„Kirche braucht Profis“ – neues Profil gesucht

Jahrestagung der Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten mit Referent Dr. Valentin Dessoy

Dr. Valentin Dessoy (2.v.l) mit der Resonanzgruppe "andere Berufsgruppen" beim Jahrestag der Gemeindereferentinnen und -referenten.pdp/ Ronald PfaffPaderborn, 12. April 2019. „Kirche braucht Profis – aber keine Gemeindereferenten“ – die durchaus provokante These einer neuen Rollenarchitektur, die Dr. Valentin Dessoy, Coach und Organisationsberater aus Mainz, aufgestellt hatte, zog 160 Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten des Erzbistums Paderborn zur gemeinsamen Betrachtung der Zukunftsperspektiven an. Dabei ging es bei der Gemeindereferentinnen-Jahrestagung im Hotel Aspethera darum, einen Strukturwechsel zu verstehen, die Herausforderung anzunehmen und die Veränderungsbereitschaft anzustoßen. Mit dem Blick auf die Praxis gab es jedoch auch die positive Erkenntnis, dass sich viele Initiativen in der Diözese schon ideenreich auf einen neuen Weg gemacht haben.

„Ich habe eine hohe Energie und viel Engagement in der Diskussion verspürt“, resümierte Wolfgang Möser, verantwortlich für Personalförderung und -begleitung der Gemeindereferentinnen im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn. Es seien viele Impulse und Arbeitsmaterialien entwickelt worden, die Ideen und Vorschläge für eine Veränderung des Rollenprofils beinhalten. Es sei eine Vorlage erarbeitet worden, die es wert sei, auch andere Adressaten zu erreichen.

Zugleich habe ihn, so Wolfgang Möser, auch die Rückmeldung erreicht, dass das Erzbistum Paderborn mit dem Zukunftsbild auf einem guten Weg sei, ja sogar Vorbildfunktion habe. „Dennoch müssen wir die Organisations- und Personalentwicklung weiter vorantreiben mit Blick auf zukünftige Stellenprofile.“

Prognose eines nur kurzen Zeitfensters

Mit dem Statement „Das Gros der heutigen Nutznießer kirchlicher Angebote wird in 10 Jahren verstorben sein“, lässt Valentin Dessoy in seiner Veröffentlichung „Kirche braucht Profis“ aufhorchen. Zugleich gibt es Prognosen, dass das Zeitfenster noch viel kleiner geworden ist. Dessoy: „Um den Anschluss nicht gänzlich zu verlieren und ihrem Sendungsauftrag nachzukommen, wird die Kirche ihre Binnenorientierung aufgeben und im Kernbereich der Pastoral ihre Aufmerksamkeit den 90-95 Prozent zuwenden müssen, die sie heute nicht bzw. nicht mehr erreicht. Das schließt eine substantielle und gezielte Umverteilung der vorhandenen Ressourcen mit ein.“

In einer neuen, grundlegend veränderten Rollenstruktur spielen die bisherigen pastoralen Berufsgruppen keine Rolle mehr, so Dessoy, der Spezialisten fordert, die auf Adressatenorientierung und Innovation sowie einer dezentralen und netzwerkartig organisierten Sozialgestalt und Vielfalt aufbauen. „Kirche muss einen Perspektivwechsel vollziehen und vom Adressaten her denken und ihn konsequent einbeziehen.“

Reaktionen der Teilnehmer

Die Ausführungen von Valentin Dessoy stießen auf „offene Ohren“ und eine Bestätigung eingeschlagener Wege.  „Stellenweise sind wir schon Profis. Vieles aus den Ausführungen von Dr. Dessoy erinnerte mich an mein Studium: Leute befähigen, unterstützen. Ich glaube, wir tun schon viel, sind aber noch nicht so weit“, betonte Andreas Berels (Gemeindereferent in Olpe). Claudia Becker (Gemeindereferentin Pastoralverbund Reckenberg) ist ins Nachdenken gekommen. Auf der einen Seite ist sie überzeugt, dass Gemeindereferentinnen schon in bestimmten Punkten Profis seien mit einer Arbeit von hoher Qualität. „Braucht es noch etwas anderes?“, war sie auf die Ausführung von Dessoy gespannt. „Ich denke, dass die Frage nach der Rolle auch eine Frage der Gemeinsamkeit ist“, stellte Wolfgang Koch (Dekanatsreferent Dekanat Hellweg) fest, der Unterstützer- und Dienstleisterrolle in den Vordergrund stellt. „Bezüglich gemeinsamer Visionen und Leitbilder haben wir schon viel erreicht, aber es liegt auch noch viel Arbeit vor uns.“

Reaktionen anderer Berufsgruppen

Pfarrer Ludger Plümpe (Emschertal) war froh, dass die Fakten bei der Tagung so präzise genannt wurden, deren Radikalität ihn aufhorchen ließen. Indra Wanke (Ausbildungsleitung Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten) sieht noch Zeit etwas zu bewegen und die Rolle des Pastoralreferenten an den Thesen zu definieren. Svenja Hoffmann (Personalentwicklung für das pastorale Personal) gefiel der Ansatz vom Adressaten her denken und eine Kultur der Experimente zu stärken. Dazu müsse das das System mit einem starren Bild von Führung gelockert werden. Thomas Mehr (vom Referat Gemeindeberatung und pastorale Supervision) sah sogar Parallelen  zur schwedischen Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg und forderte ein neues Klima der Pastoral. Matthias Stumpe (Dekanatsreferent Dekanat Rietberg-Wiedenbrück) blickt auf die Zeit: „Wenn alles so stimmt wie vorgestellt, geht der Weg gar nicht so prozesshaft. Es muss zügiger werden.“ Mehr bündeln und entschlacken sind für ihn wichtige Faktoren. Auch Julia Fisching-Wirth (Projektleitung Perspektive Pastorale Laienberufe) hat die hohe Dringlichkeit herausgehört. Auch müsse die Frage der Rolle der pastoralen Akteure neu gestellt werden.

Neue Konturen neuer Rollenarchitektur

Neue Konturen einer neuen Rollenarchitektur basieren für Dr. Valentin Dessoy auf einem Prozess der Wertschöpfung. Nach Jahren der Kernprozesse und Führungsprozesse rückten zukünftig vor allem die Unterstützungsprozesse in den Vordergrund. Dessoy: „Kirche gewinnt Plausibilität und Relevanz, wenn sie konsequent die Fragen, den Nutzen und die Ästhetik der (neuen) Adressaten im Blick hat. Das setzt einen radikalen Perspektivwechsel voraus: Kirche in all ihren Vollzügen von den Adressaten her zu denken und konsequent einzubeziehen. Das hat natürlich massive Konsequenzen für den Ressourceneinsatz. Kirche wird auf breiter Basis dauerhaft und substantiell in Produktentwicklung, Innovation und Gemeindegründung investieren müssen.“

Dazu benötige es eine Ressourcenabfrage, um neue Aufgaben zu besetzen. „Von außen sehe ich da mehr Potenzial als bei Ihnen intern gesehen wird“, betonte Dessoy und hob die Rolle von Gemeindereferentinnen/Gemeindereferenten im pastoralen Personal besonders hervor: Sie können alles, aber sie dürfen nicht.“

Wolfgang Möser (2.v.l.) stellte die Projekte von Sabine Heßbrügge, Ulrich Martinschledde und Claudia Fischer vor.pdp/Ronald PfaffDrei Beispiele für Initiativen

Im Erzbistum Paderborn gibt es derzeit 30 Initiativen, bei denen Gemeindereferentinnen mit einer halben oder ganzen Stelle innovativ und experimentell unterwegs sind.  „Da kann sich jeder einbringen und im Alltag neue Ideen entwickeln“, munterte Wolfgang Möser auf, der beispielhaft drei Projekte aus dem Erzbistum im Plenum vorstellte. Mit der pastoralen Vernetzung im sozial-caritativen Bereich mit dem Schwerpunkt „Einsamkeit“ hat sich Claudia Fischer (Pastoraler Raum Neheim und Voßwinkel) eingebracht. In den Netzwerken sieht sie eine zukünftige Methode, die vor allem die Interessen der Adressaten im Blick hat. Wichtig sei es gewesen, dass das Pastorale Team ein gemeinsames Verständnis entwickelt habe, berichtete Sabine Heßbrügge (Pastoralverbund Paderborn Süd). Sie koordiniere und bringe Ideen von Menschen aus der Gemeinde an die passenden Orte und Gremien. Den Verein Mahl-Zeit e.V. (Mittagstisch in Bünde) sehe er als eine Art Gemeindegründung, stellte Ulrich Martinschledde sein Projekt im Pastoralverbund Bündener Land vor. „Dabei bewegen wir uns nicht nur im binnerkirchlichen Raum“.

Gemeinsamer Diözesantag

„Mein Gott, meine Kirche – immer in Bewegung“ heißt das Motto am 4. November beim gemeinsamen Diözesantag für das pastorale Personal in Werl. Dort werden die Themen mit dem Blick auf die Zukunft nochmals vertieft.