen die Anrufe oder Schreiben, wenn für die Frauen und Männer das Fass übergelaufen ist“, berichtet Nadine Küpke. „Meist passiert dies im Zusammenhang mit aktuellen Ereignissen oder Schlagzeilen in den Medien.“ Küpke ist mit ihrem Team des Beschwerde- und Konfliktmanagement neben den örtlichen Pfarreien oft die erste Anlaufstelle für Austrittswillige.

Und dann? „Nein, wir wollen dann nicht bekehren oder den Entschluss wieder umkehren. Wichtig ist es uns, dass wir die Gründe erfahren und die Menschen erleben, dass sie angehört und ernstgenommen werden. Wir nehmen die genannten Gründe auf, leiten daraus intern Empfehlungen ab und versuchen, Verbesserungen zu schaffen, soweit es in unserer Macht steht“, sagte Nadine Küpke.

Ein ehrliches Gespräch anbieten

Wenn dann weiterer Gesprächsbedarf besteht, übernimmt Andrea Keinath mit ihrem Kollegen Christopher Dietrich vom „Labor E“ – das Team steht für Evangelisierung, Entwicklung und Ermutigung. Sie weiß: Wenn die Leute erstmal erleben, dass sie umgehend eine Antwort bekommen, kann manchmal ein gutes Gespräch über die persönlichen Motive anschließen. „Die Menschen sind oft überrascht, dass sie überhaupt eine Antwort erhalten. Wenn dann die Qualität der Reaktion stimmt und sie ein ernsthaftes Interesse spüren, dann ist die Basis gelegt für einen persönlichen Austausch über Gründe zu gehen und Gründe, trotz allem zu bleiben.“

„Wir wollen die Menschen verstehen“

Das persönliche Gespräch ist aber nur ein Angebot. Die Beschwerdestelle schlägt es vor und erst nach Zustimmung der Austrittswilligen stellt sie die Verbindung her. „Denn wir wollen zuallererst verstehen, was die Menschen zu diesem Schritt bewegt“, fügt Nadine Küpke ausdrücklich hinzu. Die Reaktionen auf das Angebot seien unterschiedlich, ergänzt Andrea Keinath: Sie reichen von Ablehnung über ein erst später stattfindendes Gespräch bis zur schnellen positiven Rückmeldung.

Was Andrea Keinath ganz besonders bewegt: „Hinter vielen Beschwerden und dem Gedanken an Austritt steht auch eine ernste Sorge um die Kirche. Oft gibt es eine Herzensbindung an den Glauben aufgrund positiver Erfahrungen. Dann werden die Menschen durch Enttäuschung oder Empörung aufgrund aktueller Ereignisse in einen Konflikt getrieben: das, was sie wegtreibt, hat sich angehäuft und wird stärker als das, was sie an die Kirche bindet.“

Männer engagiert bei der Frauenfrage

Die Zahl der Austrittswilligen, die sich gemeldet haben, war fast doppelt so hoch wie im Vorjahr. Das könne, so Küpke, aber auch daran gelegen haben, dass die „Beschwerdestelle“ jetzt bekannter und somit präsenter sei. Wichtig sei, dass die Menschen merkten, dass es nicht um Rechthaben gehe und sie auch keine 08/15-Antworten erhielten. Wer meldet sich? „Hauptsächlich Erwachsene ab 40 Jahren aufwärts. Interessanterweise eher Männer, die sich aber auch sehr engagiert mit der Frauenfrage in der katholischen Kirche auseinandersetzen.“

Hoffnung auf einen Wandel

Für Andrea Keinath ist wichtig: die Kommunikation der Kirche zu diesem Thema sollte offen und ehrlich sein sowie verständnisvoll gegenüber denen, die gerade an ihrer Kirche (ver)zweifeln. Und die manchmal fragen, ob es Hoffnung auf einen Wandel gibt. „Wenn Gesprächspartner danach fragen, dann erzähle ich auch vom Entwicklungsprozess in unserem Bistum und von innovativen Wegen.“ Für sie ist der persönliche Kontakt entscheidend: „Durch uns bekommt die Kirche für die Austrittswilligen ein Gesicht. Man redet ehrlich miteinander, kann Gemeinsamkeiten entdecken, aber auch unterschiedlicher Meinung sein. Auch wenn Gläubige nach diesem Kontakt austreten, haben sie hoffentlich erlebt, dass sie der Kirche nicht egal sind – und dass die Tür immer offen steht.“

Ein Beitrag von:

Ronald Pfaff
Redakteur