Nicht missionieren, sondern in schwierigen Lebensfragen begleiten

Erfahrungsberichte aus der Militärseelsorge von Pfarrer Jörg Plümper, Pfarrer Rainer Stahlhacke und Monsignore Rainer Schnettker

Die Flagge der katholischen Militärseelsorge - hier im Einsatzgebiet von Afghanistan.kna Paderborn, 14. Juni 2019. Wenn am 15. Juni 2019 der fünfte „Tag der Bundeswehr“ über die Bühne gehen wird, dann sind bundesweit 14 Standorte beteiligt. Eine der größten Bundeswehr-Kasernen Deutschlands - die Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne - im nordrhein-westfälischen Augustdorf, Standort der Panzerbrigade 21 Lipperland, ist mit dem Motto „Willkommen Neugier“ beteiligt. Pfarrer Jörg Plümper aus dem Erzbistum Paderborn war bis April 2019 Militärseelsorger für die Soldatinnen und Soldaten an dieser Kaserne.

Was ist Militärseelsorge? Welche Aufgaben und Herausforderungen warten auf Militärpfarrer in Kasernen und auch Einsatzgebieten? Jörg Plümper, Rainer Stahlhacke und Monsignore Rainer Schnettker geben Einblicke aus ihren Einsatzbereichen als aktueller Militärseelsorger und ehemaliger Militärseelsorger sowie als Leitender Militärdekan.

Interview mit Militärpfarrer Jörg Plümper

Jörg Plümper - seit dem 1. April 2019 Militärpfarrer in Bad Reichenhall, geboren 1974 in Menden und aufgewachsen in Fröndenberg, nach dem Abitur den erweiterten Wehrdienst beim LogBtl 7 in Unna geleistet.

Das Theologiestudium absolvierte Plümper in Freiburg/Brsg und Paderborn und schloss es 2001 mit dem Diplom ab. Am 7. Juni 2003 wurde er in Paderborn zum Priester geweiht. Seit November 2012 wurde er von Erzbischof Hans-Josef Becker für den Dienst in der Militärseelsorge freigestellt. Die letzten sechs Jahre war Plümper zuständig für das Militärpfarramt Augustdorf mit den Standorten Augustdorf, Höxter und Brakel-Auenhausen.

Sehr geehrter Pfarrer Plümper, Sie sind vor wenigen Monaten als Militärseelsorger von der Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne in Augustdorf zu den Gebirgsjägern nach Bad Reichenhall gewechselt. Fühlen Sie sich schon wohl im neuen Umfeld?

Jörg Plümper - hier mit Monsignore Andreas Kurte, Leiter der Zentralabteilung Pastorales Personal im Erzbischöflichen Generalvikariat - vor der Verabschiedung zu einem Auslandseinsatz 2015.pdp Jörg Plümper: Direkt nach meinem dritten Auslandseinsatz zur Begleitung der deutschen Soldaten in Afghanistan bin ich nach Oberbayern versetzt worden. Die Aufnahme und das Einleben am neuen Standort und in der Region ist mir sehr leicht gefallen. Zum einen habe ich noch Kontakte zu meinen Kameraden, die ich von meinem zweiten Einsatz im Irak her von den Gebirgsjägern kenne; zum anderen ist es eine wunderbare Sache in einer Region arbeiten zu dürfen, die den Meisten als Urlaubsgegend bekannt ist. Die Aufnahme bei den Soldaten und bei den Gemeinden in Bad Reichenhall war sehr herzlich. Das Miteinander von Bundeswehr und Bevölkerung ist an diesem Standort ein sehr angenehmes und anerkanntes Mittun, welches sich in der gegenseitigen Wertschätzung und bei den Einladungen gut wiederspiegelt.

Gibt es unterschiedlichen Anforderungen für Sie zwischen Soldatinnen und Soldaten einer Panzerbrigade und einer Gebirgsjägerbrigade?

Plümper: Auf den ersten Blick mag es schon Unterschiede zwischen einer Panzerbrigade mit schwerem Gerät und der Gebirgsjägerbrigade geben, bei denen sich die Kameraden im unwirklichsten Gelände und in Extremsituationen - was Gelände und Natur betrifft - bewähren. Doch der „Mensch in der Uniform“ hat jeweils die ähnlichen Grundbedürfnisse, was sein soziales und religiöses Leben betrifft. Es kommt als Seelsorger darauf an, Anteil an diesem dienstlichen und auch privaten Leben zu zeigen und zu leben.

Können Sie Ihre Arbeit zwischen alltäglichem Kasernenleben und Begleitung in Krisengebieten beschreiben?

Plümper: Gerade dort zeigt sich auch die Notwendigkeit, bei den Kameraden dazwischen zu sein, sie zu begleiten und Interesse an ihrem Leben und den Herausforderungen ihres Alltags zu zeigen. Sowohl bei ihrem Dienst im Inland, als gerade auch unter den besonderen Umständen eines Auslandseinsatzes. Dort kommt es noch mehr darauf an, dass eine gewisse Basis und ein Fundament gegeben sind, um einen guten Dienst zu leisten. Die Militärseelsorge, welche sich in den Einsätzen immer zwischen katholischer und evangelischer Begleitung abwechselt, bietet dies mit ihren Gottesdiensten und ihrer Präsenz im Einsatz.

 

„Der Militärseelsorger ist aufgrund seiner Stellung - ohne Dienstgrad und Befehlsgewalt - ein guter Ansprechpartner und Kontaktpunkt.”

 

Eine sogenannte „Auszeit“ im Einsatz zu haben, mal Zeit und Raum zu finden, um die Entfernung zur Heimat, zu Familie und Freunden zu überbrücken und dabei sich selbst nicht zu verlieren ist wichtig. Der Militärseelsorger ist aufgrund seiner Stellung - ohne Dienstgrad und Befehlsgewalt - ein guter Ansprechpartner und Kontaktpunkt, um sich einmal - ohne auf Struktur achten zu müssen - um sich selbst kümmern zu können.

Werden Sie als Militärpfarrer bei Soldatinnen und Soldaten akzeptiert? Wie wird das Seelsorge-Angebot angenommen?

Plümper: Die Angebote der Militärseelsorge werden gut und gerne angenommen. Ob das Werkwochen mit den Soldaten der Panzerbrigade als Segeltörn waren, oder auch Familienwochenenden auf einer Almhütte sind. Die Möglichkeiten, die sich an solch ungewöhnlichen Orten ergeben, sind, sich – nicht nur neben dem Dienst über Dienstgradgruppen hinweg, sondern auch mit den  Angehörigen zusammen - Zeit zu nehmen, um im wahrsten Sinn des Wortes „über Gott und die Welt“ nachzudenken und sich auszutauschen.

Militärseelsorge ist Seelsorge, die dorthin geht, wo sie - von Soldatinnen und Soldaten -gebraucht wird. Kann die Seelsorge allgemein davon lernen?

Plümper: Die Militärseelsorge ist zweigeteilt. Zunächst bin ich als katholischer Priester der Seelsorger aller katholischen Soldaten und ihrer Angehörigen zuständig. Dabei unterscheidet sich das Angebot der Seelsorge nicht wesentlich von den Aufgaben in einer normalen Pfarrei.

Doch wie der eigene Titel schon verrät, bin ich auch Seelsorger für jeden militärischen Angehörigen, egal woran, wie und wo der Kamerad glaubt und lebt. Dieses Angebot habe ich im Einsatz als auch im Inland immer wieder als sehr belebend und bereichernd erfahren. Den Kameraden in allen Lebenslagen beizustehen und um ihnen aus meiner Sicht der Dinge und mit meinen christlichen Werten einen Rat, Hinweis oder anderen Blickwinkel zu geben. Das ökumenische Miteinander wird gelebt und bereichert einen in einer besonderen Lage eines Einsatzes viel mehr als sich auf den eigenen Standpunkt zurückzuziehen.

Die Aussage von einem Kameraden in Augustdorf war, dass er mit uns Militärseelsorgern gern den Kontakt suche, da wir für ihn glaubwürdig und überzeugt auftreten würden, aber nicht missionarisch etwas überstülpen wollen, sondern eher im Austausch redebereit seien.

Solch ein Auftreten wünscht sich unser Militärbischof Franz-Josef Overbeck von uns Seelsorgern: dass wir nicht missionieren, sondern begleiten sollen; der Rest würde sich schon ergeben. Dieses ist auch meine eigene Erfahrung: dass sich immer wieder Soldaten dazu entscheiden, zurück zur Kirche zu gehen und auch wieder neue Wege und Sichtweisen zum Glauben zu finden.

 

Interview mit Pfarrer Rainer Stahlhacke

Sehr geehrter Pfarrer Stahlhacke, Sie haben vor acht Jahren die Leitung des Pastoralverbundes Geseke übernommen, nachdem Sie jahrelang als Militärpfarrer im Einsatz waren. Was waren die Gründe, dass Sie zurück in die Pfarrseelsorge gegangen sind?

Rainer Stahlhacke während seiner aktiven Zeit als Militärseelsorger bei Soldatinnen und Soldaten in Kunduz.pdp Rainer Stahlhacke: Zum einen wollte der Erzbischof mich nach zehn Jahren in die Seelsorge unseres Bistums zurückhaben und zum anderen hatte ich für mich beim Eintritt in die Militärseelsorge schon  eine begrenzte Zeit eingeplant, zumal die Zeit in der Militärseelsorge in der Regel auf zwölf Jahre begrenzt ist.

Als Militärseelsorger waren Sie im Harz und in der Lüneburger Heide für Soldatinnen und Soldaten Ansprechpartner. Wie sah ihr „normaler“ Alltag in den Kasernen aus?

Stahlhacke: Der „normale Alltag“ in den Kasernen bestand im Wesentlichen darin, lebenskundlichen Unterricht für die damals noch wehrpflichtigen Rekruten zum Thema Eid und Gelöbnis zu halten, vor allem im Luftwaffenausbildungsregiment in Goslar – mittlerweile ist das Ausbildungsregiment dort geschlossen. In Munster an der Panzertruppenschule kamen dann die verschiedenen Themen zu lebenskundlichem Unterricht für die Unter- und Offiziersanwärter hinzu, Themen wie: Führungsverantwortung, Interkulturelle Kompetenz in der Vorbereitung auf die Einsätze der Bundeswehr in den verschiedenen Krisengebieten, in denen sie durch Parlamentsbeschluss eingesetzt werden.

 

„Es gab aber auch Gespräche mit den Familienangehörigen der Soldaten und Soldatinnen.”

 

Weiterhin habe ich als Seelsorger die Soldaten der Lehrbrigade bei Übungen begleitet und Gottesdienste gefeiert. Hinzu kamen natürlich die seelsorglichen Gespräche von Soldaten in ihren verschiedenen persönlichen Anliegen und Problemen: in Beziehung, Familie oder durch Fragen zu einem bevorstehenden Einsatz. Es gab aber auch Gespräche mit den Familienangehörigen der Soldaten und Soldatinnen.

Mir waren in besonderer Weise die Familienwochenenden mit Soldatenfamilien sehr wichtig, zu  verschiedenen Themen der Problematik Soldat und Familie, z.B. wie gestalten wir unsere Fernbeziehung, da oft die Familie nicht mehr am Standort des Soldaten lebte und man sich nur am Wochenende traf oder noch seltener bei  oft monatelanger Trennung von der Familie durch Auslandseinsätze.

Sie waren auch vor Ort in Krisengebieten wie Bosnien-Herzegowina und Afghanistan. Welche Emotionen und Erfahrungen haben Sie persönlich und als Seelsorger der Soldatinnen und Soldaten erlebt?

Stahlhacke: Fragen nach der Sinnhaftigkeit der Einsätze: „Pfarrer, warum sind wir eigentlich hier?“, „Jetzt habe ich gerade von meiner Freundin am Telefon erfahren, dass ich Vater werde, jetzt habe ich Angst raus zu fahren auf Patrouille!“, Überbringung von Todesnachrichten, wenn ein naher Angehöriger in der Heimat verstorben war. Ich erinnere mich an Weihnachten 2007 in Kunduz, als wir im Feuerwehrzelt einen Weihnachtsgottesdienst gefeiert haben und ich beim Lied „Stille Nacht“  in den Gesichtern einiger zum Teil muskelbepackter Soldaten Tränen in den Augen entdeckte. Weihnachten ohne Familie, das tat dem einen oder anderen richtig weh. Ich erinnere mich an einen katholischen amerikanischen Offizier in Mazar-e-sharif, der regelmäßig ca. alle zwei Wochen zum Beichtgespräch kam, da er sich immer wieder in der Verantwortung sah, seine Soldaten in sehr gefährliche Missionen zu senden und damit auch Verletzung oder sogar Tötung zu verantworten hatte.

Es gab auch freudige Dinge: jemandem zum Geburtstag zu gratulieren oder ihm eine Flasche Sekt zu überreichen, da ich erfahren hatte, dass er gerade Vater geworden war. Emotinonal war für mich auch meine Verabschiedung nach vier Monaten in Kunduz 2008, als die „Jungs und Mädels“ der Truppe ein Papamobil gebaut hatten, um mich ein letztes Mal durch das Feldlager zu fahren.

Vom ehemaligen Zivildienstleistenden zum Militärpfarrer – ist das ein Widerspruch?

Stahlhacke: Für die Soldaten war das kein Problem. Ich war Seelsorger für sie, gehörte nicht in die „Militärische Hierarchie“, ob Rekrut, Gefreiter, Stabsunteroffizier oder General, alle konnten kommen und ich ihnen mein offenes Ohr anbieten, für sie in der Gewissheit, dass der Pfarrer ja schweigen muss über das, was ich ihm anvertraue. Ich habe den Soldaten, wenn sie mich danach gefragt haben, immer gesagt, dass ich ohne den Zivildienst, den ich in der Heimatgemeinde geleistet habe,  vielleicht gar nicht Priester geworden wäre. Denn ohne die Begegnung mit Jugendseelsorgern, der kirchlichen Jugendarbeit und dem Wahrnehmen der vielfältigen Aufgaben eines Priesters wäre ich nicht auf die Idee gekommen, diese Aufgabe anzugehen.

Was sind die größten Herausforderungen in der Militärseelsorge?

Stahlhacke: Da ich jetzt schon acht Jahre aus der Militärseelsorge ausgeschieden bin, ist das für mich schwierig zu beurteilen. Ich denke aber, dass sich durch den Wegfall der Wehrpflicht neue Aufgabenfelder für die Militärseelsorge auftun.

 

Interview mit Militärdekan Monsignore Rainer Schnettker

Sehr geehrter Monsignore Rainer Schnettker, welches Aufgabenfeld obliegt Ihnen als Leiter des Katholischen Militärdekanates Köln? Welche Regionen gehören zu Ihrem Zuständigkeitsbereich?

Militärdekan Monsignore Rainer Schnettkerpdp Monsignore Schnettker: Deutschland ist in vier Militärdekanate aufgeteilt. Davon leite ich quasi den westlichen Teil, zu dem auch die Bistümer in Nordrhein-Westfalen gehören. Als Behörde ist das Militärdekanat eine mittlere Ebene, die Kontakt zu den Bistümern hält, Einsätze der Militärseelsorger plant, pastorale Konzepte bündelt und ins Konzept einbindet, Mittler zu den militärischen Entscheidern ist und sich auch um das Wohl der Militärseelsorger bemüht.

Was ist für Sie die wichtigste Aufgabe der Militärseelsorge?

Schnettker: Es ist eine andere Situation als in der Gemeinde. Wir treffen auf ein ganz anderes Klientel. Etwa 25 Prozent der Soldatinnen und Soldaten sind katholisch. Wir betreuen aber auch viele Personen, die ohne Religion sind. Der Personenkreis ist vorwiegend zwischen 18 und 40 Jahre – also ein sehr junges Klientel.

 

„Seelsorge vor Ort findet zum Beispiel im lebenskundlichen Unterricht statt.”

 

Der erste Kontakt in der Pastoral erfolgt oft über zwischenmenschliche Fragen oder über den Alltag – aber nicht über den Gottesdienst. Seelsorge vor Ort findet zum Beispiel im lebenskundlichen Unterricht statt. (Anmerkung der Redaktion: Lebenskundlicher Unterricht soll als Bestandteil der „Inneren Führung" die Soldaten befähigen, ethisch fundiert und verantwortungsbewusst zu handeln.) Zu den Aufgaben gehört aber auch die Sakramentenspendung wie Trauung, Kindtaufe und Erwachsenenfirmung.

Warum haben Sie sich zur Militärseelsorge entschieden?

Schnettker: Schon kurz nach der Priesterweihe bin ich zur Militärseelsorge gekommen. Die Begegnung in der Seelsorge mit Soldatinnen und Soldaten auf dem Truppenübungsplatz, in der Kaserne oder in der Einsatzbegleitung ins Gespräch zu kommen, ist eine ganz andere als in der Gemeinde. Aber zugleich eine Herausforderung und Chance. Zugleich ist es gut, mitten im Arbeitsfeld der Soldaten tätig sein zu können. Zwei Fragen gilt es zu reflektieren: Wie erreiche ich Menschen, die den Weg mit der Kirche sonst nicht gehen? Wie komme ich in Kontakt mit Menschen, die auf der Suche sind? Zur Einsatzbegleitung war ich in den Krisengebieten der Balkanländer Kroatien, Bosnien und Kosovo sowie in Kuwait und Afghanistan.

Monsignore Rainer Schnettker wurde 1962 in Lippstadt geboren, studierte Philosophie und Theologie in Paderborn und Wien. 1989 wurde er in Paderborn zum Priester geweiht. Schon zu Beginn der 1990-er Jahre war er katholischer Standortpfarrer in Höxter und Augustdorf. 1998 erfolgte die Ernennung zum Militärdekan, 2009 zum Leitenden Militärdekan und seit 2013 Leiter des Katholischen Militärdekanates Köln, das für die Bistümer in NRW, Rheinland-Pfalz, Hessen und Saarland zuständig ist. Schnettker ist zudem Subsidar im Pastoralen Raum Delbrück-Hövelhof.

(Die Interviews für die Abteilung Marketing, Kommunikation und Pressestelle des Erzbischöflichen Generalvikariats führte Redakteur Ronald Pfaff)