„Der Kontakt mit den Kindern ist meine Welt gewesen“

Schulleiter Michael Stratmann wird heute in den Ruhestand verabschiedet

Letzter Schultag: Michael Stratmann wird heute als Leiter der Marienschule, der vom Erzbistum Paderborn getragenen Realschule in Brilon, verabschiedet.KupitzBrilon / Paderborn, 9. Juli 2019. Ein Urgestein verlässt die Marienschule in Brilon. Nach 28 Jahren als Schulleiter der vom Erzbistum Paderborn getragenen Realschule wird Michael Stratmann heute verabschiedet. Doch der Abschied von den Kindern und Mitarbeitern fällt schwer.      

Leere Ordner stapeln sich an der Tür zu seinem Büro in der Marienschule in Brilon. Ansonsten deutet nicht viel darauf hin, dass Michael Stratmann kurz vor seinem Abschied steht. Die Regale sind voll mit Büchern, Blätter auf dem Schreibtisch ordentlich sortiert. Noch müsse ja der rationale Teil im Kopf die Oberhand haben, zum Beispiel für die Unterrichtsverteilung des neuen Schuljahres, erklärt Michael Stratmann ruhig: „Ich glaube, ich weiß noch gar nicht, was ich hier alles aufgebe. Die Wehmut kommt wahrscheinlich erst später.“      

Dennoch ist mit jedem Wort zu spüren, wie sehr Michael Stratmann an der Schule und den Menschen hängt. Einen großen Teil davon hat der 64-Jährige seit beinahe drei Jahrzehnten schließlich selbst mit aufgebaut und geprägt. Als die katholische Realschule 1991 von den Schwestern der Christlichen Liebe in die Trägerschaft des Erzbistums Paderborn überging, wurde Stratmann mit nur 36 Jahren deren Schulleiter. Stellvertreter und Hausmeister waren allerdings längere Zeit dienstunfähig oder krank – und Michael Stratmann so auf sich alleine gestellt. „Im Nachhinein kann man sagen: ‚Wenn man ins kalte Wasser geworfen wird, muss man schwimmen lernen‘“, bewertet er heute die Anfangszeit. Die ersten zwei Jahre habe es aber auch Zweifel gegeben, ob seine Entscheidung, die St. Walburga-Realschule in Meschede in Richtung Brilon zu verlassen, richtig gewesen sei. „Umso besser wurde es aber hinterher“, erklärt Stratmann. „Das alles hier ist für mich ein Traumberuf gewesen, ich bin jeden Tag gerne nach Brilon gefahren.“      

Weil Michael Stratmann auf einem Bauernhof in Velmede aufgewachsen ist, wollte er mit fünf Jahren noch Bauer werden. Relativ schnell zeichnete sich ab, dass doch Lehrer der richtige Beruf für ihn sei. Er baute als Jugendlicher die Katholische junge Gemeinde in Velmede mit auf und merkte in der ehrenamtlichen Arbeit als Gruppenleiter, dass Betreuung und Erziehung von Kindern zu ihm passen. Nach dem Abitur in Meschede studierte Michael Stratmann deshalb Mathematik und Katholische Theologie in Paderborn. Sein Referendariat in Geseke zeigte jedoch, dass er ins Sauerland gehört. „Da ich sehr oft auch ‚woll‘ sage, gab es immer einige Lacher im Unterricht. Da habe ich beschlossen, dass ich nur in der ‚Woll-Region‘ einsatzfähig bin“, erzählt Stratmann mit einem Lachen im Gesicht.      

Eintritt in den Ruhestand: „Die Wehmut kommt wahrscheinlich erst später“, sagt Schulleiter Michael Stratmann.KupitzSchulleiter Michael Stratmann sitzt auf einem großen, schwarzen Ledersessel in seinem Büro und erinnert sich gerne an große Ereignisse seiner Zeit an der Marienschule zurück, wie die Schulfahrt 1998 mit dem Sonderzug nach Erfurt, Eisenach und Weimar oder ein gemeinsamer Gottesdienst im Kölner Dom. Doch Highlights erlebt er täglich: „Der Umgang mit den Kindern, die strahlenden Gesichter und jeden Morgen dieses fröhliche: ‚Hallo, Herr Stratmann‘ – das ist Tag für Tag einfach schön gewesen.“ Als Schulleiter musste der Sauerländer natürlich auch viel Arbeit am Schreibtisch erledigen: „Das werde ich nicht vermissen“, sagt er mit einem Augenzwinkern und ergänzt: „Den Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern aber schon. Das ist etwas, das mich geprägt hat, das ist meine Welt gewesen. Wenn ich jetzt daran denke, werde ich schon wehmütig.“      

Für ihn stand das Fordern, aber auch Fördern der Kinder immer im Fokus des Unterrichts. „Die Schüler sollen bei mir natürlich etwas lernen“, sagt Michael Stratmann. „Aber es kommt darauf an, den Unterricht so zu gestalten, dass sie auch an Mathe Spaß finden. Ich möchte nicht, dass die Kinder hier scheitern und sitzenbleiben.“      

Michael Stratmann hat selbst zwei Söhne, die in Aachen und Münster leben. „Vor kurzem bin ich sogar Opa geworden“, erzählt er glücklich. „Vielleicht werde ich mal als Babysitter angefordert oder meine handwerklichen Fähigkeiten sind erwünscht. Das mache ich dann auch gerne.“ Ansonsten müsse er im Ruhestand nun erst einmal lernen, seine Freizeit zu füllen. Klar ist aber: Freunde und Familie werden zeitlich einen größeren Stellenwert besitzen als bisher. „Ich habe seit einigen Monaten ein E-Bike und werde mit meiner Frau zusammen sicher einige Touren unternehmen“, sagt Stratmann. „Und ich bin Wohnwagen-Fahrer. Da gibt es noch viele Ecken in Deutschland und Europa, zu denen ich gerne fahren würde. Ich habe bisher ja eigentlich nie länger als 14 Tage Urlaub gemacht.“ Dazu ist er Waldbesitzer, gibt Führungen in einer Tropfsteinhöhle und ist ehrenamtlich in der Dorfgemeinschaft aktiv. Der Terminkalender ist somit nicht plötzlich völlig leer.  

Michael Stratmann wirkt aufgeräumt, wenn er von seinem Abschied und dem nahenden Ruhestand erzählt. Er habe sich schon früh vorgenommen zu gehen, wenn es noch schön ist. „Ich kann jetzt auch gut loslassen, weil ich mit mir im Reinen bin und glaube, dass ich ordentliche Arbeit gemacht habe.“ Dazu gehört für ihn auch, den Kindern während der Schulzeit gewisse Werte zu vermitteln: „Christliche Schulen muss man daran erkennen, wie Menschen miteinander umgehen. Es muss ein großes Vertrauen und große Wertschätzung geben. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen.“      

Heute, bei seiner Verabschiedung, steht Michael Stratmann im Mittelpunkt. Natürlich wolle er die richtigen Worte finden und sich ordentlich von seinem Kollegium verabschieden. „Ich bin eigentlich nicht so ein Mensch, der sich großartig aufregen lässt und deshalb nicht mehr schläft. Eine gewisse Anspannung ist dann aber schon da“, sagt er. 3.550 Kinder, das weiß Michael Stratmann genau, habe er in seiner Amtszeit an der Schule begrüßen dürfen. Jetzt heißt es: Abschied nehmen. Wer ihm zuhört, der weiß: Michael Stratmann verlässt nicht nur seinen Arbeitsplatz, sondern sein zweites Zuhause.