Lernen, die Notsignale zu sehen

Woche für das Leben 2019: Leben schützen. Menschen begleiten. Suizide verhindern

V.l.: Michael Hillenkamp, Prof. Dr. Gereon Heuft, Prof\'in. Dr. Barbara Schneider, Dr. Stefan Schumacher und Dr. Werner SosnaLiborianum/FlüterPaderborn, 21. März 2019. Die „Woche für das Leben“ steht in diesem Jahr im Zeichen der Suizidprävention. Um auf die bundesweite Aktion vorzubereiten, hatten das Bildungshaus Liborianum und die Telefonseelsorge im Erzbistum Paderborn ins Erzbischöfliche Priesterseminar in Paderborn eingeladen. Fast 100 Fachleute aus der gesamten Erzdiözese erlebten einen informativen Tag mit prominenten Referenten. Die „Woche für das Leben“ findet vom 4. bis zum 11. Mai 2019 statt.  

Im 25. Jahr ihres Bestehens hat die ökumenische Initiative ein Thema gewählt, das bedrückend aktuell ist. Mehr als 10.000 Menschen begehen in Deutschland jedes Jahr Suizid. Die Suizidraten steigen mit zunehmendem Lebensalter stark an. Vier von fünf Suizidopfern sind Männer. „Jeden Tag sterben 30 Menschen, die aus Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit oder wegen einer Krankheit keine lebensbejahende Perspektive für sich entwickeln können“, sagte Dr. Werner Sosna vom Bildungshaus Liborianum zum Auftakt des Infotages. Er bereitete zusammen mit Michael Hillenkamp, dem Diözesanbeauftragten für Telefonseelsorge im Erzbistum Paderborn, diese Einführungstagung zur Woche für das Leben im Erzbistum Paderborn vor.   

Deutlich wurde an dem Informationstag vor allem eines: Der Suizidprävention kommt eine herausragende Bedeutung zu. „Leben schützen. Menschen begleiten. Suizide verhindern“ lautet das Motto der Woche für das Leben.  

Ein Suizid oder Suizidversuch sei immer auch ein Kommunikationsversuch, sagte der Ehe-Familien-und Lebensberater in Paderborn. Schumacher ist Leiter einer Telefonseelsorge in Hagen. Auch dort hat er erlebt, wie sehr ein Suizid ein „Notsignal“ für gescheiterte Beziehungen zu anderen Menschen ist. Er empfiehlt einen achtsamen Umgang miteinander, um Krisen nicht eskalieren zu lassen: reden, den Anderen ernst nehmen, im Gespräch authentisch bleiben.  

In „unerträglichen Krisensituationen“ suchten suizidale Menschen nach „Ruhe, Schmerzfreiheit und Harmonie“, meinte Professorin Dr. Barbara Schneider, Vorsitzende des Nationalen Suizidpräventionsrates: „Der Suizidale wünscht eine Änderung des Lebens, ohne zu wissen, wie.“ Auch Schneider betonte den Wert der zwischenmenschlichen Beziehung. Gute Erfahrungen mit wichtigen Personen des Lebens und ein entsprechend sicheres Selbstwertgefühl ermöglichen, so Schneider, das Ertragen von Verlusten und äußerer Abhängigkeit.  

Religiöse Einstellungen können für schwerkranke Menschen eine Quelle sein, aus der sie Kraft und Vertrauen ziehen. Not lehrt jedoch weniger beten als „suchen“, hat Professor Dr. Gereon Heuft in einer wissenschaftlichen Studie festgestellt. Der Lehrstuhlinhaber für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Münster fordert deshalb, jeden Menschen in seiner Individualität wahrzunehmen. Der Münsteraner Professor, der zugleich Ständiger Diakon ist, erkennt in der modernen Vereinzelung eine Hauptursache für massiv beeinträchtigte Lebensqualität: „Immer mehr Menschen erleben sich hinsichtlich ihres Selbstwertes ganz alleine auf sich zurückgeworfen.“ Der allgegenwärtige Druck zur Selbstoptimierung könne rasch zu einem Gefühl der Unzulänglichkeit führen.  

Wie es geht, Menschen aus ihrer Isolation zu holen, macht das Paderborner Caritas-Projekt U25 vor. Unter diesem Namen beraten Jugendliche und junge Erwachsene gleichaltrige Menschen bis zu einem Alter von 25 Jahren in akuten und oft suizidalen Krisen. Die Beratung geschieht über E-Mails – und das sehr erfolgreich. Alle Helfer arbeiten ehrenamtlich. U25 gibt es außer in Paderborn an neun Standorten in Deutschland, in NRW auch in Dortmund und Gelsenkirchen. In der Woche des Lebens wird U25 eines der Vorzeigeprojekte im Erzbistum Paderborn sein. Geplant ist unter anderem eine gemeinsame Veranstaltung in den Schulen St. Michael in Paderborn.  

Neue Wege in der Vorbeugung sind willkommen, wenn es um eine der großen gesellschaftlichen und seelsorgerischen Herausforderungen unserer Zeit geht. Wenn die Woche für das Leben in der Öffentlichkeit vermitteln kann, wie wichtig gute helfende Nähe, Wertschätzung und Hoffnung ist, um Suizide zu verhindern, wäre schon viel erreicht. „Der Schmerz soll enden“, sagte Dr. Werner Sosna in Paderborn, „nicht das Leben.“          

Die 25. Woche für das Leben beginnt am 4. Mai und endet eine Woche später, am 11. Mai. Weitere Informationen finden sich auf der Homepage www.woche-fuer-das-leben.de.  

Wie kann ich helfen, wenn ein Mensch in einer tiefen Krise steckt und vielleicht sogar suizidale Gedanken hegt?

Die Fachärztin Prof. Dr. Barbara Schneider empfiehlt: „Schauen Sie nicht weg. Stellen Sie Kontakt her. Bieten Sie Ihre Hilfe an. Sagen Sie beispielsweise: 'Ich mache mir Sorgen um dich, wie kann ich dir helfen?'" Barbara Schneider rät, Suizidgedanken offen anzusprechen - Scheu sei unbegründet: „Derartige Fragen bringen Betroffene nicht erst auf diese Gedanken“, sagt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.