Herzens- und Lebensbildung

Erzbischof Becker beim Jubiläum „100 Jahre Erzieherinnenausbildung“ des Berufskollegs Marienschule Lippstadt

100 Jahre Erzieherinnenausbildung am Berufskolleg Marienschule LippstadtLippstadt / Paderborn, 14. Juni 2019. „Kinder muss man zur Freiheit erziehen! Christliche Bildung hat immer auch mit Emanzipation und ‚Freilassen‘ zu tun.“ Das sagte Erzbischof Hans-Josef Becker im feierlichen Gottesdienst, den er zum Jubiläum „100 Jahre Erzieherinnenausbildung am Berufskolleg Marienschule“ in Lippstadt feierte. In seiner Predigt betonte der Paderborner Oberhirte gegenüber der im Forum zum Gottesdienst und zu einem Festakt versammelten Schulgemeinschaft, dass Kinder nicht zu „braven Muttersöhnchen“ oder zu „ewigen Schülern“ zu erziehen seien, vielmehr zu freien und mündigen Kindern. „Die Kraft zur Loslösung stammt aus dem Grund, den Jesus seinen ‚Vater im Himmel‘ nannte. Er allein macht uns frei. Er allein führt uns hinaus ins Weite und Offene. Und diese Weite und Offenheit wünsche ich Ihnen und uns allen!“      

Jesus sei ein guter Pädagoge, erläuterte Erzbischof Becker. Er schare Schüler um sich, werbe um Zustimmung, diskutiere mit Menschen, die anderer Meinung seinen, wolle Menschen überzeugen, zum Verstehen ermutigen. Als Bildungsreligion habe das Christentum von Anfang an auf Bildung und Aufklärung gesetzt, führte der Paderborner Erzbischof weiter aus. „Wenn Jesus ein wissbegieriger und intelligenter Schüler war, von dem seine Lehrer und Erzieher noch etwas lernen konnten, dann haben Engstirnigkeit und Fundamentalismus keinen Platz im Christentum.“  

Dabei gehe es im Christentum nicht einfach um die Aneignung von bestimmten Fertigkeiten oder um gelehrte Sachverhalte. An christlichen Schulen und in christlichen Kindertageseinrichtungen müsse es immer einen „Mehrwert“ geben, müsse es letzten Endes um Herzens- und Lebensbildung der Kinder gehen. „Behalten Sie auch als angehende Pädagoginnen und Pädagogen ein aufrichtiges Interesse an Ihren Kindern und an der Bildung ihrer Herzen! Versuchen Sie, Ihre Kinder wirklich kennenzulernen“, appellierte Erzbischof Becker. Auch Jesus habe niemals jemanden aufgegeben, er sei unbekümmert auf jede und jeden zugegangen, für Jesus habe es keine Bevorzugung bestimmter „Lieblingskinder“, keine kleinen „Prinzen“ oder „Prinzessinnen“ gegeben, ebenso wenig wie „Loser-Typen“ und „Totalversager“.  

Erzbischof Becker rief abschließend dazu auf: „Niemals dürfen wir Kinder ‚klein‘ machen und in Schubladen stecken. Niemals dürfen uns Menschen gleichgültig sein. Seien Sie nicht zu vorschnell in Ihrer Einschätzung! Jedes Kind – und ich betone: jedes Kind! – geht seinen eigenen Weg, jedes hat seine eigene Spiritualität, seine ganz besondere religiöse Wissbegierde, Kreativität und Fantasie. Fördern Sie diese Spiritualität nach Kräften!“ Es gehe um mehr als um abfragbares Wissen, um mehr als die so oft beschworene Digitalisierung des Klassenzimmers oder der Kindertagesstätte. All dies sei wichtig, aber nicht alles, konkretisierte Erzbischof Becker. Es komme auch auf die eigene Prioritätensetzung der Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer an, denn: „Nichts kommt in den Herzen und Köpfen der Kinder an, was nicht zuvor auch in den Herzen und Köpfen der Erziehenden, also in Ihnen, war.“  

Die Schulgemeinschaft der Marienschule in Lippstadt verdeutlichte: Das Jubiläum „100 Jahre Erzieherausbildung am Berufskolleg Marienschule“ führe zurück zu Pauline von Mallinckrodt, der Gründerin der Kongregation der Schwestern der Christlichen Liebe. Ihre Ziele und ihre Art, mit Menschen umzugehen, seien für die Schulgemeinschaft, heute noch prägend. „Pauline von Mallinckrodt war von der Lern- und Bildungsfähigkeit eines jeden Menschen fest überzeugt. Ihr Verständnis von Bildung ist untrennbar verbunden mit dem Begriff Wertschätzung: Die von ihr gelebte Wertschätzung wurzelte in ihrem Glauben an die Wertschätzung Gottes für jeden Menschen. So ist auch für uns heute diese Wertschätzung wichtig für die Gestaltung und das Miteinander in unserer Schulgemeinschaft. Wir erfahren Wertschätzung und versuchen diese zu leben.“