Himmlische Klänge der GOTIK

Kostbare Handschrift aus Florenz noch bis 13. Januar in Paderborner GOTIK-Ausstellung zu sehen

Magnus liber organi de Gradali et Antifonario, Pergament, Paris, Mitte 13. Jahrhundert, Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. 29,1DiözesanmuseumPaderborn, 27. Dezember 2018. Sie ist eine von nur drei erhaltenen Handschriften, die den ersten mehrstimmigen Gesang aus der Zeit der Gotik überliefert: Das „Antiphonarium Mediceum“ aus der berühmten Biblioteca Laurenziana in Florenz. Die reich bebilderte Pergamentschrift zählt zu den bedeutendsten Kostbarkeiten der Musikgeschichte.

Sie wurde in der Mitte des 13. Jahrhunderts in Paris gefertigt und enthält insgesamt 1023 Kompositionen, darunter überwiegend zwei- und dreistimmige Messgesänge. Noch bis zum 13. Januar 2019 ist die kostbare Schrift in der Paderborner Ausstellung „GOTIK – Der Paderborner Dom und die Baukultur des 13. Jahrhunderts in Europa“ zu sehen.

Die Epoche der Gotik mit ihren monumentalen himmelwärts strebenden Kathedralen steht mit ihrem neuen geometrischen Formenvokabular nicht nur für eine Revolution der Baukultur. Auch in der Musik vollzieht sich ausgehend von Paris, genauer gesagt, der Kathedrale Notre-Dame, eine der bedeutungsvollsten Entwicklungen in der westlichen Musikgeschichte: Gehörte seit der karolingischen Zeit der einstimmige sogenannte Gregorianische Choral zum festen musikalischen und liturgischen Repertoire nahezu aller Gottesdienste, so werden ab dem späten 12. Jahrhundert erstmals Gesänge komponiert, bei denen zwei, drei oder sogar vier rhythmische Melodien über einer Stimme liegen.

Diese Entwicklung geht Hand in Hand mit dem Bau der gotischen Kathedrale auf der Île de la Cité in Paris. Neben der Architektur und der Bildhauerkunst wurde hier, im intellektuell-künstlerischen Zentrum Westeuropas, die Musik zu einem Experimentierfeld. Der mehrstimmige Gesang in unterschiedlichsten Ausformungen ließ die Gottesdienste in den gotischen Kathedralen für die Menschen zu einem erhebenden, sinnlichen Gesamterlebnis werden.

Denn wenn sich die Gesänge – vom Chor hinter seidenen Vorhängen vorgetragen – im gesamten Kirchenschiff ausbreiteten, müssen sie auf Volk und Adel wie Klänge aus einer anderen, reineren Welt gewirkt haben. Anhand der Hörstationen in der GOTIK-Ausstellung können die Besucherinnen und Besucher einen Eindruck von der besonderen Wirkung der mehrstimmigen Gesänge auf die Menschen des Mittelalters gewinnen, die – gerade in der Weihnachtszeit – bis heute nachhallt.

Die große Paderborner Schau nimmt die Besucherinnen und Besucher mit auf eine faszinierende Zeitreise in eine außergewöhnliche Epoche und zeigt, wie – ausgehend von Frankreich – die enormen kulturellen Veränderungen ganz Europa im 13. Jahrhundert erfassten. Gezeigt werden hochkarätige Exponate, darunter die ältesten erhaltenen Architekturzeichnungen, die sogenannten Reimser Palimpseste, kostbare Goldschmiedekunst, Buchmalerei und neueste 3D-Animationen. Die Ausstellung „GOTIK – Der Paderborner Dom und die Baukultur des 13. Jahrhunderts in Europa“, ist noch bis 13. Januar 2019 im Diözesanmuseum Paderborn zu sehen.