Kunsthandwerk als Lebensaufgabe

Winkelmann-Brüder prägen Kirchen- und Altarräume im Erzbistum – Idylle am Möhnesee als Ort der Insp

Die Brüder Christoph (l.) und Michael Winkelmann in der Ausstellung ihres Ateliers.pdp/Ronald Pfaff Paderborn/Möhnesee, 3. Mai 2019. „In der Kunst muss man sich mit seinen Werken dem Gesamtwerk anpassen. Ähnlich wie ein Dirigent die Freiheit hat, Mozart zu bearbeiten und dem Stück eine eigene Note zu geben, so muss am Ende doch Mozart erkennbar bleiben.“ Die Brüder Michael und Christoph Winkelmann sind  ein Leben lang diesem Motto in ihren Kunsthandwerken treu geblieben. Kirchen- und Altarraumgestaltung - ihre Schwerpunkte - spiegeln sich im umfassenden Katalog ihrer Werke wieder, dessen Titel „Gestaltetes Handwerk und freie Kunst als Lebensaufgabe“ ihr Schaffen auf den Punkt bringt.

Eingebettet in das erste Frühlingsgrün liegt der Möhnesee mit seiner gigantischen Sperrmauer. Ein gern angefahrenes Ausflugsziel zwischen norddeutscher Tiefebene und sauerländischem Mittelgebirge, das Trinkwasserreservoir mit weitläufiger Naturlandschaft und reichem Angebot für Wassersportler vereint. Der Verkehr schlängelt sich im typischen Ausflugstempo durch die malerische Landschaft. Ein Ort, der Inspiration schaffen und Gedanken für künstlerisches Tun beflügeln kann. Ein Kleinod für die Brüder Michael und Christof Winkelmann, die mit ihrer Künstlerwerkstatt nur wenige hundert Meter entfernt ihre Heimat gefunden haben.

Doch auf der Suche nach dem Ortsteil Brüningsen fällt an einem großen Parkplatz erstmal ein drei Tonnen schwerer Anröchter Dolomit ins Auge: Ein Schaffenszeichen der Winkelmänner. Christoph (79), der jüngere Bruder und Bildhauer, erinnert mit diesem Kunstwerk seit 2015 an die Möhnesee-Katastrophe vom Mai 1943. Das Relief zeigt die geborstene Mauer samt der herausströmenden Flut, in der Kreuze für die rund 1500 Menschen stehen, die nach der Bombardierung der Staumauer ihr Leben lassen mussten.

Ein typisches Winkelmann-Werk, das die persönliche Handschrift erkennen lässt. Die besondere Note, die handwerkliches Können voraussetzt, präzise Arbeit erfordert und christlich geprägt ist. Eine Note, die neugierig auf das macht, was sich wenige schmale Straßen weiter kurz vor dem Waldrand an einem ehemaligen Resthof mit ersten Skulpturen im Garten ankündigt. Seit mehr als 50 Jahren leben Michael (Jahrgang 1937) und Christoph Winkelmann in Brüningsen. Eine Idylle in der Natur mit Wohntrakt, kleinem Ausstellungsraum und unterschiedlichen Werkstätten. Wenngleich sie eher der Zufall an den Möhnesee geführt hat, so gibt es doch Parallelen zu ihrer Herkunft.

Groß geworden sind Michael und Christoph auch im „Grünen“ um den Hattinger Vorort Elfringhausen - dem Hügelland am Rande des Ruhrgebiets zwischen Kemnader See und Ruhr. Aufgrund des Naturschutzes seien damals für den Ausbau der Werkstatt Grenzen gesetzt gewesen, erinnert sich Michael Winkelmann, daher habe sein Vater Wilhelm nach einem neuen Grundstück gesucht und sei  schließlich in Brüningsen fündig geworden. Wilhelm Winkelmann hat seinen Söhnen quasi die Gabe des „gestaltenden Handwerks und der angewandten Kunst“ mit in die Wiege gelegt.  Er war selbst Kupferschmied und Bildhauer und gründete 1927 die Werkstatt, die von Bauhaus- und Quickborn-Bewegung geprägt war, und sich mehr und mehr der Kunst in der Kirche widmete.

„Unsere Großeltern lebten in Trier. Dort faszinierte uns von früher Jugend an immer der bedeutende Trierer Dom, den wir bei jeder Möglichkeit bestaunten“, blickt Michael Winkelmann zurück, der damals beschloss, Kunstschmid zu werden. Das Studium in Metallgestaltung, Kirchengoldschmiedekunst sowie Bildhauerei schloss er Anfang der 60-er Jahre in der Werkkunstschule bei den Professoren Karl Schrage und Kurt Schwippert ab. In der Restaurierungswerkstatt von Josef van Heekern (Essen) verfeinerte Michael die Techniken des Treibens von Metallen, die auch Vater Wilhelm schon beherrscht hatte. Nach dem Krieg hat er schon viele Kreuzwege oder Portale aus Metall mit dieser Technik gefertigt.

Christoph Winkelmann ist Bildhauer aus Leidenschaft.pdp / Ronald Pfaff „Ursprünglich wollte ich mal Bauer werden“, sagt Christoph Winkelmann schmunzelnd, doch das künstlerische Talent blieb bei ihm nicht unentdeckt. Er begann eine Ausbildung zum Stahlgraveur in der Werkstatt von Helmut Zick (Velbert) und besuchte die Metallfachschule mit künstlerischer Ausrichtung in Solingen. Mit Holz und Stein kamen alsbald weitere Materialien hinzu. Stahlstempel und Prägewerkzeuge waren stets unabdingbar. „Wer ein Handwerk beherrscht, lernt auch schnell weitere Techniken hinzu“, ist sich Christoph sicher, der das Relief am Möhnesee noch komplett in Handarbeit erstellt hat.

Michael und Christoph Winkelmann führen nicht nur auf eigenständige Weise die Tradition des Vaters und alte Handwerkstradition fort, sondern setzen mit ihrem Schaffen auch besondere Akzente in starker familiärer Zusammengehörigkeit. Die Brüder haben stets gemeinsam gearbeitet - nur in unterschiedlichen Werkstätten, gemeinsam das Atelier am Möhnesee gehalten und Kirchen- und Altarraumgestaltungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zusammen entwickelt. Neues und Historisches zusammenzuführen war und ist bis heute ihr Anspruch. „Unsere Kunst ist ein gestaltendes Handwerk. Ohne Handwerk ist keine Kunst möglich. So lassen sich Werke für die Nachwelt schaffen“, betont Michael Winkelmann, für den es jedoch wichtig ist, den richtigen Spagat zwischen Interpretation und Gesamtwerk zu finden.

Weit über die Kirchen im Erzbistum Paderborn hinaus lassen sich Arbeiten der Winkelmann-Brüder, die sich seit ein paar Jahren im wohl verdienten Un-Ruhestand befinden, verfolgen. „Wir sind heute Pensionäre, aber immer noch mit Kleinigkeiten aktiv“, bestätigen die beiden, dass die Werkstätten noch längst nicht zu mit Staub und Spinngeweben übersäten Denkmälern geworden sind. Auch heute noch entstehen dort Unikatarbeiten nach eigenen Entwürfen, wenngleich vieles aus altersbedingten Gründen nicht mehr so möglich sei.

Ihre Handschrift haben die „Winkelmänner“ mit Treibarbeiten, Skulpturen und Objekten oder auch bei Restaurierungen vielfach hinterlassen. Die Schwerpunkte liegen in der heimischen Diözese und vermehrt im norddeutschen Raum. Die Palette reicht von Tabernakel, Taufbrunnen, Kreuzen, Leuchtern, Kelchen und Monstranzen bis hin zu Bischofsstäben und Hähnen für Kirchtürme sowie weltlichem Schmuck. Dazu zählen auch Silberorden für Schützenvereine, mit „denen wir unter dem Begriff Heimat ein Stück Tradition wahren wollen.“

Bei „Lieblingsstücken“ möchten sich Michael und Christoph nicht festlegen, denn jedes Werk habe etwas Besonderes für Ort und Zeit. Ob es der Altarraum mit Ambo in Suttrop, der Chorraum der Pfarrkirche in Attendorn, St. Michael in Siegen, St. Kilian in Letmathe oder das Chorgestühl in Magdeburg gewesen sei, immer hätten Herz und Handwerkskunst gleichermaßen an den Arbeiten gehangen.

„In die Kirche unserer Jugend ist damals Bischof Reinhard Marx als neuer Trierer Bischof mit dem von uns gefertigten Bischofsstab eingezogen. Das hat uns schon mächtig stolz gemacht“, erinnert sich Michael Winkelmann. Der heutige Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx sei im Übrigen schon als junger Theologe bei ihnen Kunde gewesen. Den Bischofsstab für Hans Leo Drewes, Hubert Berenbrinker und Wilfried Theising (Münster) fertigten auch die Winkelmann-Brüder.

Die alte Handwerkskunst des Treibens beherrscht Michael Winkelmann mit viel Geschick.pdp / Ronald Pfaff „Wir hoffen, dass alte Handwerkskunst noch erhalten bleibt“, blicken die heimischen Künstler mit Sorge auf Veränderungen von Friedhofskultur und Kirchen. Von der „Zeit der Änderung“ sei schon das Handwerk wie der Steinmetz betroffen.

Den Ausgleich für ihr langjähriges Schaffen fanden die „Winkelmänner“ nicht nur in der Ruhe am Möhnesee und der starken Familienbindung, sondern auch in der Musik mit der eigenen „Hinterhaus Jazz Band“. Seit den 60-er Jahren machen Michael und Christoph mit einer 6-Mann-Kombo Jazz-, Swing- und Dixieland-Musik. Chris Barber, britischer Bandleader, war die Inspiration. „Uns hat die freie Musik ohne Noten begeistert.“ Im Jazz-Keller in Soest hat die zweite Karriere dann begonnen; Michael am Akkordeon und Christoph an der Gitarre. Mit Mitte Zwanzig erlebten sie den ersten Höhepunkt: ein gemeinsamer Auftritt mit Bandleader Kurt Edelhagen. „Soest hat eine gute Musikszene“, freut sich Michael Winkelmann, dass sie dort Pionierarbeit leisten durften. Die Hinterhaus Jazz-Band, so genannt weil sie in den 80-er Jahren in einem Hinterhaus gegründet wurde, war gefragt und sei fast an jedem Wochenende unterwegs gewesen. Michael (Klavier) und Christoph (Kontra- und E-Bass) zeigten auch hier, dass sie ihr Handwerk gut verstanden, aber auch Altes und Neues passt. „Ich liebe auch alte Musik, sowie Chor- und Motettengesang“, so Michael Winkelmann.

Am Freitag (Fotogalerie) stellten Michael und Christoph Winkelmann den Katalog ihrer Werke im Diözesanmuseum im Rahmen eines Kunst-Talks mit Museumsdirektor Prof. Christoph Stiegemann sowie den Weggefährten Thomas Jessen (Eslohe) und Gero Troike (Möhnesee) vor. Beide stellten ihre große Wertschätzung für die Menschen und Künstler Winkelmann in den Vordergrund. Jessen: "Ich habe gelernt, mit den Augen der Winkelmann-Brüder zu schauen, die mit viel Respekt auch auf die Kunstwerke in Kirchen blicken." Gero Troike betonte, dass er stets zwei Kunsthandwerker gesehen habe, die mit großer Freude ihre Arbeit ausführen. Die Hinterhaus-Jazzband begleitete den Abend swingend.