Ein Konzil für eine neue Menschheitsepoche

Vor 60 Jahren kündigte Papst Johannes XXIII. das II. Vatikanische Konzil an

Die Ankündigung eine Konzils durch Johannes XXIII. stieß im Vatikan auf Überraschung. Nach dem I. Vatikanum hatte man nicht mehr mit einem solchen Ereignis gerechnet.Photo by Yeo Khee on Unsplash Paderborn, 25. Januar 2019. Ob Papst Johannes XXIII. den Satz wirklich gesagt hat, ist bis heute nicht bestätigt: "Macht die Fenster der Kirche weit auf!" Und doch sind diese Worte zum Inbegriff dessen geworden, was heute vor 60 Jahren angekündigt wurde: das II. Vatikanische Konzil. Der erst seit wenigen Monaten amtierende Papst machte diese Ankündigung am 25. Januar 1959 in der römischen Basilika Sankt Paul vor den Mauern, nach einem Gottesdienst zur Gebetswoche für die Einheit der Christen. Vor den versammelten 18 Kardinälen sagte er: "Gewiss ein wenig zitternd vor Bewegung, aber doch mit demütiger Entschlossenheit, sprechen wir vor euch den Namen und den Plan einer doppelten feierlichen Veranstaltung aus: einer Diözesansynode der Stadt Rom und eines Ökumenischen Konzils für die Gesamtkirche."

Während die Ankündigung bei vielen Bischöfen und Theologen in der Weltkirche viele Hoffnungen auslöste, fielen die Reaktionen im Vatikan reservierter aus. Man war überrumpelt und auch überrascht, dass überhaupt noch einmal ein Konzil stattfand: Schließlich hatte das von 1869 bis 1870 stattfindende I. Vatikanische Konzil das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma beschlossen, das alle Lehrentscheidungen fest mit der Autorität des päpstlichen Stuhls verband. Ein neuerliches Konzil schien dieser Richtungsentscheidung zu widersprechen.

Die fehlende Begeisterung mochte auch damit zu tun haben, dass die Organisation eines solchen Ereignisses viel Arbeit für viele Menschen bedeutet: Zur inhaltlichen Vorbereitung, die ein halbes Jahr nach der Ankündigung begann, fragte die eingesetzte Kommission vorab 2.594 Orts- und Titularbischöfe, 156 Ordensgeneräle und 62 theologische Fakultäten nach ihren Vorschlägen für das Konzil. 2.162 Rückmeldungen gingen ein, die dann bis Konzilsbeginn zu 69 Arbeitsvorlagen (Schemata) umgearbeitet wurden. Und dann mussten während des Konzils etwa 10.000 Konzilsväter, Berater und sonstige Begleiter für die Dauer der Sitzungen in Rom beherbergt und versorgt werden…

Doch für Johannes XXIII. gab es keine Alternative zu einem Konzil. Es sah die Kirche an der Schwelle einer neuen Epoche, für die er sie bereit machen wollte. Dafür wollte er nach den Zeichen der Zeit suchen und fragen, was diese für die Kirche und ihren Auftrag bedeuten. Fest mit diesem Anliegen verbunden ist der schwer ins Deutsche zu übersetzende Begriff „Aggiornamento“. Was „Aggiornamento“ heißt, drückte Johannes XXIII. in seiner Ansprache anlässlich der feierlichen Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils aus: „… diese sichere und beständige Lehre, der gläubig zu gehorchen ist, muss so erforscht und ausgelegt werden, wie unsere Zeit es verlangt.“

Von den vier Sitzungsperioden des Konzils, die im Verlauf von drei Jahren stattfanden, erlebte Johannes XXIII. nur die erste: Er starb am 3. Juni 1963 und erlebte so nicht mehr die großen Veränderungen, die das von ihm in Gang gesetzte Ereignis der Kirche brachte: die Liturgiereform mit der Einführung der Landessprache anstelle des Lateins; die Würdigung der historisch-kritischen Exegese als Methode der Bibelwissenschaft, die Definition von Kirche als Volk Gottes und Gemeinschaft der Gläubigen, die Betonung des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen, die ökumenische Öffnung hin zur protestantischen und orthodoxen Kirche, eine positive Neubestimmung des Verhältnisses zum Judentum und zu anderen Weltreligionen und vor allem: eine noch nie dagewesene Öffnung zur Welt. Viele weitere Entscheidungen des Konzils könnten an dieser Stelle genannt werden.

Für Johannes XXIII war übrigens immer klar, dass das Konzil nicht seine Idee war. Für ihn war es der Wille Gottes, ein göttliche Inspiration, getragen vom Heiligen Geist. Papst Johannes Paul II. sprach Johannes XXIII. am 3. September 2000 selig, am 27. April 2014 folgte die Heiligsprechung durch Papst Franziskus.

Weitere Informationen zu diesem Thema:

Interview mit Msgr. Dr. Michael Bredeck zum II. Vatikanischen Konzil und zum Zukunftsbild

Als der Papst ein Konzilankündigte: Drei Zeitzeugen aus dem Erzbistum berichten