Jede Geburt ist etwas Heiliges und ein großartiges Geschenk

Hebamme Anke Kenter über den Wandel ihres Berufsbildes, neuen Aufgaben in der EFL-Beratung und einen vertrauensvollen Glauben

"Ich habe nie aufgehört, über die Geburt zu staunen und das Wunder zu sehen", ist Anke Kenter immer wieder fasziniert.pdp / Ronald Pfaff Paderborn, 22. Dezember 2018. „Ich habe nie aufgehört, über die Geburt zu staunen und das Wunder zu sehen“, sagt Anke Kenter über den wunderbaren Moment einer Geburt. Zwanzig Jahre hat die 43-Jährige Frauen auf diesem Weg als Hebamme begleitet. „Es ist ein großartiges Geschenk, dabei sein zu dürfen, wenn sich ein Mensch bei der Geburt entfaltet.“

Die Geburt Jesu Christi, die Menschwerdung Gottes, in ärmlichen Verhältnissen beschreibt Lukas in seinem Evangelium (Lk 2,1-21). „Josef wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war… Und der Engel verkündete den Hirten: „Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“

Ein Stall, eine Krippe, kein Luxus, keine medizinischen Gerätschaften, kein hochsteriles Umfeld – die Geburt Jesu fand in einfachen, ärmlichen Verhältnissen statt. Trotzdem war sie von Geborgenheit und Wärme umhüllt. „Es ist eigentlich egal, ob eine Geburt Zuhause oder im Kreißsaal, mit Hightech, farblich abgestimmt stattfindet oder nur in einem Stall, wo ein Dach schützt und Ochs und Esel für die Wärme sorgen. Hauptsache ist, dass der Raum Schutz, Sicherheit und Geborgenheit bietet. Ein Raum, der der werdenden Mutter die Möglichkeit gibt, sich auf sich zu konzentrieren, und sie durch nichts abgelenkt wird“, blickt Anke Kenter auf ihre langjährige Tätigkeit als Hebamme zurück und ergänzt: „Und es braucht eine vertraute Geburtsbegleitung.“

Große spirituelle Momente
Die Faszination des Wunders der Menschwerdung hat für Anke Kenter ganz oft spirituelle Momente: „Es ist etwas ganz Heiliges, deshalb ist es wichtig, damit achtsam und demütig umzugehen.“ Ihr Glaube hat ihr im Beruf weitergeholfen. Der Glaube daran, dass es da jemand gibt – nämlich Gott – der sich ein sehr gutes System der Geburt ausgedacht hat, und das Vertrauen darauf, dass es deshalb gut wird, hat ihren Arbeitsalltag geprägt. „Es ist etwas, was zwischen Himmel und Erde passiert. Das fängt schon im Bauch an und zeigt sich nicht erst bei der Geburt. Sich auf das Wunder des neuen Leben einlassen, ist ein Geschenk für alle, die dabei sind“, beschreibt Anke Kenter ihre Verknüpfung mit dem Glauben.

Hebamme – diesen Traumberuf hatte Anke Kenter schon zu Schulzeiten vor Augen. Mit der Schwangerschaft ihrer Schwester begann die Entscheidung zu reifen. „Ich war gerade in der Oberstufe und meine Schwester hat mir erlaubt, bei der Geburt meiner Nichte im Kreißsaal dabei sein zu dürfen. Danach war für mich alles klar“, erinnert sich Kenter, die noch ein Jahr auf einen Ausbildungsplatz warten musste, weil damals der „Run“ noch so groß war: 700 Bewerber auf 18 freie Plätze. Als 20-Jährige begann für Anke die dreijährige Ausbildung zum Traumberuf, fast schon einer Berufung.

Vertrauen zu Gott
Die enge Verbindung zur katholischen Kirche hat stets bestanden. Ob zu Beginn schon in der Schule oder als Mitglied eines Pfarrgemeinderates brachte sie auch immer wieder Themen ein, die in Gottesdiensten eine Rolle spielten: „Kinder bekommen“ oder auch „Das ungeborene Leben“. Der Glaube hat ihr auch in schwierigen Situationen im Beruf geholfen. Beispielsweise dann, wenn es um Früh- oder Fehlgeburten ging. „Gerade auch die Frauen brauchen in dieser Zeit eine gute Betreuung, sie haben eigentlich sogar einen Anspruch drauf. Bei der Verarbeitung war es auch für die betroffenen Paare wichtig und teils tröstlich, wenn ich über mein Vertrauen zum Glauben und Gott Hilfestellung geben konnte und ein Aussöhnen mit Gott schaffen konnte.“

Vom Herzen sei sie immer noch Hebamme und werde es auch bleiben. Die Erinnerungen an das „Wunder der Geburt“, das Gefühl mit den Händen schon am Bauch der Mutter des entstehende Leben zu fühlen oder bei der Geburt sogar als erste das neue Leben in den Händen zu fühlen, werden ein Ewiges bleiben. Doch nach zwanzig Jahren zieht Anke Kenter einen Schlussstrich, einen Schlussstrich mit kritischen Anmerkungen: „Hebamme heute macht weniger Freude, denn in der Gesellschaft wird es den Frauen oft genommen, guter Hoffnung sein zu dürfen.“

Ein Handwerk verändert sich
Nicht nur das Handwerk „Hebamme“ habe sich verändert, zu dem die Technisierung ihren Teil  beigetragen habe. Das Menschliche sei an der „schrecklich, schönen Zeit“ (Schwangerschaft) verloren gegangen. Hebamme sei zwar ein Beruf mit oft harten Bedingungen, doch die Berufung dazu habe auch einen Wandel durchlebt. Aber das fehlende Guter-Hoffnung-sein beschäftige sie noch mehr. Schwangerschaft und Geburt seien mit Angst besetzt, das Vertrauen der Frauen in das eigene Können und die eigenen Stärken ließen nach. „Sie lassen es sich nehmen und es wird ihnen genommen.“

Immer wieder stellt Anke Kenter das „Vertrauen“ in den Vordergrund. An die Stelle der „guten Hoffnung“ rücke die Forensik, die einen rechtssicheren Raum bieten wolle. Der Mut, im Alltag Extremes auszuhalten, verschiebe sich in den Sport, wo dann Grenzen ausgetestet würden. „Dabei sollten die Frauen ihrem Können bei der Geburt mehr vertrauen.“

Einen Funken Hoffnung hat Kenter hingegen, dass sich mit der Aufwertung des Berufs Hebamme zu einem akademischen Lehrberuf auch der Status wieder verbessert. Die Tradition jahrhundertealten Wissens sollte nicht in Vergessenheit geraten. Ihre Erfahrung sei zuletzt gewesen, dass die Hebamme bei einer Geburt in die Rolle des Handlangers gerückt werde: „Wenn etwas nicht stimmt, ist der Arzt zuständig. Wenn alles gesund ist, die Fachfrau Hebamme…“

"Von einer Hebamme erwartet man eine Lösung, von einer Beraterin die richtige Frage, so dass der Ratsuchende die Lösung selbst findet." (Anke Kenter)pdp / Ronald Pfaff Nach nun zwanzig Jahren wechselt Anke Kenter und arbeitet nun als Mitarbeiterin für die Beratungsstelle für Ehe- Familien- und Lebensfrage des Erzbistums Paderborn in Soest und Arnsberg. „Von einer Hebamme erwartet man eine Lösung, von einer Beraterin die richtige Frage, so dass der Ratsuchende die Lösung selbst findet“, beschreibt die 43-Jährige den gravierenden Unterschied. Von 2009 bis 2013 hat sie parallel die Beraterausbildung gemacht, die Fachkompetenz als Hebamme kann sie weiter mit einbringen. Doch der Rollenwechsel – wie beschrieben – muss beim Klienten noch ankommen. Einen Rahmen geben, Geduld zeigen und Chancen ermöglichen, darin sieht Anke Kenter ihre Hauptaufgaben.

Nicht zuletzt gibt ihre Bachelor-Arbeit auch Antworten auf viele Fragen: „Wo bleibt die Liebe, wenn das Kind kommt. – Unterstützungsmöglichkeiten in der sozialen Arbeit zur Erhaltung der Partnerschaftsqualität bei Paaren in der Phase des Eltern Werdens.“ (pdp/ Ronald Pfaff)