Wissenschaftlich das Thema Missbrauch in der Kirche aufarbeiten

Interdisziplinäres Seminar mit Theologieprofessoren Rüdiger Althaus und Christoph Jacobs

Wollen die komplexen Dynamiken des Missbrauchs in der Kirche verstehen und bearbeiten: Pastoralpsychologe Professor Dr. Christoph Jacobs (links) und Kirchenrechtsexperte Professor Dr. Rüdiger Althaus.Foto: ThF-PBPaderborn, 25. Februar 2019. Angespannt und in Hoffnung auf positive Änderungen – so könnte man die derzeitige Stimmungslage in der katholischen Kirche rund um den ersten weltweiten Missbrauchsgipfel vom 21. bis 24. Februar im Vatikan zusammenfassen. Verhandelt wurden die Aufarbeitung bisheriger und die Prävention zukünftiger Fälle von sexuellem Missbrauch innerhalb der Kirche. Eines steht fest: Dieses leidvolle und bedrückende Thema braucht auch eine intensive wissenschaftliche Bearbeitung. Daran muss sich auch die Theologie als Wissenschaft beteiligen. Deshalb laden die Lehrstühle für Kirchenrecht und Pastoralpsychologie an der Theologischen Fakultät Paderborn im kommenden Sommersemester zum gemeinsamen Seminar „Missbrauch in der Kirche“ ein.  

„Es ist wichtig und dringend erforderlich, dass auch wir als Theologinnen und Theologen uns mit wissenschaftlichen Mitteln dem komplexen Thema des sexuellen und geistlichen Missbrauchs in der Kirche stellen“, sagt Professor Dr. Rüdiger Althaus, Lehrstuhlinhaber für Kirchenrecht an der Theologischen Fakultät Paderborn. Dabei könne es nicht allein darum gehen, „bloß die Fakten zu benennen“. Es müsse auch „nach den Ursachen gefragt und das in den Blick genommen werden, was ein solches Fehlverhalten künftig verhindern kann.“  

Das Seminar zu dem brennenden und vielschichtigen Thema ist ein Gemeinschaftsprojekt mit seinem Kollegen Professor Dr. Christoph Jacobs. Aus Sicht des Pastoralpsychologen „ist in der Bearbeitung des Missbrauchs in der Kirche Interdisziplinarität und wissenschaftliche Diskussion mit Multiplikatoren aus der Praxis das Gebot der Stunde.“ Es sei „unmöglich, solch vielschichtige Fragestellungen lediglich aus einem Blickwinkel anzugehen.“ Dies sei auch das Ergebnis der sogenannten Missbrauchsstudie (MHG-Studie), welche die Problematik im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz wissenschaftlich untersucht hatte. Einen besonderen Auftrag dafür hätte das Feld der Praktischen Theologie, zu der auch das Kirchenrecht und die Pastoralpsychologie gehörten. „Diese Zusammenarbeit hat sich bei uns an der Theologischen Fakultät Paderborn bewährt“, berichtet Professor Jacobs aus Erfahrung.  

Die Kooperation beim Ringen um die Prävention von Missbrauch in der Kirche hat an der Theologischen Fakultät Paderborn bereits Tradition. Schon 2011 habe es zum ersten Mal ein solches Seminar gegeben, wie Professor Althaus erklärt: „Seit dem Bekanntwerden der Übergriffe am Berliner Canisius-Kolleg 2010 begleitet das Thema auch die Wissenschaft. Das Thema bleibt aktuell und die Studierenden, die beim ersten Mal dabei waren, haben inzwischen längst ihren Abschluss gemacht. Daher gilt es, die Chance wahrzunehmen, dass sich auch die jetzigen Studierenden eine entsprechende Sensibilisierung für die künftige pastorale Arbeit aneignen.“  

Für Professor Jacobs haben in der aktuellen Auseinandersetzung beide Fächer ihre unterschiedlichen Perspektiven beizutragen: „Die Teilnehmenden sollen ein umfassendes Verständnis für die Dynamiken des Missbrauchs in der Kirche gewinnen. Wir wollen verstehen, was eigentlich genau passiert.“ Zur gewissenhaften Bearbeitung reichten „einzelne plakative Fakten“ nicht aus. Es gehe um die vielschichtige Psychodynamik, institutionelle Rahmenbedingungen, persönliche Macht und Autorität im Amt, die Kenntnis staatlicher und kirchrechtlicher Vorschriften und Verfahrensregeln (z.B. der Präventionsordnung der Deutschen Bischofskonferenz). Die Theologie habe zu differenzieren und humanwissenschaftliche und juristische Erkenntnisse und Perspektiven zu berücksichtigen. „Dabei geht es um eine grundlegende Auseinandersetzung, die unsere Studierenden genauso brauchen wie die, welche bereits als Seelsorgende arbeiten.“  

Eingeladen zu dem Seminar „Missbrauch in der Kirche“ sind daher neben den eingeschriebenen Studierenden ausdrücklich auch alle interessierten und wissenschaftlich qualifizierten Gasthörerinnen und Gasthörer. „Theologie hier an der Theologischen Fakultät Paderborn ist nicht Wissenschaft im Elfenbeinturm und hinter verschlossenen Türen“, betonen die beiden Theologieprofessoren. „Wir wollen gerade an dieser Stelle in die Breite wirken und Transparenz praktizieren und organisieren. So können sich auch diejenigen fortbilden, die schon als Priester und Laien im pastoralen Dienst oder in sonstigen verantwortungsvollen Positionen arbeiten. Denn wir haben hier einen Nachholbedarf. Und wir wollen die Chance bieten, die Praxis vor Ort in die wissenschaftliche Diskussion und Forschung einzubringen“.  

Die Anmeldefrist für die Teilnehmenden endet am 15. März 2019. Die Einführungsveranstaltung findet Freitag, 12. April, von 14 bis 19 Uhr im Philosophischen Seminar der Theologischen Fakultät Paderborn statt. Bis dahin können sich die angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die dann folgenden Seminarsitzungen vorbereiten. Sie finden in vier Blöcken statt: an den Freitagen, 26. April und 17. Mai, jeweils von 14 bis 20.45 Uhr sowie an den Montagen, 27. Mai und 3. Juni, jeweils von 10 bis 13.15 Uhr.  

Kontakt und weitere Informationen: www.thf-paderborn.de.