Fanpastoral am Borsigplatz

Gemeindereferent Karsten Haug lädt die Fans in die Gründerkirche ein

Dortmund, 6. April 2019. Unter dem Madonnenbild steht ein kleiner Keramik-Engel, den Mund geöffnet, als würde er lauthals singen. Die Figur könnte aus einem Laden für Weihnachtsdekoration stammen, wären da nicht ein schwarzgelber Schal und der Fußball unter dem Arm. Das Engelchen steht in der Dortmunder Dreifaltigkeitskirche, dort, wo die Fans des „Ballspiel-Vereins Borussia 1909“, kurz BVB, vor einem Spiel oder zum Saisonbeginn gerne eine Kerze entzünden.

Die Kirche Heilige Dreifaltigkeit, nahe am Dortmunder Borsigplatz, ist die Kirche der Gründer des Fußball-Erstligisten. Seit 2008 beherbergt sie im hinteren Teil die Ausstellung „Kirche – Fußball – Gottvertrauen“ und seit 2017 hat der dortige Gemeindereferent Karsten Haug eine 50-Prozent-Stelle für das gleichnamige Projekt.

Gemeindereferent Karsten Haug möchte in der Dreifaltigkeitskirche in Dortmund Fußballfans mit dem Evangelium und mit Gott in Berührung bringen.pdp / Michael Bodin „Fußball und Religion haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint“, meint Karsten Haug, der seit 25 Jahren Dauerkartenbesitzer beim BVB ist. Gerne stellt er fest, dass der FC Schalke zwar eine Kapelle im Stadion hat, die BVB-Fans sich aber in der Gründerkirche versammeln können. Und das tun sie auch. Bis zu 400 schwarzgelb gekleidete Gottesdienstteilnehmer feiern mindestens zweimal im Jahr begeistert die ökumenischen Gottesdienste zum Saisonauftakt und am Gründungstag mit.

Auf großes Interesse stößt nach wie vor die Ausstellung zur Geschichte des Stadtteils und der BVB-Gründer in der Kirche. Diese wurde anlässlich des 100. Vereinsjubiläums unter Mitwirkung des Paderborner Diözesanmuseums erstellt. 2018 besuchten gut 4.000 Menschen diese Ausstellung. Sogar 35 Kinder einer chinesischen Fußballmannschaft reisten im Februar zur BVB-Gründungskirche im Dortmunder Norden. Dieser war zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Stahlindustrie geprägt. „Ohne die Westfalenhütte der Hoesch AG gäbe es weder die Dreifaltigkeitskirche noch Borussia Dortmund“, sagt Karsten Haug. Erst der Zuzug vorwiegend katholischer Arbeitskräfte habe zur Bildung der Gemeinde und zum Bau der Kirche geführt. Haug selber lernte noch bei der Hoesch AG den Beruf des Verfahrensmechanikers, bevor er dann Religionspädagogik in Paderborn studierte.

In seinen Vorträgen für Besuchergruppen in der Kirche der Gründer von Borussia Dortmund verweist Karsten Haug auf die vielen Parallelen zwischen Fußball und Religion.pdp / Michael Bodin Bei seinen Führungen in der Dreifaltigkeitskirche beschreibt er den Konflikt, der letztlich zur Gründung des BVB führte: Seit 1906 spielte die katholische Jugend sonntags auf der „Weißen Wiese“ östlich der Kirche Fußball. Dies missfiel dem Kaplan Hubert Dewald, der deswegen zur selben Uhrzeit eine Andacht ansetzte. Der Jugendpädagoge lehnte, wie viele Gelehrte seiner Zeit, das Fußballspiel als unkultiviert ab. Die Auseinandersetzungen spitzten sich zu und führten dazu, dass sich die Fußballer aus dem Vereinsleben der Gemeinde lösten und am 19. Dezember 1909 den „Ballspielverein Borussia 09 Dortmund“ gründeten. Trotz aller Differenzen im Zusammenhang mit der Gründung des BVB blieben die Gründer ihrer Kirche und der Dreifaltigkeitsgemeinde verbunden. So wurden dort auch ihre Hochzeiten und Taufen gefeiert. Diese Religiosität zu betonen ist Karsten Haug wichtig, wenn er Gruppen von Lehrerinnen und Lehrern, Jugendlichen oder Teilnehmern der Stadtführungen die Ausstellung zeigt.

Dann verweist er auf die vielen Parallelen zwischen Fußball und Religion, auf die Fangesänge, die Emotionen und Rituale. Schließlich heiße es in einem BVB-Lied „Borussia, du verkörperst die Region, für manche von uns sogar Religion“. Da ist Karsten Haug jedoch anderer Ansicht: „Gott schießt keine Tore und Fußball ist nicht dazu da, Antworten auf die großen Sinnfragen des Lebens zu geben.“ Fußball sei aber ein starkes Stück Leben mit einer großen Bedeutung für viele Menschen und dem müsste auch die Kirche Rechnung tragen.

In der Nähe des BVB-Engelchens unter dem Bild der Madonna entzünden Fußballfans in der Dreifaltigkeitskirche gerne eine Kerze.pdp / Michael Bodin Hier setzt sein Konzept einer Fanpastoral an. Karsten Haug möchte die Fans mit dem Evangelium und mit Gott in Berührung bringen, „nicht als Fußballgott, sondern als Gott, der an seinen Geschöpfen interessiert ist und das Leben bereichern möchte“. Dazu hat der Gemeindereferent viele Ideen entwickelt und einige bereits umgesetzt. Das Ziel ist es, die Fans in ihrem Fan-Sein anzusprechen, ihre Emotionen zu berühren. So gibt es zum Beispiel den schwarzgelben Martinszug mit Martinsliedern und der Martinsgeschichte. In Zusammenarbeit mit der örtlichen Grundschule findet am 6. Dezember jeden Jahres die schwarzgelbe Nikolausfeier statt. Kinder gestalten dazu Bilder, singen Nikolauslieder und bekommen von Bischof Nikolaus kleine schwarzgelbe Geschenke. An Heimspieltagen und zu besonderen fußballerischen Ereignissen soll die Kirche geöffnet sein, um eine Begegnung und religiöse Rituale, wie das Entzünden von Kerzen, für Fans zu fördern. Von Podiumsdiskussionen über Aktionen für Firmbewerber bis hin zu „Devotionalien von der Gründerkirche“ reichen die Ideen. Auch ein Umbau wird überlegt, um die Örtlichkeiten besser für die Fanpastoral zu gestalten. Dabei ist immer eine enge Zusammenarbeit mit dem Verein Borussia Dortmund angestrebt.

„You ´ll never walk alone“ – die Hymne erklingt im Stadion und in der Dreifaltigkeitskirche. Karsten Haug möchte dem das „Ich bin, der ich bin da“ (Ex 3,14) aus dem Buch Exodus hinzufügen, die Zusage Gottes, in allen Lebenslagen da zu sein. Daraus einen Slogan oder gar ein Logo zu entwickeln sei nun allerdings eine Herausforderung.

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