Bei tiefer Sehnsucht nach Glaubens- und Sinnfragen ansetzen

Interview mit Finanzchef Dirk Wummel

Dirk Wummel Nach der Veröffentlichung der Kirchensteuerprojektion stehen einige Fragen im Raum, die die Mitarbeiter des Erzbischöflichen Generalvikariates beschäftigen. Dirk Wummel gibt Antworten auf einige wichtige dieser Fragen.pdp/Dirk Lankowski Paderborn, 4. Juni 2019. Der Verband der Diözesen Deutschlands hat die Ergebnisse der langfristigen Projektion des Kirchensteueraufkommens in Deutschlands veröffentlicht. Haben Sie die Ergebnisse überrascht?

Dirk Wummel: Um ehrlich zu sein, nein. Die Kirchensteuer-Projektion war keine Überraschung für mich, vielmehr bildet sie einen langfristigen Trend ab, der lange bekannt ist. Die Mitgliedszahlen beider großer Kirchen sind leider rückläufig, daher sinken auch die Einnahmen aus der Kirchensteuer.

Und wie geht es Ihnen persönlich damit?

Jeder Kirchenaustritt tut weh. Das ist ein Verlust, der uns als Glaubensgemeinschaft schmerzt. Der Austritt dokumentiert meist den Weg einer langen Entfremdung, einer gescheiterten Beziehung. Als Verantwortliche in der Kirche müssen wir dafür arbeiten, dass sich etwas ändert. Viele glauben selber nicht mehr dran, dass wir in verschiedenen Bereichen auch wieder wachsen können. Da würde ich mir mehr Optimismus und Veränderungsbereitschaft wünschen. Ich glaube daran, dass wir wachsen können.

Was könnte Ihrer Meinung nach getan werden, um attraktiv zu bleiben? Vor allem die jungen Erwachsenen werden in der Studie als wichtige Zielgruppe genannt.

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, doch meiner Meinung nach sollten wir dort anknüpfen, wo wir den meisten Kontakt zu den Gläubigen haben. Und hier sind für mich zwei Bereiche von ganz besonderer Bedeutung. Das ist zum einen die Zeitspanne während der Vorbereitung auf die Sakramente, vor allem bei der Taufe oder Firmung, und zum anderen im Bereich der Kitas und Schulen.

Wir haben 3.300 Mitarbeitende in den Kitas des Erzbistums, die wiederum mehrere zehntausend Kinder erreichen. Dahinter stehen noch einmal Eltern, Großeltern und Geschwister. Nehmen wir diese Zahl einfach mal sechs, dann landen wir bei einer enormen Summe. Ähnlich sieht es in unseren Schulen aus, wo hinter jedem einzelnen Schüler eine ganze Menge weiterer Menschen stehen, zu denen wir indirekten Kontakt haben. Hier sehe ich eine enorme Chance für die Katholische Kirche, für das Erzbistum Paderborn, Anknüpfungspunkte zu suchen und zu finden. Und da sind wir auch schon auf dem Weg.

Dennoch wird die Kirche im Jahr 2030 und erst recht im Jahr 2060 anders aussehen als heute. Dies wird alle Aspekte von Kirche betreffen, auch die Personalsituation. Wie sicher sind die Jobs der derzeitigen Mitarbeiter?

Selbstverständlich werden wir perspektivisch mit weniger Personal auskommen müssen, doch das Erzbistum Paderborn geht personelle Veränderungen immer sozialverträglich an. Das heißt, geht Jemand in Ruhestand, stellt sich die Frage, ob die Stelle neu besetzt werden muss oder nicht. Lautet die Antwort ‚Nein‘, so werden wir automatisch weniger, doch es gibt ganz sicher keinen radikalen Stellenabbau, es wird keine Kündigungen geben.

Wenn nun ein, sagen wir, 35-jähriger Mitarbeiter des Erzbistums Paderborn vor Ihnen steht und Sie fragt, ob er hier in Rente geht, ob sein Job sicher ist? Was würden Sie ihm antworten?

Zuerst würde ich ihm sagen: „Du musst noch 35 Jahre arbeiten, egal wo und egal was passiert.“ Aber Spaß beiseite. Wenn die Bistumsführung weise agiert, so wie sie es bisher getan hat und alle Fragen systematisch angeht, dann würde ich eindeutig sagen: „Ja, du gehst als Mitarbeiter des Erzbistums Paderborn in Rente.“

Wo ist denn noch Potential zum Sparen?

Was die dennoch notwendigen Einsparungen betreffen, werden diese eher bei den Steinen, also bei Bauvorhaben oder vorhandenen Bauten angegangen, als beim Personal. Steine haben wir genug. Dennoch ist es ganz und gar nicht einfach dies auch in die Tat umzusetzen, denn viele Kirchen und historische Gebäude sind denkmalgeschützt. Daher bedarf es eines ganzheitlichen Immobilienkonzeptes, in dem festgehalten ist, was erhalten werden muss, was erneuert oder was eventuell umgewidmet werden kann. Wir müssen uns Gedanken machen, welche Funktionen wir den Gebäuden konkret zuschreiben können. Und hier sehe ich eine unserer ganz großen Herausforderungen der kommenden Jahre. Das ganze Thema ist auch ein emotionales.

Vor 2.000 Jahren sind Jesus und der Apostel Paulus gereist und haben mit den Menschen gesprochen. Würde Kirche heute in dieser Art auch noch gelingen?

Ich bin davon überzeugt, dass in einem jeden Menschen eine tiefe Sehnsucht nach Glaubens- und Sinnfragen schlummert, die auch nicht vergeht. Da müssen wir ansetzen. Und wenn Jemand einen Ort gefunden hat, an dem er sich angenommen und akzeptiert fühlt, ist er auch bereit dazu alles möglich zu machen, um diesen Ort regelmäßig aufzusuchen. Daher wird es meiner Meinung nach die Institution Kirche immer geben, aus der Glaubensperspektive her habe ich große Hoffnung für unsere Kirche, doch die zukünftige Finanzsituation sehe ich skeptisch.

Gibt es alternative Finanzmodelle, die die Situation ausgleichen können, wenn die Kirchensteuereinnahmen sinken?

Wenn ich wirklich ehrlich sein soll, ich habe kein alternatives Modell parat. Fundraising funktioniert für spezielle, besondere Projekte. Für Dinge, die man sieht, hört oder fühlt, wie zum Beispiel für die neuen Glocken des Paderborner Domes, die er im vergangenen Jahr erhalten hat. Dieser Umstand ist auch etwas, was ich vermehrt aus Gesprächen mit Kirchensteuerzahlern mitnehme. Sie möchten wissen, für was ihre Gelder eingesetzt werden, sie möchten mitbestimmen. Doch das ist leider wie bei jeder anderen Steuer in Deutschland nicht direkt möglich. Wir setzen aber auf eine breite Gremienstruktur, beispielsweise unsere engagierten Kirchenvorstände oder der Kirchensteuerrat, über den Mitbestimmung und Kontrolle funktioniert.