Ein Ort, um sich selbst zu finden

Die Klus Eddessen bei Borgentreich ist traditionelle Volkskirche und pastoraler Ort

Borgentreich, 9. April 2019. Es nieselt unablässig, der Wind weht den Regen ins Gesicht und die Luft ist gefüllt vom Lärm der Motorsägen, mit denen die letzten Sturmschäden im Wald beseitigt werden – inmitten dieser Kulisse liegt eine kleine Eremitenklause mit Wallfahrtskapelle, die Klus Eddessen. Matthias Hein ist an das wechselhafte Wetter bereits gewöhnt. Funktionsjacke, Thermohosen und festes Schuhwerk sind aus dem Kleiderschrank des zuständigen Gemeindereferenten für die besondere Initiative „Pastoraler Ort Klus Eddessen“ nicht mehr wegzudenken. Mehrere Tage in der Woche verbringt er an der Klus und ist Ansprechpartner für Jeden, der den Weg zur Klus findet. Er nimmt sich bewusst Zeit für jedes einzelne Anliegen, „denn im Alltag ist selten Zeit, um einfach nur zu reden. Alles verfolgt ein bestimmtes Ziel oder muss mit konkreten Absprachen auseinandergehen.“ Wenn Matthias Hein so von seinem Leitbild spricht, strahlt er unwillkürlich eine große Ruhe und Gastfreundschaft aus und man selbst ist direkt versunken in der Aura der Klus – und ebenso schnell vergessen sind Wind und Regen.

Matthias Hein ist seit Juli 2018 als Gemeindereferent für die besondere Initiative „Pastoraler Ort Klus Eddessen“ im Amt.pdp / Lena Reiher „Ein Pastoraler Ort entsteht nicht dadurch, dass ihn jemand als diesen betitelt, sondern er entsteht aus dem, was da ist und was die Gläubigen daraus machen. Somit war die Klus eigentlich schon ein Pastoraler Ort, noch bevor es diesen Begriff offiziell überhaupt gab“, beschreibt Hein den geistlichen Ort, der in einem abgeschiedenen Waldstück bei Borgholz zwischen Beverungen und Borgentreich im Dekanat Höxter liegt. Offiziell gehört sie zur Gemeinde St. Marien Borgholz im Pastoralverbund Borgentreicher Land, doch auch Gläubige aus zahlreichen umliegenden Gemeinden sind mit der Klus verbunden. „Viele Gemeinden haben hier schon lange ihre eigenen Traditionen aufgebaut, sodass die Klus sehr losgelöst und unabhängig von den Strukturen nur eines einzigen Pastoralverbundes ist“, verdeutlicht Hein, der erst seit Juli vergangenen Jahres als Gemeindereferent für die Klus im Amt ist. Die Unabhängigkeit mache die Arbeit für ihn in vielen Dingen einfacher. „Für die meisten bin ich einfach nur ‚der Typ von der Klus‘“, grinst der 34-Jährige. „Das hilft mir, um mit den ganzen Ideen, die mir im Kopf herumschwirren, einen unkomplizierten Zugang zu den Menschen zu finden. Ich kann vieles frei entscheiden und auch einfach mal etwas ausprobieren.“

Mit einer kleinen Tafel zeigt Matthias Hein an, ob er derzeit an der Klus anzutreffen ist.pdp / Lena Reiher Sehr gut vorstellen kann sich Matthias Hein zukünftig mit Elementen aus der Erlebnispädagogik zu arbeiten. „Die Umgebung der Klus ist geradezu prädestiniert für diesen Ansatz. Das Lernen, das Erkennen durch eigenes Erleben kann in einer Umgebung, die geprägt von Einfachheit und frei von Luxus ist, wunderbar funktionieren“, verdeutlicht er. Eine Gruppe von Jugendlichen beispielsweise, die sich auf die Firmung vorbereitet oder ein Paar, das kurz vor der Ehe-Schließung steht, einmal ohne Technik mitten in der Natur auf eine wesentliche Fragestellung besinnen zu lassen, wäre eine Idee. „Mitten im Wald zu sich selbst finden, frei von äußeren Einflüssen sich seines Platzes in Gottes Schöpfung bewusst werden, das finde ich für jede Altersgruppe spannend. Ich möchte versuchen eine Brücke von ganz praktischen Lebensthemen auf die großen Existenzthemen zu schlagen.“

Die kleine Wallfahrtkapelle ist dem Heiligen Kreuz geweiht und bietet einer Hand-voll Gläubigen Platz.Matthias Hein Daher hat er seiner Arbeit drei Grundsätze zugeordnet, die alle das bewusste Zeit nehmen beinhalten: Sich Zeit nehmen für Gastfreundschaft, Zeit für Einfachheit und Klarheit und Zeit für Stille und Gebet. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, plant Hein konsequent nur einen Veranstaltungstermin für Gruppen pro Tag ein. So kann auch ein Gespräch einmal länger dauern, ohne dass das nächste Treffen bereits wartet. „In meinen ersten Wochen an der Klus musste ich wirklich lernen mir Zeit zu nehmen, denn die Klus ist kein touristischer Ort, den man besichtigt, sondern ein Kraft-Ort, der sich erst mit der Zeit eröffnet. Wie oft habe ich zu Beginn hier vor einigen Dingen gestanden und mich selbst gefragt, was das nun soll und was sich meine Vorgänger dabei wohl gedacht haben. Doch mit der Zeit kommt die Einsicht und das Verstehen von ganz alleine.“

So haben sich für Matthias Hein die einzelnen Bereiche mehr und mehr eröffnet und jeder hat sich seiner ganz eigenen Bestimmung erschlossen. Die Kapelle ist das geistige Zentrum, der Ort für Gebet und Stille. Die Eremitage bietet Platz für Gäste und in Zukunft vielleicht auch eine Übernachtungsmöglichkeit. Der Eselstall kann von und für Gruppen genutzt werden, der Garten dient dem Anbau von Blumen und Kräutern und ein noch zu gestaltender Bereich im Freien soll Gruppen die Möglichkeit zur Begegnung bieten. „Durch die klare Zuschreibung dieser einfachen Strukturen werden die Räume begrenzt und man öffnet sie für ihre individuelle Nutzung. Hier wird das Prinzip der Einfachheit und Klarheit besonders deutlich“, sagt Hein und lässt dabei seinen Blick über das Gelände gleiten.

Dort, wo heute die Klus Eddessen steht, befand sich ursprünglich das 1447 zerstörte Dorf Eddessen. In den Ruinen der zerstörten Dorfkirche wurde 1856 eine Kapelle errichtet, in die schließlich 1859 mit "Kluspater" Bruder Ubaldus Bornemann der erste Eremit zog. Hier lebte er bis zu seinem Tod am 24. April 1915 und wurde seinem Wunsch entsprechend vor der Klus begraben.

Bruder Ubaldus war allerorts bekannt und bei den Bewohnern der umliegenden Dörfer sehr beliebt. Obwohl die KIus schon seit Jahrhunderten ein viel besuchter Ort war, kamen in den 55 Jahren des Eremitenlebens von Bruder Ubaldus viele Menschen seinetwegen, da er als Ordensbruder sehr volkstümlich und hilfsbereit war. Noch heute ist er im Bewusstsein der Bevölkerung in lebendiger Erinnerung.

Nach ihm kamen noch einige andere Eremitinnen und Eremiten. Matthias Hein ist jedoch der erste Seelsorger an der Klus, der kein Einsiedler ist. Ein neuer Zeitabschnitt hat begonnen.

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Bisher erschien im Themenspezial Pastorale Räume: